Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 3? H'fcISiCrtß RUNDSCHAU Seite 399 Mit der Verabschiedung des verabschiedeten Stadthauplcs, General Grigoriew, ist eine neue Glanzperiode für die schwarzen Hundertschaften in Odessa Itereingebrochen. Schon seit drei Tagen herrscht in Odessa ein Blutbad, welches von den Patrioten veranstaltet wird. Merkwürdig, dass das offizielle Organ des Ministeriums, die ROSSIJA, welche jeden 'lag eingehende Berichte über!!armlose Zusammenstösse mit der Poli/.ei gibt, die öreueltaten von Odessa mit völligem Millschwcigcu übergeht. — .Nicht umsonst konnte man in den letzten Tagen in der Presse der schwarzen Hundertschaften eine gewisse Vorsicht und Aengstlichkeit bemerken. Das aufmerksame Auge konnte erraten, dass die echt-russischen Leute etwas Böses planen, f ür die Administrativorgane kamen aber diese Ereignisse ,.natürlich ganz unerwartet־‘. Lagen doch die famosen Zirkulare von Stolypin vor, welche energisch zur Aufrcclttcrlialtung der Ordnung und Ruhe ermahnten. Wieder einmal hat die traurige Alltäglichkeit gezeigt, dass die Zcntralregicrung bei'ihrem besten Willen gegen die Generäle Kaulbars, Diunbndshe ti. a. nichts vermag. — Stolypin konnte nur schüchtern vor dem Zaren Vortrag über die ״Unkorrektheit“ des Verbandes gegen die Behörden halten. Sonst aber durfte er nichts Tadelnswertes gegen das Ver-!!alten dieser verbrecherischen Gesellen sagen. Noch mehr! Die Zcntralregicrung selbst, mit ihrem obersten Chct Stolypin, xeranlasste die unfreiwillige Abdankung von Qrigoricw. Diese Abdankung geschah zu einer Zeit, als cs in Odessa schon nach Blut roch, und als die echt-russischen Leute mit einer unerhörten Frechheit auftraten. — Zu welchen Mitteln soll ecnti endlich die terrorisierte unglückliche Bevölkerung von Odessa greifen, um sieh vor dem sichern Ruin zu retten? — Die Selbstschutzvcroine sind von der Polizei strengstens untersagt. 111 den Polizeirevieren sitzen die Helden des Fogtoms und der oberste Che: von Odessa, General Kaulbars. ist der öftentlichc Beschützer des Verbandes des russischen Volkes. — Das Tiagische au dem gegenwärtigen Pogrom zu Odessa ist aber, dass die russische Presse, über der das Damoklesschwert schwebt, gegen die geschehenen Greueltaten nicht energisch protestieren dar!, ln der Gesellschaft hat man nur ein gewisses Achs elzticken, wie jene ticitragischc Verzweiflung, welche man in der Umgebung eines schwererkrankten Menschen beobachtet. — Hs lässt sich schwer sagen, ob diese Exzesse aut Gcheiss einer ״unbekannten Person“ eriolgt sind. Viele Anzeichen sprechen jedenfalls dafür . . . Aber die Tatsache ist sicher, dass die Regierung Stolypins indirekt aus diesen Exzessen Nutzen zu ziehen hofft. — Die russische Gesellschaft war aus ihrer Apathie erwacht und schickte sich zu einer produktiven Tätigkeit an. — Die neuen Nachrichten aus Odessa und Kiew haben aber nunmehr so niederschmetternd auf sic gewirkt, dass sie wieder in ihre alte Apathie ziirfickzusinkcn droht. Die Regierung Stolypin hofft, in dieser allgemeinen Verwirrung die Wahlen geschickt beeinflussen zu können. Wir erhalten von dem Hilfsvcrcin der Deutschen Juden nachstehende Zuschrift: Auf 7 Telegramme, die der Hiltsverein der Deutschen Juden nach Odessa an verschiedene seiner Vertreter geschickt hatte, um über den dortigen Pogrom genaue Nachrichten zu erhalten, empfing er anfangs nicht eine einzige Antwort. Erst am Mittwoch Abend lief das folgende bezeichnende Telegrantnt ein: Telegraphische Nachrichten zu «eben, wird uns unmüglieh gemacht, briefliche Mitteilungen folgen. Diese wenigen Worte sind für die Lage in Odessa ausserordentlich bezeichnend. Sie beweisen, dass die Regierungsorgane so gut wie jede Kommunikation der schwer heinigesuchten Stadt mit der Aussenwelt systematisch abz.usehneideit versuchen. Für Kenner der Verhältnisse in Odessa unterlag es übrigens keinem Zweifel, dass man nunmehr mit neuen Pogromen zu rechnen haben wird. Dass der Baron Kaulbars, der Oeueralgouverncur von Odessa, ein Protektor des schwarzen Hundert ist, war seit langem bekannt, 1md obgleich der Ministerpräsident Stolypin einige schüchterne Versuche unternommen hatte, den General Kaulbars zu entfernen, so erwies sieh dies doch bei der mächtigen Protektion, die der Gciieraigouveriicur von OJessa geniesst, als unmöglich. Diese Protektion beruht darauf, dass die Schwester des Generals Kaulbars eine Gräfin Stackelbcrg. zu dem intimen Kreise der Kaiserin gehört, mit dem sie zusammen singt. Solange das Stadtoberhaupt von Odessa Grigoriew seines Amtes waltete, verhinderte dieser aufgeklärte und tatkräftige Mann die schlimmsten Ausschreitungen. Nachdem es ge- Jungen war, ihn zu entfernen, und durch einen Kiewer Gendarmerieoffizier Nowitzki, dem der schlechteste Ruf voranging, zu ersetzen, war man darauf gefasst, dass neue Pogrome in Odessa ausbrcchen und den Ruin der schon bisher schwer geschädigten Stadt weiter steigern würden. Grigoriew ist abberufen, der neue Stadthauptmann Nowitzki noch nicht eingetroffen, so ist die Stadt Odessa in der Gewalt der schwarzen Hundertschaften. Dass diese Banden Herren der Stadt sind, zeigt folgender ausführlicher Bericht, der dem Hilfsvcrcin über die Vorgänge zugeht. Jede Möglichkeit, auf telegraphischem Wege irgend welche Berichte über die Vorgänge der letzten Tage in Odessa zu übermitteln, war ausgeschlossen. Soweit sich die traurigen Vorgänge übersehen lassen, seien sic nachfolgend gc schildert: Die bevorstehende Beerdigung des bei einer Bombencxplosion ums Leben gekommenen Polizeisekretärs Welbin vom Petropawlnwski-Revier, die am Sonntag stattfindcu sollte, riet eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervor, da man wusste, dass derartige Beerdigungen immer als Anässc für Judenhetzen dienen. Die Befürchtung war nicht 1111begründet. Als der Leichenzug sich von der Gradonatschalnitzeska-Strasse zum Christ ichen Friedhof bewegte, hörte in den entlegenen Stadtteilen jeder Verkehr auf. Zum Unglück fiel die Beerdigung mit der Gedenkfeier ,der im Jahre 1905 während des Pogroms getöteten Juden zusammen. Die Juden, die sieb zu dieser Feier aut den indische״ Friedhni begaben, waren die eilten, die den Gewalttaten der sogenannten Gclbblusenmäiuier U10;>lig.; :s) zum Opfer fielen. Die Hooligans versuchten die Tore d.s jüdischen Friedhofs zu sprengen, und begannen bald auf die Juden losztischiesscu, wobei ein gewisser Israel Sab>ai ger iet und eine ganze Anzahl anderer verwundet wurde. Der Getötete und die Verwundeten warden in das jüdische Krankenhaus gebracht. Auch dorthin schickten die Hooligans ihnen Schüsse nach. Die Kugeln flogen durch das Fenster des Krankenhauses. Zu gleicher Zeit begannen auf dem Joikutzyniarkt Ausschreitungen der schwersten Art. Dort wurde kein Mensch verschont. Ein alter, 6(ijähriger Jude, namens Hirsch Sigelmann, wurde mit Kautschnkknütteln grausam geschlagen, und als er niederfiel, trat man mit Füssen auf ihn herum. Dort wurden auch die Juden Lewitin. Isaak Cohn. Abraham Loyew sowie viele anderc durch Messerstiche verwundet. Die Polizei blieb völlig untätig. Der stellvertretende Polizeimeister Kislakowski begab sich zwar in das 5iidischc Krankenhaus, wo er die Verwundeten und ihre Angehörigen zu beruhigen suchte, und besichtigte auch die Leichen der Getöteten Sabsai und Sandler aber er tat nichts, um dem Pogront selbst ein Ende zu machen. Das Schiessen auf den Strassen dauerte noch bis 11 Uhr nachts an. Gestern Morgen setzte:: die Gelbblusenmänner ihre Greueltaten fort. Schon am frühen Morgen sprang eine Gruppe Hooligans in den Strasscr.hahmvagcn auf der Linie Torgowaja- .Malorossiyska und fiel über die dort befindlichen Juden her. Nach der Beerdigung der Schutzleute, die bei der Explosion getötet worden waren, verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle Teile der Stadt. Auf der Prochorowska Strasse hörte nun bereits Schüsse fallen. Bald wurden vier Juden mit Schusswunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans passierten ungestört die Preobrasehenska Strasse und gelangten in die Hauptstrassen Odessas Rieheliew ska und Derihassowska. Ueberall auf ihren! Wege misshandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch Läden und Wohnungen blichen nicht verschont. Sie zerschlugen Fensterscheiben, zerstörten Ladencinrichtungcn und schossen auf die Leute, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Der Obsthändler Barbaiat wurde dabet schwer verwundet, chensn ein christlicher Buchhalter namens Dobrowolski. den matt irrtümlich für einen Juden hielt. Ins jüdische Krankenhaus wurde ferner eine Anzahl Juden gebracht, die Brandwunde*: aufwiesen, so Wolf Polokoxv, Perzachis, Samuel Jachis und andere. Einen erschütterten Eindruck machte in! Krankenhausc die Einlieferung der verwundeten Kinder, vier Knaben und Mädchen von vier bis acht Jahren. Die PuUz.ci liess die HooUgaus ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. Au einigen Orten gab sic sich den Anschein, als suche sie die Hooligans zu zerstreuen, sic Hess sie aber sofort wieder zu, dass sic sich ait derselben Stelle wieder versammelten. Der stellvertretende Stadthauptniann Nabakow bat den Rabbiner Dr. Awiuowitzki, der bei ihm über die Grciieltaten Klage führte, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischsten Massnahmen gctrofien, um solche ״vereinzelte“ Fälle in Zukunft zu verhindern.