Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651537--04998-2662000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 37 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 395 auf dem Wege der Evolution geschehen. In Jerusalem leben zirka 35 000 jüdische und nur 2000 armenische Familien. Und Jic Hauptrolle in der Stadtverwaltung spielen die Armenier,!ficht die Juden — und zwar nicht, weil die Juden Ausnahmegesetzen unterworfen wären, sondern weil sic nicht organisiert sind. Wenn Sic die Diplomaten sind, dann schaffen Sic doch dort einen Stützpunkt für Ihre diplomatischen Unteri.chmungcn! Sic aber meinen: wir sollen sitzen und warten! Da erinnere ich mich, dass sich sogar unter den orthodoxen Juden Leute finden, welche sagen: ״Wenn mau auf den Messias hofft, muss man auch für seine Ankunft arbeiten.“ Wir müssen uns vorbcrcitcn. Mögen nur die Juden hier, die imstande sind, diplomatische Beziehungen anzukniipfcn, arbeiten — wenn sich aber Leute finden, die nach Palästina gehen, um dort zu ar• beiten, dann wollen Sic doch mithelfen! Meine Damen und Herren! Das Streben nach Zion hat sich im Laufe der Generationen verschiedenartig gcuusseri Unsere Eltern haben die Clialukali geschahen. Ich bin kein Gegner, der Chalukab, denn sic haben die Liehe zu Zion so geüusscit — wenn wir aber gute Kinder sind, müssen wir die Schuld unserer Eltern gutmacben. Es besteht jetzt eine i.cue Generation in Palästina: so müssen wir ihr doch aufhelfen — denn unsere Eltern haben sie in Cliahikahkindcr vorwandelt. Wir haben unsere Häuser neu gebaut und cingcrichtet, wollen wir doch etwas Modernes auch nach Palästina bringen! Es ist unsere Pilicht! Wenn man von Palästina spricht.•zeigt man fortwährend die Hindernisse. Aber die Territorialsten, deren Austritt Dr. Marmorck bedauert, haben bis jetzt nur den einzigen Vorzug, dass sie kein Territorium haben. Und hätten sic Palästina mir als Territorium betrachtet, dann müssten sic auch mit uns gehen. . . - -. . Mall wendet uns oft ein. wir denken mit unseren Gefühlen. Aber gibt es olinc Gefühl, ohne Kamp! überhaupt ein Denken. Man muss ruhig arbeiten. Stein auf Stein, und wenn dann die Herren Diplomaten mit der Möglichkeit des Charters konineu werden, dann wird es die Arbeit nur erleichtern, wenn sic viele Juden und jüdische Einrichtungen im Laude haben. Sonst wäre auch der Charter nur eine Thora schebik’tab. Herr Dr. Marmorck sagte, wir müssen erst hören und dann tun, aber wenn man gar nichts tut,!;ornint cs auch zu keinem Begreifen. Die Vertreter des anderen Standpunktes sind uns immer wert, wir verlangen aber nur immer eines, dass Sie sich überzeugen — und dagegen gibt es keine Argumente. Tun Sie den ersten Schritt des na'assch und das w’nischma wird schon kommen. (Lebhafter, andauernder Beifall und Hedad-Rufc.) Syrkin beantragt: ״Indem der S. Zionistenkongress die reale Arbeit in Palästina als eine der wichtigsten Methoden zur Realisierung des Zionismus anerkennt, betont er mit aller Schärfe und Klarheit, dass er als die Grundlage unserer Bewegung ihr politisches Element betrachtet und vom A.-K. die intensivste Arbeit in politischer und diplomatischer Beziehung fordert.“ Dr. Bodenheimer beantragt über diese Resolution zur Tagesordnung überzugehen. Nach den grossen prinzipiellen Debatten, die gestern stattgefunden haben, könne kein Zweifel bestehen, dass der Kongress an dem politischen Fundament der Bewegung nicht rütteln wolle; anderseits ist es vollkommen klar geworden, dass der Kongress unter allen Umständen eine Praktische Arbeit in Palästina inaugurieren werde. Eine Ab- Stimmung über• diesen Antrag könnte in der zionistischen Welt nur Missverständnisse hcrbciiührcn; würde er angenommen, so würde das als Sieg des politischen Zionismus über den Praktischen angesehen werden: im Falle einer Ablehnung wieder könnte man sagen, der Kongress habe das politische Fundament verlassen und sei ein Verein von Chowewe-Zion geworden. Der Antrag bilde in der gefassten Form nicht die lichtige Unterlage für die Abgrenzung der Meinungen und sei 11311er nicht geeignet, die Meinungen zu klären. Der Antrag Bodeuheimers wird mit grosser Majorität angenommen. Es erfolgt nunmehr die Abstimmung über die inzwischen mehrfach modiiizicrteii Anträge des Palästinaausschusscs des Kongresses, die in folgender cndgiltiger Form angenommen '‘erden: 1. Der Kongress besehliesst, dass ein besonderes Palästina-! rcssort innerhalb des Engeren A.-K. geschaffen wird, welches das Recht hat. sich Beiräte zu ernennen. Dieses. Palästinaressort soll unter der Leitung eines Mitgliedes des Engeren A.- K. stehen. Ihm wird ein in Palästina befindliches, aus einem 1 ©der mehreren besoldeten Beamten bestellendes Palästinaamt unterstellt, 2. Der Kongress besehliesst, dass 25 Prozent aller Einnahmen des A.-K., sofern sie nicht für andere Zwecke bestimmt smd, sofort nach Eingang dem Palästinaressort beim Jewish Colonial Trust zur Verfügung gestellt werden. Ausserdem fliesscu dem Palüstinarcssort die für seine besonderen Zwecke gesammelten und gespendeten Beiträge zu. 3. Der Kongress beantragt das Palüstinarcssort, die Frage der Sicdlungsgcnosscuschaft in Palästina zu studieren und der Jahreskoiiiercnz darüber Bericht zu erstatten. L Der Kongress besehliesst, das Palüstinarcssort und das Direktorium des J. C. T. zu beauftragen, umgehend ein Institut für ländlichen und städtischen Bodenkredit in Palästina zu schaffen. Dieses Institut soll womöglich einen Teil der A.P.C. bdden und das Recht haben, städtischen und ländlichen Boden zu verkaufen und zu verkaufen, zu pachten, zu verpachten und zu bebauen. Zu 4. liegt folgender Eventualantrag Tschlcnow vor: Der Kongress beauftragt das Engere A.-K. und das Direktorium der A.P.C. dafür Sorge zu tragen, dass bei der A.P.C. eine Abteilung für langfristige Kredite auf ländlichen und stüdtisehen Boden eingerichtet werde. 5. Der Kongress beauftragt das Palüstinarcssort, den Bil• dungsaiistaltei» in Palästina seine besondere Aufmerksamkeit ziiznv. enden und zu trachten, für deren Zwecke einen beson- Er beauftragt ferner das Palästinadie Entwicklung einer hebräischen Mittelschule in Palästina Sorge zu tragen. Dr. Tschlenmv hebt in der Begründung seines Eventualan träges hervor, dass zwischen beiden Anträgen derselbe Unterschied bestehe wie zwischen Wunsch und Möglichkeit. Der vom Ausschuss vorgeschlagene Antrag beanspruche viele Geldmittel vom J.C.T. und sei überdies mit grossen juristiselten Schwierigkeiten verbunden; die Fonds des J.C.T. mussteil aber flüssig I leiben und dürften nicht durch langfristige Bodenkredite festgelegt werden. Nach seinem Antrag mussten für den behandelnden Zweck neue Mittel geschaffen wer• den, und das sei die einzige Möglichkeit, den! Bedürfnisse nach langfristigen Bodenkrediten in Palästina abzuhelien. Dr. Sussmanu. Nach der Resolution solle das Institut als Teil der A.P.C. begründet werde». Schon die A.P.C. wurde ohne Heranziehung der jüdischen Massen errichtet, und jetzt begehen wir denselben Fehler. Wir haben hier Gelegenheit, ein neues Institut zu schauen und so neue Geldmittel von den jüdischen Massen zu erhalten. Ich mache daher den Vorschlag, das Institut selstündig und unabhängig von der A.P.C. in Form einer Aktiengesellschaft zu begründen. Dr. Heymaun: Der Ausschuss hat ja die Möglichkeit offen gelassen, dies Institut selbständig oder als einen Teil der A.P.C. zu errichten. Dr. Katzenclson: Aus rein technischen Gründen empfehle ich den Antrag Tschlcnow zur Annahme. Da die A.P.C. alle verlangten Operationen vornehmen kann, wäre cs ganz zweck- Ins und würde die Angelegenheit nur hinausschieben, ein neues Institut mit gleichen Zwecken zu gründen. Es wird sich auch ein Modus finden lassen, Privatkapitalien für dieses Institut heranzuziehen. Ussischkin spricht für den Antrag des Ausschusses. Dr. Alex. Marmorck bittet, den Antrag Tschlcnow anzunehmen, der dasselbe besage wie der Antrag des Ausschusses und nur verlangt, dass man den J.C.T. in Ruhe lasse. Lewin-Hpstein: Es ist nutzlos, wenn wir Beschlüsse nur aut dem Papier haben und nicht ausführen können. Wir sollen mit den Mitteln unserer Institute einen Fonds schafien; die tiir ein Bodenkreditinstitut in Palästina sind, mögen aus eigenem das Geld dazu!!ergehen. Wenn die Versuche gelingen, werden wir genug Piivatkapital bekommen: das Nationalkapital aber dürfen wir nicht angreifen. Die Herren Dr. Tschlcnow und der Direktor der J.C.T., Herr Dr. Katzenclson einigen sieh auf folgenden Antrag, dem sich auch Herr Prof. Dr. Warburg anschlicsst: ״Der Kongress empfiehlt dem Engeren A.-K. und dem Dircktorium der A.P.C., dafür Sorge zu tragen, dass bei der A.P.C. eine Abteilung fiir langfristige Kredite auf ländlichen und städtischen Boden eingerichtet werde, welche auch das. Recht haben soll, städtischen und ländlichen Boden zu kaufen und zu verkaufen, zu parzellieren, zu pachten, zu verpachten und zu amclioricren. Nachdem sich die Herren Ussischkin und Dr. Heymann, der Referent des Palästina-Ausschusses, mit diesem Anträge einverstanden erklärt haben, wird er einstimmig angenommen. Punkt V wird in der vom Ausschuss vorgcschlagcncn Fassung angenommen. Hierauf folgt die Abstimmung über die oben mitgetciltcn 'Thesen des Herrn Dr. Ehrenpreis zur Frage der nationalen El- Ziehung in der Diaspora. deren Fonds zu schaffen, rcssort. iiir