Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 394 JÜblSCHß RUNDSCHAU. No. 37 arbeitet an den praktischen Versuchen, zur Schaffung der Bcdingungen für die Erreichung unseres Endziels. In noch tieferen Regionen schwebten die Luftschiffe der Herren Cowen und Grecnberg. Die Herren haben sich auch mit der Frage der Palästinaarbeit befasst, und Grecnberg hat sogar einen Antrag gestellt, der sich auf die Organisation der Zionisten in Palästina bezieht. Ich glaube, dass dies insofern ein Missverständnis ist, als auch wir beantragen: dem Palästinarcssort werde ein in Palästina befindliches, aus einem oder mehreren Beamten bestehendes Palästinaamt unterstellt. Wenn Herr Grecnberg noch eine Palüstintkommission vorschlägt, so ist dies nur ein anderer Ausdruck ffir unser Palästinaanrt. Hingegen sind wir der Ansicht, dass neben diesem dem Aktionskomitee resp. dem Palästinarcssort unterstellten Amt noch eine zweite Behörde in Palästina existieren soll: die Vertretung der palästinensischen Zionisten. Diese aber haben sich aus sich selbst zu organisieren. (Lebhafter Beifall.) Hierauf erhält das Schlusswort: Dr. Sclicmar ja hu Lcwin: Auf die Punkte meines Referates hat niemand erwidert, und sogar die Gegner der praktischen Arbeit in Palästina mussten zugeben, dass sie fiir diese Art der Arbeit seien. Diese Erscheinung ist nient ertreulich, denn besser ausgesprochene Gegner, als Menschen, welche immer zustimmen, aber nichts Schäften wollen. Das ist im besten Falle ein Heclischcr, aber nicht mein. Aocr indirekt hat man auch diese Arbeit verneint, denn wenn die ganze praktische Arbeit zu nichts führen soll, hat auch SchulengriimJiing usw. keinen Sinn. Aber auch wenn einmal der Charter erlangt werden sollte, kamt man nicht anders vorgehen als jetzt. Hetr Cowen soll nur einmal uach Palästina reisen. Es gibt faktisch kein Land in der Welt, wo die Juden so siele Rechte haben — relativ zu der anderen Bevölkerung — als in der Türkei. Jüdische Leiden beginnen erst dort, wo man in der Gesellschaft Ausnahmen für die Juden testsetzt. In den meisten Ländern besteht ausser dem geschriebenen Gesetz noch eine Art mündlicher Überlieferung. Und das Leben richtet sich nach letzterer. In Palästina etistiert keine Ausnähme in der mündlichen Tradition. Zeigen Sie ein anderes Land, wo ein Jude nach einen! Monat die Bürgerrechte erlangen kann. Und wenn Sie meinen, dass dies nicht viel bedeute, dann arbeiten Sic doch. Einen Charter kann man nicht auf einmal bekommen, man muss ihn auch verdienen. Und wenn Sic den Charter bekommen haben, würden Sie mit jener Arbeit beginnen müssen, die andere jetzt begonnen haben. Sehen Sie nur, wie Sie in Palästina auf Schritt und Tritt ganz anderen, viel glücklicheren Gesichtern begegnen als irgendwo. Bedenken Sic: Fünfundzwanzig Kolonien ohne einen einzigen Schutzmann, fünfundzwanzig Jahre, ohne dass je einer den anderen irgendwo verklagt hätte! Im Mittelalter haben die Juden begonnen mit Diamanten, mit Gold und Silber zu handeln. Denn: instinktiv haben sie cs begriffen, dass sie jeden Augenblick ihre Reiehtümer zu- Mehrere Male sah der Rabbiner mit seinen feurigen Augen die schönet! jugendlichen Gesichter Wandas und Daniellos an und ans seinen Augen rollten grosse Tränen. ״Gott, mein Gott! Wodurch habe ich dich so erzürnt! Warum strafst du mich so hart! Habe ich noch zu wenig gelitten?“ schluchzte der Greis und fiel mit dem Gesichte zur Erde. — Leise, vorsichtig und zärtlich nahm Danicllo das Mädchen von der Erde auf seine Arme und trug es fort. Wanda ging hinter ihm her, hielt das liebreizende Köpfchen des Kindes, küsste das tote Antlitz und benetzte es mit heissen Tränen. ״Rabbi, gib mir deine Hand, ich werde dir aufhelfen,“ bat der tief 'erschütterte Du rn je witsch den schluchzenden Rabbiner. ״Wohin sollte ich gehen? Wozu?“ fragte der Greis ablehnend. ״Komm, wir wollen deinem Kinde folgen!" ״Meinem Kinde!“ fuhr der Rabbi auf. ״Sie haben mir meinen, Toten geraubt; Bösewichter! Ungeheuer! Niemand schonen sie, weder Greise noch Kinder! Töten und schänden dann noch den Leichnam! Komm! Führe mich hin! Zeige mir, wohin sic die Leiche meines Kindes sammcnpackcn müssen. In jüngerer Zeit haben die Juden erst Boden zu erwerben gesucht, aber nur sehr wenig. Aber sehen Sie einen cinachen Juden, der instinktiv jeden Groschen in den Boden hineinsteckt, um seinen Enkelkindern etwas zu!׳eben —- sehen Sie, da haben wir Boden. Wenn ein ganzes Geschlecht auf die Olivcnbämnc wartet, die erst nach 25 Jahren Früchte tragen werden, so hat dies eine grosse n!״ralische Bedeutung — cs ist dies der beste Beweis daiir, dass man Boden unter den Fiisscn hat, nicht mir im gewöhnlichen, sondern im historischen Sinne des Wortes. Freilich behaupten Leute der kalten oder der ״reinen" Vernunft, die Moral habe keine Bedeutung. Gewiss kann man sic in keiner Bank, nicht einmal in der Palästinabank diskontieren, aber auf dem Weltmarkt hat sie eine grosse Bedeutung. Es hat eine Bedeutung, den jüdischen Künstlern, den Männern der Wissenschaft, den arbeitenden Juden Achtung zu verschaffen. Herr Di. Ma rmorek sprach gestern sehr begeistert, aber so unklar, dass man den Eindruck gewinnen konnte, er sei gegen diese Einrichtungen in Palästina. Meine Damen und Herren! Es handelt sich nicht mn um jene Hunderttausend Juden, die in Palästina wo'hcii. Aber wir haben auf der ganzen Erde kein Plätzchen, wo das jüdische Wort frei und kühn ausgesprochen werden kann 1110־ darf. Die Juden der ganzen Weit tragen eine Maske, ob sie Gelehrte, Künstler, Männer der W issenschaft sind oder niclii. Wir wollen ein fieies Plätzchen schaffen, wo die jüdische Seele sich aus!.bei! kann. Hier auf dem Kongress,!;!eine!•amen und Herren, haben wir jüdische Künstler: Schatz, Pilichowski, G!iccnstei:1. Struck, veir haben einen Dichter, der jeder zivilisierten Nation eine Zierde wäre. Und Bialik hat mit Bier gehandelt, Kohlen verkauft, und jetzt beschäftigt er sich mit dem Druck von Annoncen und Visitenkarten. So pflegt ein Volk, das sich atisleben will, den Geist. Wir vergeuden unsere Kräfte imd wir leiden nicht nur an der äusseren Zer- Streuung, sondern auch an der inneren, an dem Pis’ron hanefesch. Unsere Seelen sind zerstreut, wenn Sie sie sammeln wollen, werden Sie nur Splitter finden. Pik-geil Sie den natürlichen Boden, wo cs keine Nachahmung gibt.־ und Nachahmung is Oiit für jede gesunde Entwicklung. Bei Karlsruhe haben die Deutschen ein Künstlcrdorf gegründet, nach dem Scharen von Pilgern gehen, und ist cs nicht eine Schande, dass auf dein Oelberg nur eine Engländerin eine Villa der Kunst gewidmet hat? Wer von uns hat sür solche Dinge gesorgt? Aber wir müssen auch unsere Kräfte ein wenig sammeln und konzentrieren. Man hat bisher nur von Elemcntarschulen gesprochen, weil wir ein festes Eiindament braudien. Dieses ist aber noch nicht alles. Meine Damen.und Herren! Wenn wir unsere Versuche machen werden, dann kann die Stellung der Juden in der ganzen Welt mit der Zeit eine ganz andere werden. Man muss in der ganzen Welt mit der Zeit eine ganz andere werden. Man muss in Jerusalem für sie die Achtung der ganzen Welt erringen. Ich bin kein Chariergegncr, aber ich beliauptc: Es gibt keine Sprünge in der Geschichte, wie es keine schroffen Uebcrgäuge in der Natur gibt. Alles muss geworfen haben! Ich will auch dahin, auch dahin! Führe mich, komm!“ Der Greis sprang auf, zitternd und behend, und zog den Narren hinter siel! her. Seine Verzweiflung war so schrecklich, sein Aussehen so fürchterlich, dass die zahlreich anwesenden Diener entsetzt nach allen Richtungen zerstoben, die Gruppe, die den Rabbiner dicht umgab, erschreckt zuriickwich und dem Juden einen breiten Weg bahnte. Während die edle Panna Wanda und der gutmütige Danicllo ihre Bürde die hohe Treppe hinauftragen. der Narr, nicht minder als der Rabbi am ganzen Leibe zitternd, dem letzteren den Weg dahin zeigt und der inzwischen herbeigerufene Don Pedro von dem Hinterhofe, wo er sich die ganze Zeit mit de.n sehwerver־ wtindeten Stallknechten abgemiiht, nach dem Schloss: eilt, wollen wir erzählen, auf welche Weise die Enkelin des Rabbiners in dem verhängnisvollen Moment auf den Paradeplatz geraten war. —-- (Fortsetzung folgt.)