Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 37 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 393 ist, den wir für unsere Zukunft erwarten, sondern der, den unsere Grossväter besessen haben. Trotz aller RenaissancebcwcRunjt kann die Renaissance des Judentums nicht aus Osteuropa kommen. Wir verstehen im Innersten die Schnsuchtslieder der jüdischen Dichter des Ostens, uns ergreift tief der Schmerzensschrei der jüdischen Seele. Aber der kräftige Feldgesang, dem dampfenden Erdreich in der Morgensoniie entgegengejubelt — das ist die jüdische Renaissance, und diese ist nur in Palästina möglich. Ost und West — zwei Seiten sind wir derselben Münze. Zwei Cilieder sind wir eines Ehebundes. Wir haben uns die Hand zu reichen, unserer Unvollkommenheiten bewusst, aber in Liebe und Nachsicht, um des Kindes willen, von dem wir träumen. Elias Auerbach. Dienstag, den 20. August 1907 (Schlussbcricht.) Vormittagssitzung Beginn: 10 Uhr. P rä s i d c n t W o l f i s o h n. Das Wort ergteiit zur Diskussion: Professor War bürg (lebhafter Beifall und Hände* Klatschen): Wenn ich auf die gestrige Diskussion über Palästina zurückblicke, so habe ich den Eindruck, als wenn es sieh um einen Zukimitskamp: gehandelt habe, der nicht auf der Erde, sondern in Lmtschincii am Himmel stattgefunden hübe. Es kam mir vor, als wenn die betreffenden Kämpfer in verschiedenen Regionei» der Lüfte sich befinden. Teils in den höchsten Wolkenregioneu, teiis in der Nähe der Erde, aber für einen, der nur an der Erde klebt und sic!» mit Hilfsmitteln, die hier zu Gebote stehen, behelfen muss, nur sehr schwer sichtbar. Daher verzeihen Sie, wenn ich nur einige Punkte herausgreifc, die mir erkennbar gewesen sind. Wohl haben wir diese kühnen Luftschiffe gesehen, aber ihre eigentliche Taktik zu verstehen, war uns schwer möglich. Ich erinnere mich des prachtvollen Luftschiffes, welches Herr Dr. Ale.xander Marmorek gesteuert hat, welches sich aber in den hüclisten Regionen bewegte. Darunter ein anderes Luftschiff, das des Herrn Dr. Mahler. Das war für uns schon mehr sichtbar, und plötzlich fiel etwas herab, und als wir hinzustürzten, um zu sehen, was es war. bemerkten wir, dass cs eine, ob geladene oder ungeladene, jedenfalls unwirksame Bombe war, enthaltend ein sogen. Palästinaprogramm. Voran stellen in dem Programm die wissenschaftlichen Studien in Palästina. Ein sehr angenehmes Wort! Denn wir sind inunc für wissenschaftliche Betätigung, und wir zweifeln auch nicht, dass unsere Bewegung sich damit zu befassen hat und soll. Sie hat es auch getan. In der ersten Zeit •des Bestehens der Palästinakormnission war die w'isseiischafliche Untersuchung; von Palästina das Hauptprogramm. Aber dass es jetzt noch der erste und wesentlichste Teil unseres Palästinaprogranmis . sein sod, das glauben nur solche, die hoch in den Wolken sich befinden. Das zweite W ort hatte schon ganz irdischen Klang, das Wort Konzessionen. Wer freut sich nicht bei der Idee;! Wir sollen nicht einen Charter, sondern viele Konzessionen , erwerben? Aber was dann? Denn, was nötig ist, um Kon* . Zessionen zu erwerben, darüber fehlte jedes Wort. Konj Zessionen erwerben für Hafenbauten, Strassen. Eisenbahnen \ usw. Ut sehr schon. Aber cs kostet viel Geld, und wenn mai. 1 die Konzessionen hat, und sie werden nicht benutzt, daun , rosten und schimmeln sie und verlieren ihren Wert.! Ich möchte wohl die Herren der Bank fragen, was sie : wohl sagen würden, wenn wir eines Tages keinen: wir können in Jaiia einen Hafen bauen. Konzessionen, ohne die! Möglichkeit sie auszunützen, haben gar keinen Wert. Will ־ inan Konzessionen, s<!!miss mau wissen, was man damit an-! fangen soll.^ Man könnte sie ja vielleicht an englische, irau-! z< ■fische Konsortien verkaufen, wir aber wollen doch; jüdische Unternehmungen Imbun ־*־ und wie sollten wir uns < um Konzessionen bewerben, wenn wir nicht die Möglichkeit : halien, sie in unserem Sinn auszubeuten. Auch in tieferen Regionen gab es Luftschiffe. Das eine, : unter Führung des Herrn Dr. Weit/.mann machte gewaltigt , Anstrengungen, um die oberen zu erreichen -- aber cs gelang . ihm nicht. Bevor es Iseranhani, w ar Dr. Marmoreks Ltrnschii;; schon in Walhalla eingefaiircn: wo das Mahlers geblieben , ist, kann ich leider nicht sagen. Gewiss ist es wünschenswert, bei unseren Beratungen über Palästina jemanden zu haben, der weite Perspektiven eröffnet und uns immer die lernen Ziele vor Augen hält. — Die Hauptsache aber muss darin bestehen, die mühsame, kleine Ai beit zu tun. die w ir mm einmal auf der Erde zu leisten haben, und vor allem die schwierige Frage unserer Finauzeii uns klar vorzustclkii. Ich meine also: solche allgemeinen Fragen werden wohl später der Vergangenheit angeboren. Sic stammen noch aus der Rüstkammer jener grossen, schonen Zeiten des auikeimendeu Zionismus, von denen man sich sehr schwer trennen kann, von denen man sich aber trennen muss, will man an die nüchterne Arbeit des Tages gehen. Nur ein kleines Luftschiff bewegte sich in unmittelbare. Erdcmiähe, das des Herrn Gross. Unter anderem sprach ei das Bedenken aus, dass die Juden als landwirtschaftliche Arbeiter von einer höheren auf eine niedrigere Kulturstufe kommen würden, er hat aber vielleicht nicht berücksichtigt, dass doch Juden in Jemen, Marokko usw. leben, die tatsäenlieh auf dieser Kulturstuie stellen, dass es auch möglich wäre, einen Teil der südrus.sischeii Juden, die sich als Arbeiter 11• der Landwirtsclitft befinden, zur Ansiedelung in Palästina zu veranlassen. Jedenfalls gibt es noch Möglichkeiten ausseri halb der von Herrn Gross empfohlenen genossenschaftlichen Versuche. Ich möchte aber betonen, dass ich cs mit Freuden begriissc, wenn eine Organisation wie die Poalc-Zion mit uns den Ausdruck einer üipsfigur. Keine Minute verging und das Bild hatte sich völlig verändert. Die Gesichter aller an der beschriebenen Szene teilnehmenden Persotten nahmen einen ganz anderen Ausdruck an. Woickowski sprang an die Seite. Die ganze Gesellschaft verliess den Balkon und gruppierte sich um den Henker und sein Opfer. Chmielnicki riss rasend die Peitsche aus den Händen des verdutzten Woickowski und schleuderte sic weit Jort. Die Damen sahen in mibe.- schrciblicher Bestürzung, umflorten Blickes, auf das leblose Mädchen. Potocki war tief erschüttert und schrie wiederholt: ״Den Doktor! Don Pedro her! Fix!‘־ ״Losbinden!“ kommandierte Bolepolski verwirrt. ..Losbinden!“ Doch Durnjcwitsch hatte schon vor diesem Befehle ein Messer aus der Tasche geholt, die Stricke durchschnitten und die Juden frei gemacht. Nur der Pater, unausgesetzt lächelnd, und der bctrunkene Wirginski, der wohl dunkel begriff, dass etwas Ungewöhnliches um ihn herum vorging, aber zugleich auch seine absolute Machtlosigkeit erkannte, ohne iremde Hilfe vom Balkon nach unten zu gelangen, blieben auf ihren Plätzen. — Einige Sekunden stand der Rabbiner stumm, bewegungslos, wie versteinert, mit den Blicken uinlierirrcnd da. Plötzlich fiel sein Auge auf das zu seinen Fiisscu liegende Kind und sein Bewusstseiu kehrte, zurück mit der Schnelligkeit des Blitzes. Wie ein angeschossenes Wild sprang er hinzu, brüllte auf, und sank wie ein Klotz auf den Boden hin, neben seine Enkelin, sic mit beiden Armen fest umschlingend. Die Stricke waren noch nicht alle durchschnitten und bei seinem jähen Sturze zog er auch den besinnungslosen Zodck mit. ״Tragt das Kind ins Zimmer,'4 ordnete Panna Oda an. ״Armes Kind, man hat dich getötet!“ Chmielnicki beugte sich nieder, um das Kind auf die Anne zu nehmen. ״Fort, Bösevicht,“ brüllte der Rabbiner, wie wahnsinnig, die Fäuste ballend. ״Dass du dich nicht unterstellst, mein Kind anz.uriihreu, icli erwürge dich sonst!“ Chmielnicki prallte zurück — so grauenerregend war der Anblick des siechen, hilflosen Greises. ״Alter,“ flehte Wanda, neben ihm hinknicend. ״Guter Alter, erlaube mir, deinem Kinde zu helfen. Sieh mich doch an. schaue, ich wie ein Büsewicht aus?“ ״Ja, Grossväterchen," flehte Danieilo mit gefalteten Händen. ״Gestatte mir, dein Kind an einen besseren Platz zu bringen. Mein Vater, Don Pedro, ist der Arzt; er muss jeden Augenblick kommen, und er w׳ird dein Kind retten. Ich schwöre es bei Gott!“