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Jüdische Rundschau · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 392 JÜDISCHE RUNDSCHAU tun{׳ zu Verhelfen. Ich kenne ein solches Motiv nicht, wo es sich uni Interessen des Gesamtzionistmis handelt. Sollten aber unter den ״Führern“ der deutschen Landsmannschaft etwelche sein, denen dieses Motiv an erster Stelle steht, so werden wir (0«. Simon weiss ja, für welche Gruppe ich hier spreche) uns nie scheuen, ihnen bei sachlichen Differenzen die Gefolgschaft zu versauen, genau so wie wir auf dem 7. Kongress ni i t Gg. Simon Regen sic und die Mehrheit der deutschen Landsmannschaft gestanden haben. S « Oer Kritik, die Simon atu deutschen Zionismus im allgemeinen übt, können wir uns zum guten Teil anschliesscu. Seine Klage, dass wir auf Acusscrlichkciten pochend ernste innere Fragen vernachlässigen, weckte in mir alte Erinnerungen. Waren es nicht dieselben Erwägungen, die vor 5 Jahren (lg. Simon und mich gleichzeitig dazu brachten, auf engeren Zusammenschluss der zionistischen Akademiker zu dringen? Wie ein reinigendes Gewitter hat hier der 6. Kongress mit seinem Ostairikaprojekt gewirkt, der jeden Zionisten z w a n g, über die Grundlagen der Bewegung nachzudenken. Wenn man beute die gewaltige innere Wandlung des deutschen Zionismus seit dieser Zeit überdenkt, so wird man zugeben, dass er dieser Einkehr bei sich selbst dringend bedurfte. Heute, wo wir wesentlich weiter sind als vor 5 Jahren — wie weit liegt der Raclimomis-Zionismus hinter 1ms! — tun sich hundert neue, tiefe, sclimcrzhaite Fragen auf, die sich mit Schekelsarnmlung, straffer Organisation und blinder Hingabe an die Leitung nicht beantworten lassen. Gerade jetzt regt sich wieder lebendig das Streben nac-1 Klärung solcher Fragen; der ״Sinn ihr rein äusscrliches“, die ״Selbstgenügsamkeit“ ist sicherlich nicht mehr ein Kennzeich'.n des ganzen deutschen Zionismus. Wenn wir aber sein Vorhältnis zum Zionismus Osteuropas richtig verstehen wollen, so müssen wir die Stellung beider Teile zu einem grossen Dritten untersuchen, zum Judentum. Hier liegt eir. Fehler in der Auffassung S i n 0 n s, der russischen Zionismus und einheitliches Judentum glcichsetzi. Das ist wahr: Wir deutschen Zionisten sind vielleicht von allen Ländern der Erde in dem traurigsten Zwiespalt. Hier ist Zionismus vielfach nicht Rückkehr zum Judentum, sondern höchstens der Wille dazu. Aber wer es ehrlich meint, wird sich sagen müssen, dass der programmatische Zionismus allein No. 37 | nicht genügt, um das Judentum frisch, triebkräftig und erhai- : timgsfähig zu machen. Judentum ist jüdisches Leben, jüdisch״;. Fühlen, jüdisches Milieu. Darum ist das unersetzliche Fu11»i.t. ment lebendigen Judentums, der Fels, aus dem wir alle gchauen sind, die jahrtauscndalte jüdische Tradition, cüc das Leben der Kinder an das der Väter knüpft und das Finzel- Schicksal an das der Nation. Aus diesem Milieu der ״Jüdisch• keif kommen noch sehr viele der deutschen Zionisten; stellen dem Herzen des Judentums nahe genug, utu a;,s eigener Kraft in ihm ihren Weg zu finden. Aber diesen Buk!! verlieren wir mehr und mehr. Nur wer diese grossen geschichtlichcn Ursachen als wirkend erkennt, kann begreifen, dass zehn Jahre Zionismus an diesen Verhältnissen vielleicht Einzelnes, nicht aber Grundlegendes ändern konnten. Auch die nächsten zehn Jahre werden das nicht können, wenn wir nicht wieder bis zum Grundwasser graben. Nicht auf d.!s russische Judentum haben wir dabei zu .sehen, sondern auf das lebendige Judentum überhaupt, das nicht ein Programm ist. sondern ein Fühlen und Leben. Und das osteuropäische Judentum? Hier ist noch jüdisches Milieu; hier gibt es noch jüdische Massen, die restlos im Judentum leben und nichts anderes kennen. Aber ist dort nicht Ghetto, nicht Diaspora? Ist dort das lebendige, harmonische Judentum, auf dem wir au;bauen können? Mühj rend die Krankheit der Westjuden das Zu rück treten des Juden- •' tinns vor der europäischen Kultur ist. ist die Krankheit der Ostjuden das Zurücktreten der europäischen Kultur vor dem Judentum. Wohlgemcrkt bei den jüdischen Massen, denn auch das ist sehr zu beachten: Gerade der Zionismus in Russland und vor allem seine Führer stellen den fortgeschrittensten, am meisten assimilierten Teil der Ostitiden dar. Auch dort geht die grosse Entwicklung einen ähnlichen Gang wie bei uns, und der Tag dürfte nicht fern sein, wo auch der Ostjude den Westjuden besser versteht — zum Schaden des Judentums. Glauben wir wirklich, dass wir grosse neue Erlialtungswerte für das westliche Judentum aus dem Osten herübernehmen können? Ich glaube es nicht- Das lebendige Judentum, das wir brauchen, finden wir nicht in den Wolken imJ nicht jenseits des Meeres, sondern in uns, unserer Tradition und unserer Zukunft. Wir wollen mit Liebe und Verständnis dem russischen Judentum gegenübertreten, in dessen Pulsen das jüdische Leben noch lebendiger klopft; aber wir müsse״ uns klar darüber sein, dass sein seelischer Zustand nicht der 0״ mein Gott, was soll ich machen!“ ״Bete und hoffe!. Denke an unsere Märtyrer und dulde! Wahrscheinlich ist das so oben bestimmt!“ ״Fertig!“ meldete Woickowski. ״Wer wird zählen?“ fragte Bolcpolski, sicli irn Kreise umblickend. ״He, Narr! Komm her und zähle!“ ״Bitte, erlauchter Fan! Ich habe schon einmal auf meinem Rücken gezählt und mich verzählt. Ich bin ein schlechter Rechenmeister,“ entschuldigte sich Durnjewitsch mit weinerlicher Stimme und hielt sich beide Hände vor die Augen. ״Erlaube, — ich werde zählen,“ meldete sich Wirginski. ״Fang an, Woickowski,“ kommandierte der Richter. ״Na, Jüdchcn, haltet mal die Buckel' her! Wollen sehen, ob ihr unter der Peitsche ebenso gewandt seid wie im Handel,“ sagte Woickowski dämonisch lächelnd und presste die Hand um die Peitsche; seine, blutunter־ laufenen Augen schleuderten Blitze. Der unglückliche Zodck, schwächlich und furchtsam von Natur und abgehärmt von den am verflossenen Tage erduldeten seelischen Qualen, schrie entsetzt auf und drehte sich weg, in der Absicht, seinen Rücken aus der verhängnisvollen Linie, die seinem Ermessen nach die Peitsche bei ihrem Fluge beschreiben musste, zu bringen. ״Mein Brude.r,“ sagte der Rabbi laut in polnischer Sprache und richtete sich stolz auf. ״Mein Bruder, ringe nicht mit mir; ich werde deinen Rücken nicht unter die Geissei des Henkers bringen. Wir haben einen Gott — einen Rücken! Hat! zu!“ rief er, sein Haupt und seine» Rücken Woickowski zu wendend. ״Hau, Henker! Schone den Greis nicht!“ Die Peitsch;• schwang sich hoch über dem Haupte des unschuldigen Dulders . . . . Da, in demselben Augenblicke ertönte ein durchdringen• der Schrei.es flimmerte c. as zwischen dem Henker und seinem Opfer und flog an den Hals des Rabbiners, der mit geschlossenen Augen dastand. Doch die Hand des Henkers konnte sich nicht mehr halten; die Peitsche sauste durch die Luft und üel schwer, heftig nieder .... Ein dumpfer Schall . . . Ein unmenschlicher Schrei durchschuitt die Luft . . . auf die Erde stürzt; rücklings ein Menschenkörper . . . . Der Effekt dieses Moments war traurig, erschütternd . . . . Mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen lag ein Mädchen, schön wie ein Engel, leblos, tot am Boden. Die schwarzen Strähnen, die auf der Erde ausgebreitet waren, verliehen dem blassen Gcs!chtch:n

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