Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-09-06 · Heft 36 (6.9.1907) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 36 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651536--04979-2661980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 36 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 381 Gewiss, man kann uneins sein und man ist uneins über die besten Mittel, um endlich Recht widerfahren zu lassen den Tausenden und Millionen Juden in den Lündcrn. wo sie. wie im dunklen Mittelalter noch stets die Parias sind, die ״Exleges" der Gesellschaft, aber diese Meinungsverschiedenheit über die Mittel verhindert nicht in Ehren zu halten alle die. welche in Treue und Glauben danach streben, einen so edlen und hochstehenden Zweck zu erreichen. Was allein nottut. um das ausharrende Streben nach seinem vollen Wert zu schätzen, ist. dass man, ohne mit allen Bestrebungen dea Zionismus übereinzustimmen, herzlich mitfiihle fiir seine Grundidee, die Einheit und Solidarität der in der ganzen Welt verstreuten jüdischen Rasse, nicht in dem Sinne, dass alle verantwortlich sein sollen für die Untugenden einzelner, oder selbst vieler unter ihnen, sondern in der Beziehung, dass alle Söhne und Tochter Israels lebhaftes Interesse fühlen für die schweren Prüfungen, die in unseren Tagen noch das Los sina von Tausenden und Millionen ihrer Brüder und Schwestern. (Lebhafter Beifall.) Und nun, meine Herren Mitglieder des Kongresses, will ich Sic nicht länger auihaltcn. Ihre Arbeit erwartet Sie. .Möchten Sic sic vollbringen ויי der Würde, welche der Ernst Ihrer Debatten zu noch höherer Stute efiiporhcb!. und möchten Sic. zurückgckehrt in die Länder ans denen Sie gekommen sind, eine unauslöschliche Erinnerung behalten an die Niederlande, das klassische Land der Freiheit, wo die Juden in Wahrheit ihren Mitbürgern gleich stehen nach Recht und in Wirklich• keit. So sei cs! (Anhaltender Beifall.) Nach der Rede Pintos hielt I)r. Tschlenow im Namen der palästinischen Kolonisten eine mit grossem Beifall aufgeiimnmene von warmer Liebe erfüllte Ansprache. i!1 der er den Gruss der Bruder aus Ercz-Israel entbot. Hierauf wurde ein in hebräischer Sprache abgefasstes Bcgriissungsschrciben der jüdischen Gemeinde Haag verlesen und lebhaft akklamiert. Bildchen vom 8. Kongress Man kann den Verhandlungen des Kongresses mit allein Ernst folgen und doch auch fiir kleine heitere Zwischenspiele ein offenes Auge haben. Das eririscht und erquickt zuweilen in wunderbarer Weise. 1. Dr. Alexander Martnorck spricht zur prinzipiellen Erage der Palästina-Arbeit. Es ist seine erste Rede auf einem Kongross: sein grosses Ansehen und seine Beliebtheit hat er sieb ohne viele W'ortc erworben. Er spricht feurig und grosszügig. Aber die Glut seiner Worte macht ihn durstig, er wendet sich zur Tribiiue und bittet halblaut um etwas Wasser. Hinter ihm sitzt, unbeweglich wie immer, sein Gegner Ussischkin. Der stellt ihm ein Glas Wasser auf das Pult. Inzwischen ist Marmorek in seiner Rede weiter gestürmt, eine umfassende Geste — und das Glas fliegt zerschmettert zur Erde. Ein anderer als Ussischkin muss ihm das Wasser reichen. 2. Ein Delegierter spricht sehr sachlich und vernünftig• Aber bald mahnt ihn der Präsident, dass seine Redezeit abgelaufen ist. Verzweifelt dreht er sich um: ״Bitte. Herr Präsident, unterbrechen Sie mich nicht, meine Gedanken sind ehiiehin in wenigen Minuten zu Ende!‘‘ 3. Ein anderer gebraucht ein Gleichnis, um zu zeigen, wie man aus einem Extrem leicht ins andere fällt. ״Wenn man einen krummen Stock gerade biegen will, dann iihurhiegt matt ihn natürlich nach der anderen Seite, so dass er wieder krumm istt. Die Wahrheit aber liegt im graden Stock!" Merkt euch das, Pädagogen aller Länder! •I. Ihr kennt alle das hübsche Kapitelcheti aus der Haggadali, wo die Weisen gemächlich beisamrnensitzcii und in neckischem Gespräch herausrcclmcn, wieviel Plagen die Aegypter zu den Hl im Laude selbst noch am Meere traien. Jeder übertrumpft den Vorgänger, bis endlich Rabbi Akiba mit 250 Plagen einen Rekord erreicht. So ähnlich ging cs einmal bei der Debatte über das Organisatioiisstatut zu. Der § 1 enthält den Leitsatz des Baseler Programms, und § 38 bestimmt, .dass er nur durch Be- Schluss einer */*-Mehrheit auf zwei aufcinanüerfulgendett Kongressen geändert werden kann. Es xvird der Wunsch laut, die Aenderung des § 1 noch mehr zu erschweren. Nun beginnt ein edler Wettstreit. Einer verlangt ,/»-Majorität, einer Endlich springt einer aufs Podiunt und verlangt Einstimmigkeit. Grosser Beifall. Das kann doch nicht mehr überboten werden? Doch. Dr. B.: ״Der Zionismus kann seine Treue gegenüber dem Programm noch schärfer kundgeben. Schreiben wir d ch einfach als § 3S; § I des Statuts ist unabänderlich." W'icdcr grosser Beifall. Da aber meint Präsident W'olüsohn, und cs scheint mir. dass er die höchste Steigerung gefunden hat: ..Lassen wir lieber jede Vorsicht*- massrcgel gegen eine Aenderung des Baseler Programms fort, fülle Aenderung ist ohnehin unmöglich." 5. Es wurde der Beschluss gefasst, dass neben den Landsmaimschaftcn Eraktioncu bei genügender Beteiligung sich bilden dürfen. Die Annahme des Antrags erfolgte durch die Stimmen des Misrachi, der Poale Zion und der Trümmer der demokratischen Fraktion. Als die Hände in die Höhe flogen meine war auch dabei , lachte mir das Herz im Leibe: Ihr lieben Freunde aus dem anderen Lager, hier sind wir uns endlich einmal alle einig ■ um uns organisierter bekämpfen zu können! ■ , : : Eli Z 0 c h e q. ב"- Rundschau Rischön!,Zion Am 25. Juli dieses Jahres feierte die Kolonie Rischön l’Ziön die iiinfundzwanzigstc W iederkehr ihres Griindungstages. An! 15. Abh unseres Jahres 5642 (1882) wurden die Vcrkaufspapierc unterzeichnet, auf Grund deren ein Stück Boden von ca. 5»)0 Hektar Flüche an eine Gruppe von Juden überging, die von Russland nach Palästina übcrgcsiedelt waren. Zehn Mitglieder zählte die Gruppe damals. Drei von ihnen leben heute noch als Kolonisten in Rischön. und einer von diesen. Ercimann. lässt soeben in Jerusalem eine hebräische Festschritt von ca. 15 Bogen drucken, die eine Art Chronik de? Kolonie darstellt und einen tiefen Einblick in die Entstehung, Entwickelung und mannigfachen Ereignisse gewährt, aus denen Rischön als eine der interessantesten jüdischen Ansiedelungen hervorgegangen ist. Gegen Ende des Jahres 1882 zählte Rischön etwa 20 Farnilieft mit ca. 100 Seelen: nämlich die vorerwähnten 16 Kolonisten, einen Schächter, einen Tischler, einen Klempner und einen Mann, der einen kleinen Laden hielt. Jetzt zählt man an 200 Familien mit über 800 Seelen, tmd auch das Areal ist viel grösser geworden: die Kolonie umfasst über 1150 Hektai. Unter der Bevölkerung sind ausser dem Kolonistenelement (85 Familien) jetzt schon alle mir erdenklichen Handwerke vcrtreten, ausserdem gibt es Läden. 2 Hotels, eine Sodawasserfabrik uml — einen Antiquitätenhändler. Auch die Bearbeitung des Landes ist vielseitiger geworden. Während früher der Weinbau fast die einzige nennenswerte Kultur darstclltc. gibt es jetzt nicht nur viel mehr Mandelgärten als früher, sondern auch Oiivenpflanzimgen. Etlirogim-Gärteu. Orangerien, Geraniitmanlagen, und Eukalyptus-Pflanzungen. Ausserdem, wird ein itntncr wachsendes Areal fiir Gemüsebau, tmd — seit dem Zukauf geeigneten Landes - auch fiir Getreidebau verwendet. Heute ist Rischön eice recht stattliche Kolonie, Die Häuser n achen einen ziemlich städtischen Eindruck, die Haupt- Strassen sind breit und sauber gehalten.*) Der W'crt der Häuser, mit Ausnahme der Kellereigcbäude. beträgt fast eine Million Franken, tmd auch die Arbeit, die in die Bodenbewirtschaftung gesteckt worden ist. ging nicht verloren, sondern findet sich in dem gesteigerten Wert des Koloniebcsitzcs wieder. Auch das innere Leben der Kolonie lässt jedenfalls at. Vielgestaltigkeit der Interessen nicht viel zu wünschen übrig, t'ber 30 Komitees verwalten die verschiedenen Angelegenheiten. Die Beziehungen zur Aussen weit sind zahlreich und tnannigfach. Zwei Postämter (ein deutsches und ein österreichisches -- Filialen der Jaffaer Postanstalten) haben ganz gut zu tun. Es werden in Rischön mehr als 10 Sprachen gesprochen, und •) Es gibt eine Rothschild-Strasse und weitere auf die Namen Erlanger. P i n s k c r. M o 11 i I c w c r , H e r z I, L e v o n t i n, F r e i m a n sowie eine Jerusalemer Strasse. I I # I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.