Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 378 JÜDISCHE RUNDSCHAU. die Experimente weiter!) Man ruft mir zu, ich mache noch I immer Experimente. Jawohl! Aber das kostet zehntausend Tieren das Leben, bis ich überhaupt vorwärts komme. (Lobliafter Beifall und Händeklatschen.* Was ist es also, was wir bei Ihnen bekämpfen, wogegen Sie uns heute als Opponenten stellen? Das ist der Geist, der Sic beseelt? Gegen diesen Geist müssen wir ankätnpfen. weil wir überzeugt sind — und das ist keine Phrase —, dass uns der grosse Herz! ein viel grösserer Mann gewesen, als heute viele von Ihnen bcgreifen (siirmischer Beifall und Händeklatschen). Er hat odei wollte wenigstens dem Juden das cinprägen. was er bis dahin nicht gewusst hat, er wollte ihm einprägen, dass, um ein grosses Ziel zu erreichen, man auch grosse Mittel ver• wenden muss. Welche grosse Mittel wollen Sie verwenden? Sie nennen sich politische Zionisten. Nun sind Sie alle gezwungen, trotzdem Sic, wie ich gesagt habe, noch nicht alle politisch reif sind. Politiker zu sein. Aber das eine werden Sie aus der Politik denn doch schon gelernt haben, dass man, um Politik zu treiben, Macht besitzen muss. Die Macht aber, die wir heute besitzen, ist mir die grosse Idee, die uns voreint, ist das unerhörte Unrecht, das seit zwei Jahrtausenden an uns geübt wird (lebhafter Beifall). Diese Macht zählt aber noch nicht einmal in dem Lande, in der Stadt, wo wi. heute weilen. Wir müssen eine andere Macht habe■:!, das ist die Macht des Geldes, die modernste Macht (lebhafte Zn Stimmung). Unser grosser geliebter Biihrer Herzl hat mit grossen Kämpfen versucht uns einen kleinen Schatz zu schaffen, der darin die Eorm gefunden, dass er die Bank gegründet hat. Meine Damen und Herren! Was in den Statuten der Bank steht, ist mir momentan völlig gleichgiitlg. Der Geist aber, der bei der Gründung der Bank zum Ausdrucke kam, war der. ein politisches Institut aus der Bank zu schaffen und nicht ein geschäftliches Instrument, und nicht das Geld der Bank fiir kleine und kleinliche Dinge zu vergeuden und zu verschwenden, sondern das Kapital der Bank zu dem eisernen Bestände zu machen, der auf uns wartet, damit wir nicht auf das Kapital warten sollen, wenn die Zeit gekommen sein wird. Mein verehrter Ercund Mnt/.kin hat gesagt, dass der politische Charterismus — ich nenne das lieber den politischen Zionismus — nicht versprochen hat, dass er in 21 Stunden dem Jüdischen Volke das geben wird, was es erwartet. Das hat er nie versprochen, und wenn diese Legende entstanden ist. so ist sic eben nicht begründet, wie ja die meisten!.egenden nicht begründet sind. Aber etwas anderes fiat er versprochen. Er hat gesagt: Ihr müsst aut den Moment jederzeit gerüstet sein, und infolgedessen dürft ihr nicht den einzigen kleinen Machfraktor, den ihr besitzt, in leichtiertiger Weise aus den Händen geben. Das ist der Zweck der Bank• gründting gewesen, und das ist der Zweck, den, gleichgültig was in den Statuten steht, der Nationalmnds hat. Aber Sie müssen das eine bedenken, Sic müssen das eine gelernt haben, dass Sic dieses einzige politische Instrument nicht vergeuden und nicht verschwenden, das im Vergleiche zu der grossen Idee, die wir zu verwirklichen trachten müssen, doch so klein ist (Zwischenruf). Es wir mir zugerufen: der Nationalfonds. Auch dieser ist nicht dazu da, um einige kleine Unterstützungen zu gehen! Das ist dieselbe Chaluka- Politik, die wir vor Jahren gehabt haben (Beifall und Hände klatschen bei einem Teil der D.). Der Nationalfonds ist fiir eine grosse Zeit und eine grosse Gelegenheit gemacht worden, und da dürfen Sie nicht mit dem Nationaltonds so umspringen, wie in den meisten Köpfen die Absicht bestellt. Man sagt uns immer, wir müssen das. was in Palästina bestellt, uns erhalten! Aber mit der grössten Vorsicht, und wir müssen, wenn es nötig ist, wenn es in Palästina mit einigen Unter* nehniungen, die wir gemacht haben, nicht gut geht, verstehen, diese auch opfern zu können. Das ist richtige Politik (Lebhafter Beifall und Händeklatschen bei einem Teil der D.). Hoher Kongress! Als Doktor Nordau vor einigen Tagen hier stand, umjubclt von Ihnen, wie der Geist des jungen Judentums und einen Schrei in die ganze Welt gerichtet hat. bleich vor der Grösse des Augenblickes, in dem wir uns befanden und nach dem gerufen hat. was uns seit Jahrfausen* den verweigert wird, nach Gerechtigkeit fiir unser Volk, ein Appell, der weit Ober alle Lande gehört worden ist: ich frage Sic. meine sehr verehrten Damen und Herren, haben Sie sich da gefragt, ob der Anpell auch nicht an Sic gerichtet ist? Ich frage Sic. haben Sie sich in dem Momente, wo endlich einmal, andere Völker und Staaten das gehen wollen, worauf wir ein Anrecht haben und warum wir gar nicht betteln wollen, ich frage Sic. haben Sie sich gefragt. 01» Sie wirklich für diesen Moment der Gerechtigkeit aucli schon vorbereitet sind? Haben Sie sich gefragt, ob unsere nationale Bewegung wirklich das Judentum in seiner ganzen Grösse darstellt? Ob sie eine Bewegung der ganzen Nation ist? Das wäre die No. 36 richtige Antwort auf den Appell gewesen, den Nordau an die Aussenstehenden und uns. die Innenstehenden, gerichtet hat. Wir müsset! tins ehrlich gestehen, wir sind noch nicht die Bewegung der ganzen Nation, wir müssen uns ehrlich gestehen, dass noch viele nicht mit uns gehen, welche noch mit uns gehen würden, wenn nicht dieser Geist der Intoleranz gegen diejenigen bei uns herrschen würde, welche nicht der* seihen Ansicht mit uns sind (Widerspruch, Beifall und Händeklatschen bei einem Teile d. D.). Das ist derselbe Geist, das ist dieselbe Kette und das sind dieselben kleinen Ringe dieser Kette, weicht bewirkt haben, dass hier oben aui unserer Tribüne nicht jene Männer sitzen, welche in der ersten Stunde der Enthusiasmus uns zuxeiiihrt hat (Lebhafte! Beifall und Händeklatschen). Wo sind die Mandelstaimn, wo sind die Jassinowski, wo sind überhaupt die Mä'iincr, die in erster Stunde an der Seite Horzls gestanden sind? (S(i1< miseher Beifall, Lärm und lebthaiter Widerspruch.) W'c sind alle diejenigen? (Ruf: In Afrika!) Nein! diese Herren sind nicht in Afrika, und ich bin überzeugt, sic sind heute ebenso gute Zionisten, wie wir alle sind (Stürmischer Beifall. — Lebhafter Widerspruch). Die Herren mögen in einem Augen blicke ihre Herzen haben lauter sprechen lassen als ihren Verband, während Sie, meine Damen und Herren, jetzt Ihre Herzen lauter sprechen lassen als Ihren Verstand (Beifall und Widerspruch). Diese Männer haben sieh hinreissen lassen von der grossen Idee, die wir nicht begreifen konnten, die sie aber vor uns begriffen haben wollten. Diese Herren wären liier geblieben, sie wären mit uns gegangen, sie hatten uns zur Zierde gereicht, wenn nicht dieser Geist unter Ihnen geherrscht hätte. (Lebhafter Beifall.) Darum, mvme. sehr verehrten!*amen und Herren, möchte ich auf das Spr.chwort antworten, das Herr Dr. Stand hier gebraucht hat. nid'ni er sagte: ״Naassel! w enischma" ־ * Ihr sollt zuerst tun mul dann hören! Ist das etwa eine bedeutende politische Reite (Lebhafter Beifall). Zuerst soll man hören und dann erst soll man tun. (Lebhafte Zustimmung.) Und darum, meine Damen und Herren, hören Sie auf das. was Ihnen der einzige grosse Mann gesagt hat, den w ir überhaupt seit H ::,.!erten von Jahren besessen: Seid ein starkes volk, wenn auch imi schwachen Krüitcn! SchÜesst euch fest zusammen und macht keine Restriktionen, wie sie gestern in der Bnnkangelegonheit gemacht worden ist. Öffnet eure Arme, damit alle diejenigen zu euch kommen können, welche mit uns sind, welche mit uns dieselben Ideale haben. Wenn wir diesen Geist, den ich den Geist eines grösseren Judentums nennen mochte, i!.׳ uns auigenonunen Baben werden, wenn wir diesen Geist he* sitzen werdender uns alle dasselbe wird tun lassen, aer nichts trennt, der unsere Kraft nicht verschwinden lasset, wid. dann, meine Damen und Herren, wird cs nicht dazu kommen, dass wir plötzlich eine Debatte haben \verJen, bei der es heisst: Pro- und Koniraredncr. (Lebhafte Zustimmung.* Meine Damen und Herren! Es gibt nur Proredner, nur Redner für die Palästinaarbeit. (Lcbhaiter Beifall.* Ich möchte Ihnen Schritt fiir Schritt während der Spezial-Debatte den Beweis erbringen, dass cs nur Proredner fiir Palästina gibt. Mas wir eben verhindern wollen, ist, dass wir von der ersten Idee, die uns vereinigt hat, allmählich aber vollkommen uns abwenden. Was wir immerwährend euch ztiruteii. ist: Bleibt das. was ihr seid, bleibt das, was euch früher von den anderen Juden unterschied, ein etwas höheres Judentum. Ihr aber seid im Begriffe, diesen Weg zu verlassen. Und warum habt ihr wohl noch nicht vollkommen begriffen, was unser grosser Führer Herz! einst gesagt hat? Weil ihr ein kleinmiitiges Volk seid, weil ihr nicht warten könnt. Nun wird mau mir sagen, wenn jemand hungert, kann man ihn nicht warten lassen. Nun frage ich Sic alle, meine Damen und Herren, werden Sic mit all Ihrer Arbeit in Pahistina und selbst wenn Sic alles Geld unseres Schatzes und der ganzen Nation volllkornmen verwenden, damit den Hunger des jüdischen Volkes stillen^ Nein! Viel reichere Männer, als wir cs sind, haben viel mehr ausgegeben tmd weniger schaffen können, weil dasjenige gefehlt hat. was uns nun zu fehlen beginnt: der Geist, der grosse Gedanke. Lassen Sie den grossen Gedanken aus unserer Bewegung fort und Sie haben den Zionismus alhnählieh in einen kleinen Pilaitzuugsverein umgewandelt, in einen kleinen Pflanzungsverein. fiir den sich mir diejenigen interessieren werden, welche nicht mehr als kleinliche Ideen haben, aber allmählich werden wir versumpfen und verpflacheii. und dann wird der Moment da sein, wo das Wort Nnrdaus zur Wahrheit werden wird: Der Zionismus ist die letzte Anstrengung des Jüdische 11 Volkes. Die zionistische Idee kann nicht sterben, aber die Zionisten können müde werden, fiir diese Idee zu kämpfen. Wir wollen nicht im Streite auseinandergeben, wir wollen uns vereinen.