Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 36 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 377 ־ Die Arbeit in Palästina kann nicht zu einer Volksbewcgwig führen. Sic ist nur eine Erfüllung der Sehnsucht ein- *einer und löst nicht die jüdische Frage. Die erzieherische Bedeutung Palästinas für die Diaspora ist heute eine sehr zweifelhafte. Anders ist es bei ungchindertcr Arbeit unter politischer Sicherung. Heute ist es nur ein Propagandarnittel. Die Poalc Zion betrachten die reale Arbeit in Palästina als das einzige Bindemittel mit zionistischer Bewegung. Das wird nicht allein Vorhalten; denn die Bewegung kann nicht viel für das Proletariat tun und auch nicht im Sinne der Poalc Zion. Es ist heute schwer, für den politischen Zionistnus zu sprechen, nicht nur darum, weil die Majorität eventuell dagegen sprechen könnte, sondern aus inneren Gründen: weil wir selber wissen, dass der Weg. den wir gehen wollen, nicht gebahnt nur vorgezcichnct ist. und dass wir auf diese Weise einen grossen Teil unserer Anhängerschaft sozusagen der Arbeit berauben. Ich befürchte, dass auch in dieser eine Enttäuschung cintreten wird. Ich befürchte, dass in dieser Beziehung bald keine Arbeit sein wird. Wir aber dürfen das Hauptziel nicht aus den Augen ver- Heren! Gehen wir wieder mit der alten Losung zum jüdischen Volke, zeigen wir ihm wieder die Arbeit, welche unbedingt verwirklicht werden soll. (Lebhafter, anhaltender Beifall.) A ronowitscli (aus Rccliowoth): Herr Mntzkin hat uns. die wir nach Palästina gezogen sind, als Ideologen bczeichnet. Aber er möge sich sagen lassen: Die Charteristen sind die Ideologen und nicht wir. Wir .hingen, die wir in Palästina arbeiten, begegnen den Schwierigkeiten, das Land zu erobern, auf Schritt mul Tritt, nicht in der Theorie, sondem in der Praxis. Gerade darum stehen wir in der vordersten Reihe derjenigen, welche rufen: ״Praktische Arbeit in Palästina"; denn weil wir die Schwierigkeiten sehen, sehen wir auch die Mittel, sie zu beseitigen. Wenn der Kongress Leute nach Palästina schicken wird, die mir Zuschauer sind, kann keine praktische Arbeit geleistet werden. Das hat sich schon in vielen Fällen bewahrheitet. Redner kritisiert in scharfer Weise das Verhalten des Direkors Lcvontin gegen jüdische Arbeiter, und wendet sich insbesondere dagegen, dass jüdische Arbeiter bei jeder Gelegenheit umgangen w erden. Auch wir verlangen ein Komitee in Palästina: das Komitec muss aber von uns gewählt werden, weil wir wissen müssen, wer die Menschen sind. Wenn wir immer nur im vorhinein kritisieren, werden w ir nichts schaffen. Die Franzosen haben nicht soviel debattiert, als sic eine Eisenbahn in Palästina bauten, und ohne viele Worte geht man jetzt daran, in Haifa einen neuen Hafen zu hauen. Im Namen der pakistlnensischen Arbeiterpartei ..Hapoel-Hozair" fordere ich. dass vor allem darauf geachtet werde, wer hinfährt. und dann sollen der Kommission keine bestimmten Direktiven gegeben werden, sondern sic soll alles, was •möglich ist, tun kInnen, und zwar aus den Geldern des Nationalfonds und unserer Institute. Wir sind gegen jene. Weiche davon sprechen, was man für die für die Arbeiter tun soll; denn die Arbeit wird geschafieu, wenn sie sich auf eigene Kraft stützt. Untcrstiitzungen aber in welcher Art immer, wirken nur demoralisierend, statt die Entwicklung zu fördern. Wir wollen keine Stütze und kein Geld; wir verlangen nur eines; was vom Zionismus in Palästina geschahen w ird, soll für Juden und durch Juden geschaffen werden. (Lebhafter Beifall.) Del. Dr. Alexander Marmorck (Paris) mit stürmischeni Beifall und Händeklatschen begriisst: Wenn ich mich recht erinnere, greife ich zum erstenmal aut einem Zionistenkongress in die Debatte ein (Hört! Hört!;. Ich wäre wahrscheinlich aus meiner gewohnten Reserve nicln herausgetreten, wenn nicht glücklicherweise diese Debatte auf ein höheres Niveau getragen worden wäre, und wem. nicht aus einer Debatte über Spezialfragen eine Debatte über die Grundprinzipien geworden wäre, welche uns bewegen oder zumindest bewegen sollen. Hoher Kongress! In den letzten zw׳ei Jahren sind viele Legenden unter uns entstanden. Die hauptsächlichste •Jiesei Legenden war die, dass cs unter uns Leute gibt, die gegen die Arbeit in Palästina sind. Diese Legende hat manchen von uns unpopulär gemacht, aber beute bandelt es sich nicht darum, ob wir populär oder unpopulär sind. Mein verehrter Freund Motzkin bat beute in unanfechtbarer Weise gesagt. Heute handelt es sich darum: Hier stehen wir auf diesem Prinzip und mit diesem Prinzip können wir nur leben oder untergeben (Sehr richtig.) Meine Damen und Herren! Wir sind uns über die letzte!. Zwecke, die wir. verfolgen, vollkommen klar. Wenn wir seit Jahren in der Bewegung stehen, in der wir wenig Ehre und noch viel weniger Freude erlebt haben, dagegen aber das Bewusstsein mit uns getragen, stets unsere Pflicht gegenüber unserem Volke getan zu haben, so liegt der Grund darin, dass seit 10 Jahren über uns ein Geist gewesen ist, der Geist Hcrzls (stürmischer Beifall), und ich muss da fragen, ob wir alle, die den Geist Herzls unter uns fühlen, ob wir alles von diesem Geiste vergessen htben. Ich fürchte sehr, sagen zu müssen: wir haben wenig gelernt und gar viel haben wir vergessen. Was uns von den trüberen Zeiten trennt, ist das grosse Prinzip, das Hcrzl uns gegeben hat. Es ist gestern und heute ein Wort geiallen: Der verstorbene politische Zionismus. Tiefschmerzlich musste es einen bewegen, dass dieses Wort nicht einen Schrei der Entrüstung hei allen hervorgerufeu hat, dass man nicht wenigstens gesagt hat: Wir sind Schüler Hcrzls, wenn wir auch nicht im Stande sind, ihm zu gleichen. Schüler Herzls. welche ihn begriiien haben (Beifall und Händeklatschen). Schüler Hcrzls, der uns gezeigt hat. dass wir aufhören sollen, mit der kleinen Ghettopolitik, dass wir endlich das werden sollen, was andere Völker schon längst vor tms geworden sind: Ein politisch reifes Volk! (Lebhafter Beifall und!fändeklatschen.) Mein verehrter Freund Stand hat früher gesagt: wir sind reife Politiker, und ich wagte ihm zuzurufen: Nein! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Plötzlich sollen wir Politiker geworden sein! Im Lehen sind wir — ich darf es wohl sagen — alle kleine Leute, und plötzlich ist über uns der Zwang gekommen, politisch zu denken. Wir müssen uns in einen politischen Mantel hüllen, aber leider sehe ich <-1t unter diesem politischen schonen Mantel das Unteriutter her׳Vorscheinen. Wir sind, meine sehr verehrten Damen und Herren. plötzlich politische Vertreter eines Teiles des jiidisehen \ olkes geworden. Wir sind nicht dümmere Vertreter;.!s die \crtrcter anderer Völker. Einige von uns sind sogar gescheitere \crtreter, als die andern Vertreter — von andern meiner Kollegen kann ich dies allerdings bei der grössten Hochachtung nicht sagen. Aber haben wir schon den Bcweis erbracht, dass wir reife Politiker geworden sind? Wir hatten vor 2 Jahren auf dem Kongresse Gelegenheit zu zeigen, dass wir reife Politiker sind, wenn wir verhindert hätten, dass unsere schwachen Kräfte noch schwächer wurden. (Lebhafter Beifall. — Lcbh. Widerspruch.) Wenn wir Vernunft gehabt hätten, Zangwil! in das Engere Aktionskomitee zu wählen, daun hätten wir die Debatte von gestern nicht gehabt. (Beifall. — Lauter Widerspruch.) Wenn wir politisch reif genug wären, dann hätten wir es zu verhindern gewiisst. dass die besten Kräfte und einzigen Energien des Judentums aus lauter Liebe von dem Vater im Arme erdrückt werden. (Beifall und Händeklatschen. — Widerspruch. Lärm), dann hätten wir den Beweis erbracht, dass wir ein reifes Volk sind. Und wo sollen wir unsere politische Reife heute zeigen? Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir kämpfen nicht gegen die Details, wir kämpfen nicht gegen die sögenannte praktische Arbeit in Palästina, wir kämpien sür etwas viel Höheres. Wir kämpien gegen den Geist, der unter uns plötzlich zu herrschen anfängt, von dem Momente an. wo die eiserne Faust Herzls. die auf uns alle drückte, fehlt. Wir bekämpfen den Geist, der cs dazu gebracht hat. dass wir auf der schiefen Ebene sicher und langsam abwärts gleiten, und immer schneller und schneller, wie cs eben auf einer schiefen Ebene zu geben pflegt, hinunter geraten. Wir halten noch fest an der politischen Flagge — ich spreche von der Gesnmthcit und das ist viel zu hoch, als das ich heute von Personcit sprechen soll, die alle vor der Grösse unserer Aufgabe verschwinden — ich spreche von der Gesamtheit und sage: wir alle segeln noch unter der Flagge des politischen Zionisimis Herzls. (Lcbii. Beifall.) Aber ich •muss Sic fragen — greifen Sic sich \oll ans Herz — wird unter dieser Flagge nicht schon falsche Ware verschifit? Wird 'nicht etwas ande res gesagt und etwas anderes gemeint? Wir haben verscliiedcnc Redner gehört, welche uns Vorwürfe machen, dass wir in Palästina nicht die wichtige praktische Arbeit vollführen. Der geeinte Vorredner, der als Arbeiter aus Palästina kommt, bat uns an Beispielen gezeigt, wie wir in Palästina praktisch arbeiten. Er hätte statt als Proredner an meiner Stelle als Kontraredner sprechen sollen. Er hat gczeigt, dass wir noch nicht politisches Verständnis haben, um dieses Experiment zu machen, und gestatten Sic mir — ich bin ein ziemlicher Fachmann in Experimenten, und Sic können mir glauben — gestatten Sie mir cs zu sagen: nicht alle Experimente führen zu einem guten Resultate, und nicht vor! allen Experimenten lernt 111r.11. Sie können ja lange Expcriinente machen und -- glauben Sie mir wieder, weil ich Fachmann bin — wissen am Ende ebensowenig, als Sic am Anfang gewusst haben, (Heiterkeit. Ruf: Sie machen aber doch