Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 376 No. 36 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Organisation müsse eine möglichst vollständige Information! über die sozialen Verhältnisse Palästinas sein. Bei Festj Stellung dieser Verhältnisse müssen die Vertreter der Arbeiter gehört werden. Redner legt dem Kongresse folgenden Abändcruugsantrag zu Punkt 1 vor: ״Der Kongress wählt ein fünfgliedriges Palästinakomitcc aus besoldeten und unbesoldeten Personen, die in Palästina ihren Wohnsitz haben. Das Palästinakomitcc verwaltet die Geschäfte des N.itionalfonds und aller Unternehmungen der zionistischen Organisation in Palästina. Das Palästinakornitee wird beauftragt, die Schaffung eines aus gewählten Vertretern aller organisierten Gruppen der palästinensischen Judenheit zusammengesetzten Rates kräitigst zu fOrderi dessen Gutachten bei allen in Palästina durchzusiihrcndcn Arbeiten cinzuholen ist. Pie Mitglieder des L.A.K., die zu dtp Sitzungen des Palästinakomitees erscheinen, haben Sitz une. Stimme in diesen! Komitee.‘• Dr. Mahler (beifällig hegriisst): Hs ist unrichtig, da:'- die, welche die politische Arbeit betonen, der praktischen A:־* beit feindselig sind. Aber die praktische Arbeit muss präzisiert werden. Zunächst gehört dazu die fachmännische, wissenschädliche und wirtschaftliche Information. Lerner die halböffentlichen Arbeiten, mit denen wir das!.and im ganzen heben, Anlage von Strassen. Halmen. Brücken und Bergwerken. Aber das Land darf nicht z!!n! Snielball von L\- perimenten gemacht werden, deren l־V!:!sel1lagen unsere Reputation schädigen würde. Der politische Zionismus ist niei'.t tot und darf nicht tot sein. Ls gibt feinen Widerspruch zwischen politischer und praktischer Arbeit. Wir wollen keinen Kampf der Richtungen, sondern ein Zusammenarbeiten, (Beifall.) Stand (von lebhaftem Beifall hegriisst): Die Worte pc Jitiseh lind praktisch werden falsch angewandt. Das Praktische ist das Mittel, das Politische ist der Zweck. Aus der Tätigkeit in Palästina״ wenn sie nur anhaltend betrieben wird, erwächst das Politische. Zuerst vielleicht Misserfolge, zuerst die Menschen, die Kapitalien, die Arbeit ins Land, daneben und darnach die Politik. Tun w ir all das, was jetzt im Rahmen des türkischen Gesetzes möglich ist. so haben wir , genug. Daher müssen wir die [,laue der Palästina-Kommission unterstützen, Iniormationsbtireaiis entrichten, die Arbeitei sesshaft machen, den Verkehr im Lande heben. Unsere Bank sollte ihre Hauptarbeit, ihre ganze Arbeit in Palästina haben, und ihre europäischen Geschäfte nutgeben. Für das Land müssen wir Propaganda machen. Wir müssen schon jetzt arbeiten, weil wir die Arbeit iiir unsere Bewegung und ihre Lrhaltung brauchen. Das ist jetzt nicht mehr durch Reden möglich, w ir brauchen Taten. Cowens Vergleich mit dem judenfeindlichen Hotel hinkt, denn es ist unser!.and. Die Seele unserer Bewegung ist das Land. Wenn die Seele unterginge, kann der Körper, die Organisation, sich begraben lassen. (Langanhaltender Beifall.) Leo Motzkin: Niemals hat der Zionismus erklärt, dass der Charter eine Sache des nächsten Tages sei. Ls ward nur gesagt: Der Charter kann das Werk des nächsten Tages werden. — wenn das jüdische Volk cs will und diesen Willen in der Schaffung bedeutender, den Aufgaben und den Kräften des jüdischen Volkes entsprechender Machtfaktoren dokumentiert. Und die Tragik Herzls bestand eben darin, dass er ohne die Prämisse, ohne den Willen des jüdischen Volkes errungen zu haben, bereits an die Verwirklichung des Zionismus geschritten ist. Hcrzl hat vor dem jüdischen Volke nur Mögliclikciten aufgcrollt, tmd glaubte die Prämissen überspringen zu können, weil er sich sagte: Ls gibt zwei Wege, und wenn das jüdische Volk will, wird auch die türkische Regierung wollen. Wenn umgekehrt die türkische Regierung eiuverstanden ist, dann ist der Wille des jüdischen Volkes zu haben. Da er den Willen des jüdischen Volkes noch nicht hatte, versuchte er cs mit dem anderen Wege nach de׳;.׳ Grundsatz: Sollten die entscheidenden Stellen der türkischen Regierung auch vor der kräftigen Willcnsaiissertmg der jiidisehen Nation mit Rücksicht auf die unzweifelhaft daduich zu erreichende Nctihclchimg des Landes schon jetzt einen Teilcharter gewähren, dann wird die notwendige Prämisse: der Wille des jüdischen Volkes in grandioser Weise sich einstellen. Ls trat aber ein Misserfolg bei der türkischen Rcgierung ein. Allein ein Misserfolg bei der türkischen Regicrung ist keineswegs ein Liasko des Zionismus oder des zionistischen Gedankens. Jetzt dürfen wir die Anschauung vom Liasko des Zionismus nicht dadurch sanktionieren wollen, dass wir erklären: Die reale Arbeit in Palästina sei unter den gegenwärtigen Verhältnissen der einzige, der riehtige Weg zur Erieielmiig des zionistischen Zieles. Der Zionisnr.ts hat kein Liasko erlitten, wenn auch der Lrfolg infolge des Mangels an Mitteln noch ausgeblieben ist. Wir können nur dem jüdischen Volke sagen: Wir haben meb eine Wahrheit gebracht, in euren Händen lag die \ erv.irkliehmig, und iiir habt nicht gewollt. Wir dürfen aber auch rieht sagen: Von jetzt ab wird der Zionismus verwirk• licht werden. Denn so lange man 1ms kein Zugeständnis macht, dass wir in Palästina ungehindert eine gewisse Arbeit eröffnet! können — so lange haben wir kein Recht zu sagen, dass wir aus dem rechten Wege sind. Kommen wir ins jüdische Leben zurück, dann ist es uiiserc Pflicht, dasselbe zu sagen, wie früher, da genau dieselbe Wahrheit besteht — dass, was wir in Palästina erreiche!! wollen, wir nur auf Grundlage von Machtfaktoren erreichen können. Schon vor neun Jahren habe ich in einer Broschüre betont: Das ist nicht der Weg. den wir den Juden zeigen sollen, das ist nur eines der Mittel, welches wir zur Schaumig eines Machtfaktors in Palästina anwenden. Wieder und wieder ist den Juden zu sagen: Wenn ihr die Lösung des historischen Problems endgiltig durchführen wollt, so gibt es nur einen Weg: durch den organisierten Willen der Juden zur Lrrcicliimg der territorialen Konzentration in Palästina. Wenn aber die nnanfecbtbare Wahrheit des Zionismus nicht verwirklicht werden sollte, so seid ihr Juden einzig tmd allein daran schuld. Ans unserem Verhalten gegenüber der Frage des Char• ters ergibt sich auch unser Verhalten gegenüber den zkmistj. scher, Ii.stitnten. Der.Nation:!!!‘(.nJ> d:!ri weder jetzt!::•ch in der f ichsteii ZuKunit angetastet wei den. Solange er ־,einen .V1acl.::V.ktor darstellt, mit dem sich sprechen lässt, dürfen wir Dich:> von ihm auf ein Risiko setzen. Denn damit untergraben wir den einzigen Machtiaktor, den wir bis jetzt wenig• stens als Symbol für die Lrreicinmg unseres Zieles geschahen!!aber. Jetzt gehen wir noch zu den Juden als rcvolutiouäte Partei und sagen; ״Alles was ihr bis jetzt getan! habt, ist nicht die Lösung, der Judenragc. Schaffet die Mittel, so werdet ihr sie erreichen.“ Wenn Sie aber aut den! Wege gehen. iTa Sie jetzt betreten wollen, dann sind Sie völlig ins allgemeine Fahrwasser ohne Anerkennung des Zionismus hineing-eraten. dann werden Sic sich morgen unwesentlich von andern jüdi• sehe!: Instituten unterscheiden, welche dasselbe in Palästina tun weiden wie Sic. Täuschen wir uns nicht: .was Sie in Palästina tun können, ist so unwesentlich, so unbedeutend in Anbetracht der geringen uns zur Verfügung stehenden Mittel, dass die Aufgebung auch mir der Symbole unseres Beginnens eine Sünde vor unserer Idee wäre. In Palästina kann man sehr viel arbeiten, aber ohne die schwachen Mittel der zionistiseben Organisation heraiszu/.ichcii. Vielmehr raubt Ihnen die Heranziehung der einzigen jüdischen Machtfaktoren die Möglichkeit, solche in Zukunft noch einmal zu schaffen. Und noch einmal den Nationalfonds zu schaffen, wäre gar keine so!eichte Sache. Und wenn cs schon jetzt Leute gibt, welche nicht daran glauben, dass uns seitens der türkischen Regierung grosse Reel tc gewährt werden — so kann dies bis zur Zerstörung dieser Machtfaktoren iiihren, indem diese Leute sich sragen werden: ״Was bedeuten unsrre Machtfaktoren, wenn wir sie niemals gebrauchen können? So wollen wir sie lieber so fort benutzen.“ Meine Damen und Herren! Wir haben die Frage beurteilt, ohne dass wir in Palästina sind. ־ Wer gibt 1ms aber das Recht zu behaupten, dass diese Arbeit imbedim:: zur Vcrwirslichimg des Zionismus führt? Und hier müssen wir uns vor allem gegen eine Ideologie wenden, die sie!! in!1!!• seren Kreisen breit gemacht bat und vollständig falsch ist. Ma:: sagt: Ohne Juden in Palästina können wir keinen Cha.-ter oder keinen Teilcharter bekommen. Wollt ihr einmal einen Charter haben, so müssen Juden im Lande sein. Wollt ihr Grosskolonisation, dann müsst ihr mit der Kleinkoh nisation beginne״. Aber man wird gar nicht dulden, dass w ir ein Maehtfaktnr in Palästina werden. Was wir wirklich, mit unseren Mitteln tun können; ist ganz unwesentlich. Unsere Machtmittel müssen vermehrt werden für eine spätere Zeit. Viele glauben gar nicht, da יי־ wir if!r später grosse Zugeständnisse zu erwarten haben. Mit dieser Anschauung kann man ruhig den Nationalfoinh aus'gliöpien und zugrunde richten. Ll-Arisch wäre, wenn cs etwas w ert wäre, ein um e• heurer Ansporn für ein Auf flackern des Zionismus. Hier könnte ungehemmt gearbeitet werden. Die Schwierigkeiten der praktischen Arbeit werden zu Hering ‘taxiert. Ls ist auch falsch, dass mau die Kleinkoloni• sat. •n treiben muss, um einmal Grosskolonisation zu treiben. Man wird eben nicht dulden, dass wir ein Machtiaktor in Palästina werden. Auch nach Lrreicinmg eines Charters müjster. wir vielleicht erst mit kleiner Arbeit anfangen.