Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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V No. 36 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite. 373 uns den Willen geweckt und den Weg dargetan. Wir waren | seine unerschütterliche Leibgarde. Den russischen Zionisten war Heizl gewiss ebenso teuer; dennoch war ihr Verhältnis zu ihm nicht' ganz das gleiche. Sie hatten Merz! vieles zu verdanken, nicht alles. Lins hatten sie vor «ns — und vor Hcrzl -- voraus: Die ungebrochene Ursprünglichkeit jüdischen Lmpfindens und die -- wenn auch unklare und unreife — Hoffnung aut die Zukunft. Das dumpfe Gciiihl nationalen Bewusstseins ist niemals im Osten erstorben gewesen. Immer standen sie Hcrzl kritischer gegenüber als wir, wenn sic ihm auch — es sei wiederholt ~ ebenso ergeben waren als wir. Da aber, so lange Hcrzl' lebte, sein Wille Gesetz war, konnte die deutsche Landsmannschaft ־• * als die schrankenlose Ver* icchterin dieses Willens auf den Kongressen eine erhöhte Bedeutung gewinnen. Dann kam Uganda und der Sturm wühlte auch unter uns. Die Leidenschaft des Kampfes um die Reinheit der Idee zwang jeden von Uns zum Nachdenken über dieses schwere Problem. Heute will mir scheinen, als ob wir deutsche Zionisten zu jener Zeit noch gar keine echten Palästiner gewesen wären, als ob wie jenes wunderbare (ielieirntiis des Voi.bundeuscins mit dem alten Lande erst tu jenen Kar.’pfen in seiner tiefen Zauberkraft begrifieu hätten. Denn mit der treuen Oeiolgsehatt für Her/I allein ist's nicht zu et klären, dass die deutsche Landsmannschaft auf dem sechsten Kongress fast ausschliesslich ״Jasager" gewesen sind. Dass wir nun uns aber auf diesem Kongress dem achten ־ - in '!'reuen wieder zusatmucufanden und dass auch wir. die den;־ selten Zionisten, die Uganda entzweit hatte, sich wieder einen konnten, reicher an Verständnis für die unvergänglichen Kräfte Palästinas: wer sollte sich anmassen, das Verdienst hierfür, dass wir wieder voll wurden dieser Erkenntnis, in unseren Reihen zu suchen! Aus dem russischen Judentum haben wir diese Erkenntnis empfangen. Die Entw ickelung der Ugandatrage ist nur e i n Zeichen daiür: aller Orten müssen wir’s erkennen, dass — von den wenigen ganz Grossen unter uns abgesehen — wir westeuropäischen Zionisten die Empfangenden sind an allem, was den Inhalt der Bewegung ausmacht. — Dennoch will mir’s durchaus nicht als Anmassung er* scheinen, wenn wir deutsche Zionisten auf dem Plane er* scheinen mit dem Wunsch, Einfluss auf die Bewegung zu gc w’inncn. Wir bringen beachtenswerte Vorzüge mit: Sinn für Disziplin, Begabung in Fragen der Organisation und der Taktik. In unserer Landsmannschaft ist mehr ״Europücrtum“ als in irgend einer. .Wir haben von unserer Umgebung gelernt; wir solicn es zum Nutzen der Bewegung verwerten. Das kann aber nui daun zum wahren Nutzen der Bewegung geschehen, wenn wir begriffen haben, dass alle diese Vorzüge nichts gelten können, ohne dass wir nicht etwas viel Wesentlicheres ins Zentrum rücken: den Sinn für Jüdisches, der uns im Westen abhanden gekommen ist und den wir *-* so wie ich ihn ver stehe — leider in den zehn Jahren des Zionismus noch nicht wieder gewonnen haben. Wir würden ihn wiederfinden können, wenn unser etwas oberflächlicher Dünkel uns gestatten wollt ihn dort zu suchen, wo er in Wahrheit herrlich blüht: im russischen Judentum. Wie? Rede ich zu Zionisten nach zehn Jahren Zionismus? Sollten wir wirklich heute noch nicht begriften haben, was Theodor Hcrzl bereits wie eine herrliche Wahrheit aufge gangen war auf dem ersten Kongress! ״Eiir mich, ich gestehe ts," schrieb damals Hcrzl, ״war das Auftreten der Juden aus Russland das grösste Ereignis des Kongresses.Da tauchte vor uns auf dem Baseler Kongress ein russisches Judentum auf, das wir in solcher Kulturstärke nicht erwartet hätten.Fasse ich diesen Eindruck, der sehr stark war. in ein Wort zusammen, so ist es: Sic besitzen die innere Ein* heit, die den meisten europäischen Juden abhanden gekommen ist. Ihr Weset» ist einfach und ungebrochen. So bringen sic es fertig, aufrecht und echt zu sein.‘‘ Von Hcrzl schrieb Nordau nach dessen Tode: ״Sein Geist w׳ar genährt und geschmückt von der modernsten, aufgeblähtesten Gesittung Westeuropas und sein Herz schlug doch zugleich im Gleichtakt mit dem jüdischen Herzen des traditionellsten Ostcuropas.*‘ Das schrieb Nordau von Herzl, nicht von den deutschen Zionisten.- Was w׳ar das doch für eine bezeichnende Begründung bei der Wahl der deutschen Mitglieder des grossen A.*K׳, dass man einen der Besten unter uns glaubte ablehnen zu müssen, weil er nicht in der deutschen Landsmannschaft wurzle." Aus zwingenden äusseren Gründen und sehr zum Schaden der inneren Entwickelung unserer Partei muss sie sich in Lands* mannschaiten gliedern. Aber wollen wir jetzt — da uns nun seit zehn Jahren eine grosse gemeinsame Idee verbindet und wir uns als ein Volk fühlen, Ein Volk — damit wieder beginnen, die (ircn/.pfähle anders zu empfinden als eine grausame Ircnuung! Und dann; wo ist denn das kräftige, triebfähige, gesunde Erdreich bei uns, in dem siclfs wurzeln liessc? Da icli cltH.lt schon Herzl zitieren konnte, so sei aus jenem Aufsatz noch das hierher gesetzt: ,,Es gibt einen gewissen westeuropäischen Hochmut, welcher die Juden anderer Länder als recht zurückgebliebene Geschöpfe behandelt. Immer ist der ein Barbar, der nicht verstanden wird." Hüten wir uns in jenen 1־eitler zn vetfallen, den wir an anderen seit Jahren rügen. Wir sind auf dem bestell Wege dazu. Ein plattes i'piessbürgerttim beginnt sich bei uns breit zu machen, eia anmasscitder Sinn für reit! äusserlichcs, eine Art von Selbst* gemigsamkeit und Empfindlichkeit, die nicht in unsere Bewegttng gehört, uie aber unter uns nicht ge!ade peinigend empfunden wird. Man wird sielt vielleicht darüber entrüsten: che man midi noch auffordern konnte, den Beweis für diese harten Worte zu führen, gestehe ich zu, dass das im einzelnen gar nicht möglich ist. Mir aber wäre es schon deprimierend genug, wenn man’s bei ehrlicher Selbstprüfung etwa noch nicht erkennen möchte. ״Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr vverdet’s nicht erjagen.“ Ich wiederhole: zehn Jahre Zionismus sind ins Land gegangen und noch hat die deutsche Landsmannschaft des Kongresses sich nicht in das einzig mögliche Verhältnis zur russi* sehen Landsmannschaft zu setzen gewusst. Sie hat noch nicht begriffen, dass eigenkräftiges, ungebrochenes Judentum, kurz, dass die ״Jüdischkeit", der sie ermangelt, nur dort zu finden ist und dass das Wertvollste eines jeden Kongresses, die Brücke zu schlagen zw ischen Ost und West, bisher meist un* genützt blieb. Wir haben uns überhaupt kaum ernsthaft bemüht, das russische Judentum zu verstehen. So voller Verstündnislosigkeit sind wir für das, worauf cs ankommt, dass es uns noch nicht einmal drängt, jene kennen zu lernen, die wir als Laiidstuaunscliait beeinflussen möchten. Wer sich etwas nur Mühe gab, die Vorgänge während des Kongresses zu deuten, musste verstehen, dass in der Erage der Leitung vu bratque gespielt wurde. Die deutsche Landsitiannschaft aber war von einer erstaunlichen Harmlosigkeit. Soweit sich jetzt schon beurteilen lässt, scheint die Sache nicht gefährdet. Der Dank daiiir aber gebührt weder dem trotzigen Sinn des Führers, noch der absoluten Gefolgschaft einzelner Landsmannschaften, voran der deutschen, sondern der Selbstüberwindung der Russen, ihrem Verständnis für die •Situation tmd eitler Disziplin ,die in der Schlusssitzung einen Zug stillef Grösse hatte. Die l'ültrer der deutschen Landsmannschaft wollten ihr aut diesem Kongress zu neuer Bedeutung verhelfen, ohne aber zu versuchen, die Landsmannschaft dem Verständnis dafür näher zu bringen, dass ihrer Gruppe eine innere Bedeutung heute noch nicht zukommt und nur erlangt w ird im ehrlichen Bemühen nach einer Synthese zwischen Ost und W'cst. Sie ׳»יי׳•«•«*׳«,•«׳