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Jüdische Rundschau · 1907-08-30 · Heft 35 (30.8.1907) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Seite 365 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 35 Denn es ist für ihn leichter, die hebräische Sprache zu lernen, als eine andere. Der Araber muss seinem Kind ebenso Adieu sagen, wenn er es in eine andere Schule schickt, wie die Juden in Russland und anderswo. ,Jetzt finden Sie in Palästina kein Plätzchen mehr, wo nicht die Missionäre Schulen errichtet haben, selbst Russland, das zu Hause nicht einmal Schulpflicht hat, besitzt dort Schulen, nur die Juden besitzen keine. Doch wir brauchen keine innere Mission zu treiben. Es genügt für uns, wenn die Juden nicht gezwungen sind, fremde Schulen zu besuchen. Erst seit der letzten Zeit sieht man auf diesem Gebiete eine gededhfiche Entwicklung. Auch;dcr Milfsvercin hat Schulen errichtet, das ist die dritte Kategorie. Der Hilfsverein ist, sie wissen ja, keine zionistische, nicht einmal eine klar aus* gesprochene nationale Organisation, und doch, er leistet sehr \icl. Ich habe die Schulen des Hilfsvcrcins besucht und mir ein objektives Urteil gebildet. Der Vorsitzende des Hilfs* Vereins hat ausdrücklich erslärt, sein Wunsch gehe dahin, dass kein Schüler des Hilfsvcrcins gezwungen sein solle, das Land zu verlassen. Er strebt danach, dass sämtliche Kinder im Lande oder in Syrien bleiben. Da kommt es denn vor allem auf den Grundstock an. Es ist notwendig, dass man Kindergärten einrichtet und die sämtlichen Kindergärten nun, die bestehen, befinden sich unter dem Schutze des Hilfsvereins, und die Rothschildschen Schulen sind jetzt gezwungen, dem Hilfsverein nachzuahmen. Die ersten zwei Jahre nun wird ausschliesslich in hebräischer Sprache unterrichtet Ich habe natürlich auch viele Lehrer kennen gelernt, und so weit ich beobachtete und meine Freunde mich informiert haben, haben wir keinen Grund, mit diesen Lehrern unzufrieden zu sein. Sie sind sehr gute Juden, sehr gut national ge* sinnt und verstehen ihr Fach. Auch das Lehrerseminar habe ich kennen gelernt. Selbstverständlich ist es erst im Ausbau begriffen, aber es war mir eine Freude, dem Unterricht bei• zuwohnen, ich fand ihn sehr gut. Ich will Ihnen hierzu noch en passant einige Beobach* tungen erzählen. Ein orthodoxer Jude, ein Doktor aus Deutschland, der kein Zionist Ist, kein Zionist war, vielleicht sogar unser bitterer Gegner, kam nach Palästina, und Sie werden hören, wie dieses Land auch einen solchen Gegner sozusagen in einen Zionisten verwandeln kann. Er kam nach Palästina und sah, wie die hebräische Sprache lebendig war. Allmählich vervollkomnmete er sich noch weiter in der hebräischen Sprache und kam schliesslich so weit, dass er Geometrie und Physik in der hebräischen Sprache vor* trug. Und cs fehlte ihm kein Wort. Ich habe gesehen, wie man dort den kleinen Kindern in hebräische! Sprache die Botanik beibringt, cs wird Ihnen vielleicht sentimental klingen, für mich ist cs reine Musik gewesen. Die Sprache war eine ganz andere im Munde dieser Lehrer, die mit ihr zusammen im Land aufgewachsen sind. Wenn die deutschen Professoren daran zweifeln, ob wir es mit einer lebendigen oder toten Sprache zu tun haben, dann sollen sie einmal für 3 Monate Schulgeld bezahlen und sich dort zu den Schülern setzen, dann werden sie es verstehen. Allein, man muss mit der Arbeit weiter gehen. In Pa* lästina haben Sic schon eine grosse Anzahl von Eltern, die sich nicht zufrieden stellen mit der Elemcntarschulbildung. Sic wollen, dass die Kinder im Lande bleiben. Man muss also auch eine Mittelschule haben. .Auf diesem Gebiet hatten wir bis vor kurzem noch nichts geschaffen. Nun haben wir den Unterbau eines Gymnasiums, und ich sage es ganz offen, als ich nach Palästina ging, hatte ich ein gewisses Misstrauen gegen das sogenannte Gymnasium, ich war nicht vorurteilsfrei, ich glaubte, dort etwas zu finden, was sich nicht mit diesem Be* griff deckt. Ich muss zu meiner Freude konstatieren, dass ich mich getäuscht habe. Zwar machte die Anstalt noch den Eindruck eines ersten Versuches, aber eines guten, und ihre Leiter sind von uneigennützigsten Motiven geleitet. Wenn den Eltern in Palästina die Möglichkeit gegeben wird, die Kinder nicht in das Ausland zu schicken, so wird das unabsehbaren Nutzen bringen. Die Mehrheit der Russen, die jetzt nach Palästina gekommen und weggegangen sind, taten es, weil sic keinen Platz fanden, ihre Kinder erziehen zu lassen. Sie wissen ja, wieviel Wert die jüdischen Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder legen. Die Frage ist also im höchsten Grade reif, und es ist wirklich sehr an der Zeit, dass eine gute Mittelschule in Palästina geschallen wird. Man hat Ihnen vom Bezalel einen Bericht gegeben. Aber, meine Damen und Herren, es freut mich gewiss sehr, dass Sie Herrn Prof. Schatz solch warme Gefühle entgegenbringer. (stürmische Ovationen für Prof. Schatz), es hätte mich aber noch mehr gefreut, hätten Sie diese warmen Gefühle seiner Schule entgegengebracht. (Beifall.) Ich muss Ihnen nämlich sagen, diese vorzügliche Schule befindet sieb noch in einem embryonalen Zustand, und von der zionistischen Organisation ist cs abhängig, ob wir cs nicht in Zukunft bereuen werden, dass wir applaudiert haben. Sehen Sie zu, dass wir am neunten Kongress nicht wieder nur applaudieren. Der Boden in Palästina ist gut, aber wenn man solchen Boden hat, muss man auch fest bauen und mit Applaudieren baut man nicht, sondern mit Mitteln und Unterstützungen. Fs muss ganz anders gearbeitet werden, und es muss etwas auderes geschehen, damit alles, was im Lande bereits vorbanden ist, fest ist und Existenzberechtigung findet. Wenn Mir so arbeitet!!, wie wir bisher gearbeitet haben, dann, vorchrter Kongress, geht es allerdings nicht, denn wir arbeiten \iel zu wenig. Was aber ist es, das uns in Palästina fehlt? Wie soll das ganze Schulwesen geregelt werden, wie soll das Schulwesen ausgebaut werden? Was in Palästina fehlt, das ist einheitliches System. Wir haben dort den Merkas Hamorim, das ist die Körperschaft der Lehrer. Aber diese Lehrer sind zu schwach, um etwas zu schaffen. Denn erstens erteilt jeder dieser Lehrer in der Woche mindestens 28 Unterrichtsstunden, und dazu muss er mindestens 60 Stunden arbeiten. Die Leute schlafen niciit. sie essen nicht, sie arbeiten. Man kann sich aber nicht mit dem Oesamtausbau bcschäftigen, wenn man schon zehn Stunden gearbeitet hat. Zum zweiten fehlt es an Mitteln. Und noch eine Sache; cs ist notwendig, dass eine Person, die ausserhalb dieser Körper- Schaft stellt, die ganze Sache organisiert. Die Lehrer sind nicht Imstande, sich zu vrganisieren und die ganze Sache zu übernehmen, dazu muss man noch Kräfte haben. Das System fehlt. Kein einziger beinahe von den Lehrern hat ein Lehrbuch oder eine Methode, jeder muss seine Lehrbfieher ausarbeiten. Wenn er in der Arithmetik oder Botanik zu unterrichten hat, so muss er sich auf jede einzelne Stunde vorbereiten, und meinen Sic, dass die eine leichte Aufgabe ist? Meinen Sie etwa, man könne Lehrbücher aus dem Russischen übersetzen, oder aus dem Französischen oder Englischen? Für Palästina muss man andere Lehrbücher für Geographie, Geschichte, Arithmetik usw. haben. Sie haben dort wirklich ganz andere Bedingungen, sic haben andere Aufgaben, andere Münzen, andere Masse und überhaupt andere Kombinationen. Und das Fazit, wir hatten keine Literatur. Es sollte eine Körperschaft vorhanden sein, die für die jüdischen Schulen so etwas schafft. Die Lehrer könnten sich dann ganz dem Unterricht zuwenden, und sic hätten dann auch noch etwas Zeit für Erholung. Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass es keine Geahr ist, wenn die Erwachsenen aus fremder Literatur ihre Nahrung ziehen, aber wenn der kleine Junge oder das kleine Mädchen aus der fremden Sprache schöpfen, dann gehen sic uns zur Hälfte verloren. W׳ir müssen also sehen, dass wir eine eigene Literatur bekommen. Eine anständige Karte von Palästina haben wir z. B. bis zum heutigen Tage nicht, man musste immer fremde Karten benutzen. Was muss geschehen? Erstens muss eine Organisation in Palästina geschaffen werden, nennen wir es ein kleines Mi-

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