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Jüdische Rundschau · 1907-08-30 · Heft 35 (30.8.1907) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 35 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 364 JÜDISCHE RUNDSCHAU. _ No. 35 erzieht sic Ja nur dazu, damit sic die Möglichkeit haben, nachher das Land zu verlassen. Und dies war nicht der Wille einer einzelnen Person, sondern man hat es zum abgerundeten System gemacht, so dass cs kein Wunder ist, wenn die Kinder dann das Land verlassen. Wenn Sie sich nach den Kolonien begeben, werden Sic ganz andere Verhältnisse finden, ln den Kolonien kann man merken, dass ein Neues jetzt in Palästina heranwächst. Es wird wirklich eine neue Organisation geschaffen, und die Kinder werden da, wo die Anstalten nicht von den Adminjstrationen unterstützt werden, recht gut erzogen. Wenn die Schulen auf Kosten der Kolonisten mit Unterstützung der Chowcwc Zion oder sogar der Jca unterhalten werden, dann geht cs ganz gut. Die Kinder bekommen eine ganz natürliche Erziehung, die Unterrichtssprache ist die hebräische. Aber, meine Damen und Herren, Sic sollen nicht meinen, dass man cs dort mit dem Hebräischen ebenso treibt wie in Russland oder Amerika oder in einem andern Lande. Es ist ein Unterschied. Ich habe gesehen, wie 200 Menschen auch in Haitimore die hebräische Sprache erlernten. Immerhin existiert ein schroffer Gegensatz zwischen Schule und Haus. Das Kind kann nach dem 1?. Jahre nicht mehr in der Schule bleiben. Es behält noch einige Jahre die hebräische Sprache, und dann ist sic vergessen; denn keine Nation der Welt kann zwei Sprachen beherrschen. Meine Damen und Herren, nur die reichen Leute, welche eine Auswahl in ihier Garderobe haben, die ein paar Sommer- Wohnungen und Villen besitzen, nur diese sind imstande, mehrere Sprachen zu beherrschen. Die Masse beherrscht nur eine Sprache, und cs ist schon genug, wenn sic diese eine Sprache beherrscht. Es ist also unmöglich, dass uns die hebräische Sprache in Amerika oder Russland erhalten bleibt. Wir sind dort Ausnahmegesetzen unterworfen, und der hebräischen Sprache droht eine Gefahr, dass sie die Sprache der einzelnen Gelehrten bleiben wird, aber nicht die der Masse. Es ist sehr schön, sehr gut, dass wir auch zu Paliiativmittcln in der Diaspora greifen, aber es existiert eben überall der unfibcrwindlichc Gegensatz zwischen Schule und Haus. Einen einzigen Platz auf der Erde habe ich gesehen, wo die hebräische Sprache nicht aussieht wie die kleine Palme, die einem Salon zur Zierde gereicht, sondern wo die Sprache wuchs, wie die Pahnc an den Ufern des Mittelmeers. Es ist eine ganz andere Sprache, die die Kinder führen. Sie lebt wirklich in ihrem Munde. Und Sic dürfen auch noch das nicht vergessen: ln ganz Palästina existiert keine herrschende Nation, und das sollten wir uns merken. Ucberall in der Welt haben Sie eine herrschende Nation. Ob sie bereits eine Rolle spielt oder sic erst in der Zukunft spielen wird, ist gleichgültig. In Palästina haben wir solch eine herrschende Nation nicht. Die Hcrrschcrrollc spielen die Türken, diese sind aber ganz abwesend. Die Araber und Fellachen aber besitzen keine so hohe Kultur, dass sic den Ton angeben könnten. Ferner haben sie dort noch verschiedene Nationen, die sich unter einander befehden. Es gibt keine einheitliche und keine herrschende Nation, und deshalb ist dort die hebräische Sprache gerade am Platze. Und noch eins! Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in Palästina jemenitische, scpltardischc und aschcnasischc Juden, dass wir cs alo mit verschiedenen Elementen zu tun haben. Solle« diese eine künstliche Sprache erfinden, um sich gegenseitig zu verstehen? Oder sollen sie etwa die französische oder englische Sprache wählen? Dazu muss ich Ihnen sagen, meine Damen und Herren, ich wohnte dem Unterricht in verschiedenen Schulen bei. In den Schulen des Hilfsvcrcius wird viel mehr Hebräisch gelehrt als Deutsch. Wenn Sie mich aber fragen, welchen Ein* druck ich in den anderen Schulen, wo fremde Sprachen gelehrt werden, empfanget־, habe, so habe ich nur die Antwort, die Kinder verstehen die deutsche Sprache nicht, es ist ein־ fach Quälerei. In den Rothschildsehcn Schulen hat man 20 Stunden englischen Unterricht und 10 Stunden Hebräisch. Dass die Kinder sehr schlecht englisch sprechen, habe ich 'verstanden, weil ich sic verstanden habe, dass die Kinder aber sehr gut hebräisch sprechen, habe ich auch verstanden, weil ich sic verstanden habe. (Heiterkeit.) Nach den Schulen der Alliance haben Sic eine ganze Stufenentwicklung. Die Ica kümmert sich nicht um den Unterricht. Der Unterricht ist abhängig von dem Lehrer. Steht ein nationalgcsinntcr Lehrer an der Spitze, dann ist die Sache gut, steht ein Franzose an der Spitze, dann ist sic nicht gut. Und dazu möchte ich bemerken, der Franzose ist in der Regel gar nicht aus Palästina, sondern aus Bordeaux, Paris oder Nancy. Und diese Lehrer können Kinder in Palästina gar nicht erziehen, sic verstehen sic die gar nicht. Sic haben eine andere Psyche. Ganz anders steht es mit den Schulen, die von dem Odessaei Komitee, beziehungsweise der chowcwezionistischen Organisation unterstützt werden. Es sind nur eisige Schulen. Die Hauptsache ist die sogenannte Bet Hascfer Lebanoth in Jaffa, dort haben ungefähr 300 jüdische Mädchen. Für mich ist cs nichts Wunderbares, wenn man hebräisch spricht. Aber dass man so spricht, wie dort gesprochen wird, dass man alles in der hebräischen Sprache erklären kann, wie es hier geschieht, das habe ich nicht erwartet ״- und ich habe viel erwartet. Ich will nicht sagen, dass die Schule ganz fertig i§t, sic muss noch ausgebaut werden, die Mädchen müssen noch manches lernen, damit sie im Lande bleiben können. Aber jedenfalls sehe ich, dass wir eine gesunde Richtung eingeschlagen haben. Eine ״gesunde Richtung“ in Palästina — d. h. cs muss alles nur natürlich sein. Und das erleichtert die Aufgabe des Lehrers. Geehrter Kongress! Wenn unsere Eltern, die noch ein warmes Herz und gewisse jüdische Gefühle sich bewahrt haben, wenn diese Eltern schweren Herzens ihre Kinder in ein russisches Gymnasium schicken, dann müssen sic bei 99 Prozent Adieu sagen. Und das Ist so in der.ganzen Welt. Es gibt keinen Pardon. Wir sind auf eine schiefe Ebene geraten. Man kann nicht g*gcn die ganze Umgebung kämpfen. Ganz anders ist cs in Palästina. Hier braucht man nicht den Kindern Nationalismus cinzuimpfcn. Man muss nur sehen, dass man nicht das Vorhandene hcrausreisst in der jüdischen Schule. Dan wächst alles natürlich. Das Mcnschenmatcrial, das Schülcrmaterial erleichtern die Aufgabe des Lehrers in Palästina. Ich war in der russischen Schule. Man hat mir die Kinder für 2 Stunden in der Woche zum Unterrichten gegeben. Allein, es ist sehr schwer in 2 Stunden gut zu machen, was andere schlecht gemacht haben. In Palästina sagen die Eltern einfach dem Lehrer, wenn sie zu ihm Vertrauen haben: Mach aus meinem Kinde einen normalen Menschen, und das bedeutet: mach aus ihm einen guten Juden, einen guten Zionisten, der national, doch nicht chauvinistisch gesinnt ist, und für sein Volk sehr viel zu leisten imstande sein wird, auch sehr viel leisten wird. Ich war ln verschiedenen Kolonien und ich habe da 2 Systeme gefunden. In Pctach Tikwah haben alle Knaben in der Schule ausschliesslich französisch gesprochen, die Mäddien haben ausschliesslich hebräisch gesprochen. Und das soll ein System sein. In einer anderen Kolonie habe ich gehört, die Kinder verstehen keine andere Sprach ausser Hcbräisth. Nun ist die Frage des hebräischen Unterrichts eine Hauptfrage, die wir uns hüten müssen, leichtsinnigerweisc zu unterschätzen. Wir würden z. B. wissen, dass jeder Araber, dci in die Schule der Missionäre kommt, uns verloren geht. Wir wollen doch, nicht wahr, keinen Antisemitismus Im Lande haben, und den Arabern wird leicht von solchem Geiste etwas eingeflösst, wenn sic keine andere Schule haben. Der grösste Teil der Araber wäre meiner Meinung nach damit voll einverstanden, seine Ki»dpr in jüdische Schulen zu schicken,

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