Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651535--04954-2661954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 35 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 363 ' *i J *, Auftreten seine Meinung geändert. Das darf für einen Juristen kein Grund sein. Trotzaliedem treten wir für die Aendcrung des Statuts ein. Damit führen wir nur die Änderung des II. Kongresses durch. Das heisst , aber noch nicht, dass wir den Prozess führen. Der Prozess kann nicht vom ganzen Kongress begutachtet werden.' Dafür wühlen wir das neue Engere A.-K., das sich die nötigen Fachleute hinzuzieht. Wir dürfen nicht sagen: Fiat iustitia, percal mundus. Dr. A. Ha Ipern (Stahislaii): Wir können letzt nicht• mehr zurück. Das hiesse das Schlachtfeld räumen. — Greenherg hat auch nur Sclircckbildcr auigestellt. Wenn wir den Prozess aufgehen, dann wird cs heissen: Niederlage des Zionismus. Die Eine der Bank ist hier engagiert. Dr. Tschlenow׳: Die einzige dauernde Bürgschaft für die richtige Verwendung der Gelder gibt nur der Geist unserer Organisation, nicht ein Statut. Das Statut allein wird eine!. Missbrauch auch nicht hindern. Unsere Ehre wird nicht gekränkt durch Aufgabe des Prozesses. Ich spreche mich jedoch für die Fortführung des Prozesses aus. weil vor allem die Kongressbeschlüssc bindend sein müssen, und dann, weil die Sache für England eine allgemein zionistische Bedeutung zu haben scheint. Doch müssen wir uns fragen, ob cs nicht ausgeschlossen ist. dass bei einer Änderung des Statuts das Geld den Territorialisten ausgezahlt werden müsste. Das muss gründlich studiert werden. Wahlen wir also drei Juristen, die mit dem Engeren A.-K. die Sache beraten sollen. Ein zweites Mal w ird eine solche Krankl eit wie der Tcrritorialismus in unserer Mitte nicht ausbrcchen können. Ing. S y r k i n wünscht, dass der Sollicitor der ׳Bank selbst Auskunft gibt. B o d c 1111 e i m c r - T s c 111 c 11 o w vereinigen ilircu Antrag mit dem von Katzenelsohu und Rosenbauin. Unter grosser Erregung wird nach mehreren Bemerkungen zur Geschäftsordnung über diesen Antrag abgestimmt. Der Antrag wird mit 130 gegen 103 Stimmen angenornmen. (Grosser Lärm und Unruhe.) Ben t wich wünscht wegen Unsicherheit der Zahlen namentliche Abstimmung. Der Präsident erklärt das für unzulässig und gibt Dr. Sch. L c w i n das Wort zu seinem Referat. Dieser erklärt, nicht eher sprechen zu wollen, als bis der Präsident auf andere Weise Ruhe im Kongress geschaffen hat. Die grosse Unruhe, Zwischenrufe usw. dauern an. Einige Delegierte rufen, dass sie irrtümlich für den Antrag gestimmt hätten. Sturmann: Die IS Poalc-Ziön t haben missverstandlichcrwcisc für den Antrag gestimmt. (Der Lärm dauert an: der Präsident schwingt unaufhörlich die Glocke). Dr. Magncs beantragt auch namentliche Abstimmung, Dr. Friede mann schlägt stati dessen Abstimmung durch Hammelsprung vor. Green borg: Der Kongress hat gezeigt, dass er unbewusst die Gegner der Statutenänderung unterstützt. Die Re- Solution sagt, dass der Kongress ganz stramm am Prinzip der Abänderung fcsthült. 130 waren für den vorgclegten Antrag, 102 dagegen; und die Tatsache, dass der Kongress so heschlossen hat. wird von Zaugwil! benutzt werden. Darur!, schlage ich vor, dass jetzt eine einfache Abstimmung darüber vorgenonnnen wird, ob der Kongress für oder gegen die Statutenänderung ist (Beifall). Allmählich legt sich die Unruhe. Der Präsident stellt an den Kongress die Frage, w׳er für die Abänderung der Bank- Statuten ist. Der Kongress votiert unter grossem Beifall m i t a 11 c n Stimmen gegen die Stimme von Co wen!Mr. Grccnbcrg enthielt sich der Abstimmung) für d i e A b ä 11 d c r u n g der Statuten, w orauf sofort die Ruhe im Kongress hergestellt wird. Der Präsident erteilt das Wort Dr. Sehern arjahu Lcwin zu seinem Referat Ueber nationale Erziehung in Palästina Dr. L e w i n (mit stürmischem BciiaU empfangen): Die Aufgabe, die ich habe, ist sehr schwierig, weil die zionistische Organisation als solche sich mit der Frage der nationalen Erziehung der heran wachsenden Jugend in Palästina noch viel zu wenifl beschäftigt hat. Es sind verschiedene Organisationen, die Schulen in Palästina errichteten und erhalten, und die weiter noch die Absicht haben, neue Schulen . . » . I * *• . * zu gründen. Die zionistische Organisation aber hat diese Art der Tätigkeit ausser acht gelassen, nicht etwa aus böser Absicht oder aus Nachlässigkeit, sondern einzig und allein aus. dem Grunde, weil die Kongresse nie Mittel für diese Zwecke bcw׳i!ligt haben. Einen Bericht über die Tätigkeit der Chowcwc Zion, des Hilisvercins. der Jca oder der Alliance IsTaelitc hier zu erstatten, wäre natürlich ganz überflüssig. Ich werde also zu Ihnen nur einige Worte über das Vergangene lind Über das Bestellende in Palästina sprechen und ein Wort auch über das Erwünschte rxJer Gewünschte. Sie wissen, dass verschiedene Nationen in Palästina mit* einander wetteiieru, einen machtvollen Einfluss auf die heranwachsende Generation zu gewinnen. Es sind dies die Frauzosen, die Italiener, die Deutschen und auch die Amerikaner, die Griechen und noch verschiedene kleine Nationen. Diese treiben aber Mission, und noch bis zum heutigen Tage muss man mit der traurigen Tatsache rechnen, dass Hunderte von jüdischen Kindern diese Schulen der Missionare in sämtlichen Städten Palästinas besuchen, unJ zwar erstens aus dem Grunde, weil die Juden keine genügende Zahl von Schulen haben, und zweitens, weil die jüdischen Schulen bis in die letzte Zeit nicht aut derselben Hobe standen, wie die Schulen der Missionare. Fs wäre schon 11־.chste Zeit, dass die Juden, wenn sie sich auch gar nicht mit äusserer Mission beschämgen, cs nicht mehr zulassen, das«; die jüdischen Kinder gezwungen sein sollen, fremde Schulen zu besuchen. Ich kann Ihnen unter anderem eine Tatsache!nitteilen. In Beirut bestellt ein amerikanisches College, und dieses ist das beste. Die Amerikaner machen keinen Unterschied zwischen den Nationalitäten und den verschiedenen Religionen. Sie sind überhaupt sehr tolerant, und trotzdem ist es obligatorisch, dass jeder Schüler und jeder Student die Kirche zweimal taglieh besucht. Ich spreche nicht aus religiösen Motiven. Diese Gründe liegen mir fern, aber ich finde, cs ist etwas Unschönes, etwas Unästhetisches in dieser Erscheinung. Jüdische Kinder müssen in die Kirche gehen! I Die Juden haben sich aber sehr wenig darum bekümmert, für die heran wachsende Generation etwas Solides, etwas in sich Abgeschlossenes, Vollendetes zu schaffen und wenn wir praktische, oder wie man es jetzt nennt, reale Arbeit in Palästina leisten wollen, so hätte ich Ihnen eine Aufgabe zu stellen, wie wir sie in jeder zw eiten Klasse einer Volksschule zu lösen haben. Wir haben ein Fass mit zwei Oefimmgen. durch eine fliesst das Bier oJer Wasser in einer Stunde hinein, durch die zweite in einer halben Stunde hinaus. Wenn wir beide Zapfen öffnen, wann wird sich das Fass füllen? Wenn wir von Palästina sprechen, müssen wir doch in erster Linie trachten, dass die 90 000 Juden, die dort wohnen, die unser Barvermögen darstcllcn, im Lande bleiben und dass diese Generation uns gehört und keinen anderen Weltteilen, be- Sonders die Jugend. (Beifall.) Wenn wir das System der Realschule verfolgen, was sehen wir da? Der Ackerbauer und der tüchtige Anronom werden für Kanada. Brasilien und andere Länder erzogen. In den Haadwcrkcrschuleu. die noch mehr Bedeutung haben, ist cs ebenso. Beinahe sämtliche Zöglinge, die ihr Examen gemacht haben, begeben sich nach Amerika. Dort finden sie in der ersten Zeit keine Arbeit -- und wissen Sie, was dann geschieht? Sic werden unterstützt und kosten der Jca. der Alliance und Bnci Brith unnennbare Summen. Nun könnte man meinen, dass man den Kindern keine solche Erziehung im Lande geben kann, derart, dass sie dort verbleiben können. Auf einmal selbstverständlich geht das nicht, aber von der Erziehung hängt viel ah. Wenn mau den Kindern vom ersten Jahr ab geradezu einen Widerwillen geflen das Land cinimpft, wenn sie in einer fremden Sprache u zogen werden, in französicher oder englischer, wenn man den Kindern 20 Stunden wöchentlich in der englischen Sprache Unterricht erteilt, was soll aus diesen Kindern werden? Man