Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite .348 JÜDISCHE RUNDSCHAU. T No. 34 des Antisemitismus der Tat zu erleiden hatten. Nicht.nur, weil unsere unglücklichen Brüder durch Mord, Brand, Schändung, Raub vollständig zugrunde gerichtet wurden, nicht nur, weil ihre Verzweiflung über das grausame Ende teuerster Angehöriger jeden andern Gedanken aus ihrem Bewusstsein verdrängte, sondern auch wegen treuloser Hetzreden, durch die bedenkenfreie Gegner die armen, verängstigten Opfer am Zionismus irre zu machen suchten. ״Wo war der Zionismus", hörte man spöttische Stimmen rufen, ״als entmenschte Horden im Osten die Juden niedermetzelten? Was hat er für die Verfolgten getan? Wie hat er ihnen geholfen? Welchen Schutz hat er ihnen gewährt?" Zur Ehre unserer schwer heimgesuchten Brüder sei es gesagt: Auch in ihrer tiefen Ver• zwciflung bewahrten sie genug gesunden Menschenverstand, um die Torheit dieser Spottfragen zu erkennen. Unsere Massen sehen sehr wohl ein, dass sic selbst in ruhigen Tagen für den Zionismus nicht genug getan haben, um von ihm erwarten und verlangen zu dürfen, dass er nun in den Tagen der Not für sic .Entscheidendes tun werde. (Beifall.) De! Zionismus besitzt gerade nur, was das jüdische Volk ihm gibt. Pas jüdische Volk aber hat ihm bisher nicht die Mitte! geliefert, für die VolksgÜeder in Gefahr wirksam cintrcten zu können. Sein Würde verbot ihm eitle Kundgebungen und wichtigtuerische Geschäftigkeit. Die Zionisten verschlossen ihre Trauer in ihr Herz und arbeiteten mit ziisamniengchissenen Zähnen an ihrer grossen Aufgabe weiter, deren künftige Verwirküclmng die Gegenwart nach Massgabc ihrer Kräfte vor• bereiten muss. Inzwischen haben unsere Massen besser als bisher begreifen gelernt, dass der Zionismus, wenn er sic heute nicht retten und schützen kann, morgen das Hei! ihrer Kinder sein wird. (Beifall.) Die Regierungen, um deren Wohlwollen zu werben ein wichtiger Punkt unseres Programms ist, haben uns keine nennenswerte Förderung angedeihen lassen. Um die ganze Wahrheit zu sagen: sie haben sich bisher überhaupt kaum um uns gekümmert. Das scheint manchen ein Beweis, dass wir von allem Anfang einen falschen Weg eingeschlagen haben, und dass unsere Politik, die ihre Hoffnung teilweise auf die Regierungen setzte, ein Irrtum war. Das ist jedoch ein Fehlschluss. Regierungen sind heutzutage ganz gewiss keine Verächter der Imponderabilien, und sic würden niemals zugehen, dass grosse Gcschichtsgcdanken, dass Forderungen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit für sie inhaltslose Begriffe sind. Aber Regierungen haben sieb vor allem mit konkreten, materiellen Interessen zu beschäftige״, und sie sind gewohnt, amtlich nur von solchen Angelegenheiten Kenntnis zu nehmen, für die ein Machtelement irgendwelcher Art ihre Aufmerksamkeit fordert. Solange die Regierungen im Zionismus nur die \crschwommcne Sehnsucht eines kleinen Häufleins weltfremder Träumer und Schwärmer vermuten, so lange ihnen unsere Kongresse, unsere Organisation unsere Propaganda, unsere Pläne, unsere Beschlüsse rein theoretische Oeistesspielc zu sein scheinen, haben sic von ihrem Standpunkte ans wirklich keine Veranlassung, sich mit uns cinzulassen. Pas würde mit dem Augenblicke anders werden, wo der Zionismus Millionen oder doch Hunderttauseude gegliederter, zielbewusster, einiger Anhänger, festgegründete, wirksame Einrichtungen, Geld, Einfluss, zahlreiche geistige Potenzen, hinter sieb hätte. Die Regierungen als Abwäger von Wirklichkeiten verlangen mit Recht von uns den Beweis, dass wir etwas sind, etwas haben, etwas können. (Richtig!) So lange wir ihnen diesen Beweis schuldig bleiben, dürfen, wir uns nicht beklagen, wenn sie uns vernachlässigen. Es liegt in unserer Hand, die Regierungen zu einer Änderung dieser Haltung zu bestimmen. Wir brauchen nur Machtfaktoren zu werden. Damit müssen wir anfangen, dazu durch unablässiges Predigen, Lehren, Werben zu gelangen suchen. Ein jüdisches Volk mit einheitlichem Willen, dem Entschlüsse und den Mitteln, ihn zu verwirklichen, würde nicht vergeblich bitten, dass die Regierungen amtlich seinen Plänen nähertreten (Beifall.) Noch sind wir nicht entfernt so gerüstet, wie wir sein sollten, wie wir sein müssen, wenn der Zionismus aus dem akademischen ins weltpolitische Stadium treten soll. Eines aber haben wir schon Jetzt erreicht: Wir haben die Jndenfrage, die von den einen überhaupt geleugnet, von den andern als unerheblich angesehen wird, mit Nachdruck gestellt. Wir werden dafür sorgen, dass sic nicht wieder aus dem Gesichtskreise der Regierungen und Völker verschwindet, und wir werden nicht ruhen, bis sic in zionistischem Sinne gelöst ist: durch Wiederherstellung des Judcnvolkcs, das als gleichberechtigtes Mitglied in die Völkerfamiiic cintritt. (Anhaltender Beifall.) Die Lösung der Judenirage ist eine Probe auf die ganze menschliche Gesittung. (Sehr richtig!) Die Zivilisation baut sieb auf einer Anzahl letzter Grundsätze auf, die nicht er-, schlittert, nicht un gestürzt werden können, ohne /dass *!’der ganze Bau zusammenbricht. Diese ursprünglichsten Grundsätze sind Achtung des Menschenlebens, Ahndung der Verbrechen gegen Person lind Eigentum, Gleichheit aller unbescholtenen Bürger vor dem Gesetz, noch, kürze! ausgedriiekt: Gercchtigkeit. Justitia regnorum fundamentum! Die Juden aber wei uen in dem einem Lande gemordet und beraubt, in d»׳m andern beschimpft und zuriiekgeset/.t, überall behandelt man sic, als stünden sie ausserhalb des Völkerrechts, des Gesellschafts- Vertrags, der Verfassung, des geschriebenen und imgeschrie* heuen Gesetzes. Den Juden gegenüber verleugnet man die einfachsten Grundsätze der Zivilisation und damit die Zivi• lisation selbst. (Tosende Zustimmung.) Dagegen erheben wir einen Einspruch, den man am allerwenigsten im Haag als einen platonischen ansehen darf. (Lebhaftcr, stürmischer Beifall.) Im freien Holland tagt gerade jetzt zum zweitenmal die Friedenskonferenz, die alle gesitteten Staaten beider Welten beschickt haben, um das Bestehen einer die ganze Menschheit umspnnnenden und bindenden Sittlichkeit fcstznstellcn und ihre Regeln in ein Weltgcsctzbucli zu fassen. Diese noch nicht kodifizierte, aber von allen Regierungen, den christlichen, mohammedanischen, buddliistisclieü.fohistisclien, freidenkerischen gleicluuässig anerkannte Sittlichkeit rufen wir an. In ihrem Namen fordern wir für unser Volk von 1? Millionen ö ,*reell* tigkeit. (Andauernder, stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt sieb.) Man konnte sie uns verweigern, solange Barbarei auf Erden herrschte; mau darf sie uns aber nicht länger vorcntlialten, nun, da alle organisierten Völker sich wenigstens theoretisch zur Zivilisation bekennen. (Heiterkeit.) Solange es eine Jndenfrage gibt, erweist sich die Zivilisation als eine Lüge, und jede diplomatische Konferenz zur Kodifizierung der Nächstenliebe und Menschlichkeit als eine Komödie. (Langandauernde Beifall- und Bravorufe.) In die Judenfrage spielen neben den ursprüngliche״ Grund- Sätzen der Zivilisation auch sekundäre Tendenzen hinein, die augenblicklich die Weltpolitik bestimmen. Jedes Volk fordert heutzutage fiir seinen ,Handel die offene Tiir; jedes nimmt es als ein natürliches Recht für sich in Anspruch,•zurückgebliebene Länder in die Weltwirtschaft ehizubcziehcn, wiiste Gebiete zu siedeln mul unter den Pflug zu nehmen, allzugrosse Verschicdenheiteu der Bevölkerungsdichte durch zweckmässige Wandorimg aus/uglcictien. Genau dieselben Forderungen erhebt auch der Zionimus. Wir wollen dem dünn bevölkerten Palästina Millionen arbeitsfreudiirer Siedler zufiihren, die nur d<lrt und sonst nirgendwo gedeiiien können. (Lebhafte Bravorufe.) Wir wollen das brachliegende Land, das einst jüdisch war, unter den Pilug nehmen ihm Wert gehen, cs zu einer Stätte lebhaften Güteraustauschcs, blühender Kultur, musterhafter Ordnung machen, dem türkischen Reiche, dem Jüdischen Volke, der ganzen Menschheit zum Gewinn. (Lebhafter Beifall.) Und solche Bestrebungen sollten nicht den Beiiall und die Unterstützung aller Regierungen finden? Das glaube ich nicht itn Haag der Friedenskonferenz. . k