Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ko. 34_ JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 347 Juden das cingcschlummmcrtc Stammcsbcwusstscin geweckt und sie ermahnt, sich auf ihre geschichtliche Individualität zu besinnen. Er hat sie genötigt, über ihre Stellung in der Welt, Aber ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzelmcnschen und als Gesamtheit nachzudenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde, hat sic zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist wie Jede geschichtliche Bewegung aus einem stark empfundenen und klar erkannten Bedürfnis liervorgcgangen, aus dem Bedürfnis nach einen! normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schlussfolgerung der iiidischcn Logik dieses Grundvermögens der jüdischen Psyche. Denkende Juden lassen sich flicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sie sind gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir sind empfindlich, wenn man uns in unserem Gebnrtslandc Fremde schilt. Es ist ja auch in der Tat eine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzuschcn, auf der unsere Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, zum Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch anderseits verstehen, dass die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir cs beharrlich ablehnen, uns in ihnen aufzulösen. Da richtet sich ein Entweder- oder vor uns auf, vor dem es kein Entrinnen gibt. Entweder, wir wollen ein Volk bleiben oder wir wollen kein Volk bleiben. Wollen wir kein Volk bleiben, dann gehen wir, so rasch wie cs die dcmographischen Verhältnisse irgend gestatten, in unserer Volkstimgebung auf. Wollen wir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte Sonderstellung beweist, dam! müssen wir auch die nötige Anstrengung zur Ermöglichung eines Volksdaseins machen. (Stürmischer Beifall.) Auf die Dauer aber ist es unmöglich sich als gesondertes, stammreincs Volk zu bchaupten, wenn man als scheel angesehene Minderheit inmitten einer mindestens unsympathischen, kalten, wenn nicht aggressiv feindseligen Mehrheit lebt. Wofür erhalten wir uns aber als besonderes Volk in der Zerstreuung? Pur welche Zukunft? Für welche Geschicke? Was ist der Endzweck, zu dem wir unsere Eigenart pflegen, die von der unserer Umgcbuiig absticht? Was hoffen, was erwarten wir, dass wir alle Widerwärtigkeiten, alle Nachteile einer schmerzlichen Ausuahmcstellung geduldig ertragen? Ist cs für die nationale Wiedergeburt, dann rüsten wir uns zu ihr auf die einzigmögliche Weise, durch den Zionismus. (Lebhafte‘ Zustimmung.) Erwarten und hoben wir aber keine nationale Wiedergeburt, dann ist es lediglich stumpfe Gedankenlosigkeit, dann ist cs reine Unfähigkeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenn man unter den grössten Opfern und mit den schwersten Leiden ziel- und zwecklos in einer SonderexisLnz verharrt, die keinen Sinn me!{r hat. Also: Zionismus oder nationale Liquidation. (Beiiatl.) Alles;mdere ist Halbheit und beunruhigt die Logik. Vergehens reden Tiftler Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten um diese unerschütterliche Schlussfolgerung herum. Sic drängt sich dem schlichten Menschenverstände der sclbstdcnkenden Juden auf und bestimmt häufig ihr Handeln. Wer an die Daseinsbercchtigung des jüdischen Volkes glaubt, wer ihm eine Zu- Ininft wünscht, der wird Zionist. Wer diesen Wunsch, wer diesen Glauben nicht hat, der fällt ab. Und das würde noch viel häufiger geschehen, wenn der Abfall vom Judentum, um vollgültig zu sein, nicht von! formellen Übertritt zu einem andern Glauben begleite^ sein!misste, zu dem anständige Juden sich denn doch nicht leichten Herzens entschlossen. Seit zehn Jahren rufen wir diese Wahrheiten in alle Winde. In grossen Seelen haben sic mächtigen Widerhall geweckt: die Menge aber hat sic noch nicht hören oder noch nicht verstehen wollen. Denn wir wollen uns und andern nichts vorniachcn. Wir organisierte Zionisten sind leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lassen uns das jedoch nicht anfechten. Es ist kein Grund zur Entmutigung für uns. Eine Wahrheit hat ihre eigene Tugend und Würde, die ganz unabhängig davon ir.t, ob sie von andern begriffen wird oder nicht (Beifall) und sie muss sich schliesslich durchsetzen, denn sic ist unverwüstlich. und die Zeit kann ihr nichts anhaben. Die Geschichte ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten. Sechzig Jahre lang sangen Deutsche: ״Was ist des Deutschen Vaterland?“ und Hessen sich nicht irre machen, obschon die bedeutendsten massgebendsten Männer, Minister, Würdenträger, einflussreiche Praktiker aller Art die Forderung der deutschen Einheit als eine Schwärmerei für Schützenfeste und Gesangvereine verspotteten. Ebensolange erklärten bedächtigc, nüchterne Diplomaten Italien für einen geographischen Begriff, und an eine italienische Nation glaubten nur einige romantische Verschwörer, die in Italien selbst sieben örganisierte, zum Teile mächtige Staaten und ausserhalb Italiens ungefähr alle Regierungen gegen sich hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: ״fm Jahre 1789 hat es in Frankreich keine zehn Rcpublikane! gegeben.“ Thomas Payuc, der treffliche Verfasser von ״Common seuse“ tat die Äusserung: ״Im Jahre!778 gab es in ganz Nordamerika nicht einen Republikaner.“ Michelei schrieb im Jahre 1859: ״Im Jahre 1854 habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetrofien.“ Diese Beispiele sind geeignet, uns über die Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obschon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so gross ist, wie sie sein sollte. Wir sind gewiss die letzten, uns selbstgefällig die Hände zu reiben und uns zu beglückwünschen, dass wir cs so herrlich veit gebracht haben. Gewiss: was wir erreicht haben, ist noch blutwenig. Gleichwohl haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, wenn wir auf das Jahrzehnt seit dem ersten Zionistcnkongrcssc zurückblicken. Selbst unsere materiellen Erfolge, so bescheiden sie scheinen, sind nicht allzu gering einzusebätzen, kurz sind sic schon von Herrn NVolfisohn zusammengefasst worden: Unsere Kolonialbank, von uns mit bitterer Mühe und schweren Opfern aufgerichtet, hat mit ihrem kleinen Grundstock die Anglo-Palestinc Company geschaffen, die In Palästina gute Arbeit verrichtet, im dortigen Wirtschaftleben als ein kräftiger Gärungserreger wirkt und dem jüdischen Namen das Ansehen erwirbt, das in zurückgebliebenen Ländern schöpferische Finanzinitiative begleitet. Dank dieser Anstalt sind die Juden In den Augen der palästlnischcn Eingeborenen nicht mehr wie früher verachtete Bettler, sondern Wohltäter, die das Land befruchten und Wohlstand um sich verbreiten. Unser Nationalfonds ist wurzelständig geworden und verspricht, in langsamem Wachstum sich zu einem kräftigen Organismus zu entwickeln. Ansehnlicher, wirklich ansehnlich sind unsere moralischen Erfolge. Dass der Zionismus seinen Bekennen! Selbstachtung und Würde gegeben bat, ist e'me zum Gemeinplatz gewordene Feststellung. Wir Zionisten tragen unser Judentum wie eine Kokarde (Beifall und Hänilcrklatschen), und das ist uns so selbstverständlich gevorden, dass es bereits unser heiteres Staunen erregt, wenn wir sehen, dass andere es wie eine Brandmarke scheu verheimlichen. (Beifall.) fn den Ländern mit verschiedenen Nationalitäten haben unsere Gesinnungsgenossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Rücksicht auf ihre Volksbedürfnisse und gleicher Achtung ihrer ethischen Fndividiialitnt angcmeldet. (Beiia)l.) Unserer Jugend gibt der Zionisnms Stolz auf ihre Geschichte, Glauben an sich selbst und den sittlichen Halt eines fdeals. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seinem Begründer ins Grab folgen. Er hat die schwere Erschütterung des Ver- Schwindens seines ersten Führers ohne Schaden ertragen und damit den Beweis erbracht, dass er, von Personen unabhängig, aus eigner Kraft besteht. (Zustimmung.) Schwere Gefahr drohte dem Zionismus von den zahlreichen mörderischen Überfällen, die die Juden In den Ländern