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Jüdische Rundschau · 1907-08-23 · Heft 34 (23.8.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 346 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 34 Ansprache Dr. Max Nordaus Geehrter Kongress! Ein Jahrzehnt wird in wenigen Tagen vollendet sein, seit der erste Zionistenkongress in Basel eröffnet worden ist. Unser unvergesslicher Theodor Herzl, dessen Geist auch heute Ober unserer Versammlung schwebt, erklärte in seiner Eröifnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit imperatorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Stcintafcl gemeisseltc Denkmalinschrift klangen: ״Der Zionismus ist die Heimkehr 2um Judentum vor der Rückkehr ins Judcnland'* .... ״Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuss breit erworbener Kultur aufzugeben'‘ ... ״Ein Volk kann nur selbst sich helfen; kann es das nicht, dann ist ihm eben nicht zu helfen.“ ... — ״Von einem vollständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends die Rede sein; die sich assimilieren wollen und können,* bleiben zurück und werden resorbiert.“ Dies sind einige der Kernsatze, die Herzl damals ver• kündete, und die an Klarheit, sollte man meinen, nicht zu tibertreffen sind. Gleichwohl verhinderten sie weder Miss•.erstündnissc noch Verständnislosigkeiten, Verdrehungen und Ent- Stellungen. Ein Missverständnis war es, dass man im Zionismus eine grosse Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte (Bravo- Rufe). Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in der! freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegeubrachten, weil sic glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes, der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, um die Leiden ihrer Glaubensgenossen in den Ländern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, um ihnen eine Heimstätte und vollständige Arbeitsfreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menschenwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war cs jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist keine Wohltätigkeit. (Bravorufe und lebhafter Beifall.) Einem Volke reicht man keine milde Gabe. (Erneuter Beifall.) Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischen Volke und will dem einzelnen Juden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jüdische Volk sich aus zweitausendjähriger dumpfer Ergebung aufraffen soll, um sich natürliche Daseinsbedingungen auf eigenem Boden und sclbstgeschmicdetes Glück zu schaffen. (Beifall). Die Zionisten aus Mitleid, die den geringen jährlichen Beitrag zur Bewegung, den Schekel, darboten, wie man eint kleine Münze in eine flehend ausgestreckte Bettlerhand gleiten lässt, sind denn auch grossenteils abgefallen, als sie ihren Irrtum erkannten, und treu blieben nur die, die sicli bewusst waren, dass im Zionismus ein zerrissenes Volk um die Wieder- Vereinigung seiner umhergestreuten Gliedmassen und um die Wiedergeburt ringt. Verständnislosigkeit war es, dass man den Zionismus als einen Rückfall in religiösen Fanatismus, als eine Absage an den Fortsehritt, an die Gesittung und Wissenschaft der Neuzeit, an Europa, als Sehnsucht nach Asiatentum und Gliettoab• Sperrung verklatschte. Von religiösem Fanatismus weiss der Zionismus sich vollkommen frei; zu frei, sagen gewisse jüdische Kritiker und Gegner. Er vereinigt Vertreter der Konseivativen und der Freisinnigsten des Judentums in sich. (Bravorufe.) Das Wort Asiatentum macht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt (Lebhafter Beifall), . dass man sehr wohl Asiate und gleichzeitig höchst fortschrittlich sein kann, t Erneuerter, andaueruder Beifall.) Tatsächlich aber sind wir unseres 2u<10jährigcn Europäcrtums so sicher, dass wir über die Neckerei, wir würden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen. (Sehr richtig!) Wir würden dort so wenig Asiaten im Sinne anthropologischcr und kultureller Minderwertigkeit werden, wie'die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute (Heiterkeit), in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuns geworden sind. Wir würden uns bemühen, in Vorderasien zu tun, was die Engländer in Indien getan haben, — ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft; — wir gedenken, nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken. (Andauernder lebhafter Beifall.) Ghettoabsperrung? Man verzeihe uns, dass /׳'Ir über diese kindische Formel die Achsel zucken. Freie Seelen würdigen das Gefühl, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: ״My liouse is my castle“. Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin unser Verlangen nach einem eigenen selbstgcbautcn Heim Ghettosclinsucht. Wir wissen, dass die allcrmodernste völkerpsychologische und ethnologische Erkcntnis zur Forderung führt, ein jedes Volk solle wie jedes Individuum sich nach seiner organisch begründeten oder geschichtlicl! gewordenen Eigenart auslcben und cs ablelmcn, sich durch Druck, Geringschätzung und Feindseligkeit verkümmern zu lassen. (Händeklatschen und Beifall.) Wir sind niemals fortschrittlicher, niemals moderner, als wenn wir lieber echt, als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original als eine Karrikatur anderer sein wollen. (Bravorufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verdrehungen und Entstellungen haben jede Tat des Zionistmis. jede Äusserung und Bewegung seiner Führer verzerrt, verdächtigt und verleumdet. Man hat den leitenden Personlichkciten der Bewegung uncingestehbare Beweggründe, Ehrgeiz oder gar nur Eitelkeit, Eigennutz, demagogisches Buhlen um Volksgunst nachgesagt. Der Begründer und bedeutendste Mann der Bewegung, Theodor Herzl, antwortete darauf mit dem Opfer seines Vermögens und seines Lebens, und andere tun cs ihm nach, wenn nötig bis zum äussersten. (Beifall.) Man hat das Schlagwort ausgegeben, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig im Bewusstsein treuer Anhänglichkeit an unser Geburtsland und gewissenhaftester Erfüllung aller unserer Staatsbnrgerpflichten dürfen wir diese Beschuldigung verachten. (Sehr richtig!) Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an amerikanischem Patriotismus nach gesagt, weil sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammescrinncrungen pflegen und auch di üben fort fahren, am Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen in der alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Gewiss, ergäbe sich ein Gegensatz zwischen den Interessen des jüdischen Volkes und denen unserer Landsleute, dann müssten wir in schmerzlicher Wahl uns für die eine oder die andere Seite entscheiden. Glücklicherweise besteht ein solcher Gegensatz nicht und wird noch menschlichem Ermessen in absehbarer Zeit auch nicht bestehen. Wir dürfen uns also getrost zugleich als gute Zionisten und als gesiimungsstarkc Staatsbürger bekennen. Ausser jüdischen Denunzianten und bedenken freien Judcnhasseru, denen jede Gelegenheit zur Feindseligkeit gegen uns willkommen i«♦. ha! denn auch bisher niemand ai: diesem Doppelbekeuntnis Anstoss genommen. Weit verbreitet ist die Meinung, der Zionismus sei ei• 1 Antwort auf den Antisemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nach den einen, der jüdischen Verzweiilung nach den anderen. Diese Auffassung gab manchen unserer Gegner Gelegenheit, sich in Heldenposen zu werfen und Braitiarbasredcn zu führen. ״Ihr Zionisten," prahlten sic, ״seid feige Ausreisser, wir dagegen sind tapfere Streiter; * ihr ergreifet vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf a1׳. wollen ilm in unserem Gcburtslande bestellen und die Rüstung nicht ah* legen, ehe wir gesiegt haben.*' Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. ן Der/ Antisemitismus war höchstens ein Anlass, er war sicher nicht der Grund des Zionismus. Der Judenhass hat nur in vielen

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