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Jüdische Rundschau · 1907-08-23 · Heft 34 (23.8.1907) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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jÜDiSCHE RUNbSCHAl) £ Seite 344 geschichte hinterlasscn. Greuel sind an tinserm Volke begangen worden, deren Erinnerung das Blut in den Adern erstarren macht, und vor denen die Menschheit beschämt ihr Haupt verhüllen dürfte. Das Jahr 1905 überholte an Gewalttaten manches mittelalterliche Schreckensjahr. Wer würde es unternehmen, der Jeranias der neuen Ruinen und der neuen Gräber zu sein? Wer könnte, die Unmasse zählen, die Namenlosen neunen und all die Greudszenen der Selbstwehr schildern, wo junges, hoffnungsvolles jüdisches Blut in einem heroischen, aber unmöglichen Ringen dahinsank? Wir müssen (die» Versammlung erhebt sieh), die wir hier sind, zu den verklärten Gestalten unserer Brüder und Schwestern, die mit ihrem Tode das Martyrium des Galuth besiegelten, ehrfurchtsvoll anschaticn . . . . Aber nicht durch Klagen und Seufzen, und nicht durch Ausbrüche ohnmächtiger Wut, sondern durch eine un* crmüdlichc Arbeit an unserer Erlösung werden wir ihr Andenken ehren. Natürlich waren auch wir bemüht, die Leiden zu lindern. Die momentane Notstandsaktion nahm auch uns in Anspruch. Das Programm ist bekannt: Aufrufe, Spenden, Petitionen und Proteste. Per redliche FJciss und die grossartige Opferfreudigkeit, die alle jüdischen Organisationen bei dieser schauervoüen Gelegenheit an den Tag legten, können nicht genug gerühmt werden. Wir haben auf diesem Gebiete ausserdem noch einen kleinen Versuch gemacht, der leider fehlgeschlagen ist. Die gewaltige Flut der Auswanderung, die einen noch nie dagcwcseiicn Höhepunkt erreichte, das unsägliche Elend unserer umherirrenden und umhergetriebenen Volksmassen, mit denen sich verschiedene Hilisgesellschäften, jedoch ohne einheitliche Methode befassen, veranlassten uns, eine Reform in dieser Beziehung anzuregen, um diese Arbeit auf eine breitere Basis zu stelle;!. Das war der Zweck der von uns im Januar 1906 in Brüssel cinberufcnen Konferenz. Es ist natürlich, dass wir ־eine Vereinigung jüdischer Kräite suchten, ist doch von unserem Standpunkt jede jüdische Einigung ein nationaler Wert, der dem' zionistischen Empfinden nahe stehen muss. - Der Versuch scheiterte jedoch an der ablehnenden Haltung der meisten Hilfsgcsellscliaitcp. Selbstverständlich sind wir Zionisten nicht die letzten, wo immer es sich um Hilfeleistung handelt, — und im Galuth kann man nur mit Galuthmittcln helfen. — Aber am Ende müssen wir uns doch sagen: Flick werk ist es, das nur den dringendsten augenblicklichen Bedürfnissen gefügt, Kurpfuscherei, die die nebensächlichen Symptarne der Krankheit kuriert, anstatt den Sitz derselben zu bekämpfen. Man braucht, um dies greifbar vor sich zu sehen, nur die Aufwallung und das schnelle Ermüden der leider so oft abgehetzten Philanthropie zu bcobachten. Die ersten Schreckensnachrichten rütteln die öffentliche Meinung auf, kaum ist aber die erste Anfregung vorüber, so bleibt alles beim alten, und ratlos steht die Philanthropie, von der Sisyphusarbeit ermattet. Auf dein grössten Schauplatz des Galuth, in den jüdischen Massenzeutren Osteuropas, sind die Gräber kaum verschüttet, und wer kann sagen, dass sich nicht unter den , Füssen der Lebenden ein neuer, speiender Krater öffnen wird. Ucbrigcns handelt cs sich doch nicht nur um eine bestimmte Zcitpcriode, cs handelt sich doch •um unsere Gesamtheit und unsere historischen Schicksale., Bedari es denn für uns der blitzartigen Beleuchtung unserer Diasporamacht durch ״Pogrome“? Lehrreich, wie die letzten Jahre auch sein mögen, sind sie doch nur neue und vermehrte Auflagen der alten Chronik. Werfen wir einen flüchtigen Blick auf die Geschichte unseres Volkes. ן Sie hat grosse, furchtbare Lehren erteilt. Die Mehrheit : Mo. 34 unseres Volkes *war immer in der Diaspora der Vertolgung und dem Drucke ausgesetzt, und die glücklicheren Minderheiten und die helleren Momente verschwinden in den Finsternissen des Elends. Ein Volk mit solchen Leiden muss sich doch einmal zu einer grossziigigea nationalen Selbstrcttung autrafien. Es muss doch einmal mit aller Gewalt sich dagegen aufbäumen, immer das Kanonenfutter für alle möglichen Kämpfe und für alle möglichen Umwälzungen zu sein, Es muss djeh einmal dafür sorgen, einen sicheren und würdigeren Platz zu finden, als überall zwischen Hammer und Amboss. (Stürmischer Beifall.) Geehrter Kongress! Klar und bestimmt liegt unser Programm ver Jen Äugen der Welt: Wir erstreben eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Die Unantastbarkeit dieses Standpunktes des politischen Zionismus heben wir mit de m e. r n s tc s t c n Nachdrucke hervor. Wir werden auf geradem Wege das Ziel zu erreichen suchen, das wir uns in unserm Programm vorgezciclmct haben. Es hat unserseits auch an Ansätzen und Bemühungen verschiedener Art im Laufe der letzten zwei Jahre nicht gefehlt. Wir haben die Verbindungen, die Herz! geschaffen hat, aufrecht erhalten und seitens massgebender Kreise manche Ermutigung erfahren, die uns ein mächtiger Ansporn zu weiterem Fortschreiten ist. Die Loyalität unserer Bestrebungen, die zivilisatorisch-friedliche Bedeutung unserer Unternehmuugen haben wir fortgesetzt der türkischen Regierung nahe gelegt und wir hoffen, dass die Hohe!,forte, die unserm Volke grosse S>׳mpathicn bewahrt, den riehtigen Massstab für die Wertschätzung unserer Absichten finden wird. Bedeuten doch diese Absichten für die Türkei selbst einen, wirtschaftlichen Fortschritt und einen kulturellen Aufschwung. In der Ehrlichkeit, unscrcr Bestrebungen liegen die Bürgschaften unseres zukünftigen Sieges. Nur müssen wir zäh, unermüdlich und systematisch unserem Ziele zustreben. Auf drei Grundlagen baut sich unser Arbeitsprogramm auf: Politik, Vorbereitung des Volkes und Vorbereitung des Landes. Diese drei Grundlagen greifen ineinander und alle, die an der Festigung dieser Fundamente des zionistischen Baues arbeiten, müssen Hand in Hand gehen. Die politische Arbeit ist notwendig, um die rechtlichen Bedingungen zu schaffen und die erforderlichcn Garantien zu erlangen. Das ist der gewaltige Fortschritt vom früheren Chowcwe-Ziontum zum Zionismus, der moderne grosse Zug, der Berührungspunkt mit der grossen Welt, die Linie der völkerrechtlichen Zusammenhänge, durch die unsere Bestrebungen aus den Schlupfwinkeln der kleinen Philanthropie sicli zu einer weltumspannenden Bewegung durchgcrungen hat. Dieser Kernpunkt darf nicht verrückt werden. Parallel und zu gleicher Zeit müssen wir unser Volk für das grosse Ziel vorbereiten und heranziehen. Der Zionismus muss durch eine sorgsame Pflege der nationalen Erziehung tiefer ins Volk dringen und grössere Kreise an sich ziehen. Neue Kräfte müssen sich entwickeln und entsprechende Mittel gesammelt werden, damit wir den grossen und schweren Aufgaben, denen wir entgegengehen, gewachsen sind. Von ebenso dringender Notwendigkeit ist auch die Vorbereitung des Landes. Diese Vorbereitung wollen wir auf gesunder Basis machen, und wir glauben, einen gangbaren Weg für eine regelrechte Entwicklung angebahnt zu haben. Mit Genugtuung können wir das Oedeihen unserer Finanzinstitute hervorheben. Die Anglo- Palestine Company hat bemerkenswerte Fortschritte

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