Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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te 340 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 33 nationalen Handucrkerschulc unterstützen. Mit einem Worte, Lockmittel genug. um die unwissende Bevölkerung für die segensreiche Tätigkeit des Verbandes zu gewinnen. Kiew ist tatsächlich in der letzten Zeit der Sitz der schwarzen Hundertschaften geworden. Nach Mitteilungen des Verbandes befindet sich in jedem Hause zu Kiew ein Mitglied des Vcrbartdes, der über Handel und Wandel eines jeden Hausbcvvohners zu wachen und dem Verband Bericht zu erstatten hat. Die polnische und jüdische Bevölkerung wird durch diese Zustände in furchtbarster Weise terrorisiert. Kruschewan und sein Anhang Allerorten kursieren recht bezeichnende Einzelheiten über das Verhältnis der echtrussischen Vcrbandsmitglicder unter einander. Kruschewan beschuldigte den Geistlichen Wolowei der Unterschlagung der Verbandsgelder. In der daraui iol* genden-Generalversammlung erschien der Geistliche mit seiner brau und erklärte, dass diese Beschuldigung eine Vcrleumdüng und Intriguc sei. Ungeachtet der Bitte der Versäum!- Iitng. erteilte Kruschewan den! Geistlichen Wolowei nicht das Wort und drohte sogar, ihn aus der Versammlung zu cmfernen. Auf derselben Generalversammlung beschuldigte Kruschewan die Führer des Verbandes. Purisclikew itsch und Dubrowin. dass sie 300 סי:♦ י Hube! Vereinsgelder unterschlagen haben. — Die Schulden des Verbandes zu Kiseliinew betrage:! gegenwärtig 10»mm» Rubel. Mit den Ausgaben für die bevorstehende Wahlkampagne werden diese noch beträchtlich zunehmen. Judenwanderung Die Auswanderung de•׳ Juden aus Russland hat in der letzten Zeit ungewöhnlich stark /.!!genommen. Irgendwelche zuverlässige statistische Angaben über die Auswanderung sind nicht zu erlangen, dagegen die Ziffern der sehr sorgfältig aufgcstellten Berichte der amerikanischen Einwandertmgsbehörden einen guten Anhalt t'iir die Beurteilung der Aus- Wanderung, da etwa 811 Prozent aller jüdischen Auswanderer sich nach den Ve!einigten Staaten wenden. Nach diesen Berichten sind eingewandert I89S—1899 24.275 I 1901—1902 37,846 1899— 1909 37.011 | 1902—1903 47,689 1900— 1901 . 37,660 | 1903—1904 77,544 1904 betrug die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Amerika etwa 100000 und ist seitdem noch bedeutend gestiegen. Wenn man in Betracht zieht, dass die Auswanderung nach England, Ktnada. Süd-Afrika. Palästina und anderen Ländern auch eine ziemlich bedeutende Hohe erreichte, so begreift man, um welche riesenhafte Be völ k e rungs v e r sch ich u n g es sieh handelt. Nach recht vorsichtiger Schätzung sind aus Russland im Laufe der 25 letzten Jahre über eine Million Juden ausgew andert Die Auswanderung firmet in allen Gebieten des Ansicdeltmgsrayons statt, in dem Arbeitslosigkeit und die spezifischen schwierigen ökonomischen Verhältnisse der Juden jede E.xistcnzmöglichkeit vernichtet haben. Pie Ausw anderer finden dort nicht nur keine moralische oder materielle Unterstützung, sondern es fehlt ihnen in den meisten Fällen auch an praktisch•* brauchbaren Ratschlägen für die Auswanderung, an Nachrichten über Gegenden, wo die Nachfrtge nach Arbeitskraft die Aussicht tuf das materielle Fortkommen wahrscheinlich macht. Vielfach machen sich die Auswanderer auf den Weg. ohne die nächste und billigste Verbindung mit ihrem Reiseziel z»! kennen, und fanden nicht selten unüberwindliche Mindernissc auf dem weiten Wege. Unter den! Einfluss dieser eiementaren und ungeordneten Auswanderung hat man in den Haupteinwanderungsländern eine Reihe von Bestimmungen erlassen, die sich vor alle״! gegen Kranke aber auch gegen völlig mittellose Einwanderer wenden. Gleichzeitig entstände!! in Russland selbst und in den Dtircliwandennigslniidern Orga nisationeii. deren ebenso ausgedehnte, als segensreiche Wirksamkeit die schlimmsten Hebel zu beseitigen suchte. Die Tätigkeit dieser Organisationen kann sich natnrgemäss nur darauf beschränken, die Auswanderer über den vorteilhaftesten Weg nach dem von ihnen ins Auge gefassten Ziel aufzuklären, und sie vor Uebervorteihmgeii durch unredliche Agenten zu bewahren. Aber selbst diese Vb'.ie kann bei dem steten Anwachsen der Auswuudcrcrmnsscu nur einen! geringen Teil zugute kommen. I Kanada Bericht der kanadischen Regierung über die Einwaitcrung von Ende Juni!91)5 bis Ende Juni!906 ergiht die Gesamtzahl von 189 064 Immigranten gegen 146266 im vorhergehenden Jahre. Die Einwanderung nach Kanada ist, wie aus dieser Feststellung hervorgeht, im Verhältnis zur alten Bevölkerung doppelt so gross wie in den Vereinigten Staaten; sic beträgt dort 29 pro Mille, hier 13 pro Mille. Nach den Italienern und den Endländcrn stellen die Juden die grösste Zahl von Immigranten, nämlich 7127, um 588 \v eilig er als im Vorjahr. Davon sind ans Russland 6056. Dem Beruf nach waren von den männlichen jüdischen Einwanderern Landwirte 267, Arbeiter 489, Handwerker 1870, Händler u. dcrgl. 183 und Bergleute 5. Der Bericht des Einwanderungsbeamten für W estkanada klagt darüber, dass sich dort nur wenige Juden ständig auf dem Land angcsicdelt hätten; die meisten bleiben in den Städten oder ziehen als Hausierer umher. Im Distrikt Wapclia indessen gäbe es sehr tüchtige jüdische Farmer, die je 75 bis 250 Acres bewirtschaften. Der Inspektor für den Distrikt Lipton teilt mit, dass die jüdische Ansiedelung im Osten und Nordosten 40 000—50 000 Utikliels Getreide in! Berichtsjahr auf dem Markt gebracht habe. Danach werden in diesem Distrikt 6000--8000 Acres von Juden bebaut. Der Medizinalbeamte stellt fest, dass von 186 145 Einwanderer 281 auf Grund dt r Untersuchung z u r fi c k g c w׳ i c s c 11 wurden. Von 7091 Juden, die!ויהוו untersuchte, betraf das 29 oder einen unter 254; bei den. Italienern stellte stellte sich das Verhältnis wie I zu 185, bei den russischen Nichtjmkri wie I zu 88. Naturalisation von Juden in England London, 30. Juli. Der Ministerpräsident empfing!teilte eine Abordnung einflussreicher Personen jüdischer K<׳i!;'essio״, die ilin ei suchten, dahin zu w irken, dass die Kosten f r die Naturalisation als britische Untertanen herabgesetzt würden. Canipbell-Bannennann erw iderte, er wolle mit seinen Minister- Kollegen darüber sprechen: doch dürfe man nicht erwarten, dass die Prüfung von Gestielten um Naturalisierung Schaden erleiden solle. Er persönlich würde es gern sehen, wenn die Titr zur Erlangung des britischen Bürgerrechts so weit wie n/.giieh geöffnet weide. Jüdische Arbeitsnachweise Gibt es solche in unseren! Vaterlande, werden viele Leser iragen? Ja und Nein. Wohl exisberen solche in Berlin, Fiankiurt und anJeien Orten, doch sind ihre Leistungen so gering, dass sie eigentlich ihren Zweck nicht erfüllen. In Oesterreich liegt die Sache etwas besser, teilweise unter dem Einflüsse der zionistischen Organisation, teilweise du?e!1 die Organisation der jüdischen Arbeiter au! ponleziomstisehoi Grundlage hat sic!! manches in dieser Beziehung gebessert, ln Wien und Prag wurde ein Verein iiir unentgeltlichen Arbeitsnachweis gegründet, und zwar ebenso wie in Berlin vo:1 den Bne-Britli-Logen. Wahrend jedoch die beiden Vereine in Wien und Prag ziemlich rührig arbeiten, ist dies in Berlin nicht der Fall. Der W'icncr Verein z. B. veröffentlicht in den jüdischen Zeitungen und in den Tageszeitungen wöcheutb'' ein ausführliches Verzeichnis der angemcldctcn Bewerber. Es heisst da z. B.: Am I. August standen in Vormerkung 6 An- Streicher. 10 Buchbinder, 40 Schlosser etc. Der Prager Vcrein veröffentlicht zweimal wöchentlich im PRAGER TAG- BLATT eine Liste der gesuchten und Steilung suchenden Bewerber. ■ . Was tut der Berliner Verein? Er veröffentlicht von Zeit zu Zeit, dass so und so viel Personen durch seine Vermittlung «.dauernde*' oder ״vorübergehende*' Beschäftigung fanden. Die Anzahl der vorgemerkten Bewerber werden aber verschwiegen, so dass man über die Leistungen des Vereins nicht unterrichtet ist. Aus eigener Erfahrung. kann ich sagen, dass die Erfolge, die der Verein auizuweisen hat. nicht befriedigend sind. Auel! hisst die Behandlung der stellmigsuelienden Bewerber tipcl! viel zu wünschen übrig. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf einen anderen Umstand hinw eisen, der leider viel zu wenig beachtet wi.׳h Es ist dies die Ausschliessung der jüdischen Angestellten *eiten, gewisser Firmen. Wir können natürlich dem iiiclitjüdischen Kaufmann nicht zmn Vorwurf machen, dass er in einer Annonee einen christl. Angestellten sucht. Der ״Zentralvercin‘* glaubt nämlich, darin schon Antisemitismus zu erblicken, dass eine christliche Sialüw arenüriua einen christl. Buchhalter sucht. Dagegen hisst siel! ebensowenig etwas einw emien, ׳wie wenn eine andere Firma einen jüdischen Angestellten haben will. Wogegen wir ganz, euergisch protestieren müssen, das ist der prinzipielle Aus- Schluss von Juden in gewissen Geschäften, z. B. Ru- 1 dolph Herzog etc. oder die Bevorzugung von Niditiudcn in jüdischen Anstalten. In der jüdischen — pardon israelf• tischen — Hochschule und Volksküche zu Berlin z. B. werden lüdimie!» beinahe überhaupt nicht mehr beschältiet. Die Kassiererstelle wurde dreimal nacheinander an Nicht- Jüdinnen vergehen, trotzdem sich genügend jüdische Bewcr- *