Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651533--04910-2661908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 339 (hrüchtes abgesehen, haben aber sofort direkte Erkundigungen! cingezog'cri. die ergaben, dass dfc Totmeldunß Roscnfelds er- Ireullcherwefse eine Erfindung Ist. Möge den» — allerdings schwer leidenden — Dichter noch eine lange Lebenszeit bcschicdcn sein, und mögen die von grosser Verehrung erfüllten Nekrologe, die man ihm gewidmet hat, wenigstens das Oute zeitigen, dass weite Kreise sich der Pflicht des Jüdischen Volkes gegen den grössten seiner lebenden Dichter endlich bewusst werden! Morris Rosenfeld lebt und leidet Der totgesagte Dichter Rosenfeld richtete an die Redaktion der WILNAER VOLKSZEITUNG folgenden, vom 26. Juli aus New York datierten Brief: ״In der letzten Zeit hat die auswürtige Presse über mich viele unwahre Nachrichten in die Welt gesetzt. Ist es des Elends und der Leiden nicht genug, die ich wegen meiner Blindheit ertragen muss? Verursacht mir die Armut, wegen der meine sechs Kinder so viel leiden müssen, nicht genug Pein? Ich hatte Wohltäter und Gcsinnungsgenossen, die mich pflegten. Hie und da unterstützen sie mich, ihren bescheidenen Verhältnissen gemäss, auch materiell. Ich kann Rechnung darüber ahlegeit. dass ich mich in meinen Ausgaben immer auf das notwendigste beschränkte. Meine Krankheit verhinderte mich Jedoch daran, die böü Dollars, die ich noch auf mein Häuschen schuldete, zu bezahlen. Ich geriet in die Hände von Wucherern, die mir mein Häuschen wegnahmen und mich samt meiner Familie auf die Strasse setzten. Mit meiner Frau und meinen Kindern liefen wir tlefahr, des Hungertodes zu sterben. Des Elends war aber noch immer nicht genug. Böswillige Falschheit setzte die Nachricht meines Todes in die Welt, damit mir auch meine wenigen Wohltäter ihre Hilfe entziehen. Ich bin gezwungen, zu erklären, dass ich lebe, obwohl der Tod für mich wünschenswerter wäre, als mein jetziger Zustand. Ich lebe in c w i g c r F i 11 s t c r - 11 i s. denn ich bin b 1 i n d. Das Licht des Tages hat mich verlassen, geblieben ist mir nur das Elend. Die Bourgeoisie wollte in ihren glänzenden Palästen nichts von den Liedern des Proletariats hören, nur meine Gesinnungsgenossen, zu denen das Echo meines Liedes drang, suchten mich auf. um ihren blinden Sänger zu unterstützen. Wie es scheint, neiden mir die Herren auch diesen Trost. Mit der Zeit haben die Herausgeber meiner Gedichte diese in alle Sprachen übersetzen lassen, obwohl sic mir nie einen Heller dafür bezahlten. Jetzt, als sie die Nachricht meines Todes hörten, senden sie Kränze, um am Grabe des blinden Sängers zu opfern, damit sie. die Wohlhabenden, sagen können, den Tribut ihrer Wertschätzung entrichtet zu haben. Ich und meine Kinder werden aber auch hinfort nur Jenen danken, die sich ihre armseligen Bissen vom Munde entzogen, um mich zu unterstützen.“ Viele Freunde sind erst durch die falsche Totmcldungf auf die Notwendigkeit aufmerksam geworden, dass es notwendig ist, ihr Schcrflcin dazu beantragen, dem grossen Dichter zur Erleichterung seiner Not ein Weniges beizutragen. Nachrichten aus Palästina Eine Korrespondenz des RASSWJET bringt einige intcrcssautc Mitteilungen aus Haifia. Die erste Entwicklung der kleinen neuen jüdischen Ansiedelung 111 Haifia vollziehe sich in erfreulicher Weise. Das beste Kennzeichen dafür sei. dass diese Stadt, die. obwohl Kopfstadt der Provinz Galiläa, von der jüdischen Einwanderung erst in allerletzter Zeit berührt wurde, schon einen jüdischen Kindergarten und einen Abendkurs für Erwachsene gehalten hat. deren Unterrichtssprache die hebräische ist. Die Immigranten schlossen sich so dem allgemeinen Zuge an, der auf eine Hcbraisicrung der jüdischpalästinensischen Bevölkerung hinzielt. Diese Hcbraisicrung erfolgt nicht nur auf national-kulturelle Initiative hin. sie ist das naturnotwendige Ergebnis des gesellschaftlichen und wirtsehaftlichcn Zusammenlebens und Ineinandergreifens der differenzierten Jüdischen Gruppen. Russische, grusinische, afrikanische, bocharische. jemenitische etc. Juden müssen allmählich zu einer Einhcitssnraehe greifen, die natürlich die hebräische ist. Und die neuen Ankömmlinge passen sich eher, den Verhältnissen möglichst an. So war es auch in Haifia, wo man jüngst sogar schon den Versuch machen konnte, ein hebräisches Stück von Schalom Asch aufzufiihren. Darsteller waren die Arbeiter aus der Haiffacr Fabrik der Gesellschaft ..Athid“. Diese Gesellschaft, die die Einrichtung von Ocl- und Seifenfabriken zum Zwecke hat und ihre Entstehung der Tatkraft der beiden .Ingenieure Pewsuer und Wilbuschewitsch dankt, hat sicherlich •für die jüdische Einwanderung in Haifia in dankenswertester Weise vorgearbeitet. Das Fabrikgebäude, inmitten eines Palmenhaincs auf einer Anhöhe an der Bucht von Haiffa errichtet, ist seiner tnalcrischcn Lage wegen bereits zu einer Art Besuchsort für die Touristen, insbesondere der jüdischen, geworden, die nicht versäumen, die ..jüdische Fabiik“ zu besichtigen. Die Gesellschaft ״Athid“ btsitzt übrigens noch eine Fabrik in Beth-Arif. Es ist eine in Russland eingetragene Gesellschaft mit einem Grundkapital von 100000 Rubeln, der man eine grosse Zukunft prognostiziert, da ihre Produkte (Oel und Seife) sehr gangbare Artikel darstellen. Die Fabriken sind ganz aus jüdischer Kraft geschaffen worden. Gesellschafter, Leiter, Beamte und Arbeiter sind Juden. Eine in Haiffa begründete Abtcilung für die Erzeugung von Toilcttcnscifc wird zahlreichen jüdischen Mädchen Beschäftigung gehen. Im übrigen arbeitet die Gesellschaft zurzeit auch au der Errichtung einer Abteilung für Maschinenbau. Man sieht, hier haben Menschen gearbeitet und nicht umsonst, denn allen Anzeichen nach wird das Unternehmen, das verschiedenen jüdischen Intcrcsscnkrciscn dient, auch weiterhin prosperieren und einen guten materiellen Ertrag abwerfen. Wie uns mitgeteilt wird, wird der hervorragende Maler Samuel H i r s z c 11 b e r g sieb nach Palästina begehen, um dort au der Seite von!’rof. Boris Schatz als Lehrer zu wirken. Zur dudenfrage in Finland Kaum gibt cs ein Land, wo solche drakonischen Juden gesetze herrschen, wie in Finland. Selbst die russischen Gesetze sind für die Juden in viel humanerem Geiste ahgefasst als die finischcn. Das Seitsarne dabei ist, dass die Ausnahmegesetze gegen die Juden in Finland nicht alten Datums sind, wie überhaupt die Geschichte der Juden in diesem Lande nicht Sehr alt ist. Alte eingeborene jüdische Familien gab es in Finland aus den» einfachen Grunde nicht, weil nach dem schwedischen Gesetze keine Juden dieses Territorium bctreten durften. Vereinzelte Fälle von Judenniedcrlassungcn in Finland kommen erst zur Zeit der Besitznahme Einlands durch Russland vor. Die ersten ansässigem Juden waren die sogenannten Koloristen unter der Regierung Nikolaus L, welche nach 25jährigem Militärdienst, fern von ihrer Heimat unJ ihren Angehörigen, in Finland ihre Zuflucht fanden. Mit der Zeit wanderten auch die Verwandten und ehemaligen Bekannten der Kolonisten ein. und somit erstand die jetzige Jiidenkolonie, welche ungefähr 2!'U Familien zählt. Obgleich der grösste ר eil dieser Familien Nachkommen der Vaterlandsvcrteidiger sind, welche 25 Jahre ihres besten Lebens dem Militärdienste opferten, leben sie doch unter ganz unerträglichen Ausnahme* gesetzen. Länger als auf 6 Monate erhält kein Jude einen Pass oder eine Legitimation anderer Art. Er läuft dabei immer Gefahr, dass ihm nach 6 Monaten dieser Pass nicht erneuert, und er somit zur Auswanderung gezwungen wird. -- Wenn er in die Ehe eintreten will, muss er dafür durch ein besonderes Gesuch beim Gouverneur Erlaubnis cinholcn. — Mit dem jeweiligen Wechsel des Regimes in Russland wurden auch die Ausnahmegesetze gegen die Juden Finlands besonders verschärft. Unter Alexander III. wurden eine grosse Zahl neuer Beschränkungen eingeführt, und die finischcn Behörden waren immer bestrebt, alle russischen Administrativ- Verordnungen gegen die Juden auf das Strengste zu beiolgen. Es war also höchste Zeit, dass der finischc Landtag, oder richtig gesagt die sozialdemokratische Fraktion, die Revision der Judeiifrage beantragte. Bei der liberalen Zusammen- Setzung des Landtags ist wohl anzunehmen, dass die brennende Frage zu Gunsten der Juden gelöst wird, obgleich die Partei der alten Fincn dagegen sein wird. « Eine Bank des ״Schwarzen Hunderts“ Der Verband des russischen Volkes entfaltet eine rege Tätigkeit. Natürlich ist cs mit den Geldmitteln etwas knapp bestellt. Die Kadetten!iahen ja. nach der Behauptung des ״Verbandes“, einen Fonds von zwei Millionen, die sie für Agitationszwecke von den Japanern erhalten haben sollen. Aber der arme Verband muss immer geistreichere Kombinationen ersinnen, um Geld zu bekommen. Die Kiew er Abtcilung des Verbandes des russischen Volkes hat nun den Be- Schluss gefasst, in Kiew eine ,.russisch-nationale Bank’־ zu eroffnen. Es ist natürlich nicht schwer zu erraten, welchen Zwxck diese patriotische Kreditanstalt verfolgen wird. Erstens wird diese ״nationale Bank“ nur griechisch-katholischen Kaufleiden Kredit gewähren, was nach den sonstigen Anschauungen der echt-russischen Leute, die ökonomischen Lage untergraben müsste, da die nationale Bank Kredit unter günstigen Bedingungen gewähren wird. Zweitens aber wird die Bank dem Verband der ״russischen Arbeiter“ Kredit zur Gründung einer ״iiationalcu Werkstätte“ geben und die Eröffnung eitler