Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 038 ־»—- - - ־ ־ JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 33 gesetzt, die die Phantasie des muselmanischen Mittelalters hat ersinnen können. Als tünkischcr Untertan hat er die Wehr- Steuer selbst da zu entrichten, wo die Muselmanen Militärdienstc nicht zu leisten brauchen, und von den Vorteilen der ottomanischen Justiz und der ottomanischcn Qesetzc hat er keine Nutznicssung. Eine freundschaftliche Intervention bei den aufgeklärten Behörden von Tripolis, um den Juden eine gerechtere Verteilung der Steuern und des Landbesitzes zu sichern, der im Innern niedrigen Preis hat. würde die wirtschaftliche Lage dieser arbeitsamen Bevölkerung wesentlich bessern, die abermals beweist, bis zu welchem Grade unsere Rasse sich Jeder Umgebung und Jeder sozialen Lage sich anzu• passen vermag. Was die moralische Lage betrifft, so würde genügen, einet» guten Hebrüisch-Lelircr zu schicken, der hinreichend zivilisiert ist. um sich mit den Behörden ins Vernehmen setzen zu können. Schon dadurch würde die gesell־ schaftliche Stellung der Juden im Troglodytcnlandc sehr ge• hoben werden. Eine Tagereise trennt Dschebel Garian von Dschcbcl Iffron. Dieses zählt noch drei Jüdische Dörfer: Hl-Kisr. El-Meanicn und Dissir, mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 2000 Seelen. Wenn die Juden der erstgenannten Provinz Höhlen bewohnen, so suchen die der anderen Provinz auf Bergabhängen Schutz, wo ihre Wohnungen an die versteckten und schwer zugänglichen Dürfen der Berber erinnern. Diese interessante jüdische Bevölkerung hat ihre Sitten und lieberlieferungeii und sogar eine seltsame Art jüdischen Dialekts bcwahrt. Die letzten L'ebcricbenden einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, deren zahllosen Spuren man durch das ganze weite Gebiet des Dschebel Nefussi begegnet, stellen die Juden von Iffron einen der schönsten, stattlichsten Menschcnlveu dar. die zu sehen mir je vergönnt gewesen. Die Frauen besonders, in eine Art geiäitctcn bunten Tuchs gekleidet, fallen durch die Wcisse der Haut, die Schlankheit des Wuchses, die Regelmassigkeit der Züge auf. Ihre soziale Lage gleicht fast der der Männer. Wenn die Frau. gleich der Tochter des alten Juda. Leinen und Gürtel webt. Korn mahlt, so hat sie dafür tuch das Recht, an der Seite des Mannes zu speisen und sich in die Gesellschaft der Männer zu mischen. Die Ehen werden in der Nähe der *Brunnen geschlossen, dort, wo die Jungen Mädchen Wasser schöpfen. Ich habe manche anmutige Rebekka von Dschebel gesehen, dicht am Brunnen, von den jungen Burschen des Dorfes umgeben. Die Gewerbe unserer Glaubensgenossen hier sind ungefahr die nämlichen, wie bei den Juden von Garian. Nach Ansicht der türkischen Behörden sind in dieser Gegend, die durch die ausnehmende Faulheit ihrer Bewohner ruiniert worden, die Juden das einzige arbeitsame, schabende Element, allein im- Stande, sogar die benachbarten Muselmanen zvr Arbeit anzuregen. Das gilt bis an das äusserstc Ende von Dschebel Nefnssi. wohin immer die jüdischen Kaufleute, die Schnapsfabrikunten (deren beste Kunden die Juden selbstsind) und Schmuck־ händlcr dringen. , Die Beziehungen zwischen Juden und Berber!» sind besser als die zwischen Juden und Arabern. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Juden als Sklaven betrachtet. Die Türkei beseitigte diese erniedrigende Hinrichtung, hat aber noch nicht Zeit gehabt, die moralischen Erniedrigungen zu unterdrücken, denen die Juden von seiten ihrer arabischen Nachbarn ausgesetzt sind. Ein Beispiel von hundert: Der Bczirksrabbincr macht eine Reise nach Nah'it. Eingeborene zwingen ihn. von seinem Maultier abzusteigeii. weil ein Jude in Gegenwart von einem Museimanen nicht auf einem Sattel sitzen darf. Wollte der Rabbiner wagen, sich zu beklagen, so wäre er in Gefall־׳, alle Scinigen von den Arabern uingebracht zu sehet!. Die verchrtcsteii Heiligtümer, die ältesten Friedhöfe werdnn von den Muselmanen entweiht; auf dem Felde nehmen die'Araber ohne Bedenken den Hrntecrt ׳ag ihrer jüdischen Nachbarn in Anspruch. Die oberen Behörden haben R'uten Willen, aber die Einzelheiten entgehen ihnen. Dschebel Iffron, ehemals Sitz hochgelehrter Rabbiner, ist gänzlich in Verfall. Ein Vertreter den Alliance könnte das materteile ujid soziale Niveau dieser interessanten jüdischen Oruppc heben. Indem ich den Spuren der alten jüdischen Einrichtungen folgte, kam ich nach Dschebel Nefussa. Alte Synagogen. Friedhüfe, <lic in die entferntesten Zeiten zurückreichen, halbzerstörte jüdische Städte, zeugen von dem überwiegenden Hinfluss, •den der Judaismus auf dieses bisher den Europäern unbekannte Gebiet ausgeübt hat. ln den letzten Jahren haben die Türken Dschebel vollständig pazifiizert. und unsere Glaubensgenossen fangen an, sich von neuem in den Ortschaften niederzulassen, aus denen ihre Vorfahren haben weichen müssen. Vor allem abert täte eine Intervention bei den türkischen Bchörden dahin not. dass den Abkömmlingen der vormaligen eingeborenen Juden alle Heiligtümer und Friedhöfe, die heute noch vorhanden sind, und von den örtlichen Traditionen und von den Eingeborenen selbst als solche an mehr als fiinizjg Stellen bezeichnet werden, zurlickgcgebcn werden. Nach dreitägigem Wüstenmarsch verweilte ich in der Küstenstadt Zatiia. die etwa 800 unserer .Stammesgenossen einschüesst. Ihre soziale Lage lässt zu wünschen übrig. Die fanatische Bevölkerung der Oase erspart den jüdischen Nachbarn keine Bedrückung. .Bei meiner Rückkehr nach Tripolis hatte ich zweimal Gelegenheit, den oberen Behörden zu schildern, wie ich die Juden der Oase gefunden habe. Ich freue mich, dass ich bei den leitenden Männern die freundlichsten Absichten hinsichtlieh unserer Glaubensgenossen gefunden habe. Man hat mir die Versicherung gegeben, dass ein Rundschreiben an die Ontsbehörden ergeben wird, dass sic die Eingeborenen an Rechts- Verletzungen gegenüber den Juden hindern sollen. Unter allen Umständen erwarten die Aufsichtsbehörden, dass die nahe hevorstehende Einrichtung von Katasterämtern den Besitzungen und den Erntccrzeugnissen der Juden im Innern des Landes wirksameren Schutz verschaffen wird. A. J. U. ** Rundschau ׳•••• . Religiöse Toleranz Wir entnehmen der DEUTSCHEN WARTE vom 9. August 1907 das Folgende: ,.Eine jüdische Trauerfeicr in einer katholischen Kapelle. Für den Justizrat Hugo Seele r. einen in weiten Kreisen hochgeachteten Rechtsanwalt und Notar, der nach schwerem Leiden im Alter von 51 Jahren im St. Hcdwigskrankcnluuise verstorben ist, fand Donnerstag nachmittags *i Uhr in der Kapelle des katholischen St. Hedwigskrankenhauses eine grosso Trauerfeier statt. Zahlreiche Bcrufsgenossen des Verstürbeneu. Richter und Rechtsanwälte des Landgerichts If, hatten sich dazu cingcfundcn. Unter den Teilnehmern an der Trauerfeier befanden sich auch mehrere Landgcrichtsdircktoien. Vertreter der Anwaitskammer. Geh. Justizrat Dr. Krause, zweiter Vizepräsident des Abgeordnetenhauses. Vertreter der industriellen und Bankkreise. Die Trauerfeier leitete das aus Mitgliedern des königlichen Opernchores gebildete Hennebergsehe Ouartett mit dem Gesänge: ״Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ ein Rabbiner Dr. Klcmpcrcr hielt die Gedächtnisrede. Nach den Schlussgesängen ״Hebe deine Augen auf“ und ״Ucbcr allen Wipfeln ist Ruh“ erfolgte unter grossem Geleit die Ucberfiihrung des Sarges zum Lehrter Bahnhof, um mit der Eisenbahn nach Hamburg überführt zu werden. Dort findet Freitag, nachmittags 2 Uhr. die Einäscherung statt." Soweit die Mitteilung. Justizrat S e e I c r war Jude, seine Frau ist cvangliscii. die Trauerfeicr katholisch. Aber rührend ist die Toleranz des Dr. Klcmpcrcr. der doch schon beinahe zehn Jahre nicht mehr orthodoxer Rabbiner, sondern Prediger der Reformgemeinde ist. dass er zuliess. dass in seiner Gegenwart der Name Jerusalem besungen wurde. Vom Jüdischen Klub Die alldeutsche und antisemitische DEUTSCHE ZEJTUNG in Wien schreibt: ..Der Obmann des Jüdischen Klubs. Dr. S t r a 11 c 11 c ו . verlangt von der Regierung ״in erster Linie die vollkommene Gleichberechtigung der Juden". Sein Wunsch ist s e ii r berechtigt; dem! gegenwärtig sind bekanntlich die christlichen Soldaten an christlichen Feiertagen vom Dienste befreit, während auf die Feiertage der jüdischen Soldaten u i e R ii c k s i c h t genommen wird. Audi werden nach und nach alle jüdischen Friedhöfe autgelasscn: aber die christlichen Friedhöfe dürfen nicht angetastet werden." Wie muss es in Oesterreich ausscUeu, wenn selbst den Antisemiten diese Ungerechtigkeiten zu viel werden? Morris Rosenfeld Eine Reihe von Blättern brachte letzte Woche die Nachlicht, dass Morris Rosemeld in bitterster Not gestorben sei. und eine grosse Zahl jüdischer Blätter hat auch bereits dein Dichter Nekrologe gewidmet. Audi w ir haben schliesslich der falschen Nachricht Glauben geschenkt. Die WELT hat Ja eine Reihe von Details, die der Meldung beigegeben waicii. als den tatsächlichen Verhältnissen ihr nicht entsprechend erschien, von der Verzeichnung der Nachricht selbst als eines