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Jüdische Rundschau · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 337 ׳No. 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU. pie zionistischen Führer haben heute zum allcrgrösstcn Teil die Hoffnung aufgegeben. die Hcrzl imitier gehegt hat. dass den luden eines Tages gegen gute Bezahlung ohne Mühe vom Sultan ein Charter, d. h. das uneingeschränkte Recht aui Besicdelung des Landes mit eigener Verwaltung gewährt würde. Man hat cingcsehen. dass der Zionismus nicht untätig auf diesen Charter warten darf, sondern dass die Zionisten selbst zuerst die Vorbedingungen schaffen müssen, wenn ihnen der Sultan Konzessionen im Lande gewähren soll. Deshalb müsse das Land für die Juden vor allem wirtschaftlich erobert werden, dem dann von selbst auch die politische Autonomie folgen werde. Wie das Vordringen der Deutschen in Marokko, der Fngländcr in Aegypten sich auf ökonomischem Boden vollzogen habe, so müsse auch der üinfluss der Juden im Lande selbst gekräftigt und gestärkt werden. Fs dürfte heute keinen ernsten Zionisten geben, der dieser. Ansichten entgegenzutreten wagte. Mannigfach sind die Institutionen, di.* diesem Zwecke dienen und die z. B. in diesen Blättern schon öfters erwähnt worden sind. An ihrer zweckmässigen Ausgestaltung wird der Kongress arbeiten müssen. Das werden die Hauptfragen sein, die den Kongress beschäftigen werden, d׳c .’.,beit in Palästina selbst wird im Vordergründe stehen. Der Kongress wird vielleicht der erste echte Palästinakongrcss werden, der ausserhalb Palästinas abgehalten wird. Von anderen Problemen, die zur Diskussion stehen werden, seien nur genannt, die nationale Gegenwartsarbeit in der Diaspora, die Beteiligung der Zionisten als solche an dem parlamentarischen Leben der Volker, die Lage der Juden in allen I ändern, die Auswauderungsirage. sowie die Neuorganisation der zionistischen Bewegung. Der Kongress wird von nahezu -hio Delegierten aller Länder, wo Juden wohnen, besucht sein. Sie wollen beraten über die Zukunft des jüdischen Volkes, der gehetzten und geuuälten Nation, die heute in Berlin, morgen in London, übermorgen in New York und bald wieder in Galvcston eine neue Heimat sucht. Mau braucht nicht Zionist zu sein, um zu wiinsehen, dass diesen anormalen Verhältnissen ein Ende bereitet werde. Das muss auch der Wunsch eines jeden Juden sein, und wenn der Zionismus die Lösung der Frage, die heute tuen: als brennend ist, herbeizuführen versucht durch Mittel, wodu ich die Stellung der Juden in Russland nicht allein, sondern auch in Deutschland und Oesterreich gckrüitigt wird, so wird die Judentum sic nicht zuriiekweisen. In diesem Sinne begriissen auch wir clsass-lothringische Juden, auch die Nichtzionisten, hofte ich. den 8. Zionisten- Kongress, der im Zeichen der Arbeit stehen möge zum Wohlc des gesamten Judentums. Die Juden in Tripolis Am 16. August 1906 unternahm ich einen dreiwöchigen Ausflug in das tripoiitanische Djebel. Diese Reise, die durch Sandwiistc führt, ist ittt Sommer besonders gefährlich; doch konnte ich die einzige Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen, die sich mir zum Besuch der Gebiete des alten Lybien bot, die reich sind an jüdischen Erinnerungen, und wo sich mehrere indische Niederlassungen, noch von keines europäischen Glaubensgenossen Auge geschaut, in unverändertem vorgcschichtliehen Zustand befinden. Nach zweitägigem Kamelritt gelangte ich in das gebirgige Gebiet der Höhlenbewohner von Gharian. Ein seltsamer Anblick, diese fruchtbaren Hügel und Täler, in denen, abgesehen von einigen Ruinen und Moscheen, sich keine Spur ntenschlieber Wohnungen über den Erdboden erhebt, wo die Toten über der Erde liegen, die Lebenden in Höhlen sich aufhalten, die das Auge kaum zu entdecken vermag! Gharian. von Troglodyten bewohnt, hat eine grosse Zahl muselmanischer Dörfer, wenn man diesen Namen den nackten Anhöhungcn vott roter Erde geben kam״׳ bei denen nichts auf die Anwesenheit menschlicher Wesen deutet. Von Zeit zu Zeit entdeckt das geübte Auge zwischen Oliven- und Feigenbäumen, zur Seite einer Moschee oder neben Ruinen am Abhänge eines Hügels Löcher, die durch ihre Gestalt meist an Kellertüren erinnern. Eine kleine hölzerne Pforte öffnet sieh vor dent Reisenden, und er ist in einer Art dunkler Galerie, die abwärts führt und die man erst durch Gewöhnung ungefährdet. durchschreiten lernt. In einem Abstand von etwa 15-20 Meter stösst man atit* einen Hof. der durch von oben einfallende Lichtstrahlen schwach erhalt ist. Dieser Raum geht dem Zentralhof vorauf und dient zuweilen den jüdischen Schmieden als Werkstatt. Mqn steigt immer weiter hinab und gelangt auf einen viereckigen unterirdischen Hof. der vcrglcichsw׳cise hell ist. weil durch ein Stück Himmel, das man durch einen Ausschnitt von IO ■12 Mctet Durchmesser sehen kann. Licht hercinfällt. Dieser Hof. ein förmlicher Abgrund, ist der Zentralsitz, zugleich Küche und Fabrik. Die einzelnen Gemächer sind in Umfassungsmauern gegrabene Aushöhlungen, die ihr Licht vom Hof aus erhalten. Man erstickt dort gerade nicht, aber der Reisende fühlt sich unbehaglich, während die Eingeborenen der Meinung sind, dass das unterirdische Lehen nattr-gemäss und sogar bcquem sei. Die Synagoge des Dorfes Bcni-Abbäs ist gleichfalls unterirdisch angelegt, doch ist der Zugang offen und!dicht, das Dach überragt sogar um etwas den Erdboden. In Tigrcna hat man eben einen Sytiagogcnhatt beendet der sich ganz über die Erde erhebt. So habe ich zwei vollständig jüdische Dörfer und zwei unterirdische Nicdcrlassungsgrttppcn unserer Stammesgenossen gefunden. Das eine Dorf unter dent Namen Jahüd-Abb&s bekamit. liegt der Wüste. die nach Tripolis führt, am nächsten. Das Dorf zählt in sechs unterirdischen Höfen 2-10 Einwohner und hat eine Synagoge, deren Dach kaum über den Erdboden?agt. Die Bewohner sind die letzten Ueherlebcnden einer vormals zahlreichen, durch Pest aufgcrielxmen Bevölkerung. Männer und Frauen stellen einen schönen Typ dar. den die Höhlenltift nicht verderbt hat. In den Höhlen arbeiten alle Juden. In der Jahreszeit, die der Feldarbeit vorausgeht, sind sic Scltmicdc־ dann sind sic Feldarbeiter und w ährend ־ der Brachzeit wandernde Kaufleute. die das ganze Land durchziehen. Viele von ihnen fabrizieren einen Dattelschnaps, die Frauen weben iii־־ die Eingeborenen, arbeitest in den Feldern und an den Fruchtbüumcu. Manche Juden von Gharian beschattigen sich überdies mit der Fabrikation von Holzschuhen. *Bei der allgemeinen Unwissenheit hat man wenige örtliche Ueberliefcrungcn bewahrt. Die Schochtim und die Talmud- Toia-Leltrer sind von tiefer Unbildung. In der Talmud-Tara von Beni-Abbäs sind 16 Schüler, i!1 der von Tigretn JO. Bcmerkenswert ist. dass man in der Synagoge ״Piutim“ singt, die anderwärts unbekannt sind, und deren Verfasser aus dem Troglodytcnlande stammen. Als Nahrung dient den Höhlenbcwoltnern Gerstenbrot. Feigen und Datteln. Aus diesen bereiten sic einen Schn.y*s dem sic aucli selbst nur allzusehr zusprechen. Ihre Uebling'sspeise ist ein aus Gerste und Oel hergestclltes Gemisch, das sic mit den Fingern, ohne Gabel oder LöifeL zum Munde fuhren. Fast jeder Jude hat eiilen Esel, den am Sabbat die Araber ohne weiteres in Anspruch nehmen, indem sie sagen: ..wenn der Jude seinen Tag verliert, so ist das kein Grund, dass das Vielt dasselbe tut.“ Solche Ungemcrtheit findet man nicht bloss bei den Troglodyten. Die überaus fanatischen und faulen arabischen Nachbarn ersparen dieser!Rissigen, arbeitsamen Bevölkerung auch sonst nicht Schädigungen aller Alt. Die Synagoge, ein altes und verehrtes Heiligtum, wäre beinahe unter dem Vorwand zerstört worden, dass sic einer Moschee zu nahe stehe. Erst der urkundliche Nachweis, dass die Sy nagöge 500 Jahre vor der Moschee gebaut w’orden. gab dem türkischen Verwaltungschcf die Möglichkeit, die Synagoge zu erhalten. Den grössten Kummer bereiteten die Araber dadurch, dass sie den Friedhof beackerten, auf dem die irdischen Reste einer langen Almenreihe der Juden ruhen. Drei und eine halbe Stunde von Bcni-Abbäs liegt malerisch das Dorf Tigrcna. das in etwa zwanzig Höhlen 650 jiidisehe Einwohner hat. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind hier wie dort die nämlichen, aber die Beziehungen zu den Eingeborenen scheinen mir in Tigrena erträglicher. Das Dorf hat zwei Synagogen, deren eine unter׳ der Erde, und eine Talmud-Tora-ScImlc. in der die Kinder fast nichts lernen. . Der einzige des Jüdischen kundige Mann hier ist der Chacham Baschi der troglodytischen Judenschaft. Rabbi Khalita Hadschi. Gleich den Rabbinern des Mittclaltets und einer Reihe von Vorfahren übt der Chacham die ärztliche Kunst aus. Kalifa ist ein schöner Mantu der ausgezeichnet hebräisch spricht. Er gab mir eine handschriftliche Sammlung von ״Piutim.“ von denen er einen Teil selbst verfasst hat Er ist der wahrhafte Spross des jüdisch-arabischen Mittelalters. Die wirtschaftliche Lage der Juden im Troglodytengebiet ist überaus unsicher. Die ganze F.xistcnz der Juden häng! von dem guten Willen der a11׳bischett Kundschaft ab. Die Be- Zahlung der Schmiede und anderer Handwerker besteht in dem geldarmen Lande fast ausschliesslich in Naturalien: so und so viel Muss Gerste. Feigen oder Oliven, nach dem Ausfall der Krute. Selbst Ackerbauer, sieht der Jude, ohne Einspruch zu wagen, wie die arabischen Nachbarn sich der Erstlinge «einer Olivenbüume. des Ertrages seiner Aceker bemächtigen, dl. In der weiten Ausdehnung der muselmanischen Felder sich ver־! lieren. Ein unternehmender Hausierer, der bis nach Fczzäti vordringt, ist er allen Nachstellungen und Demütigungen aus-

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