Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU. . Jim Seite 33$ die ganze Welt verstreuten Volkes. Der Zionismus hat lediglieh diese Pflichten neu formuliert, er zog die Konsequenz aus der abnormen Lage des jüdischen Volkes, speziell seiner erdrückenden Majorität, der Ostjuden. Kr führte den Beweis, dass gewaltigen Massen des jüdischen Volkes nur durch eine nationale Siedclting in dem Lande geholfen werden könne, das die Wiege ihres Volkstums war, und das sic seit zwei Jahrtausenden mit der Seele suchten. — Nicht nur die ökonomische und soziale, die nationale Not erforderte dies. Unscrm Volk mangelt das, was alle andern Völker besitzen, und ihm zur nationalen Weiterentwickelung unentbehrlich ist, Boden unter den Füssen. Denn nur durch eine nationale Konzentration kann unser Volk ein wirkliches Lehen, ein Leben nationaler Entwickelung führen. Nur so kann es wieder befähigt werden, zum Wollte der Menschheit unvergängliche Kulturgüter zu schaffen, wie zu der Zeit, als es geeint in seinem alten Lande lebte. An diesem Befreiungswerke muss darum jeder tcilnehmcn, der sich noch als ein Glied des alten Volkes betrachtet, wer es nicht tut, der muss auch die Konsequenz ziehen, und in einem fremden Volkstum aufgehen. Wer die Lage der Juden betrachtet, der sieht, dass sic alle Glieder eines Volkes sind, und daher neben den Pflichten gegen ihren Staat. Pflichten gegen ihr Volk haben; wer die Lage des jüdischen Volkes betrachtet, der sieht, dass diese Pflichten nur durch Mitarbeit an dem nationalen Befreiungswerke erfüllt werden können. Adolf Nathan, Wandsbek. Presssfimmon zum achten Kongress Im JOODSCHI; WÄCHTER, dem Organ der holländischen Zionisten, schreibt Isidore Men u. a. folgendes: Man hat den bevorstehenden Kongress einen Arbeits- Kongress genannt. Darin liege eine Unterschätzung der früheren Kongresse, von denen jeder ein bestimmtes praktisches Resultat von grösserer Bedeutung gebracht habe, und eine Uehcrschützung unserer gegenwärtigen Leistungskraft. Man erwarte vom Kongress diesmal ein nichtprinzipielles Werk. Aber Verfasser ist nicht der Meinung, dass der achte Kongress eine stille, einfache ״Ja-und-Amen-Sage“-Versamn1lu!1g darstcllen werde. Gewiss; eine belangreiche antipalästincnsisclie Stronnmg sei nicht zu gewärtigen. Fast alle Landsmannschaften haben sich bereits vorher für praktische Palüstiuaarbeit ausgesprochen. Und wenn Mitglieder der Leitung von Unternehmungen der Bank usw. in Palästina momentan abrieten, so geschähe das nicht eigentlich aus prinzipiellen Gründen. Fs wäre daher sehr verwunderlich, wenn sich der ״versteinerte Charteiismus“ noch durch eine ernstlich in Betracht zu ziehende Minorität vertreten zeigen sollte. Die Befürchtungen des Verfassers sind anderer Art: Die vorgesehene Organisations- Debatte mit ihren unvermeidlichen Amendementsdiskiissioncii und dem Hcrvorflutcn verschiedener Strömungen könnten - ganz abgesehen von dem Ballast des Vielspraehlieheu — einen . Statutcnkongress“ zeitigen — und das wäre eine unatigenehme und lästige Sache. Dann könnten vielleicht auch die einzelnen Landsmannschaften, wenn auch nicht mit prinzipiellen, so mit praktische!. Vorschlägen kommen, die sich der Beurteilung des Kongresses entziehen. Oesterreich z. B. wolie das Oppeiihcimersche Siedlungsprojekt Vorbringen. Verfasser "ill aber nicht darüber sprechen, ob das geplante Unternehmen auf Krfahrung basiere oder einen prinzipiellen Versuch darstelle. Aber was alles sei zur Beurteilung des Planes nötig! Kenntnis der landwirtschaftlichen und der •speziellen palästinensisch-agrikulturelleu Verhältnisse, der Rechtslage in Palästina, volkswirtschaftliches Wissen, kauf- »!ünnischer Verstand, um Praktisches von Utopischem zu scheiden. Dazu seien natürlich Vorstudien zu machen. Aber wer habe dazu Zeit? Soll man sich nicht ängstlich hüten, seine Stimme in die Wagschale zu werfen, wo jede missglückte Lnternelmiurig in Palästina uns meilenweit zurüekwirft aut dem ''ege. Palästina wirtschaftlich zu erobern und damit die politisehe Gewinnung zu ermöglichen. Amerika würde kommen mit dem Vorschlag, das Geld des Natioualfonds für landwirtschaftbchen Kredit zu verwenden. Adelt hier seien, wenn mau nicht nur ״ein grosses Wort gelassen aussprechen wolle", nur die befugt mitzureden, die über eine Fülle einschlägiger juristischer, finanzieller und volkswirtschaftlicher Kenntnisse verfügten. Diese und ähnliche Fragen, die die Landsmannschaften vorzubringen gedächten, gehörten vor ein Parlament, das die Möglichkeit der Spezialstudien habe. Der Kongress sei kein solches Parlament. Kr könne nur prinzipielle Direktiven geben, die Ausführung solle dem Aktionskomitee übertragen werden. Ob sie aber vielen allzuhochgespannten Erwartungen genügen werden, wer könne das sagen? Ks genüge, wenn die Leitung das Vertrauen habe und dass wir alle wissen, dass sie an der Wiederaufrichtung Palästinas arbeiten werden. Auf eine solche Leitung vertrauend, können wir frohen Mutes dem Kongresso entgegengehen. Das Organ der österreichischen Zionisten, die JÜDISCHE 7KITUNO, schreibt in einem Kongressartikel u. a.: ..Der kommende Kongress wird dieser Arbeit gewidmet sein. Er wird ein Arbeitskongress im vollsten Sinne des Wortes sein. Neues und Ueberraschendes kann er nicht bringen. Denn die zionistische Entwicklung erfolgt nicht sprunghaft, sondern organisch. Der Kongress kann keine Strömung ״schaffen", er ist nur das Kampffeld der Vorhändenen Meinungen und Parteien. Diese wiederum sind das Produkt der Entwicklung des Volkes und der Partei. Der achte Kongress wird min einiges Neue vorfinden. Seit dem siebenten hat sich bei der überwiegenden Mehrzahl der Zionisten die Auffasung betreffs der Mittel, die zum Ziele führen sollen, gegen die, früher herrschende bedeutend geändert. Einerseits wild gegenüber der rein diplomatischen Aktion, dem Charterismus, Notwendigkeit und W ert einer von politischen Gesichtspunkten aus geleiteten praktischen Arbeit in Palästina immer mehr erkaum, anderseits hat sich immer mehr die l’eher/.eiigung yer-!)reitet, dass ohne Nationalisierung der Massen auf dem Wege realer, ja selbst iimerpolitiseher Tagesarbeit kein Vorwärtskommen möglich ist. Der Kongress wird sich vorwiegend mit dem Programm für praktische Palüstinaarbeit zu beschäftigen haben. Da die einzelnen Landsmannschaften auf ihren Paiteitagen so ziemlich gleiche Beschlüsse gefasst haben, ist ein Kampf um die hauptsachliclistcit Forderungen kaum zu gewärtigen. Die ״Nui- Politiker" und ״Reinen Charteristen" bilden nur mehr ein kleines Häuflein. Bezüglich der Frage der innerpolitischen Betätigung der Zionisten ist zu erwarten, dass der Kongress es ablehr.cn wird, allgemeine Direktiven zu geben, sondern dies den einzelnen Föderationen überlassen wird. Die soziale Frage wird durch das Erscheinen einer starken Gruppe zionistischer Sozialisten (hauptsächlich Parte Zion) aufgerollt werden. Der Kampf wird sich wohl vornehmlich um die Siedlungsgenossenschaft drehen, weshalb wir dieser Krage in unserem Blatte die eingehendste Erörterung widmen. Es ist auch möglich, dass die^ extrem marxistischen Anschauungen der russischen Poale Zion zu Reihungen führen werden. Jedenfalls werden die österreichisehen Delegierten wohl daran tun. dem Parteitagsbeschluss gemäss das Projekt Oppenheimers zu unterstützen. Die Organisationsfrage wird den achten Kongress kaum beschäftigen. Haften auch unserer Organisation viele Mängel an. so ist es doch besser, nicht wieder eine kleine Flickarbeit zu leisten, sondern die Frage einen! späteren Kongress vorzubehalten. Ein zwingender Grund zur Acnderung liegt nicht vor, und die gemachten Vorschläge sind alle noch nicht ge-!lügend durchdacht und gereift. Was die Wahl der Leitung betrifit. so werden die Delegierten sich wohl auf den Standpunkt stellen, den der inncrösterreichische Distriktstag eiligenommen hat dass cs nicht wünschenswert ist, Personen von diametral entgegengesetzten Anschauungen ins engere A.-K. zu wählen. Die Leitung muss eine einheitliche und damit auch eine feste sein. Die Frage des Territorialismus, welche auf den letzten zwei Kongressen die Gemüter bis zur Siedehitze erregte, wird am achten Kongress keine Rolle spielen. Ein Beweis, wie weise die Entscheidung des siebenten Kongresses war. Der Territorialismus, den man als eine Art oder Abart des Zionismus angesehen hatte, hat inzwischen, seit er selbständig geworden ist, aller Welt geoitenbart, dass er nichts ist als eine Wohlfahrtsbestrebung, die man gutheissen kann oder nicht, die aber gar nichts mit den! nationalen Gehalt und den politischen Zielen des Zionismus zu tun hat. Der achte Kongress hat eine Fülle schwieriger Aufgaben zu lösen. Wir wünschen und hoffen, dass seine Beratungen und seine Haltung den Worten entsprechen, die unser grosser Führer am ersten Kongresse gesprochen: ״Unser Kongress sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, niemandem zum Trutz, allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, ‘deren Ruhm wohl schon fern, aber unvergänglich ist!" Im Anschlüsse an eine Abhandlung Dr. Franz Oppen- 11 e i m c r s über ״Genossenschaftliche Kolonisation von Juden in Palästina" schreibt S. Kaplanski-Kaplan im JÜDI-