Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-08-09 · Heft 32 (9.8.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651532--04890-2661887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 330* JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 32 frelung einer ganzen Kultur, um das Seelenheil und Seelenglück eines Volkes, sondern um seine leibliche Befreiung. Lieber in Ostafrika unter den wilden Uganden als in Europa uhter zivilisierten Christen. Noch mehr vielleicht als das traurige Geschick seines Volkes hat ihn ״ihre" grosse. Löge angeekclt, ihn, den grossen Künstler, der nicht lügen konnte. Und, wenn der Ruf ״dem Judenvolk das Judenland“ ein feierlicher Protest gegen die liberalen Sonntagsjuden und verklärten Börsenfürsten war, ein Protest gegen die ״wasserlus־ tiken“ Liberalen, die an ״ihre“ Kultur glauben, so war der Ruf ״unter den Uganden nach Ostafrika“ nicht nur ein Profest, sondern ein Ausdruck der Verachtung und des Ekels vor ״ihrer" Kultur. War es ihm nun mit seinem Ostafrika־ Projekt ernst? Manches Territorialistlein wird mich bei dieser Frage unheimlich blöde anglotzen und sich schon allein über die Fragestellung empören. Ich aber meine, man darf die Frage nicht mit einem kartoffclbarschcn Ja oder Nein beantworten. Psychologisch war der Ruf ״Unter den Uganden nach Ostafrika" mehr als begründet. Vielleicht hat noch niemals ein Jude so scharfe Kritik an ..ihrer" Kultur geübt, vielleicht hat noch niemals ein Jude so fein seinem Ekel vor ״ihrem" kulturellen Habitus Ausdruck verliehen als der grosse Theodor. Insofern war der Ruf ״Unter den Ugandern“ ernst. Also nun als Negativuni. Wie er aber über das Positivum dieser Frage gedacht, hisst sieh nur vermuten, nicht feststellen. Wenn auch am Vorabend des Todes des grossen Herzls die Bewegung in eine fremde Richtung geraten und noch viel* leicht heute die richtige Linie nicht gefunden, so verkleinert er das grosse Werk Theodor Herzls nicht. Wir werden noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte vom grossen Erbe, das ms Theodor Herzl hinterlassen, gemessen. Das grosse Erbe des nationalen Bewusstseins und der jüdisch-nationalen Einheit Mag heute noch so blass unser Stern schimmern, noch so dicht der Morgennebcl steigen, erloschen ist das Licht nicht. Wenn nur das Volk weiss, dass cs Nacht ist, wird cs schon das Tageslicht der Freiheit zu erhoffen und zu erkämpfen suchen. Dieses Erkennen und die . Kraft zu hoffen und zu kämpfen dankt es Theodor Herzl. => Rundschau. tose Eine liberale Anerkennung In der Berliner ALLGEMEINEN ZEITUNG DES JUDEN- TUMS ist zu lesen: ״Der Zionist Dr. Gabel hat im Abge־* ordnetenhause den Antrag auf Zulassung der hebräischen Sprache in amtlichen Aktenstücken eingebracht Das ist doch nur eine leere Demonstration! Wieviel Mitglieder des zionistisehen Klubs würden wohl ein solches hebräisches Aktenstück lesen können?" - - In dieser Mitteilung liegt ein ganz gehöriges Stück liberaler Anerkennung für die Zionisten. Denn da cs liberaler Grundsatz ist. dass die ..B i I d u n g bei Juden in umgekehrtem Verhältnis stehen muss z u den Kenntnissen des Hebräische n und die Liberalen überhaupt diesen Grundsatz eben zu ihrer eigenen Wertschätzung aufgcstcllt haben, so liegt eine hohe Aner k ermutig fiir die Zionisten in dieser Vermutung, dass sie kein Hebräisch kennen. Leider können wir von dieser so wohlgemeinten Anerkennung keinen Gebrauch machen, da wir wirklich weder . liberal‘‘ noch ..gebildet“ genug sind, um in unserer eigenen Sprache und Kultur so unwissend zu sein, dass wir auf Grund dieser Unwissenheit auf die Ancrkennung der ALLGEMEINEN ZEJTUNG DES JUDENTUMS Anspruch erheben könnten. Dass der Liberalismus keinerlei Verständnis für die grundsätzliche Gleichberechtigung der Juden und des Judentums hat. wundert uns keineswegs, macht doch sein hervorragendster Vertreter in Deutschland offene Propaganda für die staatsrechtliche Entrechtung der Juden, die anderer politischer lieber• zeugung sind, als die derzeitigen Machthaber in der jüdisehen Plutokratie. Der Führer des Berliner jüdischen Liberalismus hat öffentliche Propaganda für die Stellung einer grossen jüdischen Partei unter Fremdeurecht gemacht wegen ihrer jüdisch-politischen Ucberzcuguiig. Liberalismus ist eben nichts weiter als ein beschönigendes Wort für die Sekte, die sonst sich glaubte ״Reform" nennen zu müssen. Eine kuriose Ernennung Die Ernennung des Dr. Ignaz v. Ruber zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofes in Oesterreich weckt bei dem grössten Teile der Juristen und bei allen liberal gesinnten Deutschen recht bittere Empfindungen. Denn mit dem Namen Ruber sind die trübsten Erinnerungen der § M-Zeit verknüpft. Ruber als Justizminister im Ministerium Gautsch hat den obersten Gerichtshof dazu gebracht, ein Handschreiben des Kaisers Ferdinand aus den Märztagen des Jahres 1S48 als Gesetz anzuerkennen und dadurch die Einführung der Doppelsprachigkeit in ganz Böhmen zu begründen. Im Ministerium Thun hat er Verordnungen unterzeichnet, durch die mittelst des $ M aber gegen dessen bestimmten Wortlaut neue Steuern und Gebühren cingcfiihrt wurden. Seiner Bereitwilligkeit iu der Umdcutung sonnenklarer Gesetze entsprach keineswegs die sonstige juristische Tätigkeit. Ruber gilt unter seinen Ea: , t wen als eine wissenschaftliche Null. Trotzdem ist t: und jetzt gar nach dem Tode Emil Steinbachs erster P1?Aidct(1 des Obersten Gerichtshofes geworden. Ein Verdie.׳:.s:;:ut er allerdings: Ruber als Justizminister hat die Verfolgimg des Polnacr Vagabunden Hilsner wegen^ Ritualmordes verfügt, nachdem der Rituahnordspczialist Schneider im offenen Reichsrate gedroht hatte, wenn der Justizministcr sich weigere, dem christlichsozialen Beieid Folge zu •eisten, so weide er. Schneider. Korruptionsgeschiehten erzählen, die den widerstrebenden Minister schon miirbe machen würden. Es war nämlich kurz zuvor das Verfahren wegen eines Sittiäclikcitsdeliktes gegen einen bekannten Orossinduslriclien eingestellt worden und die Fama wusste über diese Einstellung sehr genaue Angabe!! zu machen. Ruhe1• unterwarf sicli löblich, die ganze Untersuchung gegen Hilsner wurde dem Wunsche Schneiders gemäss in das Ritualtnnrdgelei.se geleitet — und Ruber ist heute Präsident des Obersten Gerichtshofs. ״Es huldigt uns alles.“ hat Lueger jüngst bei einem Diner seiner Partei triumphierend erklärt. Zu diesen Huldigungen gehört auch, dass ein Mann, gegen den persönlich im Rciehsrat und in der Presse die schwersten Vorwürfe erhoben worden sind, zum obersten Gciichtsbcamten des Reiches ernannt wird. Aber doch nicht zionistisch- Die BRESLAUER ZEITUNG schreibt: Aus London wird uns gemeldet: Das im Jahre 1905 gewählte Komitee, welches zu untersuchen hatte, welche Landstriche sich zu einer eventuellen zionistischen Besiede tu ng am besten eignen, hat seine Arbeiten beendet und der Königl. Geographischen Gesellschaft einen umfangreichen Rapport vorgelegt, mit dem Ansuchen, ein fachmännisches Gutachten über die etwa zu wählende Oertlichkeit abzugeben. Der Bericht ist von einer Reihe hochangcsehener Persönlichkeiten gezeichnet. Im Komitee befindet sich als der einzige Nichtjude der Generalmajor Sir Alfred Turner, Präsident des Komitees ist der bekannte Schriftsteiler Israel Za ng will au Stelle des verewigten Dr. T b. Herz I." In dieser gleichen Weise werden noch immer Irreführende Nachrichten des gleichen Inhalts in die gesamte Presse lanziert. Deutsche Unternehmungen in Palästina Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Deutschen in Palästina sind, nach einem Bericht des deutschen Konsulats in Jafia. in ruhiger und steter Entwicklung begriffen. Die FRANKE. ZEITUNG gibt aus dem Bericht folgendes wieder: Der Betrieb der Landwirtschaft in Sarona hat trotz mancher Schwierigkeit doch im Laufe der Jahre zu einem gewissen Wohlstand geführt. Zu dem Hauptbetrieb, der Weinbereitung. hat man sich in einer Genossenschaft, dem Weinbauverein, organisiert. Die deutschen Landwirte bei Jaffa geben mehr und mehr zum Apfelsinenbau über, doch ist die Anlage einer solchen Kultur verhältnismässig kostspielig. u!x die Erträge beginnen erst im 7. Jahr. — Die Deutschen in Palästina haben sich frühzeitig industrieller Tätigkeit zugewendet, und sich darin eine führende Stellung erworben. Sic begannen zunächst mit mechanisch betriebener Müllerei. Zurzeit befinden sich im Konsularbczirk acht Dampfmiihlcn in deutschen Händen. Ausserdem werden von Deutschen eine mechanische Werkstatt und Eiscngicsscrei betrieben, die sich schon so weit entwickelt hat. dass sie zurzeit •10 Arbeiter bcschäftigt. Von ihr wurden auch, seitdem die Petrolcummotorc in Palästina zu Bcwässcrungszweeken Eingang gefunden haben, im ganzen 193 Motoren aus Deutschland ein geführt. Von den Hotels der Stadt Jaffa befindet sieh ein gutes Haus in deutscheu Händen. Gute deutsche Hotels befinden sich ferner in Jerusalem und in Ramlch, einfachere Gasthäuser ausserdem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.