Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife, 329 No. 32 . .JÜD1'SCHE' 'RÜNDS־CH A'Ü. sich, damit kann keinem Volke geholfen werden und nurbettelarme Seelen glauben mit diesem ärmlichen Gehölze einem in tiefem Elend lebendem Volk helfen zu 'können. Theodor Herz! war eine reiche Natur und er trug eine feine Künstlerseclc in seiner Brust. Wie bei Jedem Kfmstlcr, kam auch bei ihm der Gedanke von dem Herzen, aber wie jeder grosse Künstlergcdanke, war auch dieser ein synthetischer, ein schöpferischer, ein fruchtbringender. Herzl spraph das Zauberwort: Volksfreiheit. Das Zauberwort •schwirrte durch die’ Lüfte und drang in die Hütten der Gequälten und in die Kerker der ־ Gefangenen. In Mitternacht brach ein Licht in sieben Farben. Dieses Wunderlicht erhellte den tiefen, bodenlosen Abgrund. Entrechtung und bestialisches Treiben und Eidbruch . . . und Pöbclgcjohl. In diesem Lichte sah das Volk seine finstere Mauer, sein düsteres Loch und in ihm erwachte eine tiefe verzehrende Sehnsucht nach Freiheit und Recht, nach׳ Freiheit und Menschenwürde. Und in Theodor Herzl erblickte es, was der von der Blindheit geheilte im Retter seines Augenlichts sieht. . Theodor Herzl aber begnügte Sich nicht .mit dem grossen Wort, sondern er griff selbst zum Werk — zum grossen Befteiungswerke seines Volkes Wie mächtig sien Wort war, so gewaltig seine Tat. Uebcrall fühlte mau die harmonische Künstlerhand. Er hat das Unmögliche vollbracht, das Märchenhaite verwirklicht. Alle Splitter und von einander gerissene Glieder dos Volkes wieder zu einem grossen Körper ziisammengeschweisst. Dieser Körper ist keine Wachsfigur, sondern beseelt und durchgeistigt. Er wird von der Gcdunkeneinheit und der Einheit des Gedankens getragen. Ein fieies Land für ein versklavtes Volk, ein gerechtes Dasein für entrechtete Menschen. Dieses Land für dieses Volk.... In gar absonderlichen, cynisehen Caprioien gefällt sich unser Schicksal in der Diaspora. Im Osten behandelt man uns noch schlechter als Tiere, dem! auch im Zarcnlam c gibt cs Tierschutzvereine, Tu Deutschland werden wir mit Könitz traktiert und an uns darf man Vcrfassungs- und Eidbruch begehen, in Frankreich snd wir die Verräter und in England die Fremden, die unliebsamen Fremden. Wer empfindet nicht einen Ekel in diesem Gebrechen unseres Lebens, einen Abscheu vor ihrer Niedertracht? Wie kann ein geistig reifes Volk in diesem Sumpfe des Golus machen, gross werden, Genien erzeuget! und die Weltgeschichte bereichern? Wie darf ein geistig reifes Volk i!1 dieser Pfütze, in diesem Sumpf verharren, verharren wollen? Aber das Volk war matt, abgcspannt, seihe Energie war gebrochen, sein Gesichtskreis eingeengt und sein Willen geschwächt. Nun kam der aus eigener' Kraft zum Helden gewordene Herzl, in dessen Brust ein grosses künstlerisches Bewusstsein lebte und rief mit des Helden Donnerstimme: Wach atlf mein Volk, fühle deine Wunden, erspähe die Nacht in deiner Umgebung. Er riefs und das Volk wachte auf. Nur die halb angcfaultcn mul Trägen blieben ohne Regung. ... Herzl aber licss seinen Ruf ״Wach auf“ .erschallen, weil ihn, den gottbegnadeten Künstler und Seher dieses Vegetieren im Sumpfe angeekclt hatte, weil dieses Elend ihn angeödet, seine freie Natur tief verletzt und gekränkt. Es war und ist noch hente ein unproduktives Elend, ein Elend, das nicht einmal Gegenstand ästhetischer Betrachtung sein kann. . . . Wohl haben wir unseren Bialik. aber ein Bialik um den Preis von Hunderte von Pogrome? Haben wir ihn nicht zu teuer bezahlt. Gewiss. Der Arme muss für alles •den doppelten Preis bezahlen und auch für unsere grossen Klagelieder- Dichter müssen wir mehr bezahlen als ein anderes Volk für sein ganzes Schrifttum. Diesem unproduktiven Elend ein Ende zu machen, war Hcrzis Bestreben. Er glaubt, dass ihm das Werk gelingen wird — — י- Aber wieder waren es tolle Lauen des Geschicks, die einen stygischen Schatten zwischen ihn und sein Volk, das er mit seinem Herzblut liebte, treten Hessen. Im kalten Osten begannen sich dichte Wolkenmasscn über unserem Haupte zu snmmlcn. Der Stmm brach mit Lavagcwalt heran und bald regnete es mit jüdischen Tränen und mit jüdischem Blut . . . Aus tausenden gebrochenen Herzen von Witwen und Waisen entrang sich ein Schrei des Entsetzens, der die Luft und das Meer erzittern licss. die Seelen der Märtyrer musterten die Sphären und das Röcheln der Haiberdrosseltcn durchjagte die Lüfte. ... Am H ו m m e 1 erhob sich c i 51 c blutige Feuersäulc und verkündete der Menschheit die .1 u d c n s c h I a c h t. Da ergriff auch ihn ein unheimliches Gefühl, ein Gefühl der Verzweiflung. Neunzehn Jahrhunderte nach ihres Erlösers Bergpredigt eine solche Vertierung. ein solcher Kannibalismus? Das Gefühl der persönlichen Un- Sicherheit . . . . nagte eines jeden Juden Brust, von diesem Gefühl ward auch er gepackt. Dieses Gefühl der persönlichen Unsicherheit . . . diktierte ihm eine Acmlcrung seines ganzen Kaninfplanes. Es konnte sich für ihn nicht mehr handeln um die Rettung blosser Kulturgüter, um die Rettung und Be- ״Kurzsichtiger Richter! Sie Reben sich ja verstohlene" Zeichen,** redete Wirginski dazwischen. ״Es wäre interessant, fcstzustcllcn. welcher von diesen beiden Juden'mehr v־ergauuert und verworfen ist," bemerkte Pater Benediktus mitsiisslichem Lächeln. ״Wir werden’s bald erfahren. Pater Benediktus," beschwichtigte Bolepoiski. , Und so will keiner von euch den Grund angeben, weshalb der heue Arrendator auf die Arrende verzichtet hat?" ״Weder ich noch dieser hier waren die VeranlasstuiR. Ich scliwäre cs bei dem allmächtigen׳ Gott,“ antwortete. der Rabbiner. ■ •ז ״Und was sagst du. Arrendator a. D.?‘־ ״Ich .... ich ... Der Rabbi sagt es . . . Ich will cs Ihnen sagen .... Ich weiss von nichts," stiess Zodck stotternd hervor, ohne seinen Blick vom Rabbi abzuwenden. . . ״Das ist ja, wie ich sehe, ein Streik. Gut. Ich werde euch schon die Zunge lösen. Woickowski!" Bolepoiski erteilte dem Verwalter seine. Befehl? in flüsterndem Tone, instruierte die Haiducken, die vergnügt lachten .... . Nach wenigen Minuten kehrten die Haiducken mit Stricken zurück, und traten auf die Juden zu. ״Halt!" kommandierte Bolepoiski die Haiducken. ״Vernehmt das Urteil eures Richters!" ״In dieser von mir untersuchten Sache.‘* rckapitulierte Bolepoiski, ״liegen zwei Fragen vor. Erstens: Ist der ausgewiesene Pächter des Vertragsbruches schuldig oder nicht? Zweitens: Ist diejenige Person, welche durch Drohungen oder Zureden oder andere Mittel den neuen Arrendator abspenstig■ gemacht und somit den Besitzer in seinen Einnahmen geschädigt hat, als schädlich und strafwürdig zu erklären oder nicht? Auf Grund des taimudisehen Gesetzes müssen beide Fragen bejaht werden. Vereinbarungen und Verabredungen müssen buchstäblich eingehaltcn werden. Der frühere Pächter hat die Vereinbarungen nicht buchstäblieh erfüllt, daher wird er als vertragsbrüchig zur Aus- Weisung aus der Arrende verurteilt. Und da nun diese erfolgt ist, bevor ich die Untersuchung yorgenommeii, so bleibt nur noch übrig, den zudringlichen Beschwerdef(ihrer vom Hofe zu jagen." (Fortsetzung folgt.)