Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 32S JÜDISCHE RUNDSCHAU. In den letzten beiden Jahren haben sich allerwärts sozialistisch-zionistische Gruppen gebildet, die geschlossen atu Kongress erscheinen werden. Auch ״Msirachi“ hat eine neue j Stärkung criahrcn. Es gilt auch hier aut der Hut zu sein, j dass nicht parteipolitische oder religiöse Strömungen innerhalb unserer Bewegung das Übergewicht oder gar die Leitung erhalten. Dass neueste in‘unserer Bewegung sind die parlamentarischcn Aktionen unserer Gesinnungsgenossen in einigen Ländern des Ostens. Auch dazu werden wir Stellung nehmen müssen. Zwar wird mancher Gegner derartiger Bestrebungen auitreten, doch glaube ich, dass eine würdige echtjüdische Vertretung in den Parlamenten unserer Sache nur förderlich sein kann und dass sic keineswegs ausserhalb des Rahmens des Zionismus fällt. Grosser Arbeiten harren unser aut dem VIII. Kongress. Möge dem Sabbathkongress ein Arbeitskongress folgen im Hcrzis Sinne. Drum, politische Zionisten, an die Gewehre! Theodor Herzl Ein G e d e n k b I a 11 von Ma t i tu e Le Ma i t r e. E. S. zugeciguet. An einem grauöden .!ulim״rgen, im Kampfe zwischen Dämmer und Tageslicht erprobte der Weltcntyrann seine Tyrannei an Geniussterblichkeit. Am 3. Juli 19G-4 ist Theodor Herzls Mund verstummt, sein Augenlicht für immer erloschen und nach schweren Kämpfen sein Geist in das Schattenreich hinübergedämmert. Und als der feuchte Morgenwind weitklagend des grossen Theodors Tod verkündete, da klagten die bleichen Juden in; Jordantal. die Gedrohten im russischen Kerker, die Geschmähten in deutschen Städten, die Verfolgten jenseits des Ozeans und die Gcmarteten im Lande det Schlazizcn und der wilden Bojaren. Es weinte ein Volk, ein stein- und waldaltes Volk weinte im Chore. War die Krone vom Haupte des Königs gefallen? E*as Schwert in der Hand des Helden gebrochen? Warum weinte das Volk, warum wehklagten die Jungen und schluchzten die Alten? Hat ein Volk einen Vater, wird es verwaist, wenn der Vater die Augen schliesst?- Als er noch lebte, er die Selbsteutialtung unseres Volksgenius, da ahnten wir nahe Zukunft, wir wussten unser Schiff¬ No. 32 lein in den sicheren Händen enies klugen Steuerers, der die heraurasenden W ogen und Klippen auszuweichen verstand und das Schiff einen sicheren Hafen cntgcgeuzulenkcn bestrebt war. Als aber die c\\ ig im Ertrinken Begriffenen vom Tode des klugen, sicheren Steuerers vernahmen, da erkannten sie den gefahrvollen Augenblick, die enge, elende Gegenwart, die Not ihres dunkeln Tages. Der kluge, sichere Steuerer ist dahin und noch schaukelt und zittert das Schifflcin im stürmischen Meer .... Sie klagten daher, sie weinten zusammen, denn sie wussten, nicht jeden Tag wird ein Herzl geboren. Nicht jeden Tag entstehen Helden und oft ziehen Jahrhunderte hinab bis ein Volk auf dem Umwege• seinen Leiden seinen Genius erzeugt. Theodor Herzl war ein Held, denn er kämpfte im totsichern Bewusstsein, dass er siegen wird. Er kämpfte bis zum letzten Augenblick, und als schon die F u r c h t vor d e m Tode hei ihm längst g c s c 11 w u nden war. war noch seine Hofinung an seinen Sieg nicht g c s c h w 11 n d c 11. Mit in die kühle Gruft bat er die Hoffnung genommen und seine mit ins Grab genommene Hoffnung ist vielleicht das grösste Lilie, das er uns hinterlassen. In seinem Glauben an den endgültigen Sieg bestand seine Kraft. Das Volk glaubt und vertraut a 11 i den M e I d c 11. wenn der Held auf sich selbst v e r * traut, an seinen Sieg glaubt. So war Herzl. Ein sittlicher Held, der im Kampfe gross geworden. Der Glaube i>f aber nur eine sittliche Kraft W<> i>t der Quell dieser Kraft? Die reine Erkenntnis. Theodor Herzl erkannte den grossen Widerspruch, das herausfordernde Problem, er erkannte das ganze Gebrechen im Leben seines, seines durch ib.ii neuhelebten Volkes und er verlor die sittliche Gewissheit seiner eigenen Vergangenheit. Er fing zu zweifeln an, in seinen eingelulltcn Glauben an die Auflösungsmögliclikcst des jüdischen Volkes war eine Bresche geschlagen; denn ein Volk, das Kraft zum Leiden hat, muss auch Kraft zum Leben haben. Wer Inquisition und Pogrome überleben kann, wird auch Freiheit und Würde gemessen können. Jehuda ist kein Knecht, wenn man ihn auch zun! Prügelknaben gemacht. Warum sollen auch nicht diese zu Sklaven lierabgedrückten und zu Prügelknaben herangeziiehteten ein ireies normales Volksleben fristen können? Das war ein prophetischer Gedanke — denn Theodor Herzl war ein Künstler, mul der Künstler schafft während er denkt. Assimilatorisches Gepiepse ist Flickarbeit, Geschwätz au dieser Unglückliche daran schuld?“ sagte der Rabbiner, auf den vor Aufregung zitternden Zodcek zeigend. ״Wozu die Ausflüchte, räudiger Hund?“ riet Polepolski, wiederum aus der Rolle fallend. ״־Du weisst es ja sehr gut, dass das Geld nicht zur rechten Zeit gczahlt wurde!“ ״Erlauchter Herr! Unzählige Male habe ich zwischen Christen und Juden verhandelt, aber nie für meine Stamtnesgejiossen Partei genommen — Gott ist mein Zeuge. Und auch jetzt will ich nur die Wahrheit sprechen, mag daraus werden, was da wolle — allerdings nur wenn der Herr es erlauben.“ ״Nun, so sprich deine jüdische Wahrheit.“ ״Der Herr Verwalter haben die Lichter am hellen Tage angeziindet, uni Händel zu suchen. Das ist kein Grund, sondern eine Ueberlistung.“ ״Meinst du?“ ״Das ist ja so klar, wie der Tag. Noch vor Anbruch des Zahltags haben der Herr Verwalter schon einen neuen Pächter akzeptiert. Wie konnte, er wissen, dass der alte Pächter die Zahlungsfrist .licht innehalten würde?“ ״Antworte, Woickowski!“ ״Das beweist nur, dass ich den Betrüger sehr gut gekannt habe. Er war stets sehr unregelmässig, und so habe, ich auch diesmal an seiner Unniinktlichkeit nicht gezweifelt, und darum den neuen Pächter in Vorrat gehabt, den du heute tortjagtest ״Dieser Umstand ist schon genügend erklärt.“ entschied Bolepolski. ״Was noch auigeklürt werden soll, ist die Frage: welchen Grund hatte der neue Arrendator, auf die Arrcnde zu verzichten?‘־ ״Und sogar auf hundert Gulden Angeld,“ fügte Woickow ski hinzu. ״Wenn ein Jude hundert Gulden im Stiche lässt, müssen äusserst wichtige Gründe obgewaltet haben. Erkläre mir das. Rabbi von Zwantz." ״Ich war nicht die Veranlassung.“ ״Was oder wer denn sonst?“ ״Ich nicht!“ ״So antwortet ein Spitzbube. Du,־* sagte der Riehter zu Zodek, ״wer hat den neuen Arrendator veranlasst, seine hundert Gulden Angeld fahren zu lassen und abzti reisen?“ ״Erlauchter Herr! Ich . . . .“ begann der Augerutene mit zitternder Stimme, sali aber den Rabbi an und verstummte plötzlich.