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Jüdische Rundschau · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 322 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 31 Die jüdischen Organisationen Aus einem Referat Isidor Wolfis auf dem Wiener indischen Turntage entnehmen wir den folgenden charakteristischen Passus: Unsere Beziehungen zu anderen Organisationen mflssen mehr gepflegt werden. Mit reichen Verwandten kann man ruhig verkehren, wenn dieselben auch nicht ganz unserer Gesinnung sind; denn uns soll es gleich sein, wenn wir einet! Klimmzug nach Alliance-System, einen Riesensprung nach Ica-System oder einen Wolfssprung nach zionistischem System machen. Wir dürfen mit keiner Partei zu weit gehen, auch nicht n!it den Zionisten: das kann uns schädigen. Wir dürfen es aber ebensowenig mit einer Partei verderben. Wenn wir dann auf rechte Weise um moralische und 111atericllc Unterstützung nachsuchen, werden wir sie auch bekomme״. Ich hatte Gelegenheit, mit mehreren einflussreichen Leuten Fühlung zu nehmen, und ich habe mich nicht getäuscht. Am 24. April d. Js. hatte ich eine längere Unterredung mit dem Präsidenten der deutschen Konferenz - Gemeinschaft, der ״Alliance brachte universelle**, Herrn Geh. Kommerzienrat Goldberger. Derselbe versicherte mir vor allem seine grösste Sympathie für die jüdische Tarnsache und ermächtigte mich, zu erklären, dass er die Bedeutung der jüdischen Turnvereine sehr anerkenne. Herr Geheimrat Goldberger licss sich mir gegenüber folgende!!nassen ans• ״Ich halte das systematische Turnen, wie solches in Ihren Vereinen gepflegt wird, für das beste Mittel, um das Kraftbewusstsein des jüdischen Volkes, namentlich auch in meinem Vaterlande, zu entfalten. Nur dadurch können wir Vorurteile, die Juden seien feige, physisch minderwertig etc. eklatant w iderlegt werden.*‘ Auf meine weitere Frage, ob unsere Absicht, die weitere Ausgestaltung des jüdischen Turnwesens, wie solche auf dem dritten Turntage erörtert werden soll, auf moralische und ev. auch materielle Unterstützung rechnen dürfe, äusserte sich Herr Geheimrat Goldberger: ״Wenn er auch heute noch keine bestimmte Zusage in dieser Sache geben könne, so sei er doch überzeugt, dass die ״Alliance brachte Universelle** einem vorliegenden Anträge sich nicht ablehnend verhalten würde.“ Auch befragte ich denselben über meine Anregung betr. der Hinführung des obligatorischen Turnens in den von der Alliance brachte im Orient unterhaltenen Schulen, Abhaltung fon Turnkursen, Ausbildung von Turnlehrern etc., welche ich auf dem 3. Turntage in Wien zu vertreten gedächte. Herr Geheimrat Goldberger war über diese Anregung sehr erfreut und sagte mir zu, dass er gerade dieser Sache, die er für eine ausserordentlich glückliche Idee hält, seine volle Aufmerksamkeit widmen werde. Er glaube bestimmt, dass die Alliance Israelitc einein diesbezüglichen, von der Jüdischen Turnerschaft — die er in erster Linie dazu für bcrufen hält — angebrachten und in praktischer Form gchaltenen Anträge ihre volle Unterstützung angedeihen und dieser Angelegenheit volle Würdigung zuteil werden lassen würde. ״Seien Sie überzeugt,“ so sagte Herr Goldberger mir zum Schlüsse, ״dass ich auch im Zentralkomitee in Paris ebenso wie in der Deutschen Konierenz-Gemcirischaft dahin wirken werde, in jeder Hinsicht Ihre Bestrebungen zu fördern.“ Ein Kommentar zu dieser Unterredung ist überflüssig. Ministerpräsident Freiherr v. Beck und die Juden Der Obmann des jüdischen Klubs im Abgeordnetcnliause, Reiclisratsabgeordiicter Dr. Strauchcr, hatte im Minister- Zimmer des Abgeordnetenhauses eine Konferenz mit dem Ministerpräsidenten Baron Beck, welcher den Wunsch ausgesprachen hatte, mit dem jüdischen Klub ״trotz seiner mimerischen ' .hwäche“ in Fühlung zu treten und sich über seine Tendenzen zu orientieren. Dr. Strauchcr erklärte, dass der Klub auf die vom Ministerpräsidenten angekiiiidigte Politik der uneingeschränkten Rechtsgleichheit besonderes Gewicht lege und in erster Linie die vollkommene Gleichberechtigung und Anerkennung staatsbürgerlicher Gleichwertigkeit der Juden fordere. Der jüdische Klub werde gegen Prüferieruugcn und Zurücksetzungen jüdischer Stelknbewcrber im Staatsdienste sowie gegen alle Verunglimpfungen der Juden euergisch Front machen. Die Juden haben sich in den letzten Jahren auf ihr eigenes Volkstum zurückgezogen, und die Regierung würde sich, wenn die Wahlen in Galizien frei wären, überzeugen, dass die Juden des Ostens nur Jüdisch-Nationale wählen würden. Die Verdächtigungen der zionistischen Bewegung wegen ihrer angeblichen Staatsfeindlichkeit beruhen auf Unkenntnis ihres Wesens. Die politische Partei der Zionisten Ist gut österreichisch und staatstreu. Die Judennot Im Osten Europas mache eine gesicherte Heimstätte notwendig, unti hervorragende nichüüdische Staatsmänner anerkennen die Berechtigung und Zweckmässigkeit des Zionismus. Ministerpräsident Baron Beck betonte wiederholt, dass er die Gleichberechtigung der Juden anerkenne und durchführen wolle. Er selbst sei konservativ und gut christlich lind könne aus diesem Grunde kein Feind der Juden sein. Er werde auch fernerhin mit dem jüdischen Klub Beziehungen pflegen und trachten, über die Wünsche und Beschwerden desselben stets informiert zu sein. Stanislau. Des hiesige ״polnische“ Gymnasium zählt 1200 Schüler, davon 60 Polen und 20U Ruthenen. Das führende l'olenblatt SLOWO POLSKIE beschäftigte sich in der vorigen Woche mit den nationalen Verhältnissen auf unserem Gymnasium und kam zu dem Resultate, dass dieses den Namen einer polnischen Anstalt mit Unrecht führe, denn es besitze bloss eine polnische Unterrichtssprache. Von den 800 Polen sind nach seinen Angaben nur 370 wirklich Polen, die übrigen seien Juden, die sich gar nicht oder nur gezwungen zur polnischeu Nationalität bekennen, in Wirklichkeit aber Zionisten sind. Diese Konstatierungen sind ja recht interessant. Sie beweisen zweierlei: erstens, dass die jüdische Jugend Galiziens fast ausnahmslos zionistisch ist, zweitens, dass die Herren Polen zur Erkenntnis gelaugt sind, wie sehr ihr polnischer Einfluss auf die Juden im Schwinden begriffen ist. Die galizischen Juden Wien. Von dem zionistischen Schriftsteller York-Stciner erhält die ZEI'I' folgende Zuschrift: ..Gestatten Sic. dass ich auf die Rede des Abg. Dr. Löwensteiu in der galizischen Wahlu'cbatte ztmickkonnne, in. der dieses jiid sehe Mitglied des Parlaments sich den jüdischnationalen Abgeordneten gegenüber als Vertreter Jener galizischen Juden be/dchncte. die im Lande bleiben und mit den anderen Nationen arbeiten wollen. Gegenüber dieser Bemerkung Sei folgendes konstatiert: Jede polnische Jüdin, die sich Mutter fühlt, muss damit rechnen, dass ihr K!nd, das sie zur Welt bringen soll, w ird auswandern müssen. Galizien kann seine Juden nicht ernähren -- cs ist kein Raum mehr da. auch nicht für einen einzigen ־ . der Ucbcrschuss an Geburten ist gezwungen, in der F'remde sein Brot zu suchen. Von der jüdischen Bevölkerung Gaü/.iens wandern jährlich etwa 9du0 ab. genau 12 Promille von 7511001) — das ist ziemlich genau der ermittelte Promiüesatz. des jährliehen Zuwachses. Die wirtschaftliche Stellung der Juden in Galizien ist so schwach,, dass nur etwa Sihju bis 10 Oft) Familien sicher sind, ihre Kinder im eigenen Lande gedeihlich hochbringen zu können; der Rest, also etwa HO000 Familien, lebt in wirtschaftlich ungefestigter Stellung, er ist zum grössten Teil ganz iiiittelios. Wenn also Dr. Löwenstein sich einen Juden nennt, der treu zu seinem Lande hält, so ist dies sehr löblich, er müsste es aber fertigbringen, dass alle seine Wähler in Galizien ihr Brot finden. Von vielen Seiten wird behauptet, dass die wirtschaftliche Gesetzgebung im Lande, an der die Juden des Polenklubs teilnelunen. darauf hinauslaufe, die Juden auszuschalten. Sicher ist. dass grosse wirtschaftliche Veretnigungen diesen Zweck offen bekennen, so dass die Juden auch noch durch künstliche Massregcln zur Auswanderung genotig! w erden. Diese Tatsachen beleuchten genugsam die Bemerkung Dr. Löwensitms.־ auf die leider nicht sofort im Parlament von berufener Seite geantwortet wurde." Rumänische Kulturfortschritte Nach einer weiteren Meldung aus Bukarest sind neuerdings zwei in Rumänien geborene und erzogene Juden, die auch dem Rekrutierungsgesetze Genüge getan haben, ausgewiesen worden. Es sind dies die Buchdruckergehilfen Gebrüder Ghepart. Deren Ausweisung erfedgte wegen angeblicher Teilnahme an der sozialdemokratischen Bewegung. Die beiden wurden nach Predeal gebracht, wo aber die ungarischen Behörden deren Ucberuahme verweigerten. Nun sandte mau sie nach Bukarest zurück, wo sie nach den Angaben der Zeitung ADEVERUL in der Polizeipräfektur schwer misshandelt wurden. Dann transportierte man sie gefesselt zum Bahnhof und schickte sie nach Giurgiu, um den Vollzug der Ausweisung nach bulgarischem Gebiete zu versuchen. Doch auch die bulgarischen Behörden verweigerten die Annahme der Ausgewiesenen, und es heisst nun, dass sie heimlich aus dem Lande gebracht werden sollen. Einer der Brüder!icss bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige erstatten, dass die Polizei ihm und seinem Bruder alle Papiere zurückgehalten hat. so dass sie nun nicht ihre Staatsangehörigkeit nachweisen können. Sonst lässt die rumänische Regierung solche Juden in der Donau ertränken. Budapest. Wie aus Nagysseben telegraphiert wird, sind gestern aus Rumänien 16 ausgewiesene jüdische Familien dort durchgereist. Die aus dem Bezirk Jassy stammenden

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