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Jüdische Rundschau · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 31 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 319 1 hält und seine Speisegesetze bcohachtet, mit Achtung begegnen. so zollen sie demjenigen ihre Sympatic. der mutig und offen sein jüdisches Volkstum bekennt. Das ist also den erste Programmpunkt der jüdischen Realpolitik: offenes Bekennen der jüdischen Nationalität, das selbstverständlich mit der striktesten Erfüllung der Pflichten gegen das Geburtsland vereinbar ist. andererseits aber׳ die richtige Erfüllung der Pflichten gegen die angestammte Volksgcmeinschaft zur moralischen Konsequenz hat. Und hierbei heisst es nun wiederum die Linie der Real- Politik streng cinhaltcn: ist die Lage der Juden überall dort, wo sic grössere Ansammlungen bilden, unhaltbar: ist das Entstehen grosser jüdischer Konzentrationen unvermeidlich, schon aus dem Grunde, weil es nicht so viele zivilisierte Länder gibt, als wie sic zur Verteilung der Juden in kleinere Gruppen erforderlich wären: dann aber auch, weil sich das jüdische Volk einer solchen Zerstäubung widersetzt: ist die ganze Judcnnpt politischen Ursprungs, so bleibt nur die politisehe Lösung: der gewaltsamen H i n a u s d r ä n g u n g durch freiwillige, organisierte E m i g r a t i on zu vorzu kommen; die Lcidenskette durch Gründung einer nationalen H e i m s t ä 110 zu durch sch neiden: nach Palästina z u r ü c k z ti - kehren, wie cs unsere Vorfahren unter Moses und E s r a getan. Rettungsweg oder Utopie. Unsere Scheinrcaiisten versuchen es. den Spiess umzu* kehren und gegen diese einzig wirksame Lösung den Vorwurf zu erheben, dass sie eine Utopie sei. Ohne genauere Kenntnis der Verhältnisse Palästinas und der Türkei wiederholen sie immer wieder, dass die Juden sich nicht den Gefahren eines automatischen Regimes aussetzen dürfen, dass Unterbandlungen mit der Türkei zu keinem positiven Resultate führen können, dass Palästina ein ödes und zu kleines Land sei. Unleugbare Tatsachen widerlegen diese Entwürfe: Palästina allein, dass für die vcriolgteu Juden Russlands und Rumäniens das nächste, am billigsten zu erreichende Einwanderurtgsbebict ist. kann das Gros der ernigrationsbedürftigen Massen aufnehmen: über 3000 Juden sind im Vorjahre nach Palästina eingewandert: hei einiger Er’eichterung würde die Zahl der Einwanderer von Jahr» zu Jahr steigen. Die Nachbarländer Palästinas bieten unbegrenzte Einwanderungsmöglichkeiten: sein Boden hat die legendäre Fruchtbarkeit bewahrt:*) das blühende autonome Gebiet der Maronitei! beweist, dass mitten im autokratischen Türkenreiche dauernd gesicherte politische und wirtschafiüche Oasen existieren können: wir Juden wurden wie wild auch der Völkerkampf im Orient tobte, von der türkischen‘Regierung stets mit Wohlwollen behandelt. Und doch ist ein jüdisches Zentrum eine Utopie — ruft man — denn die Juden sind kein staatcnbrldendes Element! Wir können die theoretische Untersuchung der Begabung zur Staatenbildung ruhig hei Seite lassen. Staatcnbildcnd ist eben die Kollektivität, die einen Staat bildet. Uns genügt die Tat- Sache, dass die Juden seit über einem Viertcljahrhundcrt mit zäher Energie und wachsendem Erfolge an der Bildung eines Gemeinwesens in Palästina a-beiten; und die weitere, dass sie auf ihrer jahrtausendelangen Wanderschaft immer wieder grosse, staatenähnlichc Ansammlungen innerhalb anderer Nationen bildeten und immer mit grösster Energie ihre innere Autonomie zu wahren wussten. Während des ganzen Exils waren die J u d c n. n i c h t s als ein l a n d - loser, wandernder Staat. _ Hat man sich alle diese Tatsachen in Erinnerung gebracht: wird nun durch die Massenemigration der östlichen Juden, die steigenden Einwanderuugsschwicrigkeiten und die Gefahren der Judenkonzentration in Amerika zur Ucberzeuguiig gedrängt, dass eine Heimstätte für die Juden auf dem alten, eigenen Boden angestrebt werden müsse, so kämpft man um den letzten Rest jüdisch-liberaler Denkgcwolinheiten: die Neubcsiedelung Palästinas durch Juden - - behauptet man — darf nie einen politischen Charakter aimehmcn; sonst wind sie utopistisch. Auch das ist ein Denkfehler, litopistisch ist es. den Tat- Sachen und der Logik aus dem Wege zu gehen. Die Judenfrage ist eine politische frage mul kann nur auf politischem Wege gelöst werden. Daran ist nicht zu rütteln. Versuchen wir. in der Türkei nach der alten Schablone einfach eine Judenkonzentration zu schaffen, so muss, oh wir cs wollen oder nicht, dort, wie überall, eine Judenfrage entstehen, denen politisclier Charakter offener als überall zu Tage treten wird. Keine Utopie mehr. Wir suchen den Rettungsweg. *) S. genauere, zahienniässige Angaben in der Brochüre ..Die jüdische Volksbewegung.“ Die Methode der jüdischen Realpolitik. Muss man sich nun auch mit aller Klarheit und Entschiedenheit vor Augen halten, dass das Ziel der jüdischen Kolonisauonsarbeit im Orient ein politisches ist. so gehört es. keineswegs zu den Forderungen des nüchternen Sinnes, dass auch die Mittel zur Erreichung dieses Zieles ausschliesslich politischer Natur seien oder dass die letzte Frucht unserer nationalen .Bc- Strebungen, die politische Autonomie, noch vor der tatsächliehen Gründung des Gemeinwesens errungen werde. Darin liegt die historische Bedeutung der jüdischen Natioualbcwcgung. dass sic den Sinn für Realpolitik grossen Stiles in immer weitere Kreise trägt, dass der Illusionismus unter ihrem Einflüsse immer mehr Bestrebungen Platz machen muss, die mit der erprobten Politik anderer Völker übereinstimmen. 111 dem Augenblicke, als die jüdische Volksorganisation in Basel sich konstituierte, bestimmte sie auch die Grundlinien der jüdischen Realpolitik: das Basler Programm fasst neben der politischen Tätigkeit, den vorbereitenden Schritten zun Erlangung' der Rcgierungszustimmiingen. auch die zweckdienliche Förderung de־ Besiedelung Palästinas durch Ackerbauer. Handwerker und Gewerbetreibende, demnach das allmählige, planvolle wirtschaftliche Vordringen ins Auge. Und mit allem Nachdruck betonen cs die Resolutionen des letzten Basier Koneres'es. dass als reale Unterlage der׳ politisch-diplomatischen Bemühungen die systematische Ausgestaltung unserer Positionen in Palästina erfolgen solle. Die Mittel, deren sich *die jüdische Volksorganisation bedient, sind: allseitige Erforsciumgsarbcit. ökonomisch kulturelle Hebung und Organisation der Juden in Palästina. Erstr׳ebung der notwendigen Reformen in. Bezug auf Verwaltung und Recht. Heranziehung neuer intellektueller Kräfte. Die tatsächliche Gründung von jüdischen Ansiedlimgen aus öffentliclicn Mitteln aber ist in dem Programm der jüdischen Volksorganisation überhaupt nicht enthalten. Dieses System, das die Philanthropie heute als zu kostspielig verurteilt und unbecreiflicherweise der Nationalbewcgung /lischreibt, wurde faktisch nur von ihr selbst geübt. Die nationale Realpolitik hat es seit jeher nicht nur als unpraktisch, sondern als demoralisierend bekämpft und sic verpönt cs heute־ energischer als je. Was sie anstrebt, ist bloss die Schaffung von Bedingungen für das Gedeihen einer sponta n e n V o 1 k s k oI o n i sa t i on . die Sicherung der Reli* vionsausfibunc und der Kindererziehung, die Erleichterung des indivduellen Pionierkampfes durch rationellen Kredit, durch Informationen, durch Intervention bei den Behörden. Alles Uebrige überlässt sie der Initiative wirtschaftlich selbständiger und selbstverantwortlicher Kolonisten. Nationale Selbsthilfe. Welche Mittel stehen den Juden als Individuen und Gesamtheit zur Verfügung, uni sich an der Schaffung einer Heim- Stätte zu beteiligen? Auf den mannigfachsten Wegen können Privatpersonen das Werk fördern. Sie können Grundstücke in Palästina erwerben, die von jüdischen Pächtern oder Arbeitern bebaut wenden: Pfianzmujei» oder industrielle Etablissements anlcgen. Geschäftsbäiiser für Import oder Exnort gründen. Sie können, wenn ihre Lage oder 111־׳ Empfinden sie dazu drängt, selbst nach dem Orient iibersiedein und in den Reihen der immer zahlreicheren Palüstinapionierc in den verschiedensten Berufen au der Schaffung des neuen Jüdischen Gemeinwesens und der neuen jüdischen Kultur mitarheitcn. Allen lenen aber, deren Erwerbskraft und geschäftliche Initiative durch ihre in den Ländern der Zerstreuung ausgefibteji Berufe völlig in Anspruch genommen sind. h!e׳>t ein einfaches und doch gewaltiges Mittel: die Organisation und die Schaffung eines gemeinsamen Budgets. Das Jüdische Volk zählt heute über 11 Millionen Seelen. Welch imposante Macht kann mit geringen Opfern gebildet werden wenn nur ein wesentlicher Bruchteil der jüdischen Gesamtheit an dem nationalen Rettungswerke tcilzunchmen sich entschlicsst! Mit dem öden Scherz von der jüdischen Volksarmee oder der jüdischen Flotte, die man zur Eroberung eines Judenlaudcs atisscnden müsse und über die man nicht verfüge, kam! man die Idee einer jüdischen Zufluchtsstätte heute nicht mehr abtim. Wir :leben im Zeitalter der Vervenossensehaltliclmn« und kennen alle die weltbewegende Bedeutung der Organisation: wir wissen, dass alle Machtmittel der Staaten sich auf einen gemeinsamen Nenner zun'ickiühren lassen: das Geld. Nur die jüdische Volk sorga 11 isation wird Id i e Judcnfrag'c lösen: nur das jüdische V o 1 k sh u d g c t wird uns den Besitz einer Heimstiitte sichern und der J u d c n n o t ein Ende machen. .

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