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Jüdische Rundschau · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 318 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 31 darinnen nicht wohne, ein Scheusal, ein Sprichwort und ein Spott sei unter allen Völkern. Darum gäben sie sich nicht mit Halbmitteln ab. sondern erfassten das Problem in seinem tiefsten, politischen Kern; darum wählten sie. bevor es zum Aemsserstcn kam. freiwillig eine radikale Lösung: den Auszug und die Schaffung eines nationalen Zentrums. Das mag in -längst vergangenen Zeiten am Platze gewesen sein — könnte man einwenden — da die Juden noch ein kräftiges nationales Leben führten. Aber sehen wir nicht denselben Gedankengang bei unseren Staatsmännern In allen späteren Epochen? Was schwebte Joseph, den! Fürsten von Naros vor, als er seinen Einfluss beim Sultan dazu ausnutzte, um in dem verödeten Palästina seine Stammesgenossen wieder ansiedclu zu dürfen? Schweifte selbst der Blick des getauften Disraeli nicht immer wieder zur. alten Heimat seines Volkes zurück? Ja mehr noch: haben nicht gerade die grössten jüdischen National-Philantropen, Baron Edmond Rothschild und Baron Hirsch, von einem nichtigen. realpoHtischcn Sinn geleitet, einen Standpunkt eingenommen, der dem der Zerstreuungspolitiker direkt entgegengesetzt ist? Hatten ihre gross angelegten Hilfswerkc nicht den Zweck, die Juden dauernd ap.zusiedcln, und zwar in geschlossenen Massen, wie es ihr Charakter als Volk verlangt? Woran dachten diese zwei grossen Juden im letzten Grunde? Doch an nichts anderes, als an einen modernen Auszug der Juden aus den Ländern der Sklaverei. Die Wahrheit über die lüdlsche Frage, die Krankheit der Juden ist immer noch dieselbe. Es gibt ein urfl!tcs Judcnleiden. das in keinem Lehrbuch der Medizin verzeichnet steht, aber in der Geschichte der Märtyrologic das längste Kapitel entnimmt. Dieser .Morbus judaicus“ tritt manchmal in leichteren, chronischen Fonmen auf. Dann kennzeichnet er sich durch ein Gefühl dauernden Unbehagens, eine eigentümliche Empfindung des Andersseins als die Umgebung. ein bis zu krankhafter Reizbarkeit gesteigertes Bewusstsein. dass man diese״ Umgebung unwillkommen, ja sogar ein Gegenstand des Ekels sei, obwohl man sich keine schmähliehe Eigenschaft cinzugestehen hat. Ganz andere Symptome weist der ..Morbus judaicus“ auf. wenn er in das akute Stadium tritt. Da setzen sich dein unglücklichen Patienten in den Bauchhöhlen Polsterfedern statt der Eingeweide an. in den Augen und in den Nasenöffnungen wachsen ihnen Nägel und schliesslich gehen sie in Flammen auf. Warum will diese Krankheit nicht weichen? Weil die Aerzte die richtige Diagnose nicht stellen, weil sie sich selbst nicht bekennen wollen. Solange man von religiösen und wirtschädlichen Gegensätzen als den Ursachen des Judenlcidens spricht operiert man. unbewusst oder bewusst, nicht mit den richtigen Begriffen. Der religiöse Antagonismus hat nicht mehr die Kraft, die ihm in früheren Jahrhunderten eigen war. An seine Stelle ist der der Rasse, der des Blutes in den Vordergrund getreten. Die wirtschaftliche Seite der Judenfrage aber nabe kommt. Siebst, bat die passende. Gelegenheit ausgesucht, um sich dem Herrn zu Füssen zu werfen: nach dem Essen sind die bösesten Menschen gutmütig. Der Schwindler hat alles reiflich überlegt.״ ..Das ist nicht Immer der Fall. So hat Pan Koschenski meinen Grossvater mit Hunden halb zu Tode gehetzt — nach der Tafel. Wollen noch abwarten, wie Zodek’s Sache abläuft. ..Hört auf zu krächzen, wie die Unglücksraben,“ fuhr der Rabbiner, mit dem Fusse stampfend, dazwischen. ״Wenn man Euch hört, so sollte man meinen, Ihr habt keinen Gott im Herzen. Ihr wäret ja bereit, die Kinder Zodeks anzunehmen! Oder freut Ihr Euch, wenn Euer Bruder von einem Unglück ereilt wird? O mein Gott! Wer hat Deine Kinder so ausarten lassen? Ist• das die heilige Nächstenliebe, die durch deine Propheten gelehrt wird?“ Beschämt bjssen sich die Juden auf die Zunge und verschwanden in der Menge. In diesem Moment kamen zwei Haiducken aus dem Tore und gerade auf die Juden zu. ״He. Jüdchen, wo können wir euren . . . nun, euren Popen finden?“ ist kein primäres Element: sie ist nur eine Folge der politisehen Verhältnisse. Zcrrcissen wir die Schleier, mit denen unser eigener Illusionismus unser Schicksal verhüllt hat. so erscheinen die Juden als ein Volk in ebenso seltsamer wie gefährlicher politischcr Lage. Ein Volk, das aus lauter Kolonien besteht, die über die ganze Erdkugel zerstreut sind, ohne ein Mutterland zu besitzen; ein Volk, das in einer ganzen Reihe von Staaten anderer Nationalitäten sehr bemerkbare Konzentrationen gebildet hat. ohne über eine grössere Konzentration auf eigenem Boden zu verfügen, die kraft ihrer wirtschaftlichen und politisehen Bedeutung den zersprengten Gruppen Wehr und Zufluchtsstütte ist Für einen nüchtern denkenden Politiker ist es ohne weiteres klar, dass jedes Volk, das sich in eine derartige Lage bcgcltcn würde -- und wäre cs auch nicht der traditionelle, historische Sfmdcnbock der Menschheit, der die Juden sind, und wäre es auch gleicher Konfession mit den staatcnbildenden Völkern den schlimmsten Repressalien ausgesetzt sein müsste. Solange cs nur tolerierte Schutzjuden gab. konnte die jüdische Frage als rein administrative aufgefasst werden. Mit dem Augenblicke aber, wo die Juden die bürgerliche Gleichbeיechtigu^1g anzustreben beginnen und in dem Masse, als sic sic erringen, tritt ihr politischer Charakter zu Tage. Die autochtlionc Nation steht nun vor dem Dilemma: sollen wir den in geschlossenen Massen auftretenden Teilen eines anderen Stammes unbcgre!1zte wirtschaftliche Entfaltung und politische Einfiussiiahme gewähren oder unseren Staatsorganismus von diesem Elemente tunlichst befreien. Der europäische. Osten hat klar genug bekundet, was er zu wählen 'gedenkt. Darum muss der Ausgangspunkt aller vernünftigen Juden- Politik die Erkenntnis sein, dass die moderne Juden frage eine Rassen frage und eine politische Frage ist. Das Programm der jüdischen Realpolitik. Viele, die ein klares Bewusstsein davon haben dass die Juden ein Sonderstamm sind, halten es für inopportun, dies zu betonen, weil es den Regierungen mrf Völkern missfallen könne. Auch das ist eine Illusion. Die Regierungen und die Völker sind in dieser. Frage keineswegs so befangen, wie die Juden selbst. Sie wissen genau, dass die Quelle der charakteristischen Betätigung der Juden auf intellektuellem und wirtschaftlichen Gebiete, das, wodurch die Juden Erfolge erringen, ihrem Lande Nutzen bringen und weswegen sie geschützt werfen, insoweit sie nicht durch allzu grosse Anhäufung eine Gefahr darztistehen scheinen, gerade ihre ethnische Sonderbeschaffenheit Ist. Die Regierungen und die Völker halten cs für sclbstve־ständlich und crspriesslich. dass diese Tatsache nfclit vertuscht werde.; denn sie legen Gewicht auf die Pflege der staatscrhaltendeu Faktoren, zu denen neben der Religion die Nationalität gehö't. Ein unbehagliches Gefühl erweckt in ihnen im Gegenteil das Schauspiel einer grossen Menschcngrunne. die eine Natioinlitat abstreift. Sowie sic dem Juden der seine Pcicrtage ein- ״Wir haben keinen Popen,“ erwiderte einer der Juden auflachend. ..Nun. wer ist bej euch der Aelteste oder so etwas ähnliches?" ..Wir haben weder Popen noch Aelteste. Oder suchen Sie etwa den Rabbiner?" fragte einer der vom Rabbi zu rechtgewiesenen Juden. ..Eben den suchen wir. Wo ist Cr?“ ..Dort . . . ..Ich bin der Rabbiner. Was ist euch gefällig?“ ..Komm' mit. der erlauchte Pan wünscht dielt zu sehen.“ Der Rabbi erblasste, aber schnell gefasst wendete er sich an die Juden: ״Meine Kinder! Ich bitte euch, gebt Acht aui meine Enkelin, bis ich zurfickkomme, und sagt ihr nicht, wohin ich gegangen. Sie könnte sich ängstigen . . . .“ ..Seid unbesorgt. Rabbi, es wird ihr nichts geschellen.“ Von den Hafduckeri geführt, trat der Rabbiner auf den Paradeplatz. Seine Enkelin war von dem Mädchenchore. den sie aus dem Parke her vernahm, so entzückt, dass sie die Abwesenheit des Grossvaters gar nicht gewahr wurde. (Fortsetzung folgt.!

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