Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 31 Seite 317 i_ JÜDISCHE RÜNDSCHAU. t jüdischen Flüchtlinge über den Ozean. Um ihr weiteres Schicksal brauche man sich nicht zu bekümmern; insbesondere sei ihre Aiisiedlung et» unpraktisches, utopistischcs Unteruchmen. denn es sei berechnet worden, dass man für die zur Aiisiedlung eines einzigen Kolonisten erforderliche Summe sechs Emigranten nach Amerika befördern könne. Kolonisation ist ein langsames und teueres Abhilfsmittel tur wenige, sic bedeutet die Lösung der Jiidenirage in ferner Zukunft; Einigralinn bringt vielen aut billigem Wege sofortige Hilfe. Die Rechnung ist klar. Auf Grund des Einmaleins kann man sie nicht widerlegen. Aber die Tatsachen widerlegen sie. Ach ja. cs wäre bequem und schön, wenn die Juden sich wirklich zerstreuen Hessen: überall mir ein paar Hundert, immer nur ein Körnlein auf jedem Felde des Staatenschach־ hrettes. Aber dieses störrische Volk hat eben die unausrottbare Tendenz, sich zu Massen au/.uhäuten.zu Hunderttausenden und Millionen, wie der Sand am Meere und die Sterne am Himmel. Neben den versprengten Stämmen Israels die. sich immer wieder verlieren, schreitet stets ein festgefügtes, unauflösliches Juda einher. Lord Rothschild kommandiert: ,.Zerstreuung!” Die Judeuscharen brechen auf, aber siche da. die Bewegung, die sic ausgeführt haben, ist die ent- Regengesetzte: ״Konzentration!“!11 der Tat, was haben die philanthropischen Komitees erreicht, indem sic die jüdischen Emigranten auf billigstem Wege über Amerika ausschütteten? Die Judcnmassacres im Osten laben nicht cufgchurt. aber in der freien Zufluchtsstätte der Juden über dem Ozean hat man so gefährliche Judenansammlung'en entstehen lassen, dass auch hier der Einwanderung ein Riegel vorgeschoben wird. Und ähnlich stellen die Dinge in lingland. Alan hat die Judenfrage’nicht gelöst: aber man hat sie in Gebiete verschleppt, wo sie trüber unbekannt war: man hat sie verdreifacht. So sieht die ..Zerstreuung‘‘ aus. die man als wohltuend zu bezeichnen beliebt. Das magische Wort ״Hinuberschaffen“ hat versagt. Vergeblich bemüht sicli heute die Phikuitropic. unter An- Wendung von Riescnsunimen die Politik der Zerstreuung konsenueut durchzuführen u:rd die kc!!zentrierten Judenmassen New- Yorks über ganz Amerika zu verteilen. Vergeblich kämpft sie in theoretischer Verblendung gegen die unüberwindliche Tendenz der jüdischen Auswandererlawine, sich zu kompakten Massen zusammen zuballen. Sie kann cs höchstens zuwege bringen, dass in den Vereinigten Staaten ״ein neues jüdisches Russland erwächst, dem ein ähnliches Schicksal bcvorstcht, wie im .Mutterlande. Die Philanthropie kann die jüdische Frage nicht lösen, weil sie eigensinnig vor den letzten Quellen derselben, aus der sie sich stets neu gebiert, die Augen verschlicsst. Sic wird immer nur die Chewra Kedischa des verfolgten jüdischen Volkes sein, die für ״schleunige Abhilfe“ nach selhstverschuldeten Massenkatastrophen sorgt. So tritt es schlagend zu Tage, wie selbst die aktivsten Elemente der emanzipierten Judenheit. die sich zu positiver Wirksamkeit aufgerant und ebenso praktisch wie nüchtern und scher’ dielt zum Teufel!“ Und der Jude ist überglücklich!“ ״Aber wie erledigen Sie. mein Sohn, Fragen anderer Art.?“ fragte Pater Bencdiktus lachend und erklärte flüsternd den Herren seine Frage. 0״ mein Vater. Fragen dieser Art habe ich ein für allemal entschieden, so dass niemand mehr mit dergleichen Fragen zu mir kommt. Den' ersten Unverschämten, der mit einer solchen Frage zu mir kam ... Hess ich durchpeitschen. und seit der Zeit werde ich ttiit solchen Stückchen nicht mehr belästigt. Ich habe gehandelt, wie Alexander von Maccdonien; er hat den gordischen Knoten zerhauen, ich aber habe, ihn verhauen.“ ״Der Judenrabbincr. der weise Pan Bolepolski, Hoch!“ toastete Wirgmski. Die ganze Gesellschaft umarmtc den weisen Salomo ..... * * * Mit dem Erscheinen Zodeks auf der Szene entstand hinter dem herrschaftlichen Oitte.rzaun, der von zahlreichen Zuschauern, zumeist Juden, belagert war, eine rege Unterhaltung. ״Da ist er, da ist er, seht!“ . vorzugehen glaubten, mit Tatsachen nicht zu rechnen wissen*, wie •die erfolgreichsten Businessmänner auf dem Gebiete der jüdischen Politik im letzten Grunde unerreichbaren Utopien nachhängen. Sie verstehen nicht die Sprache des Lebens und nicht die viel ausdrucksvollere des Todes. Wir Juden habet! im Bereiche unserer eigenen Verhältnisse den wahren politisollen Sinn verloren; wir müssen ihn wiedergewinrien. Jüdische Realpolitiker. David und Salomo, die erfolgreichsten jüdischen Politiker, waren Lenker eines unabhängigen Staates; wir können — wird man uns einwenden ״- ihre Vorg'angsweisc in unserer heutigen Lage nicht befolgen. Aber worin lag die Grösse Moses, der den ersten Staatsmännern aller Zeiten beigerechnet wird und gleich uns im Exil geboren war, worin die anderer Exilpolitiker, eines Esra und Nehemia? Ihre Gcistesrichtung bildet den direkten Gegensatz zu der ihrer Stammesgenossen. Bedachten jene mit kurzsichtigem Wirklichkeitssinrt nur die momentane Lage, so kennzeichnet diese vor allem ihre politische Weitsichtigkeit. Mit Adlerblick verfolgten sie die Vergangenheit ihres Volkes, machten sich die Lehren der Geschichte zu Nutze und konnten so auch in die ferne Zukunft Vordringen. Von diesem hohen Ausblickspunkte aus ersahen sie eine ganz andere Wirklichkeit, .als die ängstlichen Freunde der Fleischtöpfe. Waren jene um die Erhaltung kleinlicher, ungewisser, vorübergehender Vorteile bemüht, so strebten diese die Schaffung dauernder Bedingungen einer gesunden Volkscxistcnz an. Versuchen es die Juden im Exil, das Moment der Rassendifferenz hinliehst zu verwischen, so gehen die Realpolitiker von dieser realsten aller Tatsachen aus. sie machen das nationale Bewusstsein gleich den grossen Staatsmännern anderer Völker, zum eigentlichen Eckstein ihres Gebäudes. Ihre grosse Kunst besteht darin, dass sie unten komplizierten Verhältnissen die richtige, politische Diagnose stellten und dann Kraft und Mut genug finden, um das richtige Heilsystem. und sei es noch so radikal, durchzuführen. Hatten die Hebräer in Aegypten nicht eine Blütezeit durchlebt? War es nicht möglich, dass sie unter einem neuen Pharao wieder günstige Bedingungen erlangten? Hätte Moses seine geistige Ueberlegenheit nicht dazu verwenden können, um das Schicksal der Juden in Aegypten zu verbessern? Ging cs den Juden in der babylonischen Gefangenschaft nicht so gut. dass nur ein Bruchteil von ihnen geneigt war. das Exil zu verlassen? Sass Nehemia nicht selbst am Tische des Königs Arthasastlia? Und doch erkannten die Führer, dass die Lage eines Volkes, selbst unter momentan günstigen Verhältnissen, in fremden Ländem auf die Dauer unhaltbar sei. dass sie immer wieder die furchtbarsten Verfolgungen herbeiführen müsse. Sic wollten nicht, wie die Bibel voraussieht, dass Israel Gewalt und Unrecht leide sein Lcbenlang. dass es Nacht und Tag sich fünchte lind seines Lebens nicht sicher sei. Häuser baue, aber ״Ach du Gauner! Und ich denke, er hängt schon irgendwo auf einem Dachboden!“ ״Das Rindvieh! Warum hat er sich versteckt? Hat nur andere gezwungen, zu laufen und zu suchen!“ ״Gott sei Dank! Gott sei Dank!“ sagte der Rabbi, sich freudig die Hände reibend. ״Und ich hatte schon in der Seele gelitten, ob dieser ihrer einzigen Stütze beraubten armen Familie. Eilt, gute Brüder, ins Städtchen und erfreut die Frau und die Kinder unseres armen Bruders mit •einer guten Botschaft!“ Ein halbes Dutzend Juden eilte von dannen. Jeder wollte der erste sei״, der die glückliche Botschaft übernüttelt. um so den Lohn des Himmels zu verdienen, so dass ein eigenartiges, komisches Wettrennen unter den Juden entstand. ״Alle sagen, Zodek. hat sich aus Gram ein Leid angetan; der Schlaukopf aber wusste, was e,r tat. Ist bis Zum Pan vorgedrungen. Ihr wcrdct’s sehen, Brüder, er erhält die Arpendc wieder,“ bemerkte einer der Zuschauer neidisch, der vor einer Stunde noch das lebhafteste Mitgefühl für die unglückliche Familie an den ן Tag gelegt hatte. ״Hm, ein Leid angetan ... Er hat sich nur ver- * krochen, wie ein Igel, den man mit einem Stocke zu ׳?***&&*'•*$*׳ ״?>׳**$ **״p-gp״**‘»׳*