Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 316 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 31 *der Bibliothek auszuführen. Man unterschätze diese ׳ Frage nicht. Die Gründung einer Nationalbibliothek, — die bisher keineswegs existiert — ist mindestens so wichtig wie die aller Schul- und Bildungsinstitutionen, die doch nur ihr Ziel erreichen können, wenn sic sich an eine grosse jüdische und Bildungsbibliothek anle.hncn können. Die genannte Privatbibliothek wird für die | Kulturbewegung ohne Bedeutung bleiben und wird nur, i solange keine Nationalbibliothck existiert, für ihre Be- | sitzer den Wert im Sinne ihrer Jerusalemer Einfluss- Politik haben. Dadurch, dass wir diese Gegenwartsarbeit im weitesten Sinne in Angriff nehmen, erhöhen wir den Wert des Landes, in dem wir unserem Volke ein öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte bereiten wollen. Vor allem aber erhöhen wir den Wert der Juden im Lande und treiben damit eine Politik, die geeignet ist, uns in unserer Arbeit zu fördern. Diese Gegenwartsarbeit ist bereits die Grundlage eine! Zukunft. (Ein Sclilussartikel iolgt.) Jüdische Realpolitik (Schluss.) Nationale Philanthropie. Mit brutaler baust hat das Schicksal die selbstgefälligen Wahnbilder der modernen Judenpolitik zerstört. Die Reihe blutiger Katastrophe», welche seit dem Beginne der achtziger Jahre die östliche Judenhcit aus ihren Wohnsitzen hinausdrängte, blieb nicht ohne umgcstaltende Wirkung auf das Vcrhalten der offiziellen jüdischen Kreise des Westens. ״Mit der Ueberlieferung der absoluten Passivität musste endlich gebrochen werden: man musste dem iibergrossen Elend steuern. Aber wie? Die Antwort lautete: Philanthropie. Allerdings ist es eine Philanthropie, die unter ganz besonderen Umständen geübt wird, die eine Volkshälftc der anderen zuteil werden lässt, der ganz, bestimmte Gesichtspunkte zu Grunde liegen und die daher mit der Politik alles gemeinsam hat - ausgenommen den Namen. Diese moderne, jüdische National-jJhilantl1ropie. die’ um Gotteswillcn keine Politik sein will, ist eine Politik, die der früheren unbedingt überlegen ist. Vor allem darum, weil sie an Stelle der mittelalterlichen Separation der zerstreuten Volksteilc. sowie der starren Unbeweglichkeit. Organisation und Aktion setzt. Sie bedeutet einen immensen Fortschritt wei sie die ökonomisch leistungsfähigsten Elemente der Judenheit in den Dienst der Bedürfnisse der Gesamtheit stellt, weil sic die’organisatorischen Kräfte zu unermüdlicher, selbstlosester Tätigkeit anspornt und die Opferfreudigkeit der weitesten Kreise •zu einer früher imgekannten Hohe empnrfaeht. Beispiellos steht in der Geschichte des Exils die rührige Tätigkeit der Alliancen, der Milisvereinc und der Hilfskomitees, die grandiose Opferwilligkeit der jüdischen Wohltäter da. hm glanzvolles Kapitel, totz des tragischen Untergrundes, aber - doch tuir ein Kapitel der llltisionspcütik. Dass den Bedrängten unmittelbar nach dein Eintreten der Katastrophe mildtätige Hilfe geboten wird. wer könnte dies bemäkeln, wer sollte es nicht anerkennen? Aber dass das philanthropische System sich prinzipiell darauf beschränkt, dass cs programmat sch einer wirklichen dauernden Losung der Judenirage aus dem Wege geht, dass es allerhöchsteiis zu Halbmittcln grein, darin beruht st ine Schwäche und Unhaltbarkeit. Die ganze sog. Abhilfsaktion trägt den Stempel des Illusionismus, der.» ihre Voraussr tzuagen, ihre Ziele und ihre Methode wurzeln ווי der überlieferten, irrigen Auffassung de! Judenfrage. Bestimmend ist für sie die Empfindung, dass der Amisemitismus ii: allen seinen Formen eine versiegende Bewegung sei, dass selbst die die mittelalterlichen Judenverfolgungen an Grauen übertreibenden russischer. Massacres nur ein letztes Am'flackcru des Judenhasses bedeuten. Man geht von der Ueherzcugiing aus, dass binnen Kurzen! der Judenheit in allen Ländern ein ähnliches Schicksal beschicden sein werde, wie den kleinen Judengruppen im europäischen Westen: dass dies nur eine Frage der Milderung der r e 1 i g i ö s e 11 (reg e 11s ä t z e und der wirtschaftlichen M i s s s t ä 1! d e sei. Für die Abstumpfung des konfessionellen Fanatismus sorgt die Zeit; zur Beseitigung der wirtschaftlichen Gefahren will da• Philanthropie beitragen. Die Zerstreuungspolitik. Wie soll dies geschehen? D־.c Wurzel alles IV, eis - - behauptet man mit einem richtige 1 Instinkt ist das Zusammcnleben der JuJen in grossen Massen, ihre Konzentration. Die geschlossenen Riescngruppen d-.r Juden sind cs. die von den umgebenden Nationen lästig empfunden werden uuJ da Juden selbst durch innere Konkurrenz ruinieren. Sie erhalte,1 die Eigenart der Juden, sie hindern sie an der völligen Aupassung an die Umgclving. Daher bleibt das Alpha und Omega der Abhiifsaktion: Zerstreuung! Ein interessantes Dokument veröffentlichte der ..Dailv Telegraph“ kurz nach den Judemnassacres von 19!!5. Ein Hilfskomitee, an dessen Spitze Lord Rothschild stand, gab hier die offizielle Formulierung des allgemein befolgten Systems der repräsentativen jüdischen Kreise.’) Lord Rothschild spricht es nachdrücklich aus. dass er die einzige Rettung der bedrängten Judenmasscn in ihrer wohltuenden Zerstreuung erWicke. die einzige Aufgabe der jüd!- sehen Hilfskomitees in der schleunigen Hinüberschanujig der *) Vergl. ״Das Judenschiff“ in der Samniclschrift ..Die Zukunft der Juden“ Berlin 1906. ״Nun, und was geschah?“ ״Nun, ich bin Judenrabbiner geworden und amtiere bis auf den heutigen Tag — bei Gott!“ Ein homerisches Gelächter durchbrauste die Luft. ״Oratulierc, Pan Bolepolski! Vivat!“ ״Meine Herrschaften.“ sagte Bolepolski verletzt. ״Glaubet nicht, dass icli Euch etwas Vorrede . . . von der Art, wie Pan Wirginski den Turm bestiegen und Durnjewitsch vom Galgen gerettet. Ich habe Euch ein Factum berichtet.“ ״Freund Jan, scherzest du oder was sonst?“ fragte Potocki, und beugte sich zu ihm nieder. ״So war Gott lebt — nein. Ich bin' Judenrabbiner und alle Juden sind entzückt von mir.“ ״Wie machst du es denn, ha, 11a, ha?“ ״Ich mache cs folgendemtassen: ״In Geld- und Handelsstreitigkeiten urteile ich nach bestem Gewissen, wie es Gott mir eingibt. Allerdings, hier kann ich beide. Parteien nicht befriedigen - das isf ganz natürlich. Nun. hol’ sie der Kuckuck! Aber meinem Urteil müssen sie sich unter werten, ob sie wollen oder nicht!“ ״Und in Religiousf ragen?" fragte Benediktus ״Aeusserst einfach. Da kommt z. B. eine Judenfrau zu mir: ״Herr, ich hab* in einen Fleischtopf einen Milchlöffel getan." ״Was schadet das?" frage ich. ״Wir dürfen es nicht mehr benutzen, das ist treife." ״Weiss! du es ganz gewiss, dass es treife ist?“ ״Woher sollte ich dummes Judenweib cs wissen? Ich bin gekommen zu fragen den Pan Rabbiner.“ ״Und wenn es nun treife wäre?" ״So wäre der Topf kamt und auch der Löffel." ״Wieviel kostet dein Topf?“ ״Ich hatte auch ein ganzes Huhn dahin, auch das Huhn wäre kaput.“ ״Out. 'Frage das Huhn, den Topf nebst dem Löffel in meine Küche und lass dir dafür ein lebendes Huhn, einen neuen Fopf und einen neuen Löffel geben.“ Das Jude 11 weih empfiehlt sich mit tausend Segenswünschen, denn wenn es der Jtidcnrabbi treife gesprochen hatte, wäre alles verloren gewesen.“ ״Sehr geistreich.“ lobte Panna Oda. ״Kommt da wieder ein Jude voller Verzw eiihmg ״Ai. wai, Pan, ich hab' einen Ochsen geschlachtet und er hat auf der Lunge eine Sirche.*) Wollen Sie's sehen?־־ ״Nicht nötig. Schleppe den Ochsen auf meinen Hof. man wird dir nach Gewicht einen lebenden Ochsen geben *) Sirehe-Anwuclis. Die Lunce soll absolut rein sein. Die Lungenflügel dürfen weder aneinander, noch an die Rippen, an das Fett etc. angewachsen sein.