Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3tl sind genötigt. persönlich Gesuche um Zulassung zu der Wahl im die Stadtduma zu richten. 1ןזו vorigen Jahre war der Zuström solcher Wfihler überaus gross. Jetzt aber haben wir ,in Petersburg auf 25 000 Wähler nur 400 Gesuche und in Moskau auf 30 000 nur 150 zu verzeichnen. Unter diesen Umständen wird das demokratische Element in der 2, städtischen Kurie beträchtlich reduziert werden, was für den Ausgang der Wahl von sehr traurigen Folgen sein kann. Allerlei aus dem heiligen Russland Die Gerichtsverhandlung wegen der im vorigen Jahre zu Sehitomir stattgehabten Pogrome wurde dieser Tage durch* geführt. Es wurden zwölf Angeklagte freigesprochen und nemumdzwanzig zu Freiheitsstrafen in der Dauer von (>—10 Monaten verurteilt. Zwei jüdische Angeklagte Epstein und Perlzweig wurden, weil sie der jüdischen Sc I bs t w e h r o r ga n isa t ion an ge hörten, erstercr zu 6, letzterer zu 8 Monat c n G e t ä n g n i s verurteilt. In Petersburg Veranstaltete Sonntag der Verband echt russischer Leute eine Prozession mit Fahne, welcher sich eine Versammlung anschloss, ln dieser hielt der Vorsitzende des Verbandes, Pr. Dobrowin eine Ansprache an die Versammlung, in welcher er sehr gegen die Juden hetzte und sie ־ als staatsgcfuhrlichc Mörder bezeichncte. Per Vertreter des Verbandes versprach, einen kleinen Pogrom zu veranstalten, falls irgend einem vom Verbände ein Leid gvsebähe. —׳ In London fand unter den Auspizien der Gesellschaft der ״Freunde der russischen Freiheit" aui dem grossen Trafalgarplatz eine Demonstration statt, um gegen den Abschluss des Abkommens mit Russland zu protestieren, sowie sowie die verübten Grausamkeiten und Jude n m e t ze leie n. die Verwüstung des Kaukasus und der Ostseeprovinzen und die (iefängnisgreue! in Riga zu verurteilen. An der Demotistration beteiligten sich au 500C Personen. Nach der \ er* Sammlung zog die Menschenmenge unter Absingmig sozialisti* scher Lieder vor das auswärtige Amt und veranstaltete dort eine feindliche Demonstration. Erst nachdem mehrere Ver* haftungen vorgenommen worden waren, gelang es einem starken Polizeidetachemenü die Ordnung wieder herzustellen. — Aus Petersburg wird berichtet: Der ..Verband des russischen Volkes" lässt Listen aller derjenigen allerhöchsten Begnadigungen drucken und über das ganze Land verbreiten, welche Vorgänge wie den Pogrom von Schitymir, Kischinew etc. betreffen und den Mitgliedern des Verbandes zugute gekommen sind. Die Absicht, welche die ״echten Russen" damit verfolgen, ist zu deutlich, als dass sie einer weiteren Erklärung bedürfte. Ein rumänisches Dokument Die WELT verüiientlicht einen Artikel, der int LIBERATUL, dem Jassyer Organ der jetzigen Regierungspartei, erschien. Dieser Artikel enthält ein so naiv-freimütiges Bekenntnis in bezug auf die Judenfrage, er zeigt so scharf die rumänische Heuchelei und Verlogenheit, dass wir glauben, ihn durch tin* verkürzte Wiedergabe als politisches Dokument einer weiteren Öffentlichkeit vermitteln zu sollen. Der Artikel lautet: ״A. C. Cuza, efn Feind des Landes. Alle diejenigen, welche sich über die Lage des Landes, über die Interessen des rumänischen Volkes klar sind, begrei* fen, dass wir den Juden keine Rechte cinrätimcu können. Pen Juden jetzt Bürgerrechte zu verleihen, wäre gleich* bedeutend mit der Zcrtretung des rumänischen Volkes — ins* besondere der Bauernschaft und der produktiven städtischen Bevölkerung — durch das jüdische, das unsern Aspirationen und Idealen fremd gegenübersteht. Den Juden unseres Landes können wir übrigens widerstehen, ihre Agitation kam: uns nicht beeinflussen. Was uns aber fatal werden kann, wäre die öffentliche Meinung Europas, die uns zwingen kann, den Juden diese Rechte zu verleihen. Wir waren bereits in Gefahr im Jahre 1879, als uns Europa die Früchte des Krieges, des auf den bulgarischen Schlachtfeldern vergossenen Blutes, mir gegen Verleihung der Bürgerrechte an die Juden zusprechen wollte. Damals konn* ten wir widerstellen, indem, wir uns die Freiheit, in unserem Lande tun zu dürfen, was uns gefällt, mit Milliarden er kau! ten, denn wir haben iür den Ankauf der Eisen* bahnen den dreifachen Preis bezahlt, nur damit wir nicht gezwungen seien, den Juden Rechte zu verleihen. Wir konn* ten auch deshalb noch loskommen, weil Russland in dieser Frage interessiert war. Russland aber wollte es durchaus nicht zugelien, dass auch nur im Prinzip die Gleichbereelltigung der Juden ausgesprochen werde, denn cs hatte ja seine eigenen Juden. Jetzt aber, da eine Kommission der Duma bereits die Gleichberechtigung der Juden für berechtigt er* klärt hat, jetzt, da Russland wesentlich schwächer ist, ist unsere Situation viel schlechter. Wir sind ein kleines Völkchen \on nur 6 Millionen Seelen, und wenn uns Europa jetzt zwi ngen wollte, den Juden d ie Bürgerrechte zu verleihen, könnten w ir nicht mehr widerstehen. Wir könnten jetzt Europa nicht mehr Milliarden in den Rachen werfen. Wir können auch nicht mehr auf Russlands Unterstützung rechnen, da cs selbst den Juden Gleichberechtigung zu gewähren im Begriffe ist. Da wir das einzige Volk in Europa sind, das den Juden keine Rechte zuspricht, könnten wir also dem Wunsche Europas nicht mehr Widerstand entgegensetzen, besonders da cs sich durch die Baiiernrevolten gezeigt hat, dass wir 40 Jahre *!ach Gewährung der Konstitution noch ein so schwaches Land sind. Wo liegt nun unser Interesse? ln unserem Interesse ist cs, dass noch 20—30 Jahre die jüdische Frage nicht in Europa gebracht wird. Diese Frage soll so lange nicht zur Diskussion kommen, als wir nicht ein starkes Volk sind, bis nicht aus der rumänischen Bauernschaft eine aufgeklärte, bewusste und wohlhabende Bevölkerung geworden ist. Wenn es so weit sein wird, dann werden wir auf unsere eigene Kraft vertrauen und nach Massgabc unseres eignen Interesses beschlossen, was wir zu tun haben. Und nun sehen wir, dass ein Erzreaktionär, A. C. Cu za. um ein Mandat fürs Parlament zu erlangen, auf dein Antisemitismus hcnmireitet, indem er an der Universität hetzt, den jüdischen Jargon imitiert, alle Leidenschaften aut* wühlt, indem er die Leiden der von den Juden im Kampf ums Dasein Besiegten ausbeutet, die Jugend verdirbt, indes er sie von ihren Studien ablenkt. Kurz, um einer erbärmlichen Gloriole willen agitiert er in einer Frage, die itn Interesse der Rumänen unberührt im Dunkeln schlummern müsste. Man kann den Juden keinen bessern Dienst leisten, als wenn man tiir die Aufrollung dieser Frage arbeitet. Wenn die oiientüchc .Meinung Europas, die nicht begreift, weshalb wir den Juden* die Gleichberechtigung nicht gewähren können, die nicht versteht, dass dies einem Selbstmord g'eichkämc, sehen wird, dass ein Universitätsprofessor die Univcrsitäts* jugend gegen die Juden aufwiegelt, und dass das geduldet wird. ja. dass man ihn sogar ins Parlament schickt (wo er das Verbrechen begehen wird, dass er als Patriot die Judentrage aufs Tapet bringt), dann wird dieses Land zweitellos den ersten Sei• ritt zum Selbstmord getan haben. Dieser infame Reaktionär, der im Trüben fischen will, der sielt mit Tara hu tu liiert hat. mit demselben Tarabutu. mit dem zusummen er vor einigen Jahren die Fensterscheiben der Juden eingeschlagen und das Land gezw ungen hat. sich vor dem A usIa nde zu demütigen und mit grosser Mühe das Wiederaufrollen der Juden* frage zu unterdrücken, — was will er jetzt noch? Wenn er einen Tropien patriotisches Empfinden hätte, jetzt, da er nicht mehr 20 Jahre alt ist. würde er einsehen, dass er diesem Lande keinen grösseren Schaden zuiugen kann, als wenn er einen Brand anfacht, der das ganze Land in Flammen hüllen kann. Alle diejenigen, die nicht dazu verhelfen wollen, dass das Vaterland zugrunde geht, müssen also diesem ge* wissenlosen Menschen den Rücken kehren. Diesem Volks* Verräter. — ja Verräter, denn wir glauben nicht, dass er unzurechnungsfähig ist, dass er nicht begreifen kann, was jeder halbwegs Gebildete begreifen muss, dass nämlich die A u f r o 11 u n g der J ti d c ח f r a g c im Interesse der Juden und zum Sc h a d e n des rumänischen Vaterlandes wäre. Wir, die wir uns alle Mühe geben, der Welt >u beweisen, dass die ..Judenfrage" eine (sau-) jüdische Erfindung ist, dass wir das toleranteste Volk sind (und wir sind es auch). — w ir dürfen uns keine Blässe geben, wir dürfen nicht zeigen, dass wir die Bestialität ermutigen. Mit welcher Wonne erwarten die Juden des In- und Auslandes Cuzas Wahl! Mit welcher höllischen Freude erwarten sie seine wilden Reden, damit sie sie vor den Augen des zivilisierten Europa attsbeuteii können durch ihre europäische Presse, die sie fast durchweg beherrschen. Jede Stimme, die Cuza gegeben wird, ist gegen die Demokratie abgegeben, denn er ist ein Reaktionär, der nur den Demokraten spielt. Jede dieser Stimmen ist ein Verrat am Volke, denn cs ist die Ermutigung einer Haltung, die eine Frage ins Rollen bringt, die verschwiegen und versteckt werden muss.“ Rumänische Briefe Dem Ililfsvercin der Deutschen Juden sind von angesehener christlicher Seite aus Rumänien, von einem Pfarrer, zwei Briefe zur Verfügung gestellt worden, die in hohem Grade beachtenswert zur Beurteilung der dortigen Lage sind. Erklärlicherweise kann weder der Briefschreiber noch de־ Ort in Rumänien, aus dem die Briefe datiert sind, mitgeteil* werden. י