Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 309 in Betracht ziehen. Auf fremde Zwischeitdeckpassagicrc, die beweisen können, dass sie bloss in England landen wollen, um von dort ohne unnötigen Verzug nach einem anderen ausserhalb Englands gelegenen Bestimmungsort wciterzurciscn, findet das Qesetz keine Anwendung. ׳ diplomatische Geheimnisse enthüllt werden? Hat Herz! die Kongresse in alle Geheimnisse eingeweiht? (Wir werden ,übrigens später sehen, dass dieser Einwand auch von einem 1 anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, absolut ausser Betracht fällt.)---— Andererseits wird man sich wohl erinnern, dass im August vorigen Jahres in London die Vermutung, fast Ueberzcugung ausgesprochen worden ist. die geographische Kommission werde imstande sein ihre A-beiten bis zum Frühling zu beendigen. Nun ist diese poetische, vielbesungene Jahreszeit vorbei, ohne die so sehnsüchtig erwartete Entscheidung ge* bracht zu haben. Das wäre übrigens an und für sich noch nicht so schlimm. Man hat ja durch die Emigrationsregulicrung der gegenwärtigen Situation Rechnung getragen, es wurde vorsorglich ein Sicherheitsventil geschaffen, und das ist viel wert. Es ist aber klar, dass ein solches Auischiebcn nicht zu oft wiederholt werden kann. Für so e.n Vertrösten auf die Zukunft haben wir״ Gott «ei Dank, eine andere ehrwürdige Organisation. Zangwill selbst öussertc sich neulich. Cr sei überzeugt dass ״die Entscheidung noch im Laufe dieses Jahres zy erwarten ist. wenn nicht UneMartetcs dazwischen kommt * — und cs darf nichts dazwischen kommen! Kombinieren wir das mit dem. was ich oben über die Vorbereitungen zum Kongress angeführt habe, so gelangen wir plötzlich zu einem sehr erfreulichen Resultate. Der Kongress braucht mindestens eine halbjährige Vorbereitung: aber zu jener Zeit wird voraussichtlich auch schon etwas Definitives inbezug aut unser zukünftiges ..Ito״-Land vorliegen. Das trifft sich folglich wunde •bar zusammen! Demi, dass ein Kon* gress am Platze ist. wird niemand in Abrede stellen. Alles was die Schweizer Tcrritorialisten durch ihre Resolution er* reichen wollten, ist nun eben, dass man schon j c t zt die entsprechenden Vorbereitungen 1’iir den K״ng־ess trifft, dass man nicht, wenn der entscheidende Augenblick da ist. erst anfängt, ״sich in Verbindung zu setzen״, wie der schöne termiuns tcchmcus lautet. Sonst könnte cs eine fatale Geschichte abgeben: ,.Frisch. Gesellen, seid zur Hand." ruft vergnügt unser Füll ׳־er --- und . . . wo sind die Gesellen? . . . Ich resümiere: Wir müssen jetzt beginnen — und eneogiscli beginnen - den Kongress vorzubcrcitcn. Das war auch der Sinn der Resolution, meiner Meinung, nach. Und — nicht wahr? — ״in diesem Sinne kann titaiVs wagen”, wie Freund Mephisto sagt.“ Die Einwanderung nach England Nach dem englischen Fremdengesetz vom Jahre 1905 diirteil ausländische Zwischendeckpassagiere, die auf einem Einw andererschifi ankommen, in Grossbritannien-Irland nur in bcstimmten Häufen und mit besonderer Erlaubnis landen. Schiffe, die mehr als zwanzig ausländische Zw ischendeckpassagierc nach dem vereinigten Königreich bringen, gelten als Einwandcrcrschinc. Einwanderimgshäien sind: Cardiff, Dover, F a I k s t o n c, C r 2 n g e 111 o u 111, G r i m s b y. H a r w i c h , Hüll, L e i 111, L iverpool, London (Queensborrough), א c w 11 a v c n , Southampton und die Häfen am Tync (Newcastle, North Shields und South S 11 i e I d s). In diesen Haien sind Einwandcrimgskommissäre und Sanitüts- Inspektoren bestellt. Der Einwanderimgskommissär erteil! die Erlaubt!!. Gegen ein Verbot kann der Einwanderer an das Einwanderuiigsamt appellieren. Unerwünschten Einwanderern wird die Landungserlauhnis nicht erteilt. Als solche gelten: 1. Einwanderer, die nicht darztitim vermögen, dass sic die erforderlichen Mittel besitzen oder imstande sind, solche zu erwerben, um sich seihst oder ihre sic begleitenden Augehörigen anständig zu erhalten. 2. Irrsinnige und Blödsinnige und Personen, die durch Krankheit oder körperliche Gebrechen voraussichtlich der Armcnversorgimg aus öifentliclien Mitteln zu Last fallen oder sonst der Öffentlichkeit Schaden bringen werden. 3. Personen, die in einem fremden Lande, mit dem ein Ausliefcrungsvertrag bestellt, wegen eines uichtpolitisclien Verbrechens, das im Sinne des Auslicferimgsgesetzes vor! IS70 ein Auslieferungsvcrbrcchcn ist, verurteilt wurden. 4. Personen, die schon einmal auf Grund des Eren1dc11gesetz.es aus dem vereinigten Königreich ausgewiesen worden sind. Der Besitz von 5 Piund Sterling (120 Kronen) seitens des Ein- Wanderers und von weiteren je 2 Pfund Sterling (•iS Kronen) für jeden begleitenden Angehörigen svird in der Regel ah geringend angesehen. Ob ein Einwanderer, der den Besitz, solcher Geldmittel nicht nachweiseu kann, landen darf, entscheidet der Einwanderimgskommissär nach Erhebungen nach freiem Ermessen. Die Erhebungen beziehen sich hauptsächlich darauf, über welche Betriebsmittel der Einwanderer vertilgt, um ein Erwcrhsimtcruchmcu auztifangen. und oh er ci!1 hestimmtes Handwerk oder eine bestimmte sonstige Beschäftigtmg hat. Der Einw anderungskommissär wird bei seinem Urteil die jeweilige Konjunktur in der betreffenden Braucht Im Zeichen der ״echten Russen“ Mehr denn je steht Russland im Zeichen des ״echten Russentums“. Die ..echten Russen“ lösen die Duma auf: die ״echten Russen“ erlassen auf den! Wege des Staatsstreiches ein neues Wahlgesetz, das nicht viel weniger ist als ein neues Privileg des landbesitzenden Adels, desselben ..echt russischen“ Adels, der nach dem allrussischen Adclskongress an Stolypiu jene bekannte Eingabe richtete, welche durch die Ereignisse des 16. Juni ihrem Wesen nach verwirklicht wurde: die ״echten Russen“ werden huldvoller allerhöchster Telegramme gewürdigt, den ״echten Russen" wird der allerhöchste Dank - für ihre bisherige Tätigkeit (zu der bekanntlich die Veranstaitung der Pogrome, die Ermordung der Abgeordneten Herzenstein und Jollos gehören) eröffnet: die ..echten Russen" werden von höchster Stelle aufgerufeu. als feste Stütze des Thrones sich zum Kampfe gegen den ..jüdischen Aufruhr“, d. 11. gegen die freiheitliche Bewegung zu vereinigen, die ,echten Russen” werden allerhöchst begnadigt, selbst wenn ..echt russische" Gerichte nicht anders können, als sic. die Überfahrten ..Po* gromschtschiki" (Plünderer), zu verurteilen, und die ״echten Russen” verbreiten die Listen solcher ..allerhöchster Gnadenaktc" in Tausenden von Flugblättern über das Land, um Uuschlüssige zu entschlossener Tätigkeit zu veranlassen. Ich könnte die Aufzählung der Belege dafür, dass in Russland eine echtrussische Zeit des ..echten Russentums” äugebrachen ist, noch lange fortsetzen, ohne befürchten;׳.׳! müssen, dass mir der überreich vorhandene Stoff ausginge. Eier mögen die wesentlichsten Hinweise genügen. Und die ״echten Russen" fühlen sich denn auch ganz. ..auf der Höhe”, so dass sie Orgien des frohlockenden Triumphes feiern. Eine solche orgienhaftc Freude spricht aus dem Organ des Schwarzen Hundert, das im Taumel des Siegeshewusstseins in einer seiner letzten Nummern wörtlich schreibt: ״Dass der Zar de* Führer des Schwarzen Hunderts ist. das wissen wir selbst schon längst.“ Eine Triumphfeier der ״echten Russen“ ist auch die Ein- 11011mg des Heiligenbildes, das der Patriarch Damian für die ..echten Russen" gesegnet hat. Am M. Juli wurde das Heiligenbild, das die Auferstehung Christi darstellt und mit einem Stück des ..Sarges Christi“ versehen ist. vom Abt Arsenik der nach Jerusalem gepilgert war. um den Segen des Patriarchen für den ..Verband des russischeu Volkes“ zu erbitten, hierher gebracht und in feierlicher Kitcltcnprozession empfangen. Nach der kirchlichen Feier, die vom Metropoliten Antonij persönlich in der Kasan-Kathedrale zelebriert wurde, zogen die ״echten Russen" in die Michaelsnmnege. wo die Führer des Schwarzen Hunderts in bekanntem Geiste gegen Juden und Revolutionäre, die natürlich bestochene Jmlenknechtc genannt werden, loswetterten. Dr. Duhrowin. der Vorsitzende des ״russischen Verbandes“, rief die Ver- Sammlung im Namen des Zaren zum, Kampfe gegen Juden. Judemreunde und Revolutionäre auf: nicht ein einziger von denen •die 1906 und 1907 die Duma zu Herden des Aufruhrs gemacht hätten, dürften in die dritte hinein: ..Hütet euch vor der jüdischen Presse," warnt der Redner, ״wenn ihr nicht wollt, dass die dritte Duma werde wie ihre Vorgängerinnen!" Nieder mit den Jude;!! Nieder mit den! Aufruhr! brüllt die Versammlung Abt Arscnij erblickt in der Aufdeckung des Attentates auf den Zaren den Beweis, dass der Segen des Heiligenbildes bereits zu wirken beginne; im huldvollen allerhöchsten Telegranun sicht er die Vorsehung Gottes. Auch er schont nicht die Juden. Charakteristisch waren die Mittel, zu denen der Vorstand des Verbandes griii. um Stimmung unter den Vcrbändlern zu erzielen. ״Das ist der Mörder von Jollos! Alexandrow aus Moskau.“ ruft Dubrowin. ..Sieht er aus wie ein Mörder?“ setzt er hinzu, als der Genannte auf der Tribüne erscheint. Und der Betreffende selbst wiederholt die naive Frage: ״Scho ich ans wie ein Mörder?“ ..Die Revolutionäre haben ihn selbst ermordet, aber uns beschuldigen sie." sagt Dubrowin. ״Das ist die Witw e des grausam ermordeten Grafen Ignatjcw," stellt Duhrowin eine Dame in Trauer vor. .die jetzt die Estrade besteigt. Die Versammlung verneigt sich vor der Dame in Schwarz, deren politische Leidenschaften stark genug sind, so dass sie sich zu einem Scliauobjekt macht und ihr Leid entheiligt, um eine stumpfe Menge aufzureizen. Viel ist auf diesem Meeting der ..echten Russen“ geredet worden, noch mehr gesellrien und geheult.