Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 308 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 30 festigten Ruf der Humanität der ganzen Fakultät zu wahren, der heranreifenden*.studierenden Jugend ein edles und leuch■ tendes Vorbild zu sein, und ihnen die erhabenen Pflichten des ärztlichen Berufes durch sein vorbildliches Beispiel cmzuprägen! Aber abgesehen hiervon, hat sich Professor Fuchs durch die eigenartige Begründung in der zitierten Karte grob-!ich gegen seine Pflicht vergangen: mit der Motivierung, dass die polnischen Juden infolge ihres Gesuches mit Rücksicht am die übrigen Patienten des Herrn Hofrates in seiner Privatordination nicht empfangen werden könnten, hat Professor Fuchs den bemittelten Patienten auf die Klinik gewiesen. Es muss aber dem Professor Fuchs bekannt sein, dass die unentgütliche ärztliche Ordination an der Klinik nur an Unbemittelte erteilt wird. Es steht ihm also keineswegs frei, reiche, aber durch ihren Glauben oder Kleidung ihm nicht genehme Patienten der ohnedies in übermässig hohem Masse in An- Spruch genommenen klinischen Gratisbeliandlung zuzufiihren. Die Gefertigten stellen an seine Exzellenz den Herrn Minister für Kultus und Unterricht die Frage, ob er geneigt ist, dieses Vorgehen des klinischen Lehrers Professors Dr. Fuchs auf das schärfste zu missbilligen, und welche Vorkehrungen er zu treffen gedenkt, um einerseits ein derartiges, jeder Zivilisation und aller Menschlichkeit ins Ge vicht schlagendes Vorgehen in Zukunft zu verhindern und ebenso brutale als lächerlich hegründete Verweisung bemittelter Kranker an die uncutgelt־ liehe Behandlung an der Klinik hintaiiznhalten? — Die Intrrpcllanten richten weiters die Anträge an den Minister, ob er bereit ist, den auf der Augenklinik des Professors Fuchs herrschenden Gepflogenheiten in Hinsicht der Behandlung Kranker jüdischer Konfession sein Augenmerk zuzuwenden und etwaigen Missbräuchen, betreffend Schikanienmgen armer israelitischer Kranker, energisch entgegenzutreten?’‘ Dem Herrn Professor Fuchs kann geholfen werden. Die Juden, die etwas Selbstgefühl besitzen, werden andere Augen* ärzte aufsucheti, die Anstand besitzen, auch wenn sie Juden* feinde sein sollten. Dr. Iwan Franko über die galizischen Juden In den historisch-politischen Auseinandersetzungen zwischen‘ Polen und Ruthcnen. die durch den Hungerstreik der ruthenisehen Studenten verursacht wurden, trat der norwegische Dichter Bjärnson an die Seite der Ruthenen. Ihm antworteten die Polen Paderewski und Stenkiewicz. Nun ergreift der bcrühmte ruthenischc Publizist Iwan Franko das Wort und antwortet in einen! Aufsatze in der ZEIT vom 29. Juni auf die Behauptung Paderewskis. dass auch die Juden bei den Polen Schutz und Obdach gefunden haben: ״Ja richtig, nur war das keine nationale Tat Polens, sondern ein Privatvergnügen des polnischen Königs Kasimir des Grossen, der in eine Jüdin verliebt war. Uebrigens haben die Juden diese polnische Gastfreundschalt sehr teuer bezahlt: sie kamen nach Polen als freie, hochzivilisierte Männer und sind hier nach Jahrhunderten zum verachteten und abschreckenden Typus des ..polnischen Juden־' hcrabgediehe». und wenn aus der Karikatur dieser Typus sich vor unseren Augen ein neuer nationaliiidischer Typus heranzubilden beginnt, so sind die Polen seine ärgsten Feinde. Wie einst die Robnthaucrn. <<■ möchten die polnischen Herten auch jetzt noch nur altvertraute ..polnische Juden'* um sich sehen, keineswegs aber freie, vollberechtigte Bürger." Eine berechtigte Hoffnung Ein antisemitisches polnisches Blatt (GLOS NARODU) schreibt in einer Polemik gegen die Juden: ״Wenn sieh die polnischen Juden schon etwas zu merken haben, dann ist cs das allererste, dass die geiährdetsten Mandate jene der Herren Ko lisch« r und Löwenstein sind. Die beiden Herren wurden mit einer nichtssagenden Majorität gewählt und besitzen so die beiden Reichsratsmaudate dank der Stimmenungiiltigkeitserkkuungeit bei ihren Gegenkandidaten, und gerade die Verifizierung der Wahl dieser beiden Reichsratsabgcordiieten h ä 11 g t im W a h I v e r i! i k a t i o 11 s a 11 s s c 11 u s s ausschliesslich von den Stimmen der Antisemiten a b. Die REICHSPOST druckt diese vertrauenden und anerkenner.de» Worte mit ersichtlicher Befriedigung ab! Wie Abg.Dr.Löwensiein zum Mandaikam Die Drohobyez.er jüdischen Wähler des Abg. Dr. Löwenstein richten im Lemberger JÜDISCHEN TAGBLATT die Aufforderung an ihn, aus dem Polenklub auszutreten oder das Mandat niederzulegen. Sie berufen sich darauf, dass Dr. Löweustein. als er sich um ihre Stimmen bewarb, in der Synagoge in Drohobycz vor der Thora den Schwur geleistet hat. dass er. falls der Polenklub mit den Antisemiten zusammengehen sollte, entweder aus dem polenkliib austreten (;der sein Mandat niederlcgen werde. Nachdem nun diese Voraus- Setzung eingetreten sei, müsse Dr. Löwenstein seinen feierlich in der Synagoge geleisteten Thoraschw ur erfüllen. Itokongress In der Wiener NEUEN NATIONALZEITUNG plädiert ו n - gcnicur S. Glnsburg für einen Kongress der T c r r i t o r i a l i s t c n. Brauchen wir. Tcrritorialisten, einen Kongress oder nicht? Die diesjährige Schweiz. Ito-Konierer.z meint: ״Ja": Herr Veit-Basel aber erklärt in No. 26 der NEUEN NATIONALZEITUNG: ״Nein". Er meint ..Nein" und — beweist cs. Es ist deshalb nur recht und billig, wenn wir. die ״Jasager", auch unseren Standpunkt verteidige::. Wenigstens versuchen muss man es. Ich will es auch versuchen. ״Die Ito besitzt im Intcrnationalrat ein Organ, das den llinfluss des Volkes gewährleistet." Das ist die territorialistisehe O'ganisation. Aber, da fällt mir gerade etwas ein. Dürfen wir uns überhaupt das stolze Wort ״Organ»- s a t i 0 n“ beilegen? Ich glaube mit dem gleichen Recht - - oder vielmehr — mit dem gleichen Unrecht wie Deutschland von anno dazumal sich ein Reich r.cnuen könnte. Ich sage cs ganz offen: Meiner Meinung nach gibt es frei u:;s keine Organisation, es gibt nur einen Bund von ünsserst los*, miteinander verbundenen OrganisatiÖnchcn wenn ich mich so ausdriieke» darf. Da existiert ein Verein in Wen. und ein Verein in Kriwni Rog (wenn ich nur wüsste, wo das ist!) und ein Landesverband in der Schweiz, und vielleicht ׳ ״ wir haben eben nicht einmal eine Ahnung davon, wo wir unsere Ocsinnuugsgcuosscn suchen und finden können - - eine Ortsgruppe auf einer stillen Insel des Stillen Ozeans. Alle wollen freilich das vielumstrittene ״autonome" Land und alle agitieren drauf los. Aber wie? Gibt es System in diese־ Agitation? Gibt cs eine Direktive von oben herab? Gibt es eine stete .Blutzirkulatiu» zwischen Pcrinherie und Zentrum? Ich kamt mich zu.n Beispiel nicht erinnern (vielleicht hängt cs mit meinem schwachen Gedächtnis zusammen?), dass das schweizerische territorialistische Landeskomitcc durch Herrn Veit, der doch unser Vertreter in! Intcrnationalrat ist irgendwann irgendwelche Instruktionen aus London erhalten haben soll. Wenn nun somit de״ Internationalrat nicht einmal den Einfluss der Zentrale auf das Volk gewährleistet, wie kann man erwarten, dass durch den Internationalrat der Einfluss des Volkes auf die Zentrale gewährleistet werden soll? Noch besser: wir haben nicht einmal Organisationsstatuten, die uns den Internationalrat selbst gewährleistet!? ״Aber“, wird man mir erwidern — ״wozu im XX. Jahrhundert noch so etwas in London für einen •längst überwundenen Standpunkt." Mit Nichten! Für die Londoner Konferenz im August 1906 — also fast vor einem Jahre — wurde ein Statut ausgearbeitet. Er hat folglich eine Existenzberechtigung, aber.man hatte damals keine Zeit, darauf cinzugeheu". so hiess es. Und so heisst cs ... ad liajattm base. Organisation ohne Statuten! Ein Staat ohne Verfassung! würde icit ausrufeil, wenn ich ein Diplomat wäre. Ich bin aber zum Glück kein Diplomat und wühle nur deshalb ein Beispiel aus einem mir mehr verwandten Gebiete: eine Dampimaschine ohne Steuerung. — — Wir gehen weiter. Herr Veit gibt zu. dass ״ein Kongress die ״Ito" volkstümlicher machen würde". Wäre uns damit jjedjent? Die Antwort lautet ganz entschieden: .,keineswegs!־ 18 Zeilen später gibt uns Herr Veit den gewiss zu beherzigenden Rat, uns ,.anzustrengen, das jüdische Volk fiir seine künf* tigen Auigaben vorzubcaeiten". Eine Zeile vorher lesen wir die Frage: ״Wozu braucht die ״Ito‘* jetzt einen Kongress?" Aus diesen drei Zitaten folgt folgender, etwas seltsam anmutender Syllogismus: man soll das Volk vorbereiten: ein Kongress kann die , Ito" v o I k s t ii m lieh machen — also . . . brauchen wir keinen Kongress! Sie wollen die ״Ito" populär mache», halten einen Kongress iii־ ein gutes Mittel dazu — und sind doch gegen einen Kongress! ״Ein Komgress würde unsere Führer der Bewegungsfreiheit berauben?" Das klingt mir nicht ganz geheuer. Stimmen die Bestrebungen der Fiilrer mit denjenigen des Volkes überein ״־• und das ist doch ohne Zweifel der l all * - so wären sie unmöglich durch die Volksstimme, den Kongress, in ihrer Bcwegungstreiheit gehemmt. Gerade umgekehrt. Sie würden mir an liefe ihrer Kenntnisse, dessen, was dem Volke man* gelt, gewinnen; es wiitde eine fiir beide Seiten nützliche Klärung stattiinden. Stimmen die Intentionen der Führer nicht mit den Wünschen des Volkes überein . . . py, aber dann brauchen wir .ia erst recht einen Kotigress! ־־־---- ״Die Chancen unserer Diplomatie würden durch einen Kongress gdährdet!" Aber wer sagt cs. dass der Kongress mit der Politik etwas zu tun hat? Haben denn die schveizerischen Tv/ritorialisten verlangt., dass auf dem Kongresse