Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 304 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 30 bringend gewesen ist. und welche nicht. Man braucht nur darauf hinzublicken, in welchen Kolonien gute Erfolge erzielt werden und in welchen man statt Fortschritten Stillstand oder gar Rückschritte sicht. Wenn man weiss, welche Summe von Kapital, von Arbeit und Opfermut, von Intelligenz und Idealismus sich zusammengefunden hat, um RischGn-rZiött zu einer Musterkolonie zu machen, so muss es beinahe zur Verzweiflung stimmen, wenn man sicht, dass in RischOn zwar für den Fremden, der auf einige Stunden hinkommt, genug ist, um zu glauben, dass hier ein Erfolg der jüdischen Kolonisation vorliegt, während im Gegenteil jeder Einsichtige weiss, dass kaum irgendeine Kolonie so sehr im argen liegt wie Rischon-l’Zion. Und welche Millionen hat allein Baron Edmund von Rothschild gerade in diese Kolonie gesteckt. Aber das Geld allein tut es nicht. Und nicht einmal der gute Boden, das Kapital und die landwirtschaftlich vorgebildete Be-• vülkerung, wie das Beispiel EkrGtis beweist. Das Gegenstück dazu bildet seit langen Jahren RcchGbhGtli, das keineswegs üusserlieh den grossartigen Eindruck macht, den Rischon hervorruft. Immerhin merkt jeder Besucher sehr bald das Gediegene und Feste, das Einfache und zugleich das sichere Selbstbewusstsein der Bauernschaft, die weiss, dass sie auf eigenem, irden: Boden sitzt. RechGbhGth ist in jeder Beziehung das glänzend gelungene Gegenstück des benachbarten Rischim-bZEm. Nicht minder muss das junge Kafr Sf.ba den alten Kolonien entgegengestellt werden als Muster einer aufstrebenden Kolonie. Beide aber, RechGbhGth und Kafr Saba haben ihren Erfolg allein dem Umstande zu verdanken, dass sie gezwungen Maren, sich auf eigene Kruft zu verlassen und dass inan in ihnen nicht das Verwaltungssystem der Bevormuitdung eiiigeführt hat, das in allererster Linie und vielleicht allein für alle Fehler in den ״unterstützten‘‘ Kolonien verantwortlich zu machen ist. Pcthach-Tikm1״i, das so m eilig die Anlage hatte, sieh zu einer Kolonie im guten Sinne zu entwickeln, dass der Rothsehildsche Verwalter Elie Scheid das grosse Wort aussprach: ״Pethach-Tikwäh ist überhaupt keine Kolonie“, M'urde zu seinem Glück von der Rothschildschcn Ver- Mfaltm1g so vernachlässigt, dass seine Kolonisten, die Spinnen und Fliegen Roman von B a g r 6 f f. Aus d. Russ. übersetzt. (Fortsetzung.) ״Ai, ai, seht doch, seht!“ krähte der Narr, nach der Richtung, wo der Park lag. deutend und die lädier- Heilsten Grimassen schneidend. ״Ein tcurei Gast er- Meist uns die Ehr'! Vivat, vivat!“ Die ganze Gesellschaft sah nac!! der augedeuteten Richtung hin. Allgemeines Gelächter folgte.- In der Nahe des Parkes tauchte die Gestalt eines überaus komisch aussehenden Juden auf. Er musterte den Raum zwischen sich und dem Balkon, dann aber passte er einen Moment ab, m0׳ die Haidnckcn sich nicht in der Nähe befanden, schürzte mit fieberhafter Eile seinen schäbigen Kaftan auf und setzte sich in Bewegung, indem er seinen langen mageren Hals vorstreckte. Vor dem Balkon Man er sich auf die Knie, nahm aber dazu einen so ungeschickten Anlauf, dass er sich seiner ganzen Länge nach hinstreckte. 4 ״Was bedeutet das? Wer bist du?" donnerte Potocki den Juden an. ״Ich.ich.“ versuchte jener, dem es inzwischen gelungen Mar, aufzustehen und eine tiefe Verbeugung zu machen, zu antworten, allein die Stimme gar zu gern ״unter den Baron gekommen“ wären, gezwimgen Maren, sich auf eigene Füsse zu stellen. So ist, well dem grössten Teile der Kolonisten keine Unter- Stützung zuteil wurde, diese Kolonie gezwungen gewesen, im harten Kampfe um ihr Dasein sich zu einer Existenz durchzuringen, um die die andern so reich unterstützten Kolonien sie beneiden können. Und diesen Erfolg verdankt sie ebenfalls in erster Linie dem Umstände, dass sic vor der Bevormundung durch die Ver- Haltung bewahrt blieb. Wenn auch unter der Rothschildsehen Verwaltung manche Dinge vorkamen, die keineswegs im Sinne einer Verwaltung überhaupt Maren, wenn auch manche der Verwalter einfach in den Kolonien das gegebene Mittel sahen, sich auf des Barons Kosten zu bereichern, so waren nicht diese Auswüchse an dem Missserfolge schuld, sondern die Tatsache der Bevormundung. Die Verwaltung, die beanspruchte, mit den Mitteln des Barons und den geistigen Potenzen der Verwalter die Kolonien gross und die Kolonisten glücklich zu machen, erreichte nur das eine, sie vollständig unselbständig und damit hilflos zu machen. Je selbständiger die Kolonisten Maren, um so mehr haben sie in dem emporblühenden Laude durch eigene Kraft erreicht, auch wenn die Arbeit und Mühe oft eine beinahe Übermenschliehe werden zu müssen schien. Ganz andere Mächte als die jüdischen Wohltäter sind in ihren Kolonisationsvcrsuclicii durch die Unterbindmig der Privatinitiative gescheitert. Es würde hier zu weit führen, wollten wir die zahlreichen Beispiele aus der europäischen Kolonisationsgcschichte anfiihren. die den Bew eis liefern, dass eine Kolonisation und noch dazu eine Ackcrbaukobnisation mir dann Erfolge zu verzeichnen hatte, wenn alle Kräfte ungebunden sich entwickelten, wenn jede Art behördlicher Bevornmndüng fehlte. Es genügt auf die jüngsten Erfahrungen der deutschen Kolonisation hitizuweisen und auf die ewigen und inimerwiederkehrenden Klagen über den Assesorismus in den Kolonien. Gerade die besten Freunde der Kolonien sind die grössten Feinde der Bevornumdutig vom grünen Tische. In der alleriüngsten Zeit halten wir in Palästina Gelegcnbcit zu sollen, dass die freie Kolonisation viel versagte ihm den Dienst. Nur der Mund machte sich auf und zu und die Lippen bewegten sieh. ״Jesus Maria!“ rief Patina Oda, indem sie entsetzt von dem Geländer zuriiekw ich. ״Das ist ja ein Wahnsinniger!“ Und in der Tat, das Aussehen des Juden war ein grauenerregendes. 1111 Gestellt kein Tropfen Blutes, die Augen blutunterlaufen und sieh fieberhaft nach allen Seiten bewegend, die Uppen blau, der Bart und die Peics zerzaust, die. Kleider beschmiert und zerietzt. ״Wer bist du?“ wiederholte Potocki seine Frage. ״Ich .... ich bin Z 0 d e k!“ ״Hat sich mit Anstand vorgestellt. Er ist, wie ihr selber cinsehen möget, Zodek, Zodek selber,“ witzelte Bolepolski. ״Wer bist du. Hundsfott?“ frug Potocki zum dritten Male. ״Ich bin der Ucmiarl“ ״Was willst du?“ ..Erlauchtester Herr.“ sagte der Jude endlich schluchzend, ״man hat meine Frau geschlachtet, meine Kinder und auch mich . .. ״Es ist schön von ihm. dass er, obwohl geschlachtet, uns die Ehre erwiesen,“ bemerkte Bolepolski.