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Jüdische Rundschau · 1907-07-19 · Heft 29 (19.7.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 29 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sei:e 299 t Von dieser glatten Unterwerfung nahm die HOCHWACHT sehr gern Notiz um! freute sich über die darin zu Tage tretenden antisemitischen Anwandlungen. Aber, o weh! Jetzt ist der Brave aut der anderen Seite in den Spucknapf ge* * treten. Das Mitteilungsblatt der Judenverteidiger nahm obige Erklärung ebenfalls auf und machte die inserierenden indischen Kaufleuie Breslaus gebührend auf diesen Antisemitismus aufmerksam. Was war da zu machen? Na, Herr Wagener setzte sich eben wieder hin und schrieb jetzt an den Verein zur A b w ehr des Antisemitismums eine Liebeserklärung. die folgendermasscn aussieht: ״Aui Seite 1S9 Ihrer Zeitschrift beschäftigen Sie sich mit dem BRESLAUER GENERALANZEIGER. drucken ein Schreiben unserer Redaktion an die DEUTSCHE HOCHW'ACHT ab und bezichtigen uns antisemitischer Tendenzen. Wir müssen uns dagegen mit aller Entschiedenheit verwahren. Schon wenn Sie zu Anfang Ihrer Notiz sagen, dass der BRES- LAUER GENERALANZEIGER politisch ,.möglichst farblos" sein wolle, so ist dies eine entschiedene Unwahrheit. (Siehe unten!) Wir bekennen uns zu einem ganz bestimmten nationalen und entschieden freiheitlichen Programm. Wenn Sie auch nur eine Nummer unseres Blattes gesehen hätten, würden Sie die Behauptung, die Sie ausgesprochen *CHE יי>ו ». - L iltlt' Unser Brief an die h! tunV1־ctellt haben. HOCH WACHT in Stettin war lediglich eine Abwehr gegv: Bezeichnung des BRESLAUER OENERALANZEIOER als eines ״J u d e 11 bl a 11 e s" mit semitischen Tendenzen. Wir sind weder a n t i s e m i t i s c h noch p h 11 o s c m i t i s c h. Jeder ausfindige Jude ist tms ebenso lieb wie jeder anständige Nichtjude. Aber w ir sehen auch gar keinen Anlass, das Judentum mit einer grosseren Rücksicht zu behandeln, als andere Erscheinungen in unserem öffentlicher,!.eben. So haben w ir, als vor kurzem uns im Laufe von anderthalb Wochen drei Theaterstücke mit ausgesprochen jüdischem Milieu hinteremander vorgesetzt wurden, mit vollem Recht tmd in Uebcrein- Stimmung mit allen verständigen Juden tiaraui hingewiesen, dass das den Hüten zu viel sei und dass wir gegen ein derartiges Sichbrcitmachen des jüdischen Milieus Einspruch erheben müssten, — übrigens nicht aus auf politischen, rcligiösen oder auf Rassegegcnsützen beruhender Abneigung, sondern lediglich in* Interesse des guten Geschmacks. Wir weisen darauf hin. dass in diesem Falle auch die BRESLAUER MORGENZEITUNO, die hier als das spezifisch den Juden wohlgesinnte Blatt gilt, sich genau ebenso ablehnend gegenüber den Stücken mit jüdischem Mileu verhielt.*) Die Einsendung unserer Kritik des Stückes ״Die Juden" an die HOCHWACHT in der schönen Harmonie zweier schönen antisemitischen Pressseelen“ uns begegneten, und daran eine Warnung an die inserierende Kaufmannschaft in Breslau knüpfen, so müssen wir uns dagegen auf das Bestimmteste verwahren und von Ihnen verlangen, dass Sic Ihre falsche Behauptung umgehend korrigieren. Wir erwarten von ihrem Anstandgciiihle. dass Sie es uns ersparen. Ihnen eine Berichtigung auf Grund des § II des Pressgesetzes zu schicken, und dass Ihnen unsere Versicherung genügen wird, dass wir keine Ph ilosem iten (Judcnfrcundc). aber erst recht keine Antisemiten (Judenfeinde) sind.“ ״Wir sind keine Judeufreunde, wir sind keine Judenfeinde, wir sind aber auch nicht farblos, dagegen sind wir sehr unparteiisch, wir sind überhaupt garnichts. oder vielmehr alles. Hoffentlich sind nunmehr sowohl die HOCHWACHT wie der Abwehr-Verein mit ihrem beiderseitigen Gegner und Gesinnungsgenossen zufrieden.*) Herr Dr. Bruno Wagener aber hat sich vorläufig aus dem Gebiet der inneren Politik gedrückt uml gründet im Augenblick einen grossen Zweihund zwischen Deutschland und Amerika gegen England. Frankreich, Soanien. Italien, Russland, Japan und noch ein naar solcher kleiner Krabben, die sich von dem deutschen Militärpanzer nicht imponieren lassen wollen. Hoffentlich schlägt da das Wetter nicht so schnell um." Thpodor Osrhi״s*׳y Am Sonntag, dem 7. Juli verschied in Breslau unerwartet Theodor Oschinskv, ein Mann, dessen gemeinnütziges Wirken ihm weit über Breslau und Schlesien hinaus bckannt gemacht hat. In Breslau betätigte er sich hei den meisten jüdischen Wohlfahrtsinstitutioncn, insbesondere hei der *) Nicht nur ablehnend, sondern antiscmitisch-inauschelnd, was aber die Breslauer Juden sich ruhig einsteckten. (Anm. d. Redaktion.) *) Interessant und charakteristisch, dass die von Juden redigierten, in jüdischen» Besitz bcfind'iehen (Dr. Jon Lehmann und Dr. Erich Freund), nur von den Juden gelesener Blätter zu dieser Angelegenheit ihres Konkurrenzblattcs sich ausschweigen. Chcwrah Kadischall, deren prächtiger Krakenhaus-Neubau vor allem ein Denkmal des Verstorbenen ist. Seinen Bemiihungen war cs zu danken, dass die Mittel für den Bau beschafft und der Bau überhaupt ermöglicht wurde. Osehinsky; war eines der tätigsten Mitglieder der Rcpräscntanten-Vcri Sammlung und auch verschiedener Gemeinde-Kommissionen. Was ihm selbst aber am meisten am Herzen lag, war seine Tätigkeit in den Hilfskomitees fiir unsere russischen Brüder zur Zeit der Pogrome und seine Arbeit fiir die Alliance Israeiite universelle, der er sich nicht lange nach ihrer Begründunganschloss. Er stand an der Spitze des schlesischen Provinzial-Komitees, und gehörte seit ISS9 dem Zentral-Komitee. später auch der Leitung der Deutschen Konfcrenz-Gctucittschaft an. Er blieb stets dem universalen .jüdisch-nationalen Gedanken der Begründer der Alliance treu. Er war Mitglied unserer Breslauer Ortsgruppe, die es ihm zu danken hatte, dass ihr nach dem Tode Herzls. die eine dortige Synagoge zur Trauerieier" vo n:Gcmcindcvorstand überlassen wurde. Auch sonst war er stets für unsere Zwecke zu haben. Im Anfang vorigen Jahres machte er mit seiner Frau und seinem jüngeren Sohne eine Reise nach Palästina, und wiederholt sprach er in öffentlichen Vorträgen ״her seine Reise und regte dadurch I manchen an. seihst nach Palästina za gehen. Mit besonderer I Freude erzählte er den Breslauer Zionisten aber von dem, I v;־s er in Pa!• stina an Wiederbelebungsversuchen der he- 1 hräischcn Sprache k<׳r.str,:icren!.״•״׳»«• tmd dass die Alliance sich jetzt auch dazu entschlossen habe, das Hebräische in verschiedenen Schule als Unterrichtssprache anfzunelimen. Im Mai-Heft von OST UND WEST veröffentlichte er einen Teil seiner Reiscerinnertmgcu mit einigen sehr hübsch gehmgenen photographischen Aufnahmen von der Reise. 3״ Ja!!re alt Ist er nun von uns gegangen. Audi wir Zionisten stehen schmerzvoll an der Bahre. Auch wir werden ihn gar oft vermissen. Am meisten a^er wird er unseren Brüdern fehlen, die von Hause vertrieben. Breslau passieren, und die r. e umsonst den Weg zu Theodor Osehinsky machten, der nun — ein im Leben Nimmermüder — zur letzten Ruhe ein gegangen. Er ruhe in Frieden! 01. Lehreroroletpr«. t Aus Bayern. Auf die geradezu traurige Lage, in der sich die grosse Mehrzahl der israelitischen Religionslehrer Bayerns befindet, lenkt ein durch die Presse gehender Artikel der BAYRISCHEN LEHRERZEITUNÜ neuerdings die Aufmcrksamkeit. In ganz Bayern gibt es nun etw׳a SO israelitische Volksschulen, die an diesen angestelltcn Lehrer sind ihren christlichen Kollegen gleichgestellt. Die weitaus meisten jüdischen Gemeinden aber, darunter die grössten w ie :Nürnberg. München, Augsburg, Bamberg, schicken ihre Schulpflicht:gc Jugend in die wenigen Simultan- oder christlichen Konfessionsschulen und lassen den Religionsunterricht in dem von den Kultttsgemcinden eigens dazu errichteten und erhaltenen Religionsschulcn erteilen. Die an diesen Schulen wirkenden Lehrer werden von den Kultttsgemcinden angestellt und besoldet, ihre Lage ist im Vergleich zu der der Volksschullehrer eine geradezu tros‘־ lose. Obwohl alle seminaristische Vorbildung genossen, viele selbst das zweite Staatsexamen abgelegt haben, können sie infolge des Mangels an indischen Volksschulen keine Ver- Wendung finden und werden auclr hei der zur Zeit in Bayern herrschenden Strömling, an Simultanscliiileii nicht zugelassen. Diese vom Staate fast gänzlich ignorierten Religionslehrer sind den Vorstehern der Kultusgcnieinden ausgeliefert >׳nd haben den Gemeinden gegenüber nicht das mindeste Recht. Es steht z. B. im Belieben der Gemeinde, oh sie einen soleben Lehrer definitiv anstelle!! will. Häufig besteht nur 11'״׳ Vertragsverhältnis auf ein oder mehrere Jahre. Nach Ahlauf dieser Frist kann die Gemeinde mit Genehmigung der Regierung den Lehrer entlassen. Die meisten Re!igionsleu״־־r beziehen ein durchschnittliches jährliches Fixum von 600 b:s 800 Mark. Dazu kommt noch ein nichtgarantiertes, in sefi^r Höhe wechselndes Nebeneinkommen, das nicht selten nach Almosen schmeckt und den Emp*;:ngcr tatsächlich zum ייחhängigsten Manne innerhalb der Kultusgemeinde degradiert. Nur die Religionslehrer der wenigen Orossgetncmden erha’*׳״! . Alterszulagcn, alle übrigen — und das sind wohl mehr J c0 Prozent — entbehren sie. Der 50b׳s 6n;;ihr|g»\ in | Dienste ergrünte Lehrer bezieht die gleiche ״hohe" Besoldung, י wjo ׳,er frisch aus dem Seminar entlassene Tutten Kami•«'׳•*. Auf Pension hat ein solcher Lehrer, die paar Grossst׳״'^ wiederum ausgenommen, keinen Anspruch: wird et krank »der ׳önistunfäliig. kan•» er ״eben — der Mohr hat *י־,•‘•׳ Schuldigkeit getan. Auch Relikfonversoren״״ gibt es fiir i'••» nicht• sf'rht er und hintcrDsst Frau und Kimlcr. so sind -’״־ oft der Barmherzigkeit und öffentlichen Wohltätigkeit antwortet.

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