Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 291 « mechanischen Mitteln der Unterdrückung anderer Nationen. Leute, die Jetzt noch um die vermeintliche entschwundene OrÖsse Russlands der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts seufzen, fahren noch immer fort, Ihre Hoffnungen auf äusserliehe Mittel zu setzen und möchten die alten Methoden den neuen parlamentarischen Formen anpassen. Auf solche Weise kann man kurze Zeit Scheinerfolge erzielen; aber nur auf kurze Zeit. Gar manchen Leuten konnte cs unangenehm sein, dass die polnische Fraktion in der zweiten Duma *16 Mitglieder zählte, von deren Abstimmung die Entscheidung wichtigster 'allgemein-russischer Fragen abhing. Zur* Hand war ein einfaches Mittel, um dem Ucbel abzuhclfcn. Die Zahl der pollöschen Deputierten wurde von *16 auf 12 reduziert. Bei weitereu Abänderungen des Wahlgesetzes kann man diese Zahl noch mehr — etwa auf 5 oder sogar 3 reduzieren. D.ic Tatsache solcher Veränderung an sich kann manchem eine gewisse Gemigtuung verschaffen. Aber welche Ergebnisse kann man erwarten? War denn die Abstimmung der polnischen Fraktion von solcher Bedeutung wegen der Anzahl ihrer Mitglieder, die docli nur etwa ein Zwölftel der Gesamtzahl der Deputierten ausmachte. Bei einer gewissen Parteigruppierung im Pariament, wenn beide Hälften des Hauses sich gegenseitig das Gleichgewicht halten, kann eine Fraktion auch von 12 Mitgliedern den Ausschlag geben. Fine viel weitgehendere Bedeutung als diese mechanische Herabsetzung der Deputiertenzahl hat für die Schwächung der Nationalitäten Vertretung d׳e Bestimmung des neuen Wahlgesetzes, wonach cs dem Mini: des Innern anheimgcstellt wird, nach eigenem Ermessen lur verschiedene Nationalitäten gemeinsame oder getrennte Wahl- Kurien zu bilden. Aus Kiew und Minsk berichtet inan bereits, dass die dortigen Reaktionäre den Ministen ersuchten, die Wahlen in den städtischen und Bezirksversammlungen getrennt nach den Nationalitäten vorzunehmen. Diesem Gesuch scheint man entsprechen zu wollen, denn die Wählerlisten werden schon getrennt für verschiedene Volksstämmc zusammengestellt. In Kiew und Minsk, wie in vielen anderen Städten ues westlichen, sowie des Süd- und nordwestlichen Russlands, bilden Juden und Polen einen bedeutenden Teil der Wähle!. Zum übergrossen Teil gehören sie zu den freiheitlichen Parteien. Was die russische Bevölkerung dieses Rayon§_anbetrifft, so ist ein Teil derselben progressiver Richtung, während die Mehrheit zu den reaktionären Organisationen zählt. Findet die Wahl der Wahlmänner in gemeinsamen Kurien statt, so können die fortschrittlichen Elemente gegen die reaktionären vereinigen und ihnen den Sieg streitig machen. — Bei einer nationalen Gruppierung bekommt man dagegen ein anderes Resultat, das den Feinden des Fortschritts und der Kultur den Sieg sichert. Aus Rumänien Lustige Ecke ־ nicht aus dem Aug'c zu lassen, sie in den Kasernen und ausserhalb derselben beobachten und, wenn einer von ihnen auch nur das kleinste Vergehen sich zu Schulden kommen lasse, ihn auf’s Haupt schlagen, töten oder erschlossen soll. Dies alles auf die Verantwortung der Vorgesetzten. Jedermann wird die Situation der jüdischen Soldaten in diesem Rcgimentc bcgreifen. Wir wollen keine Kommentare machen, aber wir fordem vom Kriegsminister eine Untersuchung; nicht etwa weil wir Gerechtigkeit hoffen, denn wir wissrn nur zu gut. dass mau wegen einiger Juden nicht einen Oberst strafen wjj־d; sondern nur um die Erregung zu beruhigen. ' die sich in der Kaserne gegen die jeden Augenblick in ihrem Lehen bedrohten jüdischen Soldaten gebildet hat." י Diese entsetzliche Geschichte ist wieder ein Dokument ces so stark ausgebildcten und in jüngster Zeit gesteigerten Judenhasses in Rumänien. Ob die Untat ihre Ahndung finden wird, darauf sind wir gar nicht neugierig. Demi wir kennen den Grad der Oesunkenlieit des rumänischen Staatswesens schon zur'Genüge. Aber neugierig sind wir, schreibt die Wiener OST ERRLICHISCHE WOCHENSCHRIFT, wie sich die so sentimental dichtende rumänische Königin, die Carmen Sylva, zu den Verbrechen der rumänischen Oiiizicrsschufte verhalten will. Hier wäre Gelegenheit, verehrte rumänische Majestät, zu zeigen, dass Sie wer und was was sind. Die unglaublichen Grciicltatcn der rumänischen Offiziere in Dorohoi gegenüber jüdischen Soldaten sind endlich doch dpm Knegsminister Avcrcscu zu Ohren gelangt. Dieser leitete sofort auf telegraphischem Wege gegen die Schuldtragendcn eine Untersijclmng ein. Der Kriegsminister ist entschlossen, die Schuldigen rücksichtslos zu bestrafen. Wir werden sehen, ob ein rumänis־.her Kriegsniinistcr auch Wort hält wenn es sich um Juden handelt, die man zu Soldaten presst, ausschindet und dann des Landes verjagt. Es gibt in Österreich jüdische Abgeordnete, die — wenn mau sie bei der Tür hinauswirft — beim Fenster wieder hereinkommen. S t a r z y!1 s k i (im Selbstgespräch): Ich weiss eigentlich nicht, was die Leute von mir haben wollen. Bei meiner Wahl zum Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses sind doch sicher keine Wahlschwindcleien vorgekommen. Nicht ein Stimmzettel wurde gefälscht, nicht ein Wähler wegen Bettelei abgewiesen. nicht ein Wähler fernegehalten. Was will man nur von mir! Vier ungarische Juden, die im Eisenbahnkoupee bekannt werden, stellen sich vor: Kernenyi — Kcdvcsi — Koran.yt . . . Ich heisse auch Kohn. sagt der Vierte. Die CRONICA ISRAELITA berichtet über einen furchtbaren Fall von Juder.-Misshandlung in der rumänischen Armee, der sich in Dorohoi ereignete: ..Freitag, den 5. Mai. befahl der Kommandierende des 8. Infanterieregiments Dragosch No. 29, Oberst Marescli. begleitet von seinem Gehilfen Oberstleutnant Minktdesku. das ganze Regiment. Offiziere, untere Chargen und Soldaten auszurücken und vor. den Kasernen unweit der grossen Chaussee ein Karree unter freiem Himmel zu bilden — als ob er eine Ansprache an das Regiment halten oder einen Tagesbefehl an dasselbe verlesen wollte. Zur grössten Ueberraschung der jüdischen Soldaten befahl aber der Kommandant dass sie aus der Front vortreten und sich entkleiden. Die jüdischen Soldaten standen nackt da. Plötzlich erschien ein Feldwebel, der einen Knüppel schwang, vor der Truppe. Darauf erhielten sechs christliche Soldaten den Bcfehl, aus der* Front zu treten. Auf ein Zeichen des Obersts ergriffen diese sechs cliristlichen Soldaten einen der jüdischen und warfen ihn zur Erde. Drei hielten ihm den Kopf, drei die Fiisse, und der Feldwebel bearbeitete ihn mit deni Knüppel. Vergeblich schrie und flehte der misshandelte Soldat; vergehlieh schrieen auch die anderen jüdischen Soldaten, welche ein gleiches Schicksal erwartete; vergeblich protestierten die vorübergehenden Zivilisten, die gerade des Weges kamen. — Das Blut floss in Strömen aus den Körpern von acht Unglückliehen jüdischen Soldaten. Sic wurden ohnmächtig, aber die Misshandlung wurde fortgesetzt, bis man sie halbtot in die Kaserne trug. Das alles geschah unter dem Vorwände, dass die Juden nicht den richtigen Dienst leisteten. Nachdem die geschilderten Grausamkeiten vollzogen waren, wurde befohlen, dass alle christlichen Soldaten, die sich für stark halten und sich kräftig spüren, vortreten sollen. Diese traten in grosser Anzahl vor (da es sich herumsprach, cs handle sich um die Tötung der Juden), und es wurde ihnen befohlen, dass Jeder, der die Uebcrwachung von drei Juden übernehmen, sie Tag und Nacht G a 1 i z i s c 11 e W a 111 g e d a n k c 11. Die neue Wahlordnung bedeutet die alte U n - Ordnung in den Wahlen. Dem Sryjer Bezirkshauptmann war der national-jüdische Kandidat Salz in den Augen. So was kann map sich denken, aber sagen darf man’s nicht — meinte der Bezirkskommissär in Lemberg und verklagte den Abgeordneten Breiter wegen — Ehrenbeleidigung. Kleine Mitteilungen Von Kosaken überfallen und erschossen. Vierzehn russische Kosaken überfielen ein Gasthaus an der Landstrasse nach der russischen Grenzstadt Radziwillow und plünderten den daselbst wohnhaften Getreidchündler Ascher Einoch aus. Die Kosaken bemächtigten sich alles Bargeldes und aller Wertsachen und wollten sich dann entfernen, kehrten aber bald zurück, schossen Einoch und dessen Frau nieder und verwundeten Einoclis Vater schwer. Der Schwicgertochter Einochs wurden beide Hände abgcsclmittcn, ein zwölfjähriger Knabe wurde lebensgefährlich verletzt. Zuletzt wurde das Gasthaus in Brand gesteckt. Die Kosaken wollten dann Uber die Grenze flüchten, aber zwei •von ihnen wurden noch auf österreichischem Gebiet von Gendarmen festgenommen. Eine amerikanische Emigrations-Kommission In Europa. Amerika beschäftigt sich jetzt mit einem neuen Emigrationsgesetz und bat eine Kommission eingesetzt, welche die Aufgabe hat. die ganze Einigrationsfrage genau zu studieren, um dann konkrete Vorlagen machen zu können. Zu diesem Zwecke begab sicli auch eine Deputation nach Europa, um auch hier die Emigrationsverhältnisse kennen zu lernen. Diese