Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 290 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 28 rungen gipfelten schliesslich in Uem einzigen Versprechen, für die Erweiterung der Landesautonomic und die Unabhängigkeit' Galiziens von der Zentralregierung in Wien eintreten zu wollen. Dass die Juden Galiziens gerade von diesen Aussichten besonders entzückt sein mussten, wird kein Kenner der Verhältnisse vermuten. Starzynski’s Stellung zu den Juden wird am besten durch ein Wort des Herrn Finanz.rats von Bilinski illustriert: ״Warum haben eigentlich die Juden einst den Haman gehängt? Er wäre heute der beste Kandidat für den Rabbi imd die Juden in Beiz.** Dieses Wort hat den Urheber zahlreiche Verfolgungen zugezogen und infolge der Aufregungen und Nervenerschütterungen erlag er am Tage vor der Wahl einem Schlaganfall! Trotz alledem wagt Herr von M a I a c h o w s k i öffentlicli die Behauptung, dass die jüdischen Wähler ein Vertrauen zu Herrn von Starzynski und dass die ruthciiischcn Richter versucht hätten, ״die jüdischen Wähler cinzusehüchlern, damit sie nicht für Ritter v. Starzynski, sondern für den jüdischen Kandidaten Bloch stimmen.*‘ Im Ucbrigen wird sich noch anderwärts Gelegenheit finden, über diese Walilvorgänge zu verhandeln. Der jüdische Klub und Prof. Starzynsk Der Parlamcntsbcrichterstattcr des SLOW O POLSKIL beeilt sich, seinem Blatte telegraphisch zu berichten, dass der jüdische Klub für Starzynski gestimmt hat. Das ist erlogen. Der jüdische Klub hat lediglich 1'iir den Abgeordneten Pc rne rstor ie r gestimmt. Er war eventuell bereit, iiir einen Polen zu stimmen, keineswegs aber iiir einen Abgeordneten, der seine W'ahl lediglich Schwindeleien und Gewaltakten zu verdanken hat. Die Entrüstung, mit der die galizisclie Opposition, ohne Unterschied der Parieirichtung, die W ahl S t a r z y 11 s k i s zum Vizepräsidenten auigeiiommen hat . veranlasste diesen Herrn, gegenüber dem Redakteur einer polnischen Zeitungs- Korrespondent eine de- und wehmütige Erklärung abzugeben. Er weinte Krokodilstränen darüber, dass ihn die Ruth c neu ve:folgen, wiewohl er ihnen nichts Böses getan habe. Sein Mandat sei doch kein ruthenischcs. und er selbst hege gegen die Ruthenen gar keine Feindseligkeit. Dass aber der Herr Professor sein Mandat den Juden gestohlen hat, scheint ihm nicht verwerflich. Den Juden gegenüber hält er sich zu keiner Aufklärung für verpflichtet- Jüdische Wähler darf man beschwindeln und vergewaltigen. Das ist keine Tarnopoler Moral mehr; das ist die Moral von — Beiz. Und ilcr Rabbi von Beiz ist ein Freund Starzynskis. Polenklub und Christlich-Soziale Es wird also immer offenbarer, dass die UntcAstützung der Christlichsozialcn bei der W'ahl des Präsidenten von den Polen als Preis dafür geleistet wurde, dass die Mandate des Polenklubs verifiziert werden. Die W'ahl W c i 5 K i r c h n c r s zum Präsidenten war eigentlich erst eine Abschlagszahlung, die weiteren Dienste werden noch folgen. Abgeordneter Her old. der Führer der! Juiigczcchcn. sagte einmal, dass sich der Polenklub selbs.t mit dem Teufel verbinde, wenn für ihn ein Profit herausschaut. Mit wem verbindet sich erst der Polenklub, wenn cs sich um seine ganze Existenz handelt! Fast alle 56 Mandate des Polenklubs sind durch Proteste a n g' e f o c h t c n. Und w enn nur 3 Mandate annullicrt werden, so verfügt der Polcnkhib nicht mehr über die Majorität der galizisclten Mandate. Es besteht für ihn daun die Gefahr, dass die Wahlordnung für Galizien geändert wird und ihm die Delegationen verschlossen bleiben, die ihm allein den Einfluss bei Hofe sichern. Also hilf, wer helfen kann; selbst die — Antisemiten. Es wird ein recht erbauliches Schauspiel sein, wenn die mosaischen Polen K o I i s c 11 c r und Lowcnstein ihre schwer erkauften Mandate pur mit Hilfe von Lueger, Bielohlawek und Genossen in den sichern Hafen steuern werden. / Jüdische Sozialdemokraten in der Bukowina Man schreibt der NEUEN ZENTUNG aus Czernowitz: Letzten Sonntag fand hier eine Konferenz statt — mit der Tagesordnung: Qründung einer selbständigen jüdisch-sozialdemokratischen Partei. Der Referent B a I a k a 11 stellte nach längerer Begründung drei Anträge: 1. Gründung nationaler Organisationen in der Bukowina. 2. Bis dahin Gründung vollkommen autonomer jüdischer Komitees und eines Parteiorganes in jüdischer Sprache. 3. Sympathie-Ausdruck an die jüdischsozialdemokratische Partei Galiziens und Aufforderung an die demnächst stattfingendc Landeskonferenz, sie solle die Delegierten und den Abgeordneten Ürig'orovici beauftragen, beim österreichischen Parteitage auf Anerkennung der jüdischsozialdemokratischen Partei Galiziens zu dringen. Nach längerer Debatte wurden Punkt 1 aus dem Grunde, den Frau Grigoroviei auiuhrie. dass nämlich die Partei in der Bukowina noch zu klein sei. um sich in nationale Organisationen zu spalten, abgelclmt. Dagegen wurden Punkt 2 und 3 ange- »uunmen. Bemerkenswert ist freilich, dass auf dieser Konferenz die Besonderheit der jüdischen Nationalität von keiner Seite nun mehr angezwcifclt wurde. Der finnische Landtag über die Judenfrage Bekanntlich hat die sozialdemokratische Fraktion in« finnischen Landtag eine Petition über Jie Gleichberechtigung der Juden eingebraclit. Fs sei hier der Text dieser Petition augeiiih 1•: ..Es ist schon das zweite Jahr, seitdem in unserem Lande eine Proteststimme vernommen wird, welche bei den Volksir.asscn ein tiefes Mitgefühl liervorruit. Diese Proteststimme hat unser Volk auf solche Handlungen aufmerksam gemacht, die in» höchsten Grade das Gefühl der Gerechtigkeit. Brtide ׳- ii’clikeit und Menschenliebe des finnischen Volkes beleidigen. Diese Stimme der filmischen Judeiisehait hat sich wie ein Echo durch das ganze Land vernehmen lassen; die durch sie aufgedeckten anomalen Erscheinungen haben das finnische Volk, hauptsächlich aber die Arbeiterklasse, veranlasst, öffentlich zu prrtestie'eii gegen die Willkür mirl die Schwierigkeiten, welchen die Juden ansgesetzt sind. hauptsächlich aber dagegen, dass diese Willkür im Namen des iiniiischen Volkes verüb: wurde. Allen Volksvertretern im Landtage wird gewiss nicht unbekannt sein wenigstens nicht völlig - - die unmenschliche Lage, in der sich die Juden befinden, welche unter uns leben. Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir gleichzeitig unsem• Ucherzeugung atisdrüchen, dass die Lage der finnischen Juden absolut unerträglich ist. Alle diese Anomalitäten und Be• Schränkungen gegen die Juden zu vernichten ist die heilige Pflicht der finnischen Volksvertretung, denn wir sind hierher nicht zum Schutze der Rechtlosigkeit und Unterdrückung geschickt, sondern zur Verwirklichung des Ideals der Gerechtigkeit und der Freiheit. Wir sagten, dass die Vernichtung der anomalen Lage der finnischen Juden die heilige Pflicht unserer Volksvertretung sei. aber diese unsere Ucherzeugung beruht nicht nur auf einer menschlichen Pflicht — sie beruht auf dem Willen des Volkes, welches uns hierher geschickt hat. Fs ist fast zwei Jahre he% seitdem in unserem Lande der gerechte Judenprotest vernonimen ward, und alle Klassen der Gesellschaft haben sich ihm solidarisch angeschlossen. Auf Grund dessen, was wir in allgemeinen Zügen auseinandergesetzt haben, haben wir die Ehre, der finnischen Volksvertretung den Vorschlag zu machen dass der Landtag sich an den filmischen Senat mit der Bitte wende, zur näclisten Session ein Gesetzesprojekt auszuarbeiten in dem Sinne, dass die bürgerliche Gleichberechtigung allen Juden gewährt werde, welche hier geboren sind, hier ihre Ausbildung genossen haben und denen, welche hier eine gewisse Zeit vor Veröffentlichung des neuen Gesetzes gelebt haben. Die naiionale Vertretung nach dem neuen Wahlgesetz Die nationale Frage spielte eine grosse, mau behauptet sogar eine entscheidende Rolle im Schicksal der zweiten Reichsduina. Das konnte mail erwarten, denn nicht nur in Russland, sonder.n auch in wirklich freien Ländern bildet die nationale Frage ein Problem, das den Sieg demokratischer Ideen oft licumtt und hindert. Jeder, der mit den historischen Bedii’guugen rechnet muss sich desseu klar sein, dass die Befestigung konstitutioneller Grundlagen in Russland nur unter zwei Voraussetzungeu. möglich ist: 1. dass die npssische Nationalität die erste Rolle i!!1 Staatsleben imie behält und 2. dass jeder Nationalität, die ihre eigenen Kulturbcdürfuissc hat, freie Entwicklung gesichert wird. Fs ist klar, dass die gegenseitige Aussöhnung dieser beiden itt gleichcut Mlisse notwendigen Bedingungen die grosse geschichtliche Aufgabe unseres politischen Lebens ausniachen wi!!d. die nur im Laufe der Jahre, und zwar vieler Jahre gelöst werden kann. Fs ist aber ebenso klar, dtss auf diesem Gebiet nur diejenigen arbeiten können, die hier überhaupt ein Problem sehen, aber keineswegs die für. die die nationale Frage in Russland endgiltig und für immer durch die Formeln der Regierungszeit Alexanders III. gelöst erscheint. Im absolutistischen Russland existierte nur die Frage der Vorherrschaft den russischen Nationalität, und die Lösung bestand lediglich in äusserlichen