Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 289 I grösste Gefahr für die Hegemonie des Polenklubs, der sich zum geringsten Teile auf die Mitarbeiterschaft des Jüdischen Volkes stützt. Die Zustimmung des Hauses zu dem cingcbrachtcn DringlicHkcitsantrag würde von allergrösstcr Bedeutung für eine ruhigeruhige kulturelle Entwicklung des Landes Galizien sein. In Galizien wütet ein Emanzlpatlonskämpl dreier Völker gegen eine verhasste OligarchcnhcrrschaU. In diesem Moment folgt das ganze Land der hier ge־ führten Debatte mit der grössten Spannung. Das Parlament gilt in Galizien als Heiligtum, als Palladium der Volksrcchte. und wir verlangen vom Hause Mitleid und Mitgefühl für die Unterdrückten. Wir erwarten, dass das Machtwort des Pariaments endlich einmal den despotischen Schlachzizenbauu brechen wird, der die kulturelle Entwicklung hemmt. Wir appellieren an die Kulturgcmcinschaft, die uns alle vereint. Lassen Sic uns nicht im Stich. Wir bitten Sie, sich gegen unsere von ernster Empörung durchgliihtcn Anklagen nicht taub zu stellen. Was in Galizien geschieht, spottet jeder Beschreibung, und das Parlament dar! dazu nicht schweigen. , An der Spitze der galizischcn Korruptionswirtschaft steht der' Statthalter. Er ist der Organisator des Wahlbetruges und W ahlsclivv iudels. Dem Namen nach ist er Statthalter, in W irklichkeit der politische Bandenführer der Schlachta. An der Grenze von Galizien schweigt die Staatsgewalt, in Galizien selbst tritt an die Stelle von Recht und Gesetz der Wille und die Eigenmacht des Statthalters. Wenn sich aber in Galizien die Autorität der Regierung als hinfällig erweist, ist es Pilicht des Parlaments, an Stelle der sch inj brüchigen Staatsgewalt die Autorität des Staates zu setzen. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Von dieser Stelle muss es an alle Völker hinaustönen. dass wir den W illen haben. 1'kht nur die Majestät des Gesetzes, sondern "auch der Majestät der Erciheit. der Rechte Achtung zu vcrschaiien. (Lebliafter Beifall und Händeklatschen bei den Sozialdemokraten.) W'enn das Parlament unseren Anträgen aber seine Zu- Stimmung verweigern würde, dann könnte dies nur dadurch geschehen, dass sich die Herren vom Polenklub durch Intrlguen die Mehrheit gegen unsere Anträge crgaukcH haben. Heute pocht noch der Polenklub auf seine parlamentarische Macht, aber er weiss selbst, dass diese Macht nur ergaukelt und erschwindelt ist. Hinter der Minorität der galizischcn Vertreter in diesem Hause stellt das Volk Galiziens, hinter dem Polenklnb steht eine betrogene W ahlergruppe, die ihn verflucht lind zum Teufel wünscht. Ich appelliere an die tschechischen und deutschen Parteien, sie mögen sich durch die süssen W'orte und feinen Manieren der Herren vom Poler.klub nicht beirren lassen. Hier sind sie alle ehrenwerte Herren, sie übertriefen von Süssigkcit. (Zwischenruf des Abgeordneten Dobija.) Schuhmeier: Aha. das ist der polnische Biclohlawek! (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Dr. Ltcbermann: Glauben Sic uns, wir sind dieser galizisehen Debatten hier im Hause schon müde, sie machen uns kein Vergnügen. Heute können Sic sich noch freuen, dass Sie die Ralliieruug der reaktionären Elemente hier durchgesetzt haben; aber nehmen Sie sich in Acht vor der Ralliicrung der Unterdrückten, die über Ihre Köpfe hinwcgschrcitcn werden. Wenn Sic unsere Anträge ablchncn. dekretieren Sie damit zugleich das Recht der Auflehnung, das Recht der unterdrückten Masse, sich durch Qcwalt ihrer Unterdrücker zu entledigen. W׳cnn das Parlament nicht die Macht in sich fühlt, gegen den hochgestellten Verbrecher, den Statthalter von Galizien . . . Präsident: Ich bitte. Herr Abgeordneter, ich kann solche Ausdrücke nicht dulden! (Ruie bei den Sozialdemokraten: Das ist alles viel zu wenig!) Dr. Liebermann: . . .dann wird es nie dazu kommen, dass auch der Statthalter von Galizien das schuldbeladene Haupt vor der Autorität des Parlaments beugt. Wenn Sie unsere Dringlichkeitsanträge ablehnen, können Sie der Bevölkerung das Recht nicht streitig machen, sich selbst mit Gewalt zu verteidigen. Weil wir Sozialdemokraten einen solchen Zustand perhorrcszicrcn. weil wir die friedliche und kulturelle Entwicklung unseres Landes unter Vermeidung eines jeden Zusammenstosscs selinlichst wünschen, bitten wir Sie, für unsere Dringlichkeitsanträge zu stimmen. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Rundschau Herr von Malachowski und die Wahlvorgänge!11 SokoL Noch eine Episode aus dieser Parlamentsvcrhandlung in *ge an dieser Stelle notiert werden. Als Redner des Polenklnbs trat diesmal auf Abg. Ritter von Malachowski, ein sonst sympathischer und gemässigter Politiker. Zu welch verzweifelten Argumenten er diesmal greifen musste, dafür ein Beispiel. Er trat als Ankläger der Ruthencn auf und! sagte: ״In Sokal wollte der ruthenische Adjunkt einen Tag vor der Wahl den Bürgermeister und den Bczirkshauptmann in Haft nehmen. (Rufe bei den Ruthencn: Er hat Recht gehafn!) Dies sollte geschehen, um die jüdischen Wähler cinzuschüchtern, damit sic nicht fiir Ritter v. Starzynski, sondern t'iir den jüdischen Kandidaten Bloch stimmen.*‘ Demnach ist Herr v. Starzynski eigentlich der Lieb־* lii'g der Juden, denen man mit Gewalt und List und Drohungen einen Dr. Bloch aufzwingen wollte. Es genügt aber die Tatsache, zu konstatieren, dass Herr von Starzynski als Reichsratskandidat in diesem Wahlbezirke, dessen Bevölkerung 63 Prozent jüdisch ist. in keiner einzigen Rede ein freundliches W'ort für die traurige Lage der Juden in Galizien hatte. Auf alle diesbezüglichen Intcrpellationen gab er ausweichende Antworten. Alle seine Zusiche- Der Hausherr lachte und küsste sich mit Wir- Kinski. ״Wer mich liebt, halte die Lippen her, wer nicht — der komme mir nicht zu nah!“ ״Den verwegenen Pan Wirginski nicht zu lieben, ist unmöglich!" rief es von allen Seiten lachend, und alles drängte sich um ihn. ״Danke, meine Herrschaften! Haltet die Lippen bereit! Erst muss ich aber den Zoll der Verehrung und Anbetung dem schönen Geschlechte erweisen. Ihre, reizenden Händchen, Panna Wanda, Panna Oda, Patina . . . .“ ״Halt, Wirginski! Dir müssen alle den Mund hinhalten, ob Herr oder Dame," rief Potocki. ״Welse gesprochen, Pan Stephan. Gilt’s?“ ״Warum ihm dieses Glück?" protestierten einige. ״Weil er ein alter Kerl ist,“ entschuldigte, sich Potocki. ״Ich — alt? Oho, ich will euch noch alle in den Sack stecken, ihr alten Grünschnäbel!" ״Bravo, Wirginski, fangen Sie mit dem Küssen an,“ drängte Panna Oda. ״Göttliche. Panna Oda! Sie allein vermögen die ritterlichen. Eigenschaften Ihrer Anbeter gebührend zu würdigen. Ihre Rosenlippen . . Schäkernd und witzelnd nahm das schöne Geschlecht die saftigen Küsse des dicken Trunkenbolds entgegen. Dann kamen die Herreu an die Reihe. ״Du, Kosack, warum kommst du nicht her, um dich mit dem edlen Pan Wirginski zu küssen?" schrie Wirginski den abseits stehenden Chmielnicki an. ״Bitte," sagte dieser lächelnd, ״habe solche Ehre gar nicht erwartet. ,.Der gutmütige Pan Wirginski ist nicht so, du Tor. Im Freudentaumel, da küsst er entweder alle — oder haut alle. Narr, küsse mich!. Dum jewitsch machte einen grotesken Sprung und küsste ihn auf die Wange. (Fortsetzung folgt.)