Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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No. 28 Seite 288__ _JÜDISCHE RUNDSCHAU. Was müssen die jüdischen Schüler von ihren jüdischen Lehrern denken? Hoffentlich das Richtige. Und die Christ־־ liehen Schüler von ihren jüdischen Kameraden? Wir wissen es doch, sobald wir ins Leben hinaus treten! Felix D a n z i g e r, V .1. St.־Marburg. , ♦ Aus der Debatte über die galizisGhen UahlmisshräuGhe Fünf Dringlichkeitsanträge über die gaüzisclien Walihnissbrauche bildeten den Gegenstand einer erregten Debatte, welche in dem jungen österreichischen Volksparlament Mittwoch den 3. d. Mts. begonnen hat. Die Redner, welche die Dringlichkeitsanträge zu begründen hatten, führten sich als schlagfertige Parlamentarier ein. Die Abgeordneten Staugl und üioss, Hudec und Okmücwski, Liebcrmaun und Breiter sind mit grosser Wärme und starkem Talent als Ankläger gegen die in Galizien verübten Wahlverbrechen aufgetreten. Besondere Aufmerksamkeit erregten die Ausführungen des Abg. I)r. Liebermann, der als Mitglied der sozialdemokratischen Partei für die Leiden des jüdischen \ olkes in Galizien warme Töne gefunden hat Aus der Rede •des Abg. Dr. Liebcrmami heben wir nach dem Berichte der ARBFITFR-ZFITUNU nachstehende Stellen heraus. Fr sagte: ״Mit dem Begriff der ״national-polnischen Idee" wird in Galizien ein schrecklieber Unfug getrieben.‘‘ Die Schlach/izenpartci ist mit diesen! Losungswort in den Wahlkampf gerückt. Fs galt, die nationale polnische Idee gegen die Anfeindungen von ״Barbaren" in Schutz zu nehmen. Wie sehen aber auch diese Vcricchter der nationalen polnisehen Idee, die jetzt hier im Hause sitzen, aus? Da sind vor , allem die beiden Exzellenzen auf der Miuisterbank. Auf den ■ Finanzministcr j Dr. Ritter von Korytowskl j passt nicht das geflügelte Wort des römischen Triumphators: : Veni, vidi, vici! Fr kam nämlich nicht zu seinca Wählern, die Wähler sahen ihn nicht!lebhafte Heiterkeit und Beifall bei; den Sozialdemokraten); aber trotzdem hat er gesiegt. (Frneuerte, lebhafte Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Darin j besteht die wahre Sonderstellung Galiziens. Die tschechischen ן und deutschen Kollegen der beiden polnischen^ Fxzellenzen! im Kabinett mussten Programmreden halten. Zum Finanzj minister aber sind die Wähler nach Wien gekommen und haben j hier ihre Bedingungen gestellt. Jetzt begreift man auch, dass | der Finanzminister gestern auf den Zwischenruf des Abge-; ordneten Fldersch antworten konnte, es wäre gut, wenn cs ‘ überall so wäre wie in Galizien. (Lebhafte Heiterkeit und 1 Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nach der Wahl hat der Finanzministcr ein Dankschreiben an den Propiiiations- Pächter von *Podgorzc, Nuchen Hoistiidter, geschickt, worin er sich für den glücklichen Augang der Wahl bedankt. Dieser Hofstädtcr war es nämlich, der die meisten Stimmzettel gestöhlen hat! Die zweite, polnische Exzellenz im Kabinett schenke vermochten kaum die Wünsche ihres Hausherrn und der Gäste zu befriedigen. Es schien, als habe ein unlöschbarer Durst der ganzen Gesellschaft, die mit besonderer Gier Krug um Krug leerte, sich bemächtigt, als lodere in allen eine innere Glut, die nur durch Wein und Meth sich löschen liess. Kaum eine halbe Stunde war vergangen, seitdem der schmeichelhafte Toast auf den kühnen Reiter ausgebraclit wurde, als der Ausdruck der Gesichter, unter der Wirkung des feurigen Weines, sich gänzlich änderte. Die Gruppen mengten sich durcheinander; Neid, Hass, Bossltcit, Eifersucht entschwanden und machten liebenswürdigem Lächeln, Gönnermienen, freundschaftlichen Händedrücken, ja zärtlichen Umarmungen Platz. Mit Hilfe ihres Komplizen, Pater Bcnediktus, gelang es der gewandten Panna Oda, die trüben Wolken von dem Gesichte des Hausherrn zu verscheuchen, und nicht eine Sekunde wendete sie ihre liebcglühendcti Blicke von dessen Antlitz ab. Panna Watida hörte huldvollst dem überglücklichen jungen Potocki aufmerksam zu. Pan Bolepolski und auch die Freunde des jungen Potocki, die eben erst sich über den Stallmeister so abfällig geäussert, unterhielten sich jetzt mit ihm über Pferderassen und Reitkunst. Die ״schwarze Katze“, . •’ . ־ Graf Dzleduszycki \ wirkte als Kandidat wahre Wunder. Bei seiner Wahl waren die Töten so entzückt, dass sie eine Massenauferstehung feierten. (Lebhafte Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) - ' A Schuhmeier; Das war wahrscheinlich die Generalprobe zum jüngsten Tage! (Lebhafte Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Dr. Llebermann: Bei der Wahl war geradezu ein lebeusgefährliches Gedränge von Toten. (Erneuerte lebhafte Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Man erzählt, ein Knabe, Hessen Vater vor vier Jahren gestorben war. sei zun! Wahl- I» kal gekommen und habe gebeten: ״Zeigt mir meinen Vater, ich möchte ihn scheu!'‘ (Lebhafte Heiterkeit bei den Sozialdunokraten.) Hingegen wurden die Lebenden tot gemacht 1:1 ul sic wurden nicht zur Urne gelassen. Die neueste!! Bundcsgeiiossen des Polenklubs diiritc• es sehr interessieren, dass l ei der Wahl des Graicn Dziedusz\ eki sehr viel Geld an die indischen Kulttisgemcinden verteilt worden ist! (Rufe bei den Sozialdemokraten: Was sagen die Christlich-Sozialen dazu?) Bei der Wahl des Abgeordneten Ritter von Starzynskl ging es so bunt zu. dass der Richter ernstlich daran dachte, den Bezirkshaiiptmaim zu verhalten. Und da wundert sich Herr v. Starzyuski, dass er, als er zun! Vizepräsidenten gewählt wurde, so unhöflich empfangen wurde! Der Protest galt nicht den! Polen, nicht dein Menschen, sondern den! Abgeordneten, der in seinen! Mandat die scheusslichsten Vcrbrechen verkörpert. Im Polenkhib befindet sich ein Abgcordneter, der eigenhändig Stimmen gekauit mul bezahlt hat. (Hurt! Hört! bei den Sozialdemokraten.) So wurden die Koryphäen des Poleiiklubs gewählt. Fs wurde die Parole ausgegeben: Fratres rapiamus fugimusque, nämücl! nach Wien, das heisst au! deutsch: Brüderchen, raubt und stehlt die Mandate zusammen, dann gehen wir nach Wien, dort haben wir!nächtige Freunde, die werden 1!ns schützen und wir werden die Früchte des Raubes gemessen können. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Diese Freund׳.• sind die Christlich- Sozialen!) Seliuhmeier: Das beruht auf Gegenseitigkeit. Dr. Llebcrrmmn: Die Scl11acl1ziz.cn gebärdeten siel! wälircud der Wahl wie toll und wahnsinnig, weil sie merkten, dass endlich einmal in der jüdischen Voiksniassc das Selbstgefühl erwacht war, dass die Juden es endlich einmal satt hatten, die Knechte der Schlachzizen zu sein und diesen Leuten als Handlanger bei der Unterjochung der um die Freiheit ringenden Völker zu dienen. Bis jetzt wurden bei der Wahl in Galizien die demokratischen Elemente mit Hilic der jüdischen Volksmasse niedergestimmt. Jetzt ist es aber hiermit aus. In! jüdischen Volke ist ein mächtiger Freihcitsdrang erwacht, ein heisses Verlangen nach Erringung der Menschenw ürde und .Menschenrechte. Die Herren vom Polenklub w issen ganz gut, dass das jüdische Volk seiner kulturellen und ethischen Wiedergeburt entgegengeht, und das ist die die vor kaum einer Stunde über den Balkon gelaufen war, schien für immer verschwunden. Mit der Stimmung der Gesellschaft wehte auch das Lüftchen frischer, spendeten die Blumen einen grösseren Wohlgeruch, ertönten die Cliöre und Kapellen lauter und melodischer, ja, die ganze Natur schien mit der frohen trunkenen Gesellschaft zu jubeln, zu jauchzen. Der trunkene, schläfrige Pan Wirginski war, nachdem er mehrere Becher geleert, nicht wiederzuerkeunen. Seine schwülstigen Wangen röteten sich, in seinen Augen leuchtete jugendliches Feuer, ja sogar seine Beine schienen den verdammten Ungar abgeschüttelt zu haben, und unter den Klängen eines munteren Krakowiak begann er, Durnjewitsch vis-ä-vis stehend, solche komische Pas zu machen, dass die Gesellschaft sich die Seiten hielt vor Lachen. , ״Pan Stephan!“ rief er, mit zwei gefüllten Bechern an den Hausherrn herantretend. ״So lieb’ ich dich! Jetzt siehst du dir ähnlich, aber früher .... weiss der Teufel, was mit euch allen vorgegangen ist . . . aufgeblasen wie die Puten . . . und da legte ich mich gar schlafen .... Auf dein Wohl, Pan Stephan! Komm, lass uns umarmen und trinken und küssen nach unserer Väter Brauch!“ 1