Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 286 f JÜDISCHE RUNDSCHAU. __ _No. 28 sein, dass sie nicht die berufenen Leute hierzu sind, eben gar nichts tun und alle Arbeit für die Kultur den Faktoren lassen, die ausserhalb des Zionismus stehen und ihm zum teil eitle bewusste Qegenarbeit leisten. Es ist auch nicht damit getan, dass in Palästina die hebräische Sprache als die Volks- und Landessprache gepflegt wird, wenn nicht gleichzeitig die notwendige Arbeit geschieht, das Kulturniveau in diesem Sprachgeist zu erhöhen. Die beiden hebräischen Blätter, die in Jerusalem erscheinen, sind ja beide durchaus ungceignet, hebräische Kultur zu pflanzen. Die eine vertritt die Partei der Dunkelmänner und die andere hat einmal einen einzigen Blick ins Helle getan, hat sich aber daran so gründlich geblendet, dass cs fraglich ist, ob sie imstände ist, das Licht zu verbreiten, das sie selbst nicht ertrug. Dabei wollen wir keineswegs damit rechten, dass dieses Blatt, das bei denen, die es nicht lesen, als zionistisch gilt, einen extremen tcrritorialistischen Standpunkt zu vertreten angibt, der sich in Palästina nur komisch ausnimnit. •Schlimmer ist es, dass cs keine Stelle in Palästina gibt, wo das wirklich werdende Hebräertum, das arbeitet und nicht bloss Arbeit sich oder andern vorspiege.lt, zun! vollen Ausdruck und Selbstbewusstsein kommt. Das trifft nicht etwa einzelne Personen oder Gruppen, sondern das ganze Milieu, besonders in der Stadt Jerusalem. Die materiellen Chalukali- Interessen, die wir keineswegs in ihrer Entwicklung zum Besseren verkennen wollen, vergiften die Atmo- Sphäre Jerusalems. Aber nicht jeder, der einmal gegen die Chalukali geschrieben hat, ist frei davon. Sie tritt in allen möglichen Formen auf. Sie kann das scheinbar wissenschaftliche Gewand des Kulturkfunpfers ebenso gut annehmen wie das des frommen Beters und stillen Dulders. Eine besondere Art hat sich in der Jerusalemer Einflusspolitik herausgcbildct, die von verschiedenen Gruppen mit mehr oder minder grossem Erfolge geführt wird und die nur äusserlich sich um Einfluss, in Wahrheit um sehr materielle Interessen dreht. Auch der Umstand, dass in der Jüdischen Bibliothek des Herrn Chazanowicz niemals eine Zeitung ausgelegt wird, die in irgend einem Artikel oder einer Notiz die Interessen der hier massgebenden Einflusspliäre verletzt oder zu tangieren scheint, gehört in dieses Kapitel. Denn wenn sich der Cherem der Rabbiner auf die Personen erstreckt, die ihnen aus gewissen Gründen bekämpfenswert er* scheinen, so richtet sich der Cherem der Bibliothcksver* waitung, wenn man da von einer Verwaltung reden darf, gegen Bücher und Zeitungen, und wegen dieses Passus in dem vorliegenden Artikel, wird auch diese Nummer der Zensur der Bibliotheksgcbicter verfallen. Wir freuen uns deshalb, dass der Leiter einer grossen jüdischen Hilfsorganisation, die in Palästina wichtige Interessen zu vertreten hat, selbst die Mühe nicht scheut, im Herbst nach Palästina zu reisen, und wir vertrauen seiner Klugheit, dass er nicht bloss Potemkinsche Döricr zu sehen bekommt. Immerhin gibt cs solche in erster Linie auf kulturellem Gebiet in Palästina. Unsere Tätigkeit darf aber nicht bei einer Kritik des Bestehenden stehen bleiben. Wir müssen vielmehr unter genauer Beachtung dessen, was sich in Palästina herausgcbildct hat, zu positiver Tätigkeit übergehen. Dass heute in Palästina das Hebräische zur Notwendigkeit geworden ist, ist bereits ein Erfolg bewusster zionistischer Arbeit in der Zeit von 25 Jahren. Ohne die Bedeutung der Einzclpersönüchkcit, die in diesem Kampfe Opfer an Mut und Ausdauer gebracht hat, ׳/!: unterschätzen, stellen wir fest, dass das ein Erfolg des ganzen zionistischen Milieus in Palästina ist. Die hebräische Sprache muss aber durch den Kulturinhalt, den man ihr gibt, erweitert und vertieft werden, j Französische Romane von Victor Hugo sind sicher sehr interessant und namentlich in französischer Sprache sehr bildend. Aber als alleiniges ״Lcsefutter“ in hebräischen Zeitschriften würden sic zum mindesten ihren Zweck ver* fehlen. Man kann auch in hebräischer Sprache falsche Assimilationsarbeit treiben. Wenn uns nun für Palästina eine hebräische Zeitschrift dringend nottut, die wirk* liehen Kulturinhalt gibt, so liegt doch der Nachdruck aller Kulturarbeit in den Schulen und den KulturvereitHii der Erwachsener. Die Aufgabe der Schulen ist es nun, die Jugend so zu erziehen, dass sie im Landee bleibt und sich dort redlieh nfJiren kann, dass sie den Grundstock der erwachsender Kultur bildet, der hebräisch spricht und nicht etwa russisch-nihilistisch denkt, sondern die hebräische Grundatiffassung des Lebens mit den europäischen Fr- Spinnen und Fliegen Roman von B a g r 0 f f. Aus d. Russ. übersetzt. Drittes Kapitel. (Fortsetzung.) Doch der Rabbi hörte fast nichts von den Gefühlsäusserungen seiner Enkelin. Man hatte ihm soeben; eine traurige Nachricht überbracht. Der Schenker Zodek, der während des ganzen Tages weder essen noch trinken mochte und die ganze Zeit niedergcschlagen, schweigend dasass, war vor einer Stunde verschwunden. Allem Anscheine nach hatte er sich erhängt, wenigstens war dies die allgemeine Ansicht der Zvvantzer Juden. Nach einer halben Stunde kam der kühne Reiter schon zurück. Allein Mensch und Tier hatten jetzt die Rollen gewechselt: früher war der Reiter in der Gewalt des Tieres, jetzt war das gezähmte, gehorsame Tier in der Gewalt des Reiters. Den zurückkehrenden herrschafflichen Stallmeister bemerkend, bildete die Menge Spalier und verbeugte sich tief; doch ohne diesen Verbeugungen irgendwelche Beachtung zu schenken, ritt er weiter. Am Tore angelangt, wendete er unwillkürlich den Blick und sah die Enkelin des Rabbiners, die ihn händeklatschcnd begriisste. Ein freudiges Lächeln umspielte seinen Mund und voller Bewunderung heftete er seine Augen auf das liebreizende Gesicht Esthers. Dieser einen zärtlichen Handkuss zuwerfend, gab er seinem Pferde die Sporen, setzte in vollem Galopp auf den Hof und hielt unmittelbar vor dem herrschaftlichen Balkon. Allgemeines Händeklatschen und lautes Bravorufen empfingen den Reiter. ״Pan Stephan, du hast die Wette verloren, lass mir meinen Krug verabfolgen.“ Auf ein Zeichen des Hausherrn reichten die Knechte gefüllte Humpen, Kriigc und Becher. ״Parma Oda,“ sagte Potocki finster und befehlend. ״Jeder Dienst hat Anspruch auf Belohnung. Ich glaube, dass es dem kühnen Reiter ganz besonders angenehm sein würde, wenn Sie mit vollem Becher seine Gesundheit ausbrächten." Panna Oda licss nicht auf sich warten; sie ergriff einen Pokal, lehnte sich über den Balkon und rief laut: ״Ich trinke auf das Wohl des kühnen Reiters, Pan Bogdan Chmiehiicki -— aus seiner Hand.“ ״Aber nur so, dass der kühne Reiter den ihm offerierten Pokal in der Hand hält, ohne vom Pferde zu steigen," fügte Potocki hinzu.