Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 278 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 27 Ansicht, und. obgleich die Förderer der amerikanischen Kolonisation ihre Meinung noch nicht ganzz und gar geändert haben, so fand doch der Gedanke, für unsere Brüder Wohnsitze in! heiligen Lande zu bauen, schon grosse Verbreitung. Und nicht nur in Russland hat diese Bewegung viele Zehntausende von Männern erfasst, sowohl von den Frommen, als auch Aon den Aufgeklärten, deren Herz erfüllt ist von Nationalgefühl, sondern auch in Deuts cnlam sind gar Viele, die Zion und Jerusalem lieben und sich darnach sehnen, seine Trümmer wieder aufzurichten. Und Gott sei Dank wächst dieser grosse und heilige Gedanke von Tag zu Tag; und ein Zeichen und Wunder ist die grosse Stadt London, wo die Vornehmen unseres \01kcs an der Spitze der Gesellschaft der ״Chowcwe Zion“ stehe!!, so wie Herr Joseph Sebag Montefiore, und wo sich den! Verein bereits über 2000 Mitgliieder angcschlosscn haben; und seine Zweige breiten sich aus über alle grossen und volkreichen Städte Englands, wie Manchester. Edinburgh. Dirrningham. Leeds u. a. Vor einigen Tagen hielt auch der berühmte Oberrabbiner Dr. Nathan Adler in London eine Rede über unser heiliges Land, und der Oberst Goldsmith, der unter den Hörern war. sprach ebenfalls über die Liebe zum Lande Israel Worte, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen und den Gedanken au die Besiedelung Palästinas in den Zu hörern erweckten. So verbreitete sich auch in New y'ork, Baltimore und den anderen Gressstädten Amerikas der Verein ״Chowcwc Zion'* immer mehr. Und obgleich wir nicht gehört haben, dass in Frankreich derartige Vereine bestellen, so ist doch d •rt ein Mann, der viele Zehntausende auiwiegt. das ist de: bekannte Philantrop. der schon grosse Wunder bewirkt hat dadurch, dass er mehr als eine .Million, vielleicht schon zwei Millionen zu diesem Zweck gespendet hat. indem er vier Wohnsitze unter seinen Schutz nahm und alle Ausgaben iiir den Bau seihst bestritt: so zum Pflanzen vieler tausender Weingärten und zum Bau vieler Gebäude und besonders iiir den Bedarf der Kolonisten, bis sie sich vom Ertrag des Weinbaues würden ernähren können: möge Gott ihm seine Wohltaten belohnen! Indem wir dies hören, rufen wir aus tiefster Brust: ..Wie gross sind deine Werke. 0 Gott! Wie tief deine Gedanken! Du hast uns gezeigt, dass du auch in diesem verwaisten Geschlechte dein Volk und dein Erbteil nicht verlassen hast!“ Es ist nicht meine Absicht, in dieser Abhandlung über die Besiedelung Palästinas im allgemeinen zu sprechen, denn dann würden zu viel der Worte sein: und so will ich nur einige Worte über einen Teil sprechen, nämlich über die Vereinigung ״Lcmaan Zion", welche in! Jahre 1S8I gegründet wurde. Ich sagte, dass es nur ein Teil des Bcsicdelungsgedankens ist. weil das Hauptziel der Gründung nicht auf die Ansiedelungen gerichtet war. obgleich eine Ansiedlung ״Ram- Ich*' begründet wurde, besonders durch die Hilfe und Mühe der Vereinigung ״Lemaan Zion“, dies aber in Wahrheit nicht das Hauptziel der Vereinigung ist; s.» füllt diese Sache doch in den Kreis des Planes der Besiedelung Palästinas: denn das Streben und der Zweck der Begründung der Ansicdlungcn ist. dass sich cie Ansiedler von ihrer Hände Arbeit ernähren, una keine Unterstützung nötig haben sollen, wie die Chalukaempfänger: und dies ist ja auch das Ziel der Vereinigung ״Lcmaan Zion". Vor einiger! Jahren wurde, ja auch in der heiligen Stadt Jerusalem eine vortreffliche Vereinigung begründet, zu den! Zwecke, junge Leute zu unterstützen, die die Absicht haben, irgend ein Handwerk zu erlernen, das seine!! Mann ernährt und eine Stütze zu sein, und eine Hilfe 1'iir die Handelsleutc, damit sie aui eigenen Füssen stellen, und um diejenigen zu retten, die sich in dem Netze verstrickt hatten, und die bereits in grosser Gefahr waren, der Gemeinschaft für ewig verloren zu gehen. Solchen Männern war die Vereinigung verpflichtet. Hilfe zu bringen, denn ein Gefangener kann sieb nicht selbst aus dem Gefängnisse befreien, und ohne Hilfe der Vereinigung, wären sie in den Händen der Missionäre ge* blieben. Wir ireuen uns über diese Vereinigung und über die Wendung zum Guten im Leben unserer Brüder in der lieb ligen Stadt, deren Mehrzahl mir noch auf einen fremden Tisch hofften und aui die Spenden der Wohltäter: so geschah cs auch mit unserer Vereinigung ״Leinaan Zion“, welche begründet wurde, um dieselben Männer zu unterstützen, welche sich durch ihrer Hände Werk ernähren wollten, und Spende um! Unterstützung verabscheuten: und diesen wurden ungefähr Um! Werkstätten gegeben, unter der Bedingung, dass die Handvverker den Preis allmählich abzalilcn. und dass die Werkstatten bis zur Bezahlung der letzten Rate Eigentum der Vereinigung bleiben. Auel! haben wir Einzelnen verschiedene Summen auf Pfand geliehen, unter der Bedingung, dass sie ratenweise abzahlen.• Allerdings haben wir auch direkte Unterstützungen gegeben, die nicht zuriiekgezahlt zu werden brauchten, denn wegen der grossen Armut und der Not lind der Bedrückung, die in den heiligen Städten herrschen, ist es gar nicht anders möglich. Vor einen!!!alben Jahr konnten wir mit Gottes Hflic unter der Zustimmung der grossen .Männer unserer Zeit, diese beiden sich widerstreitenden Bestrebungen vereinigen, nämlich, dass die Leutc sich einerseits selbständig ernähren können, und gleichzeitig eine Unterstützung durch andere stattfindet. Wir entsandten aus Deutschland einen bcdeutenden Arzt iiir Kranke unter den Armen, um sie zu retten vor dem Arzte der Mission, der ihnen mit glatten Worten Heilung zu bringen sucht, und Tag und Nacht zu ihrer Verfügung steht, aber nur danach strebt, sie abtrünnig zu machen und ihre Seele ins Verderben zu bringen. Gott sei Dank ist uns dies gelungen, und wir streben fernerhin danach, eine Apotheke für die Armen zu begründen: und cs wird noch ein weiterer bedeutender Arzt aus Deutschland von Seiten der Amarkaüm und Pekidim in Amsterdam entsandt: und auch dieser Arzt wird die Armen unter unser!! kranken Brüdern behandeln. Auf diese Weise werden unsere Brüder davor bcwahrt bleiben, in das Netz zu fallen, das ihnen die Missionäre stellen die doch nur die versteckte Absicht haben, unsere Brüder von ihrem Glauben abtrünnig zu machen. Strümpfen und feinen Schuhen steckten. Ihren Hals zierten drei Reihen kleiner Perlen und in ihren Ohren steckten goldene Ohrringe mit Berloqucs von altmodischer Fagon, während zwei schwarze, von einem roten Bande zusanunengchaltene Zöpfe auf ihren Rücken niederfk-len. Die Enkeln! des Rabbiners mit ihrem leichtgeröteten Gesichtehen und den feurigen Äuglein war wunderbar schön. Der Rabbiner konnte während des ganzen Weges seine Blicke nicht abwenden von seinem teuren Schatz und vermocht dem dahin eilenden Mädchen kaum zu folgen. ״Etja, fliege doch nicht so wie ein Pfeil! Ich kann ja kaum nachkommen, und ich bin schon so alt und schwach.“ ״Reich mir die Hand, Grossväterchen, ich werde dich führen.“ ״Willst du mich tragen?“ ״Ach, w-ir’ ich doch schon so gross und kräftig! Wie wollte ich dich da auf die Arme nehmen und tragen!" Etja war noch verhältnismässig ruhig, bis die ersten Klänge der Musik zu ihr drangen. Ais sie aber diese ersten Töne hörte, riss sie ihre Hand aus der des Greises und lief, was sie konnte, ohne den Ermahnungen des Grcssvaters irgendwelche Beachtung zu schenken, und diesem blieb auch nichts anderes übrig, als hinter seiner Enkelin herzulaufen. An dem herrschaftlichen Gitterzaun angelangt, fasste er mit beiden Händen nach dem Gitter, um nicht vor Müdigkeit umzusinken. Er war völlig ausser Atem. ״Schämst du dich nicht, Esterchcn, mich so müde laufen zu lassen?“ ״Ach, geliebtes Grossväterchen, schweig doch fetzt und höre doch nur. wie süss sic spielen.ach. wie süss!“ Sic presste ihr Gesichtchcn gegen das Gitter und versenkte ihre Blicke in die glänzende Gesellschaft, die letzt auf den Balkon hinausgeströmt war. ״Mein Kindchen,“ sagte der Rabbi, seine Enkelin über den Kopf streichelnd, ״gehe nicht fort von liier, ich will nur zu der Gruppe von Juden dort hingehen. Wirst du nicht fortlaufen, mein Täubchen?“ ״Nicht einen Schritt, Grossväterchen, geh nur, geh, ich werde hier Zusehen und zuhören. Acli, wie ist doch alles hier so herrlich! Wie riecht es hier so schön!“ Esther flog mit ihren Blicken von einem Gegenstände zum anderen, von einem Gesichte zum anderen,