Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 246 JÜDISCHE RUNDSCHAU Stoff- und Pappenfabrik Wolf Spira 6c Co.-Lunz. Ob die osterreichischcn Juden diesen Schandfleck auf sich sitzen lassen wollen? OST. WO. Von den österreichischenReichratswahlen Die Zionisten. Über die Haltung der zionistischen Abgeordneten äusserte sich Abg. Stand: .,Die neugewähltcn zionistischen Abgeordneten werden dem Polenklub nicht beitreten und sich als selbständiger nationaliüdischcr Klub konstituieren. In allen sozialen Angelegenheiten wird der Klub mit den aufrichtig fortschrittlichen und demokratischen Parteien Zusammengehen und in allen derartigen Fragen mit dem sozialdemokratischen Klub stimmen. Die nationaljüdischeri Abgeordneten werden für eine Verringerung der Konsumsteuern. gegen die Bevorzugung* der agrarischen Interessen und für die zweijährige Dienstzeit eintreten. In der Frage des östcrrcichisch-ungarischen Ausgleichs wird der Klub gegen die Absperrung der ungarischen Grenze sein und sich für die Dünung der runüi-!lischcn Orenze cinsctzcn. Ich erkläre ausdrücklich, dass wir keine Feinde des polnischen Volkes sind. Wir betonen die nationale Sonderstellung der Juden, werden aber jede gerechte polnische Angelegenheit aufs wärmste;;nterstiitzen. Wenn die Abgeordneten der polnischen Volks- Partei einen besonderen Klub bilden und ausserhalb des Polenklubs verbleiben werden, wird unser Verhältnis zu diesen ein sehr nahes sein. Sowohl dem Polcnklub als dem Ruthcnenklub gegenüber werden wir uns vollkommen neutral verhalten. Natürlich werden wir die Hilfe der jüdischen Abgeordneten des Polenklubs, insoweit sie uns in unseren Bestrebungen ur'crstii'tzen wollen, nicht ablelmen. aber wir betrachten uns als die wahren Repräsentanten des jiidisclideniokratischen Elementes. und als solche wollen wir im Parlament auftreten.“ Die Parteien. In einer offiziellen Verlautbarung wird die Stärke der Parteien folgendcrmassen angegeben: 96 Cfiristlichsozialc (nach der Vereinigung mit den Deutsehkonservativen). 25 deutsche Volkspartei. 20 Deutschfortschrittlichc. 19 deutsche Agrarier. 12 Deutschradikale (Frcialldcutschc). 5 Alldeutsche. 50 tschechische Agrarier. 20 Jungtschechen. 16 Tschechischkatholische. 9 nationalsoziale Tschechen. 6 Alttschechen. 5 Tschechischradikale. 2 der tschechischen Fortschrittspartei. 69 Polen (13 Konservative. 13 Demokraten. 13 des polnischen Zentrums.!2 N’ationaldemokratcii. 2 Allpolen. 16 der poluischeu Volkspartci. 21 Jungruthcncn (Ukrainische Partei). 5 4ltruthenen. 3 radikale Ruthcncn. IS Slowenisclikonservative. 7 Slowenfschlibcralc. 9 konservative. 4 fortschrittliche und 2 christlichsoziale Italiener. II Kroaten. 2 Serben. *I Rumänen, 4 Zionisten. 87 Sozialdemokraten (50 Deutsche. 23 Tschechen. 6 Polen. 5 Italiener. 2 Ruthenen und 1 Rumäne) und 6 Parteilose. Mittlerweile haben sich die deutsche Volkspartei und die deutschen Agrarier zum deutschnationalen Verband fusioniert. Ausserdem ist ein sämtliche tschechische Parteien umfassender Tschechenklub in Bildung begriffen. Eine Adresse an Abg. Baron Hock. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hat an Abg. Baron H o c k eine Adresse gerichtet. Die Adresse spricht dem Baron Hock den Dank dafür aus. dass er durch seine!inertmldliche Tätigkeit der Regenerierung des fortschrittlichen Gedankens in Wien, der Hochburg des Klerikalismus erweckt hat. ״Die Grösse des vollbrachten Werkes", heisst cs. ..wird aber erst dann anschaulich, wenn man die Partei und ihre Hintermänner, gegen die der ungleiche Kampf begonnen ward, in Betracht zieht, lene zahlreiche, sich volkstümlich geberdende und gcschlosscsne Masse, deren Macht nicht sowohl int .Volke* als vielmehr im Pöbel und hauptsächlich in den mit den grössten Privilegien ausgcstaltetem Klassen wurzelt.'* Der Vcrcinsvorstand beglückwünscht Baron Hock zu seiner Wahl in den Reiehsrat und sich selbst. Zeitgenosse dieses Hrcignisscs zu sein, das endlich den klaren Willen der Bevölkerung kundgibt, sich das heiligste Gut. die freie Entwicklung des jugendlichen Geistes in den Schulen, nicht stehlen zu lassen. Die Juden in Ungarn F.in vor kurzem in Debrcczin erschienenes Buch, dessen Verfasser sich KoUmvan Ves/.premv nennt, enthält einige bemerkenswerte Angaben über die Bedeutung der Juden in Ungarn. Naelt den Darlegungen Vcszpremy’s gab es Im Jahre 1890 in ganz Europa *13-19 739 Juden, von denen 725 222. somit 16.7 v. H. in Ungarn lebten. Im Jahre 1850 belief sich die Zahl der Juden i!1 Ungarn auf 368 525. d. i. 2,79 v. H.. im Jahre 1900.bereits auf 826 222. d. i. 9.9*1 v. H. der Gesamtbevölkerung. Ungefähr ein Drittel der ungarischen Juden lebt In den verschiedenen Städten, die andern zwei Drittel leben unter der No. 24 Landbevölkerung, ln Pest allein wohnen 167 974 Juden, was 23.4 v. H. der Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt ausmacht, in den Mittel- und Hochschulen ist der Andrang der jüdischen Schüler ein viel grösserer, als dem prozentmässigen Verhältnisse des Judentums zur gesamten Bevölkerung entspricht. 4n den Handelsschulen sind 40 bis 50, ln den höheren Mädchenschulen 30 bis 40. in den Gewerbeschulen und Bürgerschulen 30. in den Gymnasien und Realschulen .22.74 v. H. der Schüler jüdischen Glaubens. Von den Hochschulen zählen die Vcterinärakadcmic 60. die medizinischen Fakultäten 47,8. die technische Hochschule 44.23. die Apotheker-Hochschule 31,93, die juristischen Fakultäten aber nur 27,72 v. H. Juden unter ihren Hörern, was dafür zeugt, eine welch grosse Rolle das Judentum gerade in der ungarischen Intelligenz spielt. Am meisten wenden sich die Juden der äiztlichcn und Advokatenlailihahn zu. Im Jahre 1906 waren von sämtlichen Advokaten 34,2, von sämtlichen Acrztcn 4S.2 und von sämtlichen Tierärzten 24,8 v. H. Juden. Dieses cVrhältnis ist im fortw'ährcnden Steigen begriffen; so wuchs z. B. die. Zahl der jüdischen Advokaten in der Zeit von 1890 bis 1900 von 918 auf I55\ d. i. um 68.6 v. H. an. während die Gesamtzahl der Advokaten in derselben Zeit bloss eine Erhöhung von 7.2 v. 11. aufweist. Geringer ist die Zahl der jüdischen Beamten, denn ihre Zahl der jüdischen Beamten, denn ihre Zahl beträgt unter den Staatsbeamten bloss 4,4. unter den Kmuitatsbeamtcn 2,2. unter den städtischen Beamten 4.5 und unter den Gemcindcnotarcu 3.2 v. H. Bezeichnend ist es, dass das Judentum auch in der i.niidw׳Iriseisaft eine immer grössere Rolle spielt. Unter eleu 3s36 (Irnssgrundbcsitzern (mit einem Besitz von mehr als 1000 Jfw*!1) ׳gibt es bereits!061. d. i. 27.6 v. H., unter de:; 23 1 s-4 Grundbesitzern mit einem Besitz von 100 bis 101)0 .loch aber 5922, d. i. 25.5 v. H. Juden. Dabei sind diejenigen, die jüdischer Abkunft sind, ihren ..Glauben“ jedoch verlassen haben, nicht einmal mitgezählt. Bemerkenswert ist auch, dass die Zahl der Juden hauptsächlich infolge der Einwanderung aus Galizien, von Jahr zu Jahr zunitumt. Das Buch verfolgt antisemitische Tendenzen. Aus der Romanei Aus dem‘ Deutschen Bureau der Alliance Israeütc Uuivcrseile erhalten wir folgende Mitteilung: Bucarcsl, 7. Juni. Am gestrigen Tage haben die vereinigten Senate des Kassationshofes In Bucarcst aus einem Einzelanlass durch Urteil festgcstcllt, dass die Im Lande geborenen Fremden oder die Söhne der Eltern, die In! Lande gehöre!! sind, aus Rumänien ausgewiesen werden können selbst wenn sic dem Militärdienst genügt haben. — Dieses Urteil bebt die gesamte frühere Judikatur auf. die sich auf ein Verdikt des zweiten Senats des Kassationsholcs gestützt hatte. In Zukunft kann in Rumänien Jeder Jude des Landes verw iesen werden, ohne dass l!!m das Recht der Beschwerde znstiindc. Die Liberalen in Rumänien, die jetzt mehr als jemals die u!11! m sehr ä!1 k t e Gewalt in Händen haben, sind grundsätzliche Antisemiten. Ihr Liberalismus gleicht einem andern Liberalismus darin aufs Genaueste dass er das ordentliche Gerichtsverfahren in liberalster Weise ausschliesst. Der Pogrom in Simferopol (Aus der Zeitung RETSCH vom 24. Mai (6. Juni) 1907). Vor den! Landgericht Simferopol wird jetzt der vorjährige Pogrom verhandelt. Zurzeit wird die Pogromepochc der ersten Periode der . politischen Freiheiten“ liquidiert und der künftige Gcschiohts- Schreiber w ird aus diesen Liuuidationsprozesscn das reichhaltigste Material zur Charakteristik der gegenwärtigen Rcgierung schöpfen. Es findet kaum ein Prozess statt, in dem iiieh! die ungeheuersten Tatsachen aus der Tätigkeit der Lokalbeliürde!! zutage treten. Der Simicropolcr Prozess verdient sicher einen der ersten Plätze in deren Reihe. Die Berich‘.: über ihn (erschienen in KRIMSKI WESTNIK) sind voll solcher Tatsachen, dass man sie nicht stillschweigend übergehen kann. Man kann in diesen! Pogrom nicht mehr von der ״Tatenlosigkeit“ oder der ״Begünstigung" der Behörden spreche•!'. Die direkte Anteilnahme der Polizei an der Plünderung, d i c Verübung mehrerer Morde persönlich d u r c h P o 1 i 7. c i u! a 11!1 s c h a f t e n ist durch eine ganze Re־ihc eidlicher Zeugenaussagen bewiesen. Und nicht nur , Sehutz*‘-Icutc haben an diesen Morden und Plünderungen tcilgeiiominen, auch die Polizei-Offiziere. Ucber zwei Pristaws (Polizei-Leutnants) sagen mehrere Zeugen aus. sie marschierten an der Spitze der Plünderer und zeigten ihnen die• Häuser, die demoliert werden sollten. Deren Gehilfen hieben, nach Aussagen anderer, auf die Bürger mit Säbeln ein. so dass die Huligäns sic nur noch ״zu Ende“ zu schlagen hatten.