Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 245 «egen Dr. Cohn beliebte, dann Ist das Bedenken gerechtfertigt. I ob solche Leute zur Rechtsprechung und zu einem geordneten! Gerichtsverfahren überhaupt geeignet sind. Wenn das am grünen Holz, geschieht was soll erst.am dürren werden! Die Mitglicdc der jüdischen Gemeinde Berlins haben also alle Veranlassung gegen ihren Vorstand Stellung zu nehmen; ihr Stillschweigen würde einer Verteidigung des geschilderten Unrechts glcichkommen und damit vor den Augen der Welt dartun. dass die Urteilsfähigkeit vom Temperament getrübt wird, was bei einem Richter, auch wenn cs ein freigcwiihlter ist. ausgeschlossen sein muss. Verband Deutscher Juden Berlin. Der Verband der Deutschen Juden hat nunmehr den Termin seiner zweiten Hauptversammlung auf Sonntag, den 13. Oktober 1907 festgesetzt: Sie findet in Frankfurt am Main statt und wird von den Abgesandten aller deutschen jüdischen Gemeinden und der grossen jüdischen Verbände, sowie von einer Reihe durch den Ausschuss des Verbandes auf Vorschlag der bestehenden Organisationen hernfener Einzelpersonen gebildet. folgende Vorträge sind angekiindigt: 1. Geheimrat Prof. Dr. Cohen. Marburg, über; ..Religiöse Postulate. 2. Professor Dr. Martin Philippsou. Berlin, über; ..Die Organisation der Judengenieinden". 3. Dr. Paul Nathan. Berlin, über; ,.Staatsinteresse und Judcnpolitik. 4. Rechtsanwalt Dr. Loch. Mainz, über: ״Die politische Stellung der Juden in den süddeutschen Staaten“. Pie erste Hauptversammlung des Verbandes fand unter lebhafter Teilnahme der allgemeinen Öffentlichkeit am 30. Oktober 1905 in Berlin statt. Es ist anzunehmen, dass die Zahl der Teilnehmer und die Bedeutung der Vorträge gegenüber der ersten Versammlung diesmal nicht zuriiekstehen wird. Der Vorstand besitzt im ganzen ständige Korrespondenten, welche bei Gelegenheit der Hauptversammlung zu einer ersten Konferenz zusammentreten werden. Juden in Württemberg Interessant ist eine Berechnung der Prozentsätze, mit welcher sieh die einzelnen Konfessionen au der Gesamtvolkszahl beteiligten. Dieselbe stellt sieh folgender dar: 1905 Katholiken . 695 SOS 30.22 % Protestanten . 1 582745 6S.76 7c Juden.. 12053 9.52 7c Andere Bekenntnisse und ohne Religion 11573 0,50 % 2303179 I0O.0G % Am 1. Dezember 1900 waren die Katholiken mit 29.97 7c an der Gesamtbevölkerung beteiligt. Die Prozcntziiicr. um welche die Zahl der Katholiken wächst, betrug daher im Jahrfünft 1900—1905 0.25 %. Dagegen ist die Prozentziffer der Protestanten gesunken: 1900 69,017 7• daher weniger um 0.257 7c; ebenso sanken die Prozentsätze bei den Juden (1900 : 0,54 7c) und den übrigen Bekenntnissen (0.52 7c). In der vor 100 Jahren noch ganz protestantischen Residcnzzstadt Stuttgart nehmen die Katholiken ebenfalls absolut und prozentual ab. Es gab daselbst 1900 unter 216 (!88 Einwohnern 31 943 14,70 7c. 1905 unter 240 286 Einwohnern 40 024 Katholiken — 16.08 7c. während selbstverständlich in Stuttgart die Zahl der Protcsantcn absolut wuchs (1900:!79 MS; 1905: 203 645). sank sic prozentual von 82.93 7c im Jahr 1900 aui 81,56 im Jahr 1905 herab. In der grössten katholischen Stadt Württembergs. in Gmünd, wuchs die Zahl der Katholiken ebenfalls absolut und prozentual. Es gab dort. 1900 unter 18 700 Ein- wohnern 12 712 Katholiken 67.99 7 und 58S9 Protestanten I -- 31.60 7( und 80 Juden 0.41 ''1905 :׳ unter 20 566 Einj wohnern 14 005 Katholiken 68.11 *>, 6469 Protestanten { 31.45 7c und 70 Juden 0.34 7t. Die Zahl der Juden nahm ah. Es ist das dieselbe Erscheinung im Kleinen, wie cs in ו Deutschland im Grossen der Fall ist. « Ein starkes Stück Zu den soeben erfolgten Wahlen hatten die österreichischen speziell die Wiener Industriellen einen enormen Wahliond gesammelt ־ man spricht von 2'•-־ Millionen Kronen teils weil einige Herren aus diesem vielvermügemlcn Kreise plötzlich das dringende Bedürfnis hatten, als Volksvertreter zu siegen oder zu fallen, teils um den verhassten Sozialdemokraten nach Kräften zu schaden. Zu letzterem Zwecke wurde vom Arbeitgeberverbande ihr Organ DIE ARBEIT als Wahlt'lughlatt herausgegeben und beschwor sämtliche im Reichsrat vertreteneu Königreiche und Länder, ja keinen Sozialdemokraten zu wählen, da sonst der Untergang unserer Erde, wenn nicht des ganzen Sonnensystems unabweislich wäre. Das verdenken wir den Herren nun einmal nicht. Was wir aber als eine höchst lächerliche Zumutung hinstellcn müssen, ist die Tatsache, dass im letzten Wahlflugbhtt anlässlich der letzten Stichwahlen die Juden aufgefordert wurden, den roten Bclzchub durch den schwarzen Teufel auszutreiben, dass man an sic folgendes Ansinnen stellt, wobei man eine phantastische Beschreibung der Sozialdemokratie zu Hilfe nimmt: ״Jüdische Wähler! Insbesondere an die jüdischen Wähler in Stadt und Land ergeht unser dringender Appell, sich nicht von Leidenschaften, und wenn auch noch so berechtigten konfessionellen .Verstimmuugci». nicht von Zorn und Acrger leiten zu lassen, sondern von dem bei der jüdischen Nation in so hohem Masse vorhandeneit starken Verstände. Es ist ein ungeheurer Irrtum, zu glauben, das Judentum fände in der Sozialdemokratie irgendwelchen Schutz für Zeiten der Gefahr und Not. Blicket nach Russland, v c r e h r t e W ä 111 e r jüdischen B e kenntnisses! Fraget die russischen Orthodoxen, ob irgendwelcher Unterschied besteht zwischen den Grausamkeiten. Schcussüchkeiten und Verbrechen, die an der Jiidenschaft seitens der russischen Regierung begangen wurden und den gleichen Bestialitäten. Mordbrcuncreien und Totschlägen seitens der russischen anarchistischen Sozialdemokratie. Kalten Blu0*s wurden Beamte Fabriksdirektoren. Kauflente usw, niedergestreckt. Fletschend und beutegierig stürzt sich die Horde auf deren Besitz, um zu plündern, zu sengen und zu morden. Und lehrt nicht die Geschichte in tausendfachen Zügen und Beispiele־״!, dass die Bestie, im Menschen einmal ent!acht, keinen Unterschied keimt und keine Grenzen beachtet? Glaubt man etwa, dass es. wenn die rote Internationale -- das Schicksal verhüte es ihr Ziel erreichte, die bürgerliche Gesellschaft gewalttätig in ein Chaos zu verwandeln, allcrwürts anders kommen würde, als es in Russland der Fall war? Wer waren die PiünJerer. Seliger. Mordbrenner in Wien, in Berlin, in Frankfurt, in Paris im Achtundvierziger Jahre? Wer waien die Mörder der französischen Geisse!!! im Jahre 1S70? Glaubt man, dass Leute, die wegen irgend eines geringfügigen Lohnzwistes, wegen einer Arbeitszeitverkürzung oder gar nur aus einem plötzlichen Machtbetätiguugsgcfühlc heraus die zur Ernährung einer grossen Stadt notwendigen *Brotlaibe mit Pctroleum übergiessen, die zur Versorgung eines grossen Gemeinwesens notwendige Milch durch Umstürzen der sie befördernden Wagen vernichten und harmlosen kleinen Bürgerstcuten beim Umzug in eine andere Wohnung das Mobiliar auf das Strasscnoflaster schleudern und es der Vernichtung atiheimgeben - glaubt man. dass solche Leute, wenn ihnen nicht Widerstand geleistet würde, oder wenn man ihnen Kon- Zessionen einräumt, wie dies heute allgemein der Fall ist. etwa vor der letzten Konsequenz dem Niederschlagen, dem Vernichten von Hab und Gut zurückschrecken würden? Mit nichtcn! Entfesselte Lcidcnschaicn. das Gefühl der sicheren Straflosigkeit und die Unfähigkeit der Bedrohten zum Widerstand, entlachen in allen Staaten den gleichen Wahnsinn und bringen die gleichen Gefahren und die gleichen Niederträchtigkeiten hervor. Es müssen deshalb insbesondere die jüdischen Wähler, die ganz ohne Grund meinen, in der Sozialdemokratie einen besonderen Schutz gegen etwaige Bedrängnis ihrer Nation zu finden, sich ermannen und gleich den anderen biirgerliehen Elementen anderer Religionsbekenntnisse einmütig für die bürgerlichen Kandidaten cinsctzcn." Als׳» die Juden sollen den notleidenden Grossindustriellen gegen die bösen Sozi zu Hilfe kommen und ihnen zuliebe Antisemiten wählen. Wir finden hier die Namen von etwa 4ü der bekanntesten Rasscnantiscmitcn empfohlen, wie Prochaska. Zuleger, Franz Prade. Rafael Pacher. Dr. Jäger. Dr. Ed. v. Strauskv. Dr. Kindcrmaun. Kletzenbauer. Hugo Albrecht. Dr. Sommer. Karl Türk. Diese ..einmütig, mit Eifer, ja mit Begeisterung" zu wählen, werden auch die sehr geehrten fettgedruckt und dringend gebeten ..bei ihrem starken Verstände". Bis hierher war die Sache erst lächerlich, jetzt nl>er wird sic empörend. Unter dem Aufruf nämlich, der für die Stichwahlen fast lauter Rasscnantisc m i ( e 11 empfiehlt, sind nämlich sehr viele Jüdische Industrielle unterschrieben. Solche Juden sind des Antisemitismus wahrhaitig wert. Der christliche Industrielle Krupp ist nicht unterschrieben, dagegen u. a.: Spiegclialmk Isuk Hloch-HartuumU/.. Moritz Deutsch Söhne und Popper. Rosshaarspinncrei. Brünn. Holzstoff-Fabrik Simon Felix-Wigstadtl. Scidenwcibcrci Herzield und Fischl-Wicn. Hoiliciera.itcn M. Joss u. Löwenstein- Prag. Bammtcriielimung Kubicek-Karlsbad. A. Passawer-Percival Direktor der Ommbti.s-Gesellscliait-Wieii Korkwarenfabrik Peelier-Wicn. Kammgarnspinnerei J. Scliniiotrer-ZwoJaii. Metallwarenfabrik M. Stransky-Smichow, Weberei S. Taussig u. Söhne-Hlinsko, Metallwarenfabrik Herrn. Weiss-Wien, Holz-