Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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% f JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 244 Dörfern lebende Jüdische Bevölkerung zahlte im Jahre 1904 9126, 1905 schon 11422 Seelen, 1904 waren 59 000 Hektat, 1905 schon 80 000 Hektar ׳mit Körnerfrüchten und Lein bestellt, der Viehbestand betrug 1904 88000 Stück. 1905 schon 109000 Stück: auch im letzten Jahr war die Entwicklung eine recht erfreuliche, Jedoch fehlen mir die genauen Zahlen. Unrichtig ist, dass dieselbe Organisation, die jetzt Ländereien in Australien sucht, vor fünf Jahren ihr Augenmerk auf das Ugandagebiet in Afrika lenkte. Letzteres Gebiet wurde nicht der ״Jewish Territorial Organisation“, sondern der ״zionistisehen Organisation“ angeboten. die als ihr Endziel seit ihrer Begründung vor zehn Jahren stets nur die Erlangung einer ^öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ ins Auge gefasst hat. Es handelte sich in Uganda um ein ausserordentlich hoch (3000 Meter ü'. M.) gelegenes, steppenhaftes und vorläufig nur für halbnounadische Viehzucht in Betracht kommendes abgelegenes Gebiet, das nach genauer Erforschung durch koloniale Sachverständige als für jüdische Kolonisation völlig ungeeignet fallen gelassen wurde. Hingegen macht die Kolcmisation in Palästina durch Juden, wie auch der Jahresbericht der Deutschen Palästinabank sowie der kürzlich erschienene englische Konsularbericht erwähnten, bedeutende Fortschritte. Die jüdische Bevölkerung der grösseren Städte wie Jerusalem. Jafta. Haina wächst derart, dass fortgesetzt neue Stadtviertel gebaut werden müssen, der städtische Bodenpreis enorm! steigt und es sogar an Batihandwerkem gebricht. Neue Industrien entstehen und mehrere grosse Fabriken sind von russischen Flüchtlingen errichtet worden. Die jüdisehen ländlichen Kolonien, die teilweise noch unter einer lokalen Weinkrisis leiden, haben sich neuerdings mit grosser I Energie auf Orangen- und Mandeikultur geworfen. Allein ein Dorf Pcthach-Tikwah. nahe Jaffa, hat in diesem Jahre 75 000 Kisten Orangen exportiert und wird in einigen Jahren, .wenn erst die jetzt im Wachsen begriffenen 5—600 Hekt. Pilanzungcn zum Ertrag gelangt sein werden, eine halbe Million Kisten im Werte von zwei bis drei Millionen Mark exportieren, also mehr als ietzt das ganze Gebiet von Jaffa: in dieser Kolonie hat sich der Wert des Bodens in den letzten Jahren auf das Zehnfache gehoben, und das Dorf, das auch schon einen Mandclwald von 700 Hekt. besitzt, erhält schon jetzt einen fast städtischen Charakter. In geringerem Masse setzt diese Entwicklung auch in den übrigen 24 jüdischen Dorfsiedelungen Palästinas ein. wenngleich ihre schlechtere Verbindung mit den Häfen ein derart schnelles Aufblühen nicht zulässt. Jedenfalls kann es nicht mehr dem geringsten Zweifel unterliegen, dass au«,’! die palästinische jüdische Kolonisation eine grosse Zukunft hat. trotz der enormen Hindernisse, welche ihr durch die schlechte türkische Verwaltung bereitet werden. Ich selbst habe aus dem Werdegang einiger jüdischer Dörfer in Kleinasien. welche Ich Im Jahre 1900 mit rumänischen Flüchtlingen aus dem Handwerker- und Kleinhändlcrstande begründete, ersehen, dass es gar nicht schwer ist. mit einem so intelligenten und arbeitsammen Material voranzukommen: selbst die Leistungen dieser Neubauern im Pflügen und Heumähen waren erheblich bessere als die der umliegenden türkischen Dörfer. Auch deutsche Landwirte.welche die Kolonien besuchten, sowie Times-Korrespondent hahen nicht verhehlt, mir gegenüber ihr Erstaunen über den schnellen Aufschwung dieser Dörfer auszudrücken. wenngleich derselbe sich natürlich weyen der hohen Steuern und der Indolenz der Regierung stets in massigen Grenzen halten wird. Es unterliegt für mich also auch gar keinem Zweifel, dass die australische Kolonisation, wenn tatsächlich Männer wie Lord Rothschild sic mit grossen Geldmitteln ausstatten und die nötige Geduld haben werden, reüssieren wird. Ein andere Frage ist die. ob bei den vielen glänzenden Auspizien Australiens die Ansiedler bei der schwlcrigen Landbearbeitung bleiben werden, oder ob sic sich nicht vielmehr, sobald sie etwas Geld in Händen haben, zum Teil wenigstens, dem Bergbau und der städtischen Industrie zuwenden werden. In der asiatischen Türkei, wo die Industrie so darniederliegt ist das nicht zu fürchten. In Argentinien aber verlässt jährlich ein gewisser Teil der Ansiedler die Kolonien, freilich hauptsächlich aus dem entfernten Gebiete von Entre-Rios. wo die Landwirtschaft infolge Heuschrecken.- Dürren und schwieriger Transport Verhältnisse in den meisten Jahren kein einträgliches Geschäft ist. Wie cs in Australien sein wird, lässt sich im voraus schwer übersehen, es wird meines Erachtens von der relativen Schnelligkeit des Auf- Schwunges von Landwirtschaft und Industrie abhäugen. Wie dem auch sei. oh sich ein autonomer Kanton daraus entwickeln wird oder nicht, für Australien und die gedrückten russischen Juden kann nur etwas Erspriesslichcs aus der jüdischen Kolonisation entstehen, und auch der deutsche Handel könnte davon profitieren, wenn er sieh in der ersten Zeit wo die Ko!־misten noch ihren deutsch-jüdischen Dialekt sprechen und noch nicht englisch verstellen werden, darum ernstlich bemühen wird, deutsche Industrieprodukte in das Koloniaigcbict einzufiihrcn. Berlin. 6. Juni 1907. Prof. Dr. O. \V a r b u r g. -■===— Rundschau —י—• - י 1..- - ד:__ Aus dem Gebiet liberaler Gerechtigkeit Berlin. DIE GROSSE GLOCKE bringt einen Artikel, den wir im Auszug andcutcn: Rabbi Cohn. Aus israelitischen Kreisen wird uns geschrieben:. Seit Wochen beschäftigt ein Vorgang die Onentlichkeit. der auch an dieser Stelle Würdigung finden soll. Dazu liegt umsomehr Anlass vor. als sich unseren nicht gerade verwöhnten Blicken das immer wieder beschämende Schauspiel geboten hat. dass einzelne Zeitungen heute für und morgen gegen den Rabbi Cohn gesell riehen haben, der auf diese Weise aus der stillen Studierstube des Gelehrten auf den lauten Kampfplatz der Parteien gezerrt worden ist und dessen Charakterbild nun ..von der Parteien Gunst und Hass verwirrt" in der Geschichte schwankt. Wir werden die Angelegenheit streng sachlich erörtern und die in- Betracht kommenden Persönlichkeiten aus unseren Erwägungen aussclieidcu. aber aufrollcn müssen auch wir diese Frage: denn das. was die meisten ..grossen“ Zeitungen in ..liberalster" Weise geflissentlich totschweigcn. ist meist dringendster Beachtung wert. Was ist uns Rabbi Cohn ־-- was ist uns der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde? ־ Heknba! — Das getretene Recht ist cs. das uns auf den Kampfplatz ruft! Der Vorgang, um den es sich handelt, ist kurz iolgendcr: ....Wir klagen den Vorstand ausserdem an Kabincttsjustiz geübt zu haben; denn von drei EntlassungsgriYndcn durften zwei gar nicht in Betracht geezogen werden. Der erste um deswillen nicht, weil Her! Dr. Colin Religionslehrer war. ehe er Berliner Rabbiner und damit dem Vorstand verantwortlich wurde: der zweite, weil cs die vornehmste Pflicht jedes zu einem Richteramt Bcrufenen ist. niemals mit zweierlei Mass zu messen. Der Vorstand hat einem Rabbiner eine Gedächtnisrede auf Hcrzl gcstattet und durfte deshalb einen anderen Rabbiner nicht wegen der gleichen Tat entlassen. Der Vorstand hat also mit zweierlei Mass gemessen. Dies alles vorausgeschickt, das so dringender Aufklärung bedarf, rücken wir nun die Frage in den Vordergrund, auf die es bei dem ganzen Vorfall in erster Reihe ankonmit: Darf ein Geistlicher nur die Ansichten der ihm vorgesetzten Verwaltung zum Ausdruck bringen, hat er tatsächlich nur ein Amt und keine Meinung, oder hat auch ein Geistlicher das Recht, auf dem gefesteten Boden einer bestimmten Uber- Zeugung zu stehen, die ihn mit dem Dogma selbst nicht in Zwiespalt bringt? Wer die Ansicht vertritt, ein Geistlicher darf nur Meinungen aussprcchen. welche den Auffassungen seiner ..Vorgesetzten“ entsprechen der muss der Frage die Antwort finden, was geschehen soll, wenn, wie das in der Sclbstvcrwaltung häufig vorkoinmt. die alte Verwaltung nicht wieder gewählt und durch eine neue andere Richtung ersetzt wird. Muss dann der Geistliche die Ansicht des alten oder die Ansicht des neuen Vorstandes vertreten? Diese Frage ist von weittragender Bedeutung, so lange wir nicht auch in der Selbstverwaltung mit Bcamtcndvnasticn zu rechnen haben! Herr Dr. Colin kommt für die Öffentlichkeit kaum in Betracht; sein Schicksal aber kann uns nicht gleichgültig sein. Schuldig oder unschuldig - vergewaltigt darf niemand werden! Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins hat in erhöhtem Masse die Pflicht, dort, wo er die Macht hat. diese Grundsätze zur Geltung zu bringen! Judas Söhne klagc.1 oft in bewegtesten Worten darüber, dass die Gleichheit vor dem Gesetz ihnen nur auf dem Papier zugebilligt sei. während man ihnen in Wirklichkeit viele Berufsklasscn usw. verschlossen halte. So sagen die Anhänger der vollen Cilcichbcrcchtigung z. B. cs könnten die Juden, auch wenn sic noch so sehr befähigt seien, in höhere Richterstcllen nur schwer oder gar nicht aufrücken. Wir stehen nicht auf dem Stand- Punkt, dass jemand seiner Religion wegen Zurücksetzungen erfahren soll: aber der Fall Colin zwingt uns den Gedanken auf: die Berliner jüdische Gemeinde hat ln ihren Vorstand zweifellos die Besten Ihres Stammes gewühlt und wenn diese Besten nun ein Gerichtsverfahren (ür richtig finden, wie das