Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-06-14 · Heft 24 (14.6.1907) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651524--04751-2661739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 240 JÜDISCHE RUNDSCHAU setzenden (leiste antisemitischer Bestrebungen frei zu hatten gewusst hat. Solche Vorgänge gehen uns das Vertrauen zu unseren Mitbürgern wieder; sie lehren uns. dass wir uns nicht durch antisemitische Angriffe und Krünkungen verbittern lassen dürfen. Von unseren Rechten und gerechten Forderungen nicht abzulassen und dabei unsere Pflichten treu zu erfüllen, muss vielmehr allezeit unsere Losung sein. Deutschtum und Judentum! Diesen Standpunkt teilt mit uns die iibergrossc Mehrheit der deutsehen Judenheit und wohl au s n a 11 m s 1 0 s die jüdische Lehrerschaft. Darum legen wir auch ganz entschieden P r 01 e s t dagegen ein. wenn ein junger, nunmehr seines Amtes entsetzter r e d i g e r der Berliner Gemeinde b c ־. h a u p t e t hat. es sei ihm nicht möglich, die Kinder im jüdischen R c I i g i o n s u n t e r ־ rieht in d e u t s c 11 - n a t i o u a l e tn Sinne zu erziehen, das sei die Aufgabe des Geschichtsunterrichts. Wir betrachten es vielmehr als religiöse Pflicht, unsere Kinder in gleicher Weise zu guten Juden und zu guten Deutschen zu erziehen. Wir betrachten die Pflege vaterländischer Ges'tinung als eine der Hauptaufgaben unseres Religionsunterrichtes und befinden uns dabei im vollen Linvernehmen mit den Worten die dei grosse Prophet Jcremia einst an unsere Väter gerichtet hat. Und nicht nur, weil cs unsere religiöse Pflicht ist. wollen wir unsere Kinder in vaterländischem Sinne erziehen, sondern auch, weil es unserem Herzensbedürfnis entspricht. Weil wir dieses unser Vaterland lieben mit allen Fasern unseres Herzens. weJ eine tausendjährige Geschichte und ein tausendjähriges Kulturleben uns mit ihm vebindet. Und so wollen wir wie alljährlich unsere Beratungen beginnen mit dem Gelöbnis nuwandelbarer Treue gegen Kaiser und Reich; wir wollen sic beginnen mit einem Hoch auf den machtvollen kaiserlichen Schirmherr!! des Reiches und auf seinen erlauchten Bundesfürsten.“ Die Versammlung, welche die Worte wiederholt mit lebhaften! Beifall begleitete, stimmte sodann begeistert in das Hoch auf den Kaiser und auf den Grossherzog von Sachsen- Weimar ein.‘*‘ Dr. Emil Cohn ist — so hoch wir seinen ehrlichen Mut schätzen — kein Löwe, noch — wir freuen uns dessen — tot, wozu also dieser Fusstritt? Was hat die Leserversammlung in Eisenach mit dem Falle Cohn zu schaffen, wenn sie nicht etwa, wie es wohl bcgrciilich wäre, auf die tieftraurigen Zustände hiuweisen wollte, in denen die Beamten der jüdischen Gemeinden sogar in Berlin leben. Wir hätten es ihnen nachgenihlt. wc.tn sie dagegen sich aiifgebäumt hätten, dass ein nichtsach verständiger Vorstand so oft dem sachverständigen Rabbiner oder dem sachkundigen Lehrer ins Amt hineinredet, wo es am allerwenigsten angebracht ist. Mmt weiss ja, dass es genügt, dass ein Lehrer oder Vorbeter alt wird, um ihm zu kündige.», damit die reiche Gemeinde nicht in die Lage komme, den alten Mann etwa pensionieren zu müssen. Man weiss ja, was alles ein No. 24 indischer Lehrer von Vorständen zu dulden hat, die leider iniolge der Gewöhnung ganz vergessen haben, dass eine Aufsichtsbehörde überhaupt existiert. Statt dessen hat Herr Meyer Steinhardt ein Hochlied auf das Deutschtum gesungen. Denn er ist nicht genügend iu niehtjüdischen Kreisen versiert, um zu wissen, dass dort der Patriotismus deshalb nicht höher bemessen wird, weil nian laut Hurrah zu schreien imstände ist. Herr Meyer Steinhardt suppeditiert vaterländische Gesinnung als das, was Herr Dr. Cohn als nicht seines Amtes zurüekgewiesen habe. Nein, der!Mann mit dem für alle Deutschen unaussprechlichen Namen in Charlottcuburg hatte ausdrücklich von der Pilegc eines einzigen Stamnicstums gesprochen. eine> S 1 וחגe tu ns in t d:m Siin Mime in ebensoewigen Widerspruch steht, wie das Staimnestum des Herrn Steinhardt, das darum deutsehvatcrländische Gesinnung nicht ausschlicssen sollte. Unser jüdisches Stammestum, das ganz entsprechend der herrlichen Rede unseres Kaisers im Stüudchaus in Posen damit in vollem Einklang steht, dass wir vor allen Dingen gute Pretissen sind, könnten wir nur durch zielbewusste Tauf- und M i sc 11 eh e n po I i ti k attilösen, wie sie ja von der zielbewussten ״Reform“, also dem vorbildlichen jiidisehen Liberalismus.getrieben wird. Dazu führt freilich der Liberalismus und die Gleichgiltigkeit gegen alles jüdische, wie sic in Gemeinden wie Magdeburg an der Tagesordnung ist. Diese Gleichgiltigkeit steht im engsten Zusammenhange mit der Meinung, dass der jüdische Religionsunterricht nicht bloss jüdische Religion sondern erst einmal deutschnationalc Gesinnung pflegen soll. Im christlichen Religionsunterricht wird nur Christliehe Religion unterrichtet. In der angeblichen Pilcge deutschnationaler Gesinnung ist ihm also der jüdische über. Wenn Herr Steinhardt sich bewusst geblieben wäre, dass d e u t sc 11 national nichts weiter heisst als d 2׳ u t s c h stammestümlieh — in deutsclistamniestümlichem Sinne bedauern wir die stetige Anwendung dieses Fremd- Wortes, das wie alle unverstandenen Fremdwörter nur zu Missverständnissen verleitet —, so hätte er es keineswegs in einen Gegensatz zu deutsch vaterländisch gesetzt und hätte nicht die. vaterländische (Fremdwort: ״patriotisch“) Gesinnung für sich in Erb Pacht genommen. Eine vaterländische Gesinnung wie die seinige, die sich niemals über die Begriife von Stammestüm und Vaterland Rechenschaft abgegeben Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. Drittes Kapitel. (Fortsetzung.) ״Was wiehert ihr da, Spötter,“ schnarchte Wirginski, mit seinen gläsernen Blicken umherirrend. ״Ich war wohl gar cingenickt? Langeweile.Sitz’ da, wie der Hahn auf einem Zaun .... wie sollte man da nicht eirmicken? Lasst uns trinken . . . oder erst uns durch Reiten zerstreuen und dann Trinken!“ ״Willst du, Pan Wirginski, auf meinem ״Konrad“ reiten?“ fragte Potocki. ״Was ist das für ein Konrad?" ״Mein neuer Renner.“ ״Her, her mit ihm, . . . aber gibt es dann auch was zu trinken?“ ״Wenn du es fertig bringst, das Pferd auch nur zu besteigen, so bekommst du ein ganzes Fass Ungar. Parole d’honneur.“ ״Hahaha, wird schon gehen. Pan Potocki, lass inzwischen das Fass hereinrollen. Her mit dem Pferd!" Potocki winkte Climielnicki heran und gaj) ihm seine Befehle. Der Stallmeister eilte auf den Hinterhof. Es verging eine gute halbe Stunde, bevor Chmielnicki zurückkehrte. ״Nun?“ fragte Potocki leise. ״Fertig. Wird gleich hergebracht? Doch wo ist der Doktor?“ ״Wozu den Doktor? Don Pedro!“ rief Potocki den Arzt heran. ״Beim Satteln hat Konrad dem einen Knecht die Kinnlade, dem anderen die Rippen zerschlagen,“ meldete Chmielinski. ״Feue/, aber kein Pferd,“ rief Potocki entzückt. ״Man muss bei ihm anders, geschicktere Knechte an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.