Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651523--04733-2661720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
י א uft״- ״ן N0. 23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 233 wollen aber gerne konstatieren, dass cs weder uns noch den andern geschadet. Es würde zu weit führen, hier den bedeutenden Umschwung zu schildern, der durch das Wirken der Zionisten, hauptsächlich aber durch unsere Parteipresse, in den Köpfen und teilweise auch in den Gesinnungen, der uns noch heute fernstehenden Kreise herbeigeführt wurde. Der jüdische Kulturforscher künftiger Zeiten wird da viel Interessantes vorfinden. Die Person unseres grossen Führers verlieh der WELT in den ersten Jahren ihren Charakter. Die moralischen Erfolge des Blattes stehen in der jüdischen Journalistik wohl einzig da. Nach kaum vierteljährigem Bestände hatte die WELT auf dem ganzen Erdball Leser, in allen Ländern Mitarbeiter und Korrespondenten. Ein erhebendes Gefühl beschleicht uns heute noch, wenn wir uns jener Jugendzeit unserer Bewegung erinnern, wo wir zum ersten Male Gelegenheit hatten, Berichte aus fernen Ländern in der WELT zu lesen, wo wir Zeugen der ungeheuren Begeisterung waren die das Wort des Meisters und seiner Mitstreiter in den Herzen unserer Brüder allüberall ei weckt hatte. Der ״cingcschtummcrtc Gedanke“ war in der Tat aufgewacht, in einer Weise, die auch den Aufwcckcr ergriff. Die Vorbereitungen und Berichte über den, nur kurze Zeit nach der Gründung der WELT stattfindenden I. Basler Kongress nahmen selbstverständlich einen breiten Raum im Blatte ein und auch die folgenden, jedes Jahr wiederkchreuden drei Kongresse standen im Mittelpunkte der Diskussion im Zentralorgane. In den ersten zwei Jahren hat Herz! an der Leitung des Blattes selbst den grössten Anteil genommen. Aber die mit dem Wachstum der Bewegung sich häufende zumeist aut seinen Schultern lastende Arbeit zwang ihn. sich von der aktiven Mitarbeit am Blatte immer mehr zurückzuzichen. Auch die andern ersten Mitarbeiter der WELT haben nach und nach den Platz der inzwischen herangewachsenen jungen Generation zionistischer Schriftsteller und Künstler geräumt. Es wurde schon öfter mit Befriedigung darauf hingewiesen, dass unsere zionistische Bewegung mit ihrer Fülle von Erschciimngen und Erlebnissen unter andern eine Reihe junger Talente auf den verschiedensten Gebieten der Literatur und Kunst, wenn nicht hervordoch zur Geltung gebracht hat. Die meisten dieser jungen Schriftsteller haben in der WELT ihre ersten Sporen verdient. Und das Blatt seihst schuldet ihnen gewiss viel Dank. Der frische lebendige Ton, die ideale Begeisterung, die von Freunden und Gegnern an der WELT stets hervorgehoben wurden, verdankt unser Zentralorgan nicht zum geringen Teile unseren jungen Talenten. Wenn nun auch Theodor Herz! sich aktiv nur wenig an der WELT später mehr beteiligen konnte, so stand sie doch bei seinen Lebzeiten stets unter seiner Aufsicht. Und so wie er mit seiner Erkenntnis darauf bedacht war, sein unsterblichstes Werk, den Kongress, in seiner vollen Würde zu erhalten, so gross war seine Fürsorge für die WELT. Mit dem Wachstum unserer Bewegung wuchs die Bedeutmig und der Einfluss ihres Zcntralorgancs. Dass aber c i n wöchentlich erscheinendes Blatt für die Bedürfnisse einer Bewegung, wie die unscrige nicht ausreicht, ist klar. Es entstanden naturgemäss Landcsparteihlättcr, die sich in erfreulicher Anzahl vermehren. Die Landcsparteihlättcr waren nicht allein für die Bewgung eine unbedingte Notwendigkeit, sondern für . die WELT eine ganz wesentliche Erleichterung. Denn schon in den erstevr Jahren hatte das Zentralorgan unter der Kalamität der sich mehrenden Berichte und Korrespondenzen zu leiden, für die der enge Rahmen des Blattes nicht ausreichte. Die WELT kann heute, abgesehen von ihrer Eigenschaft als offizielles Organ der Leitung, nichts anderes sein, als ein nur in sehr grossen Zügen gehaltenes Spiegelbild der Q e s a m t b e w e g 11 n g. Ich möchte hier auch einige Worte über die jüdische, nichtzionistische Presse sagen. Vor zehn Jahren war dieselbe, soweit sie überhaupt bestand, ganz unbedeutend. Ihr. Horizont erstreckte sich nicht über die so ״wichtigen‘ Kafiaifragen. Als nun die WELT und andere zionistische Blätter auftauchten und mit dem ״Frieden!11 der Gemeinde'* auch deren Zeitungsgolusblüten aufgcschrcckt wurden, musste die jüdische Presse nolens volens zur Bewegung und ihren Organen Steilung nehmen. Es ist bezeichnend für den Geist der damaligen und zum Teile auch noch heutigen jüdischen Presse, dass sie in der WELT nichts anderes, als ein geschäftliches Konkurrenzunternehmen erblickte. Nun, ein Konkurrenzunternehmen war allerdings die WELT für die jüdische Presse, aber lediglich ein moralisches. Sic vertrat die Anschauung, dass es noch wichtigeres fürs Judentum gebe, als Kahalfragen. Bis auf die übliche Totschweigctaktik. die sich unsere verschämten jüdisehen Blätter bisher noch nicht abgewöhnt haben, ist es doch gelungen, sic in den letzten Jahren soweit zu bringen, dass sic sich hier und da etwas ״cehtjüdischcr“ geberden, als es sonst der Fall war. Die ersten sieben Jahre, die die WELT unter Hcrzls Leitung oder Aufsicht stand, standen auch bei ihr im Zeichen des Wachstums. Jeder Leser, jeder Zionist fühlte, dass hinter der Blatte, sowie hinter unserer ganzen Bewegung die überragende Gestalt unseres Führers stand. Die WELT wurde ein Hauptbestandteil unserer Organisation, das sichtbare Band der auf der ganzen Erde zerstreuten zionistischen Parteigenossen. Mit Sehnsucht erwartete jeder Leser allwöchentlich sein Blatt, das in vielen Fällen eine weite Strecke zuriickzulege» hat, bis cs an seinen Bestimmungsort anlangt. Manches Erhebende, mitunter sehr Wichtige, immer aber Interessantes hatte die WELT zu berichten. Da kam aber ein Tag, wo nicht das gelbe Heft, sondern nur ein loses schwarzumrahmtes Blatt hinausflattertc in die weite Welt und die tieitraurige Nachricht brachte, dass ihr Schöpfer, der Schöpfer unserer grossen Bewegung vom unerbittlichen Tode ereilt sei. Es war für die Leser, es war für uns, denen die langjährige Bescliäitigung beim Blatte so lieb geworden war, der schmerzlicliste Tag. Es folgten Tage voll dumpfer, schwerer Trauer. So schwer trugen wir unter dem furchtbaren Schlage, der uns betroffen, dass wir in unserem Schmerze keinen Trost darin finden konnten, wie ein ganzes Volk sich unserer Trauer anschloss. Die sogenannten ״Trauernummern“ der WELT bieten ein ziemlich umfassendes Bild, der ungeheuren Wirkung, die der Tod dieses Grossen im Judentum hervorgerufen hat. Bei den Erschütterungen, die unsere Bewegung in den letzten drei Jahren, hauptsächlich durch den Tod unseres grossen Führers erfuhr, hatte die WELT eine schwere Aufgabe und ruhig darf gesagt werden, dass sie sic erfüllt hat. Alles, was zur Klärung, zum Frieden und zur weiteren Entwicklung der Organisation sich als notwendig erwies, hat seinen Ausdruck in der WELT geiunden. die unentwegt, als Zcntralorgan der Bewegung, jede Meinung in ihren?palten zum Worte liess. Der Zeitpunkt, an dem der zehnjährige Gründungstag der WELT gefeiert wird, ist kein unwichtiger. Unwillkürlich richten sich unsere Blicke nach dem Haag, wo in einigen Wochen der VIII. Kongress zusammentreten wird, um die Richtlinien für die Arbeit der nächsten Jahre festzustellcn. Soweit sich heute die Stimmung erkennen lässt, die in der zionistischen Welt herrscht, glauben wir, dass die Delegierten mit mehr Zuversicht diesmal nach dem Haag reisen weiden, als sie vor zwei Jahren nach Basel fuhren. Indem wir nun nochmals einen Blick zu rück werfen auf die vergangenen zehn Jahre, die uns neben vielen schmerzliehen eine Fülle von Schönem und Erhebendem gebracht haben, wollen wir mit freudiger Genugtuung uns des so schönen Anlasses freuen, dass unser Zentralorgan nach zehn- יד־ «1^ייר^ויד-^ד" I