Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 231 No. 23_' JÜDISCHE RUNDSCHAU In allen Winkeln und Ecken, allen Treppen, Gängen und Balustraden bis tief in die Nebensälc hinein stand und sass eine mehrtausendköpfige Menge, die in höchster Spannung der zweiten öffentlichen Erörterung des Falles •Cohn entgegensah. Draussen mussten Hunderte und Aberhunderte umkehren, da der Saal alsbald polizeilich gesperrt wurde. Von gegnerischer Seite war offenbar geplant worden, die Protestkundgebung der Massen, koste es was es wolle, zu vereiteln. Oewerbsmassigc Skandalmachcr hatten sich in den Ecken des Saales postiert mit der offen ausgesprochenen Absicht, die Versandung mit aller Gewalt zu sprengen. Ihi wüstes Toben nach der Eröffnung hatte aber nur den Erfolg, dass sich der allgemeine Unwille der Erschienenen gegen sk richtete, sodass sie ihre lächerliche Ohnmacht alsbald einsahen und es vorzogen, zu weniger unparlamcntarisphen Mitteln der Opposition zu greifen, und einen Herrn Dr2 a d i g vorschickten, der eine Rede gegen Dr. Cohn hielt. Er blieb der einzige Gegner Cohns, der in der Versammlung auftrat. Dass sonst niemand aus der mehrtausendköpfigen Menge — abgesehen von den vielen, besonders zu der Versammlung Geladenen — sich auf die Seite der Gemeindeverwaltung zu schlagen wagte, konnte auf die Versammlung nicht ohne Eindruck bleiben. Bei der zweiten ״Rede“ des Dr. Zadig kam es denn auch zu direkten Wutausbrüchen gegen ihn, und es wurde offenbar, dass die Erregung in der Gemeinde über die Entlassung Dr. Cohns kein künstlich geschürtes Strohfeuer ist, sondern eine ehrliche Empörung gegen das Vorgehen dieser Behörde, ein Vorgehen, das geeignet ist, die vielversprechende Entwicklung eines jüdischen Mannes zu vernichten. Die Versammlung wurde von dem Einberufcr, Herrn Dr. Isaak Zwirn eröffnet, der seinem Bedauern darüber Ausdruck gab, dass diese zweite Protestversammlung überhaupt noch nötig geworden sei. Hierauf nahm Herr Rechtsanwalt Glücksmann das Wort, um über• den Verlauf und jetzigen Stand der Angelegenheit Cohn zu referieren. Er wies insbesondere die Unhaltbarkeit des gegen Dr. Cohn angewen- ן deten Verfahrens!vom juristischen Standpunkt aus nach und! legte dar, dass sich die Gemeindevertretung bei der Suspcnj sion Dr. Cohns über die für Rabbiner als Religionsbcamte j geltenden• disziplinarrechtlichen Vorschriften einfach hinweggesetzt haben, ganz abgesehen davon, dass die eigens eingesetzte Untersuchungskommission cs nicht für nötig befunden hat, den Hauptbelastungszeugen, Herrn Dr. Pczygode, überhaupt zu hören. Damit kam der Referent auf die materielle Seite der Angclegenheit, und kam auch hier an der Hand der von beiden Seiten erfolgten Veröffentlichungen zu einer vernichtende« Verurteilung des von den Gemeindebehörden eingenommenen Standpunkts. Besonders lebhaften Protest legte der Redner gegen die Unterstellung des Syndikus Lilienthal ein, als oh von seiten Dr. Cohns der STAATSBÜROERZEITUNO Material zu ihren Veröffentlichungen geliefert worden sei. Er erklärte zum Schluss, dass ein neues ordentliches Verfahren in der Angelegenheit von der Oemeindevertretung eingeleitet werden müsse, wenn sie dem Verdachte der Parteilichkeit und der Rechtsbeugung entgehen wolle. Als erster Diskussionsredner trat Herr Dr. Zadig auf, und machte, nachdem er sich zunächst ohne erkennbare Veranlassung als Gegner des Zionismus vorgestellt hatte, den Versuch, das Vorgehen der Gemeindebehörden gegen Cohn zu rechtfertigen. Von wiederholtem, stürmischen Wieder- Spruch unterbrochen, führte er aus, wenn es von der Gemeinde vielleicht falsch gewesen sei, Cohn überhaupt anzustellen, so sei es von Cohn unverzeihlich gewesen, dass er sich — mit seinen Anschauungen — als Rabbiner habe anstellen lassen.. Tat er es aber, so meinte der Redner, so musste er auch die Ansicht vertreten, die Ihm von oben dlktlert wurde, denn dann sei er ein bezahlter Beamter, etwa wie ein Zeitungsschreiber, und nichts weiter. Der Redner verfiel dann in heftige persönliche Ausfälle gegen Dr. Cohn und seine Freunde, nannte das Verhalten Cohns wiederholt schulbubennrässig und warf seinen Anhängern Verdrehungen vor. Er musste schliesslich unter unaufhörlichen Schlussrufen seine Rede beenden, nachdem bereits ein betrüchtlicher Teil der Zuhörerschaft aufgehört hatte, 'seine Ausführungen ernst zu nehmen. Wir wünschen Herrn Dr. Cohn recht viele solcher Gegner. Nach Dr. Zadig nahm Herr Direktor Lichtenstein das Wort, um in einer wirkungsvollen Rede seinen Standpunkt in dieser Angelegenheit darzulegen. Wenn er sich aucfi nicht Wort für Wort mit den Ausführungen Cohns einverstanden erklären könne, begann er, so habe er sich dennoch unbedenklich auf seine Seite gestellt, und stellen müssen, da es sich hier darum handele, einem Unterdrückten beizustehen und einer guten Sache zum Siege zu verhelfen. Was ihn empört habe, sei die Art der Behandlung dieser Aegelegenheit durch die Gemeindevertretung. Herr Lichtenstein ging dann auch nochmals auf die sachliehe Seite des Falles ein und verteidigte Cohns Verhalten, indem er mit treffendem Spott und köstlicher Vetiorc die Angstnieierci der Gemeindebehörden und ihre Kriecherei vor dem ״Herrn Gymnasialdirektor‘* geisselte. Nach den glänzenden, mit sehr grossem Beifall aut'eenomtnenen Ausführungen des Herrn Lichtenstein sprach Herr Profssor Dr. S t e i n i t z von der Technischen Hochschule in Charlottenburg. Auch ihn, der sich nach seiner Erklärung bisher im allgemeinen weniger um die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde gekümmert hatte, hat die Persönlichkeit Zimmer seines Beichtkindes verblüfft, gedemütigt; in seinem Herzen loderte ein Hass und unbezähmbare Rachsucht gegen seinen unschuldigen Todfeind, Don Pedro. Kurz nach der beschriebenen Szene erkrankte, der \ Pater an . einer heftigen Lungenentzündung. Lange j blieb er standhaft und verweigerte die angebotene Hilfeleistung des Ketzers; als aber die Krankheit ihren Höhe- Punkt erreicht hatte, unterwarf er sich der Hand^pon Pedros. Der edle Arzt, dem die Gesinnungen des Paters gegen sedne Person wohl bekannt waren, setzte dennoch all sein Wissen und Können ein, verbrachte ganze Nächte am Lager des Kranken und rettete ihn. Und seit der Zeit stellte der Pater seine Verfolgungen j gegen Don Pedro ein — nicht aus Dankbarkeit, sondern! aus Aberglauben; er war nämlich fest überzeugt, dass j der spanische Zauberer diese Krankheit über ihn geschickt habe, und dass er auch imstande sei, den; Tod über ihn zu verhängen. Und seit dieser Zeit traten 1 zwischen dem Pater und Don Pedro wenigstens äusserlieh friedliche Beziehungen ein, zur grossen Freude Pan Potockis. — Kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Don Pedro ging zu Panna Oda, die ihn gerufen. Der Spanier war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, von hoher, cbenmässiger Statur, brünett, m»r einem langen schwarzen Bart und einer Stirn, die in ihrer Höhe und Breite fast bis zur Abnormität entwickelt war, mit einer Adlernase und tiefen, ausdrucksvollen Augan. Bekleidet war er nach spanischer Art, mit einem schwarzsammetnen Halbkaftan, ebensolchen fest anliegenden Beinkleidern und schwarzen Stiefeletten. Seine stattliche Haltung, sein majestätischer Gang v3rliehefi seiner edlen, sympathischen Gestalt und feinen Erscheinung einen noch höheren .Adel. Sein ganzes Aeussere war derartig, dass es ein Weib von Sinnen zu bringen imstande war. Aber Don Pedro benahm sich so kühl und unzugänglich gegen die Frauen, war