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Jüdische Rundschau · 1907-06-07 · Heft 23 (7.6.1907) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 230 3 Ü DIS CHI! RUNDSCHAU No. 23 nur auf .Worte beziehen, berichtigt er zu viel. Wenn man | ihm glauben will, so saßen alle anderen die Unwahrheit, alle anderen verdrehen und entstellen die Tatsachen zu seinen Ungunsten. nur er allein ist objektiv, nur er bleibt bei der Wahrheit. Wer aber seine beiden Schriften liest, wird, auch wenn er von der Veröffentlichung der Jüdischen Qemeinde und der Erklärung des Herrn Dr. Przygode ganz absieht, von der Zu-! verlässigkeit der Angaben des Herrn Dr. Cohn durchaus nicht j überzeugt sein können. Von einem Manne, der imstande ist. eine so hasserfüllte Schrift der Oeffcntlichkcit zu übergeben, wie cs namentlich die zweite Broschüre des Herrn Dr. Cohn ist. kann man nicht die Ueberzeugung haben, dass er die Ruhe und Selbstbeherrschung besitzt, welche die Voraus- Setzung eines ungetrübten Wahrnehmungsvermögens sind. Und kann man einen jungen Menschen von 25 oder 26 Jahren vollständig ernst nehmen, der ciium Manne von SO Jahren gegenüber, den seine Glaubensgenossen au ihre Spitze gestellt haben, sich auf seine makellose Vergangenheit beruft? Herr Dr. Colin sollte doch endlich cinschcn. dass die Art. wie er seine Sache führt, weder ihm noch seinen Glaubensgenossen förderlich sein kann. ״Nach meiner Ueberzeugung muss jeder Jude sich zunächst als Angehöriger des auscrwählten Volkes Gottes und dann erst als De.utscher fühlen'*. Dass er so denkt und dass er sich so geäussert hat. hat Herr Dr. Colin nicht bestritten. Er gesteht auch zu. dass er jeden Juden, der anders spricht, als jemanden hingestellt hat. der, wenn er sich nicht in Selbsttäuschung bcfindet, seinen Standpunkt mit Bewusstsein vertuscht. Er hat den Antisemitismus für eine natürliche Reaktion gegen diese seine eigenen Anschauungen erklärt, eine Reaktion, die er wohl begreife. Wenn inan das Wohlgeiallen hinzuninnnt. mit der die antisemitische Presse die Acusserungen des Herrn Dr. Colin und die Auslassungen seiner Verteidiger auimmnit, so muss man staunen, dass Herr Dr. Cohn immer noch yerlangt, dass sich die Oeffentlichkeit mit ihm bescnüftige. Man sollte meinen, dass es weit mehr seinen Wünschen entsprechen müsste, so bald wie möglich vergessen zu werden. Dr. Cohn hat genau das Gegenteil gesagt.. Er hat den Antisemitismus als Reaktion gegen den jüdischen Liberalismus begriiien, aber nicht als Reaktion gegen seine Anschauungen, die ja jünger sind, als der durch das 'Assimilationsjudentum provozierte Antisemitismus. Aber wie kommt das Abwehrblatt dazu, sich in eine innere Angelegenheit, der jüdischen Gemeinde zu mengen. So viel wir wissen, sind seine in Lohn und Brot des Liberalismus stehenden Redakteure keine Angehörigen der ״mosaischen Konfession“, und wir verbitten uns ernstlich jede Einmischung in unsere eigenen Angelegenheiten. Es möge ihnen genügen, dass wir die Art, wie sie von uns ungebeten dauernd das Judentum angeblich verteidigen, als eine Herab- Setzung unserer Ehre ansehen müssen. Es ist höchste Zeit, dass eine Abwehr dieser Art einsetzt und dass endlich die Quellen verstopft werden, aus denen diese dauernden versteckten Angriffe auf den Bestand des jüdischen Stammestums flicssen. In der gleichen Nummer der MITTEILUNGEN kämpft ein Rabbiner Dr. Goldschmidt in Offcnbach in langatmigen Auseinandersetzungen gegen Dr. Cohn und gegen ein Phantom, das er sich und seinen Lesern vom Zionismus zurecht macht. Wer Dr. Goldscluyidt ist, wissen alle diejenigen, die seinen Uebcrgang aus dem orthodoxen Lager in das reformerische im Gedächtnis haben, der üusserlich in' der Form erfolgte, dass er an einer Orgelsynagoge Anstellung fand. Sie werden es ebenso gut wie er selbst verstehe*!!, warum wir des naturalisierten Juden deutschnationale Argumente, mit Stillschweigen übergehen. Es handelt sich hier nicht um Gegensätze von deutschem und jüdischem Stanmiestum, sondern darum, dass der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde mit einem Rabbiner so umgegangen ist, dass uns jede Gemeinde nur leid tun kann, deren Rabbiner es fertig bringt, für diesen Berliner Gemeindevorstand eine Lanze zu brechen. Herr Rabbiner üoldsdnnidt, der in einen! Atemzuge den Zionismus als Fanatismus und Phrase und Phantom bekämpft und zugleich ״die Idee einer rechtlich gesicherten ״jüdischen Staatsgemeinschaft" in ״Palästina“, wo die Juden ״Herren“ und nicht ״Gäste“ wären!“, zum mindesten iiir wünschenswert erklärt, möge erst einmal genau ergründen, was Zionismus ist. und was Dr. Colui vertreten hat, iitiel dann möge er sich überlegen, ob er wirklich, wie er vermeint, den Standpunkt der Wissenschaft vertritt. Aber diejenigen, die für die MITTEILUNGEN aus den! Abwelirverein die Verantwortung tragen, warnen wir aufs dringendste, dem Blättchen weiter die. Möglichkeit zu geben, fälschlicherweise politisch libcraL* Gesinnung mit den Angriffen auf den Bestand des Judentums gleichzusetzen. Sie würden sonst den Schaden zu tragen haben, wenn aus den fortgesetzten Missgriffen des Abwehrblättchens eine Abwehr der ״Abwehr“ vom Standpunkt der Ehre des Judentums erwächst. Eljäqim. Eine jüdische Versammlung Am Donnerstag, dem 30. Mai, fand im grossen Saale der Brauerei Königstadt die zweite Protestversanmilung gegen die Amtsentsetzung des Berliner Rabbiners Dr. Emil Cohn statt. Sie gestaltete sieh in ihrem Verlaufe zu einer der imp־״ sar.testen jüdischen Massenkundgebungen der neueren Zeit. Schon eine Stunde vor Eröffnung der Versammlung war der geräumige Saal — einer der grössten Berlins — gedrängt voll. Spinnen und Fliegen Roman von Bag r off. Aus d. Russ. übersetzt. Drittes Kapitel. (Fortsetzung.) ״Sein Bild wurde in Madrid auf einem Scheiterhäufen verbrannt.“ ,,Umso besser! Da ist er ja wohl schon genug gestraft.“ ״Mein Sohn! Am Ende ist er gar ein Schwarzkünstler, ein Zauberer! Der ganze Hof sieht es ja, was er während der Nächte treibt.“ ״Das glaube ich zum Teil fast selbst; allfcin eine Schwarzkunst, die Menschen vom Tode errettet, kann nicht Gott zuwider sein. Und nicht e i n mal hat diese Kunst mir, meinem Sohne, meinen Dienern das Leben gerettet. Das ist meine Meinung, Pater Benediktus.“ ,,Erlauchter Pan Potocki!“ sagte Pater Benediktus, seinen Kopf frech zurückwerfend, ״vergessen Sie nicht, dass der Schutz, den Sie einem Ketzer, einem Feinde unseres heiligen Glaubens, einem zum Tode verurteilten Marannen, einem Bundesgenossen des Teufels, angedeilicn lassen, i!1 der katholischen Welt einiges Murren verursachen, den Nachfolger St. Petri zu Massregeln veranlassen könnte . . .“ ,,Pater Benediktus,“ antwortete Pan Potocki stolz. ״Ein polnischer Magnat, der ehrenwerte Pan Potocki, lacht über Ihre Drohungen. Und wenn der Herrgott selbst hernnterkäme und von mir meinen geliebten Pedro forderte — ich würde selbst ihm sagen: nein." ״Mein Sohn, Sie lästern.“ ״Mein Vater! Ich zünde ein Dutzend meiner besten Dörfer an, ich lasse Ihnen zu jedem Frühstück hundert Bauern schmoren, ich will alle orthodoxen Kirchen demolieren lassen, wenn Sie es wünschen, — aber meinen Spanier liefere ich nicht aus. Das mein letztes Wort, und ich bitte, in Zukunft nicht mehr auf dieses Thema zurückzukommen.“ -• Ja, auch die Pans konnten gelegentlich liberal und human handeln! .... Pater Benediktus verKess das

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