Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Jahrgang Zur Abwehr Der Berliner üemeindevorstand hat einen Rabbiiur in liberaler Weise behandelt und hat sich damit griindlieli in die Nesseln gesetzt Lr hat denn auch sich veranlasst gesehen, sich zu entschuldigen und hat auf Kosten der Steuerzahler eine Broschüre drucken und in Massen nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutsch-!and versandt. Man muss es der Geschicklichkeit des Syndikus Lilienthal zugestehen: er hat mit juristischer Findigkeit, die ihn den ersten Anwälten ebenbürtig zur Seite stellt, die ungerechte Sache verhältnismässig unschuldig hingestellt. Immerhin hat er nicht vernioclit, die Empörung einzudämmen, die sich immer gewaltiger in den Reihen der ganzen Berlinischen Bevölkcrung und wohlgemerkt nicht nur der jüdischen gegen ihn regt und täglich wächst. Der Vorstand hat aber nicht bloss ungerecht, sondern auch sehr unklug gehandelt. Er nennt sich liberal und hat allen liberalen Anschauungen mit liberaler Souveränität ins Gesicht geschlagen. Er ist genau wie seine vorbildliche Reformgenossenschaft kosmopolitisch bis auf die Knochen und gibt sich deutschnational. Er will Mut zeigen gegenüber seinem in Lohn und Brot befindlichen angestellten Rabbiner und beweist erst einmal die ganze Summe seiner Mutlosigkeit gegenüber einem Manne, der die Pflege nur eines Stammcstums für notwendig erachtet und hierzu ein Stammest!!!״ aussucht, mit dem schon die unaussprechliche Form seines Namens in unaussprechliehen! Gegensatz stellt. Wo so viele politische Fehler begangen werden, da können die MITTEILUNGEN AUS DEM VEREIN ZUR ABWEHR DES ANTISEMITISMUS nicht schweigen, und sie erheben mit Recht einen Au- Spruch, sich an diesen Missgriffen, auf die sie sonst allein ein Privileg haben, zu beteiligen. Seit anderthalb Jahren haben sich die schon lange sehr schlechten MITTEILUNGEN bedeutend verschlechtert, und die von ihnen Verteidigten sehen stets mit Bangen 1md Zagen den neuen Nummern entgegen, von denen sie furchten müssen, dass ihnen dort möglichst schlechte Dienste geleistet werden. In ehrlicher Beteiligung au den Missgriffen des jüdischen Gemeindevorstandes, dessen Lorbeeren die Redaktion nicht ruhen lassen, hat sie ausser einem eigenen Artikel den famosen Aufsatz des Predigers Dr. Silberstein gebracht, von dem wir nicht wüssten, I wann er Rabbiner geworden wäre, von dem wir aber voraussetzen dürfen, dass seine Kandidatur für die Nachfolge Dr. Cohns vom Vorstande ernst genominell wurde. Diese! Artikel, der den Vorzug hat, unkollegial zu sein, wie man es mehr nicht verlangen kann, ist schlecht genug, um der Redaktion der MIT-׳ TEILUNGEN zu geiallen, und sie hat ihn sclbstverstündlich abgedruckt. Aber in ihren eigenen Bemerkungen haben die MITTEILUNGEN sogar noch den Herrn Emil Silberstein übertrumpft, obwohl wir die Möglichkeit für ausgeschlossen gehalten hätten, und haben Unwahrheiten über Dr. Cohn in Kurs gesetzt. Auf Grund des Pressgesetzes hat Dr. Cohn diese un- .vahren Tatsachen berichtigt und die MITTEILUNGEN mussten in den säuern Apiel beissen und diese Berichtigung abdrucken. Es ist aber recht bezeichnend für die Art der MITTEILUNGEN, dass sie in verklausulierten und vorsichtigen Worten sich die —- — Freiheit nehmen, die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit Dr. Cohns anzuzweifeln, Diese Art der Polemik ist unwürdig, aber recht charakteristisch. Mit welcher Genialität die MITTEILUNGEN zu entstellen vermögen, ist die unver-antwortliche Weise, wie sic, Dr. Cohns Ansicht über den Antisemitismus verdrehen und verfälschen: ״Diese ״Berichtig™;׳■‘ des Herrn Dr. Emil Cohn ist nicht geeignet, an unserer Beurteilung der Angelegenheit das Geringste zu ändern. Herr Dr. Cohn berichtigt dem Sinne nach nichts, er streitet vielmehr uin Worte. Wir vermögen gerado nach dem ganzen Zusamenhang, in dem die Aeusserung getan ist. einen wesentlichen Unterschied zwischen ״Lügen“ und «Vertusche 11'* des Standpunkts nicht zu erkennen, ln Bezug auf seine Verteidigung versteift sich Herr Dr. Cohn darauf, dass ihn nicht alle Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentantcnvcrsamnilung gehört und gesehen haben. Das Wesentliche ist doch, dass ihm das rechtliche Gehör ausgiebig gewährt wonden ist. dass er nach seiner eigenen Darstellung jederzeit Gelegenheit gehabt hat. seine Verteidigung mündlich und schriftlich zu führen. Und ob er die zu seiner Vertcidigung eingerclchte Schrift ״Vertekligungsscchriit" oder eine ״wissenschaftliche Abhandlung“ nennt, ist in der Sache ebenso gleichgültig wie das Wort, mit dem man die Entfernung des Herrn Dr. Cohn vom Ealkrealgymnasiuni und seine Ersetzung durch einen anderen Lehrer bezeichnet. Und was berichtigt Herr Dr. Cohn bezüglich seiner Aeusserung über die STAATS- BÜRGERZEITUNG? Fehlt ihm denn jede Empfindung dafür, welchen Eindruck auch die «berichtigte“ Aeusserung machen muss, eine solche Aeusserung aus dem Munde eines iiidischcn Predigers gegenüber dem Vertreter der jüdischen Gemeinde, mit der in Fehde lebt? lin übrigen können wir die Berichtigungen des Herrn Dr. Cohn nicht ■allzuhoch einschätzen. Abgesehen davon; dass seine Berichtigungen, wie wir gezeigt haben, sich meist ״*.*?׳ ׳wr ייי*־יי*ויי»<