Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651522--04715-2661701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 224 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 22 nicht allein lästig sind, sondern auch zu infizierten Wunden, Lymphgefässentzündungen und Furunkeln Anlass geben. Auf dem Insularklima Rügens wird über Mücken weniger geklagt, aber dort würde die Beschaffung des Koscherfleischcs unmöglich sein. Der zweite Missstand ist in allen Seebädern anzutreffen und besteht darin, dass die Qäste sich sofort nach der Ankunft, ohne überhaupt den Arzt zu fragen, Ins kalte Seebad stürzen. Nun hat schon Virchow gefunden, dass die Körpertemperatur durch das kalte Seebad bedeutend, tiämlieh im Durchschnitt um 1ג/י Grad, herabgesetzt wird. Schon daraus erklärt sich die ungünstige Einwirkung dieses Heil* iaktors auf Kranke mit Nierenleiden, Herzklappenfehler, Ar* teriosclerosc. Es ist also vor der Benutzung der kalten Seebäder eine gründliche ärztliche Untersuchung nötig, während das warme Seebad überhaupt keinen Schaden anrichtcn kann. Es unterliegt keinem Zweifel, dass wir mit den einfachen Mitteln der Seeluft, die vielleicht durch Ozongehalt wirksam ist, und des wannen Seebades bedeutende Erfolge erzielen, wozu noch an der Ostseekiistc die Einatmung der Waldluft hinzukommt. Ein wichtiger Heilfaktor darf dabei nicht vergessen werden, das ist die psychische Einwirkung, die Anblick und Rauschen des Meeres ausüben. Wenn wir vom Besuch solcher Erholungsheime an der Sec Bleichsüchtige, Nierenkranke, Hcrzklappenfehler ausschliesscn, so geschieht cs in der Erwägung, dass hier besondere Kurbäder, Insbesondere Eisen- und kohlensaurc Bäder, oft völlige Heilung. Jedenfalls, bessere Genesung herbeiführen. Mit den bisher aufgezählten Arten der Erholung können wir schon sehr weiten Anzeigen entsprechen. Den Abschluss bilden die schon berührten, nicht minder notwendigen Heime in Kurbädern. Der gesehäftsifthrende Ausschuss der jüdischen Frauenvereine soll hier als Vermittler auftreten und vor allem mit geeigneten Kurbäderdirektoren eine Vereinbarung bezüglich Ermässigung der Bäderpreise bezw. Bädertaxe trenen, wenn ein Bedürfnis für viele Minderbemittelte vorliegt. Im übrigen denke ich aber hier nicht an eine Verbilligung, sondern es soll vor allem Gelegenheit zu geselligem Zusanimenwohnen und gemeinsamen Kuren gegeben werden. Gemeinsames Leid verbindet gern, und soll die Juden unter einander erst recht verbinden. Nun wäre auch auf die Nützlichkeit einer besonderen Lungenheil־ richtiger -heimstätte hinzuweisen. Da die Lungentuberkulöse die verbreitetste aller Krankheiten ist und auch in den Krankenkassen zahlreiche Juden versichert sind, so zweifle ich nicht, dass zwecks prophylactischen Heilverfahrens mit der Aufnahme dieser Juden in eine iüdische Heimstätte Krankenkassen und Landesversicherungsanstalten einverstanden sein werden; auch hier dürfte es sich empfehlen, lieber ein bestehendes Gebäude käuflich zu erwerben, als mit grossen Kosten selbst zu erbauen. Aber nicht einige Wochen, sondern Monate und Jahre werden die Pfleglinge in solchem Heim behalten werden müssen, wenn die Heilung vollkommener und häufiger die Gefahr der Rückfälligkeit vermieden werden soll. Ferner sei noch auf die Ermöglichung von Winterkuren hingewiesen, indem ebenfalls an den vorhandenen Winter- Stationen ein Logis genommen wird. Da es sich hier grössten Teüs um vermögende Patienten handelt, die ohne Beruf sind oder leicht vom Beruf abkömmlich sind, so dürfte die Veranstaltung von Winterheimen finanzielle Erträge bringen, welche für die übrigen Arten der Erholung nutzbringend verwendet werden können Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass überall, wo erholungsbedürftige iüdische Mädeben und Frauen in Gruppen sich zusammenfinden, dass da auch die Gelegenheit wahrzunehmen ist, Uber die Ernährungslehre und Nahrungsmittel, über den natürlichen Wert der Fleisch- und Pilanzeiuiahrung, Unterricht zu halten oder Gedanken auszutauschen. Hier will ich nicht weiter auf den Nutzen hygienischer Kochkunst eingehen. aber sie ist ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit und besonders für uns Juden. Dies ist ln grossen Zügen das Programm, welches ich aas ärztlichen und .Jüdischsozialen Rücksichten unseren Frauen zur Ausführung empfehlen möchte. Es soll ein Wohliahrtskein Wohltätigkcitsprogramm sein; denn es befürwortet die Aufnahme unabhängig vom Vermögen, welches nur Voranlassung zu einem höheren Mitgliedsbeitrage werden muss. So wird das Programm unseren Wohlhabenden ebenso wohl als dem jüdischen Mittelstand und selbstverständlich auch den Unbemittelten zurecht kommen. Der einzige Rechercheur, der in Frage Homnit, sollen mein Vorstandsmitglieder oder ehren* amtlich tätige Damen, sondern nur der Hausarzt und das Gutachten des behandelnden Arztes sein. Dem Gesunden soll das kostbarste Gut, seine Gesundheit, erhalten bleiben, der Kranke andererseits in die Lage versetzt werden, rechtzeitig für seine Heilung oder einen höheren Grad der Berufstätigkeit mit Hilfe dieser Veranstaltungen alles zu tun. Und selbstver* stündlich soll kein Unterschied hinlichtlich der Aufnahme gc• macht werden, wenn es sich um Juden aus Deutschland oder irgend einem anderen Staate handelt. Es hat sich ja leider gezeigt, wie gering der Einfluss der westeuropäischen Jude.1* schaft auf die politische Not unserer Brüder im Osten zu erachten ist. Um so lieber werden wir ihnen zur Heilung unJ Linderung ihrer körperlichen Not hilfreiche Hand bieten. Noch harren andere und grössere sozialhygicnische Aufgaben des Judentums ihrer Lösung; doch mit diesem Anfange werden die jüdischen Frauenvereine sich der Traditionell der jüdischen Frau würdig zeigen, die im Stillen Gutes wirkt; sic werden sich die Anerkennung unserer Gemeinden und den Dank aller derer erwerben, welche die körperliche Gesund erhaltung unserer Stammesgenossen als eine dringende Auigäbe der Gegenwart betrachten. Auf diesem Gebiete werden wir uns meiner Ucberzcugung־ nach alle zusammenfindcn müssen, mögen wir in religiöser und politischer Hinsicht noch so verschiedene Anschauungen haben — und noch kommt die Inangriffnahme dieser Arbeit nicht zu spät. Jedoch die Basis eines erfolgreichen Wirkens kann nur eine weitverbreitete, einige umt zielbewusste Organisation 8bgeben. Ich habe diese schon als fertig angenommen, ich sprach von einem zentralen Ausschuss des Bundes der jüdi sehen Frauenvereine. Tatsächlich existiert diese Einrichtung noch nicht. Aber so weit ich unterrichtet bin, besteht ein Anfang in der Zusammenfassung im Jüdischen, Frauenbund, zu welchem zahlreiche spezielle Wohltütigkeitsvercine zusammengefasst sind. Nun, meine ich, sollen die therapeutischen Bestrebungen* der Frauenvereine, die Linderung und Beseitigung von Not und Elend wie bisher gepflegt werden, aber indem nach dem geschilderten Plane die Prophylaxe, die Verhütung von Erkrankung und.Arbeitsunfähigkeit auf genossenschaftlicher Basis eingezogen wird, dürften zahlreiche neue Mitglieder beitreten, die bisherig© Wirksamkeit erweitert und vertieft werden. Für unentbehrlich und den Zusammenschluss fördernd halte ich eine Monatschrift als Organ der Jüdischen Frauenvereine und zugleich der jüdischsozialen Praris. Diese Publikationsstelle dürfte die Diskussion über die vielseitigen bisherigen Bestrebungen und die neuen prophylactischen Massnahmen in die Wege leiten und so zur Propaganda dienen. Reichsratsvjahlen In Galizien und der Bukowina Während sich in ganz Österreich die Wahlen diesmal in vollster Ruhe und Ordnung vollzogen, gab es im Osten des Reiches wieder ״galizische Wahlen". Mit diesem Ausdruck bezeichnet man in Österreich solche Wahlen, bei denen eine freie Meinungsäusserung durch den Stimmzettel so gut wie ausgeschlossen ist. Erpressung. Stimmenkauf. Drohungen. Versprechungen, Behinderung der Wähler usw. sind dort an der Tagesordnung. Zustände, wie sie bei uns wohl undenkbar wären.